Patenonkel Napoleon 

von Detlef Jena

Am 14. Oktober 1806 schlugen französische Truppen bei Jena und Auerstedt das preußische Heer. Die Organisatoren des heurigen 220. Jubiläums bleiben ihrer Tradition treu und rufen unüberhörbar: „Kriege gehören ins Geschichtsbuch, nicht in die Gegenwart!“ Die Erinnerung dient der realistischen Darstellung des Ereignisses, mahnt zu Frieden und Völkerverständigung, setzt den Opfern des Grauens ein Denkmal und würdigt die historischen Folgen bis zu deren skurrilste Spitzen.

Nach der Schlacht und dem Beitritt Weimars zu dem von Napoleon Bonaparte diktierten Rheinbund wähnte Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, er könnte die Kriegsgötter in Paris und St. Petersburg gleichzeitig für seine persönliche Sehnsucht nach der Krone eines sächsisch-thüringischen Königreichs gewinnen.

Zunächst wurden für diesen schönen Wunsche Weimars Erbprinz Carl Friedrich und dessen Gemahlin, die Zarentochter Maria Pawlowna im Jahre 1807 zwischen Petersburg, Paris, ihrem dänischen Exil und Weimar hin und her gezerrt. Doch selbst bei den Verhandlungen in Tilsit stand die „Ernestinesche Frage“ im Juli 1807 nicht auf der Agenda. Erbost und entnervt kehrte das erbprinzliche Paar im September 1807 aus dem dänischen Exil nach Weimar zurück.

Der einzige Weimarer Politiker, der das Spektakel um Carl Friedrich und Maria nüchtern und mit ironischem Vergnügen beurteilte, war Minister Voigt, der dem Kanzler Müller am 26. April 1807 instruierte: „Dieses bleibt unter uns: die liebe Großfürstin wird Schleswig schwerlich verlassen; dass sie schwanger ist, so will sie ruhig bleiben und scheint gebeten zu haben, dass der russische Hof sie so lässt. Dazu soll sie den Konsens erlangt haben […] ich bin froh, dass wir wenigstens von diesem Vorwurf loskommen, wie wohl wir ihn nicht verdienen. Es steht ja gar nicht in unserer Gewalt, über die Person der Großfürstin zu disponieren.“

Carl August gab nicht auf. Der Erbprinz sollte jetzt unverzüglich direkt nach Paris reisen! Carl Friedrich wollte jedoch nur seine Ruhe haben. Er war froh, seine Ehe über das Exil gerettet zu haben. Seine Frau sollte erst einmal das Kind zur Welt bringen. Er argumentierte staatspolitisch: „Es ahndet mir aber, dass, da das jetzige Zeitgemüt so viele Fürsten nach Paris ruft, auch wohl mir solcher Ruf unvermuthet hier erschallen und mich nöthigen könnte, meinen Wanderstab dahin zu ergreifen.“ Der Vater hielt dagegen: „Man würde in Weimar des Glücks der Familienverbindung mit dem hohen Hause Seiner Majestät des Kaisers aller Reussen unwürdig scheinen müssen, ja sogar der Nachkommenschaft verantwortlich sein, wenn man zu der unschätzbaren mächtigen Protektion dieses Monarchen seine Zuflucht zu nehmen jetzt unterließ.“

Man sollte wenigstens die russische Gesandtschaft in Paris veranlassen, sich öffentlich, zustimmend und verbindlich zu den Weimarer Forderungen zu erklären.

Was würde das nützen, fragten Voigt und Kanzler Müller. Selbst wenn Carl Friedrich als Schwager des Zaren in Paris höflichen Respekt erwarten durfte, als Erbprinz von Weimar hätte er sich nur in die Schar untertäniger Bittsteller eingereiht und verächtlichen Spott geerntet.

Der Herzog gab keine Ruhe. Minister Wolzogen musste erneut beim russischen Gesandten in Paris, Graf Tolstoi, vorstellig werden und erhielt natürlich nur eine vielsagende Auskunft: Wenn der Weimarer Hof die Reise des Erbprinzen nach Paris wünschte, sollte diese so schnell und so kurz wie möglich erfolgen. Ob damit ein Nutzeffekt verbunden sein würde, wäre zweifelhaft. Am 15. November 1807 reiste der Erbprinz nach Paris ab. Er kam nur bis Mainz und kehrte um: Napoleon hatte Paris verlassen!

In Paris traktierten Wolzogen und Müller gleichzeitig die französischen Minister Charles-Maurice Talleyrand und Jean-Baptiste Champagny sowie den russischen Gesandtschaftsrat Karl Robert von Nesselrode weiter mit ihren Forderungen. Alle versprachen, ihren Kaisern das Anliegen wärmstens ans Herz zu legen und äußerten persönliche Zuversicht hinsichtlich der Gewährung besonderer Privilegien für Weimar. Jeder bat um Verschwiegenheit.

