Elektrosawod am Ende

von Wladislaw Hedeler

Um den Erhalt des am 4. November 1928 gegründeten und am 8. November offiziell eröffneten Moskauer Elektrokombinats wurde in der Hauptstadt der Russischen Föderation lange, aber – wie sich nun herausstellt – vergeblich gerungen. Die für die Industrialisierung des Landes einst bedeutsame, im neugotischen Stil errichtete „Festung des Sozialismus“ wird ungeachtet der Proteste von Künstlern und Anwohnern dem Erdboden gleichgemacht. 100 Jahre nach der Einweihung werden nur noch die nach dem Werk benannte Metrostation „Elektrosawodskaja“, die Brücke über das Flüsschen Jausa und eine Straße an das Industriegelände erinnern, das im Zuge des ersten sowjetischen Fünfjahresplans an Bedeutung gewonnen hatte. „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, lautete Lenins Losung, die der internationalen Belegschaft – 1931 arbeiteten hier 12.000 Männer und Frauen, 1933 waren es bereits 24.000 – als Leitmotiv und Richtschnur bei der Realisierung des GOELRO-Planes zur landesweiten Elektrifizierung diente.

Für die in Westeuropa geworbenen Facharbeiter standen Werkswohnungen zur Verfügung, es gab ein Kulturhaus und eine deutschsprachige Beilage der Betriebszeitung, denn 80 Prozent der Geworbenen kamen aus Deutschland. 1928 arbeiteten nachweislich 139 Deutsche und Österreicher im Elektrosawod, 1932 über 180 Ausländer. Sie waren dem Ruf „Proletarier aus dem Westen – auf die Baustellen des Sozialismus in der UdSSR!“ gefolgt. 1937 arbeiteten nur noch knapp 30 Ausländer im Werk. Ihre Kollegen waren ausgereist, dem Großen Terror zum Opfer gefallen oder hatten die sowjetische Staatsbürgerschaft angenommen.

Der Moskauer Historiker Sergej Wladimirowitsch Shurawljow hat in seinem 2003 im Christoph Links Verlag erschienen Buch „Ich bitte um Arbeit in der Sowjetunion“ die Schicksale deutscher Facharbeiter geschildert, die ihre bei der AEG, bei Osram oder Siemens gesammelten Erfahrungen beim Aufbau der Glühlampenproduktion in der jungen Sowjetunion einbringen wollten. Neben dem Elektroapparatewerk, der Transformatorenproduktion, dem Röhrenbau und der Kraftfahrzeugelektrik prägte sie das Produktionsprofil.

In den 1990er Jahren ging die Produktion zurück, Fachkräfte wanderten ab, die Modernisierung ließ auf sich warten. In den Folgejahren gelang es nicht, die „Festung des Sozialismus“ zu einer „Festung des russländischen Kapitalismus“ umzugestalten. In den historischen Hallen richtete sich ein vielbesuchtes Kulturzentrum mit Fotostudios, Künstlerwerkstätten, Probe- und Veranstaltungsräumen und einer Kunstgalerie ein.  2001, bei meinem letzten Besuch, war der Verfall jedoch bereits unübersehbar.

„In den vergangenen fünf Jahren gab es verschiedene Entwicklungsprojekte für dieses Gelände. Es wird davon ausgegangen, dass hier mehrgeschossige Wohnkomplexe und Businesscenter entstehen sollen. Bis Juni 2026 war die Rede davon, dass die historischen Fabrikgebäude erhalten und behutsam in die neue architektonische Landschaft integriert werden“, berichtete Ljubawa Winokurowa in der Moskauer Deutschen Zeitung.

Ein Großbrand im Februar 2025 läutete das Ende der Erfolgsgeschichte des im Juli 2025 aus der Liste der Kulturdenkmale gestrichenen Kombinats ein, im Juni 2026 beschloss die Moskauer Administration den Abriss. Der ursprünglich unter Einbeziehung historischer Gebäude geplante Umbau – unter Erhalt historischer Bausubstanz sollten Wohnungen, kulturelle Einrichtungen, ein Industriepark und Büros entstehen – wurde unter Hinweis auf die zu hohen Kosten ad acta gelegt.