Unsere einzige Hoffnung ist die Liebe. Mehr Liebe, oder nichts. Denn lieben, das können die Kreuzspinnen nicht. Sie können nur hassen, Bücher verbrennen und Dichter umbringen.“ Dazu später mehr.
Der das zu Miss Detroit sagt, ist Caspar. Sie pausieren gerade an einer Tankstelle bei Graz und sind in einem alten Saab, dem weißen Sarg, unterwegs zwischen Venedig und Berlin, zwischen dem Böhmischen Paradies mit dem Wirtshaus „Zum Eishockeystadion“, und einem der vielen Friedhöfe, auf denen sie tote Dichter besuchen. Der Dritte im Bunde ist Lorenzo, der wie ein Wolf heulen kann und die Toten riechen, vor allem aber unzählige Bücher liest und frisst, aber das ist eine weitere Geschichte.
Jaroslav Rudiš nennt seinen Roman, der gerade erschien ist, „Wo die Toten sprechen“. Nach „Winterbergs letzte Reise“ (2019) hat der Autor erneut ein sehr spezielles Sujet gewählt. Die drei bereits genannten wichtigsten Figuren stehen zu Beginn des Romans irgendwo in der Brandenburger Lausitz auf einem Friedhof, wo die Toten sprechen und die drei hören, was diese erzählen.
Bereits jener Anfang erinnert an Stilmittel des magischen Realismus. Im Laufe der Handlung erscheint es fast ganz natürlich (für die Protagonisten und andere), dass sie diese Gabe des Hörens besitzen. Ansonsten folgt die Welt den normalen Gesetzen der Realität, nur stets poetisch überhöht. Es ist aber kein Fantasy-Roman, sondern einer mit erweiterter Wirklichkeit, was der erweiterten Beschreibung der heutigen gesellschaftlichen Zustände dient. Dabei steht der allwissende Erzähler außerhalb der Handlung, er erscheint neutral als fiktive unsichtbare Stimme.
Miss Detroit ist eine junge Frau, die eigentlich Susanne heißt , und sich ihren Namen nach einer Grabinschrift auf dem Friedhof an der Berliner Bergmannstraße gewählt hat, auf dem sie schon als Kind spielte und einen „Puppenfriedhof“ fürs Kinderzimmer erfand. Sie fährt jetzt den alten Saab ihres verstorbenen Vaters, der aussieht wie ein weißer Sarg.
Lorenzo, der eigentlich Jan Fischer heißt und aus Prag stammt, ist klein und überall am Körper tätowiert. Wie sich herausstellt, sind es Zeilen aus den Büchern der toten Dichter, die er an der „Freien Universität zu Stein“ ausgiebig studierte. Dort tauchen erstmals die Kreuzspinnen auf, seine ungeliebten „Kommilitonen“. Dass diese „Universität“ im realen Leben eine große Justizvollzugsanstalt ist, werden zumindest die österreichischen Leser des Romans sofort wissen. Seine Großmutter Dora ist eine Prager Jüdin, die den Holocaust überlebte und ihm nicht nur seinen Rufnamen vermachte. Weshalb er in Stein „studierte“, hat vor allem mit ihr zu tun.
Caspar, als Accademico e Fisico Matematico Melancolico eingeführt und bezeichnet, stammt aus dem Böhmischen Paradies, er trennte sich gerade von seiner Frau und trifft so auf die beiden anderen Protagonisten.
Alle drei Figuren erinnern an den Autor Jaroslav Rudiš: Auch der fährt im privaten Leben einen alten weißen Saab, wohnt in der Bergmannstraße und liest gern auf einer Bank des dortigen Friedhofs, wie er nach einer Lesung erzählte. Seine Lieblingsdichter decken sich mit denen Lorenzos. Ebenso studierte er wie Caspar Geschichte und Germanistik, trägt eine Brille mit starken Gläsern und wuchs in Lomnice nad Popelku im Český ráj auf. Selbst der Geburtsmonat ist bei beiden gleich.