Nesselrode genierte sich nicht, Müller natürlich ganz im Vertrauen aufzutischen, der russische Gesandte Tolstoi hat Minister Champagny mitgeteilt, „der Kaiser Alexander interessiere sich für niemand so sehr wie für Weimar, und er hoffe, man werde deshalb dieses Haus vor allen anderen sächsischen Höfen auszeichnen.“ Champagny hat „teil­nehmend und artig geantwortet, ohne irgendeine Einwendung zu machen.“

Nesselrode entgegnete treuherzig, er selbst halte es für besonders notwendig, durch Carl August in Petersburg „darauf zu insinzieren“, dass Tolstoi so schnell wie möglich genaue Instruktionen erhält und dass sich Alexander persönlich an Napoleon wendet. Das dürfte doch dem Weimarer Herzog und seiner Schwiegertochter nicht schwerfallen.

Am 3. Februar 1808 wurde Maria von ihrem zweiten Kind entbunden. Es war ein Mädchen, das zwei Wochen später im Weimarer Schloss vom Generalsuperintendenten Dr. Voigt auf den Namen Maria Louise Alexandrine getauft wurde.

Der Herzog holte zu einem kühnen Schlag fürstlicher Weisheit aus. Zwei Tage nach der Geburt Maries gebar er die Idee, Kaiser Napoleon zum Taufpaten zu küren! Wolzogen sollte die frohe Botschaft unverzüglich überbringen. Beim Kaiser hatte er darauf zu verweisen, dass dem Weimarer Stamm nach allen Erb- und Hausgesetzen die führend Position unter den wettineschen Herzögen zukommt. Der Kaiser der Franzosen möchte das bitte entsprechend würdigen. Wolzogen informierte die französische Administration und natürlich auch den russischen Gesandten Graf Peter Tolstoi.

Am 21. Februar 1808 empfing Napoleon Wolzogen. Der Gesandte übergab den Patenschaftswunsch. Die Details musste Wolzogen mit Champagny besprechen. Der fragte, was Napoleon als Pate zu tun hätte. Wolzogen entgegnet, eigentlich hätte der Kaiser gar nichts weiter zu leisten, als seine Patenschaft zu erklären: „Das Kind des Durchl. Erbprinzen und der Frau Großfürstin sei schon getauft.“

Der Minister staunte. Wartete man in Weimar denn nicht einmal die Antwort des Kaisers ab? Wolzogen erläuterte, dass dieses Verfahren „ein kirchliches Herkommen sei, die neugebornen Kinder bald nach der Geburt zu taufen“. Er fügte hinzu, dass man auf das Einverständnis der russischen Paten auch nicht gewartet hatte. „Also ist der Kaiser nicht allein Gevatter?“, fragte Champagny pikiert.

Wolzogen wiegelte ab, „man habe mehrere fürstliche Personen zu Gevattern gebeten; es sei dieses bei allen deut­schen protestantischen Höfen herkömmlich.“ Champagny wollte danach wissen, ob das Mädchen wenigstens den Namen Napoleons trägt. Das wäre nicht üblich, entgegnete Wolzogen, dass deutsche Prinzessinnen Männernamen tragen. Sie heiße Maria, vermutlich nach ihrer russischen Kaiseringroßmutter. Wolzogen sah sich zu der Erklärung gezwungen, „dass die Bitte, so an den Kaiser gebracht worden, eine Art von Ehrenbezeugung […] sei und dass die Gebräuche der Kirche bei der Taufe und das Herkommen bei Gevatter-Bit­tungen in unserer Kirche sowohl als auch in dem Zeremoniell der fürstlichen Höfe von dem abweiche, was bei der katholischen Kirche und bei den Höfen dieses Glau­bens statthabe.“

Champagny nannte einen weiteren kritischen Punkt: „Wenn nun aber die Einwilligung des Kaisers ankommt, wo wird dessen Namen stehen in den Kirchen- und Taufakten? Wenn mehrere Ge­vatter sind, so wird vielleicht der Kaiser zum 4. oder 5. gesetzt?“ Wolzogen beruhigte ihn, man werde den gehörigen Platz in der Patenliste frei lassen, bis eine definitive Antwort erfolgt ist. Champagny wollte ganz konkret wissen, wer die übrigen Paten sind. Er fragte abschließend, was von ihm und Napoleon nun unternommen werden sollte. Wolzogen beruhigte ihn: Napoleon sollte die Gevatternschaft ohne Rücksicht auf die politischen Dimensionen dieses dynastischen Meisterstücks einfach annehmen und das in einem schlichten Schreiben schnörkellos erklären.

Am 25. März 1808 kam der Imperator in einem Brief an Carl August dem Anliegen nach und eine Woche später erhielt sogar der Kindesvater Carl Friedrich eine adäquate Bereitschaftserklärung. Ein Geschenk gab es nicht! Herzog Carl August bebte vor Zorn und Enttäuschung. Er fiel seiner eigenen Illusion zum Opfer. Als er 1815 zum Großherzog erhoben wurde, empfand Goethe diese Gnade der „Götter“ als weit unter den Erwartungen stehend. Aber das Volk, erschüttert durch den Oktober 1806, jubelte und huldigte dem Großherzog. Er war nicht undankbar und erließ 1816 eine vorbildliche Verfassung mit weitgehenden Bürgerrechten.