In der wunderbaren Binnenerzählung „Im Böhmischen Paradies“, die als einziger Erzählabschnitt im Roman betitelt wird, setzt der Autor seinem realen Vater (als Vater der Figur Caspar nur wenig verbrämt) ein sehr empathisches Memorial. Einige Worte des Vaters könnten auch vom Dichter selbst stammen und spiegeln augenfällig dessen Erzählweise im Roman wider: „Man kann nicht alles wissen. Menschen, die alles wissen, waren mir noch nie ganz geheuer. Genauso wie Menschen, die kein Bier trinken, den Švejk nicht gelesen haben, Humor nicht verstehen und nicht lachen können. Wer Humor nicht versteht, kann Trauer nicht verstehen.“
Wer Rudiš liest, das sei hier angemerkt, muss Humor verstehen. Es ist oft ein hintergründiger und kurzer, der mit wenigen Worten auskommt. Oder mit wenigen Strichen. So zeichnete mir der Autor ein mit üppigem Bierschaum versehenes Glas in mein Buchexemplar nach einer Lesung, genau in dem Moment, als ich ihm sagte, dass ich am Abend noch auf ihn und sein Buch anstoßen würde. Bei einem Autor, der auch eine „Gebrauchsanweisung für Bier“ in seinem Portefeuille hat, ist das schließlich gar nicht so abwegig.
Es ist eine Freude zu lesen, wie Rudiš über die toten Dichter und ihre Gräber schreibt, wie er insbesondere an fast vergessene Dichter des Kulturkreises um den Böhmerwald und Franken herum und darüber hinaus in Mitteleuropa erinnert. Adalbert Stifter, Jean Paul und Karl Kraus seien hier stellvertretend genannt, aber auch Bohumil Hrabal und Robert Michel.
Rudiš findet überaus poetische Bilder, auch für fast Unsagbares, als etwa die Großmutter Dora aus dem „Schneesturm“ mit dem „grauen Schnee“ nach Prag an den Bahnhof zurückkehrt, von dem sie einst deportiert wurde …
Aber auch der „Professor für Weltliteratur“ in der „Universität Stein“, das Friedhofswasser oder der Deutsche Totengräber (Nicrophorus germanicus) bleiben dem Leser in Erinnerung. Zudem nicht zu vergessen, ist die so schöne Wendung, sie „haben sich poetisch gut verstanden“, die für ein überaus großes Lob und die Liebe stehen kann.
Und schließlich die Kreuzspinnen, nicht nur deren Kreuze haben im übertragenen Sinne Haken. Im Roman werden drei Exemplare an einer Stelle, als der Familie Araneus trottelmatus zugehörig, identifiziert. Hier erlaubt sich der Autor mit dem Pseudolatein einen linguistischen Scherz, der auf eine wahre Begebenheit der jüngeren österreichischen Kriminalgeschichte, einem Briefbombenattentat, zurückgeführt werden kann. Aber nicht alle gehören zu dieser trotteligen Familie, wie sich zeigt. Sie können durchaus noch lebensgefährlich sein, denn sie lieben nicht und töten. Und suchen die Nähe zum Henker von Prag, der nach der größten Totenfeier des Dritten Reiches auf dem Berliner Invalidenfriedhof begraben wurde. Der große Bogen von den ersten Sätzen des Romans mit dem Geheimnis in der Plastiktüte wird am Ende aufgelöst, mehr soll hier nicht verraten werden. Auch nicht, wer die drei Hauptfiguren am Ende wie ein Retter in höchster Not vor den Kreuzspinnen schützt.
Wer poetische Phantasie, Humor und Ernst und noch dazu neue Erkenntnisse, zum Beispiel über Christian Doppler und den nach ihm benannten Effekt oder den böhmischen Forstbeamten und Erfinder der Schiffsschraube mag, dem sei dringend das Buch des nunmehr in Deutsch schreibenden Tschechen empfohlen. Und wer dem im Buch beschriebenen Sound des Roadtrips folgen will, kann dies mit einer Spotify-Playlist akustisch tun.
Jaroslav Rudiš: Wo die Toten sprechen. Roman, Luchterhand, München 2026, 240 Seiten, 24,00 Euro.
Schlagwörter: Böhmen, Dichter, Jaroslav Rudiš, Jürgen Hauschke, Roman, Tote



