DEFA – die Schwindelbude?

von Jutta Grieser

Gleich am Eingang laufen auf einem Monitor Dokumentarfilme, die die Themen anreißen, welche im langen Ausstellungssaal verhandelt werden: Emanzipation. Rebellion und Rückzug. Wohnen, Spaß und gute Laune. Freiheit und Fernweh. Kunst. Sex und Liebe. Essen und Trinken. Frieden, Patriotismus und Heimatliebe. Kirche und Religion. Mode und Bekleidung …

Gerade wird einer gezeigt, der wohl kurz nach dem 13. August 1961 gedreht worden ist, die Befragten tragen überwiegend Sommerkleidung. Ein nicht sichtbarer Interviewer erkundigt sich auf der Straße bei Menschen nach ihrer Meinung zur Mauer. Ostberliner aller Generationen und Geschlechter äußern sich unverstellt vor der Kamera, was sie von der nunmehrigen Halbierung ihrer Stadt halten. Sie nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Was aber noch mehr überrascht: Die Mehrheit ist dafür. Tenor: So konnte es nicht weitergehen.

Bemerkenswert auch ein Bauarbeiter vor einem Fahrzeug, als die Frage nach Weltkrieg und dessen Folgen aufgeworfen wurde. Was geht mich der Krieg an, fragt er zurück, damit habe er nichts zu tun. „Und dafür soll ich mit der Mauer bezahlen?“ – Vor reichlich anderthalb Jahrzehnten dürfte er vermutlich noch eine Uniform mit Reichsadler getragen haben. Mit dem Krieg hatte er ganz gewiss nichts zu tun … Die Verdrängung ist wahrlich erstaunlich. Wie eben auch die breite Zustimmung zur Grenzbefestigung. Die lässt sich nur bedingt damit erklären, dass niemand wusste, was in den nächsten fast drei Jahrzehnten folgen würde. Oder weil man vorsichtig war. Geschenkt. Authentische Aufnahmen wie diese bezeugen jedenfalls, dass die Maßnahmen in Ostberlin damals keineswegs abgelehnt oder gar verurteilt wurden. Entgegen dem verbreiteten Narrativ konnte auch in der DDR nicht gegen den Mehrheitswillen regiert werden.

Aber in der Wechselausstellung im Potsdamer Filmmuseum, die an die Gründung der DEFA vor achtzig Jahren erinnert, geht es nicht um Dokumentar-, sondern um Spielfilme. Natürlich: Wo anfangen, wo enden? Die am 17. Mai 1946 in einem einst zum Ufa-Konzern gehörenden Filmatelier gegründete „Deutsche Film-AG“ – Kurzform DEFA – hat in den reichlich vier Jahrzehnten ihrer Existenz um die 750 produziert. Sehr gute, durchschnittliche und auch misslungene Kinofilme. Nach welchem Prinzip will man dieses nationale Kulturgut präsentieren, dokumentieren, vermitteln?

Die Ausstellungsmacher gaben sich die eingangs erwähnten Stichworte, um die sie jeweils drei, vier thematische Filme gruppierten. Auf Aufstellern mit Requisiten, Plakaten und zeitgeschichtlichen Zeugnissen findet der Besucher viel Interessantes zu Produktion und Rezeption. Etwa eine handgeschriebene Karte aus dem Jahr 1995 von Manfred Krug an den Regisseur Hermann Zschoche: „Lieber Herrmann, zum ersten Mal (morgens zwischen 5.00 & 7.00) ‚Karla‘ gesehen. Das ist ja ein so unglaublich wunderbarer Film. Du und Plenzdorf und die Hoffmann und Hentsch. Wirklich, ein großes, schönes Werk. Und wenn die DDR nur gut war, um diesen Film nötig zu machen. Und möglich zu machen … Dein alter Manne.“

Ein mehrdimensionales spätes Liebesbekenntnis.

Der Schwarzweiß-Film „Karla“ erzählt von der Liebesbeziehung einer Deutsch- und Geschichtslehrerin zu einem Schüler der 12. Klasse, aber tatsächlich geht es um einen klassischen Grundkonflikt: dem zwischen Anspruch und Anpassung, zwischen Beharren auf eigener Überzeugung und opportunistischem Duckmäusertum. Ein Thema, das uralt ist und noch heute bewegt. Der DEFA-Film verhandelte es auf ehrliche Weise – und wurde zum sogenannten „Kellerfilm“. So nannte man Filme, die nach der 11. ZK-Tagung 1965 aus dem Verkehr gezogen oder aus der Produktion genommen wurden.

Nun wissen Leute, die sich mit Politik und Geschichte auskennen, dass das sogenannte „Kahlschlag-Plenum“ sich nicht primär gegen die DEFA richtete, sondern gegen den Reformer Ulbricht, der seit dem VI. Parteitag 1963 auf eine grundlegende Umgestaltung des sowjetischen Sozialismusmodells in der DDR orientierte. Dagegen machte eine Gruppe im Politbüro mehr als nur mit Billigung Moskaus massiv Front.

Die Folge: Auch „Karla“ kam in den Keller.

Das kann und muss man in einer solchen Ausstellung nicht alles erzählen, Geschichte ist derart komplex und vielschichtig. Aber man kann mit Auswahl und Aufbereitung eine Tendenz vorgeben. Und die gibt es. Die Mehrheit der ausgestellten Filme, so scheint es, sind verboten, diskriminiert oder sonstigen unwürdigen Behandlungen ausgesetzt gewesen. Oder dass fünfzehn Jahre – wie etwa bei „Einer trage des anderen Last“ – um einen Stoff gerungen werden musste, ehe der Film 1987 realisiert werden konnte.

Halten zu Gnaden: Der im August 1970 von Orson Welles begonnene Film „The Other Side oft the Wind“ wurde erst 48 Jahre später fertiggestellt. Es fehlte das Geld, Investoren gingen baden und es gab Rechtsstreitereien um das Filmmaterial. Alles Probleme, die in der heutigen Filmindustrie gang und gebe sind. Das ist Ökonomie. In der DDR war es Ideologie, vertreten durch bornierte Bonzen. Das war natürlich ganz übel und nicht zu vergleichen.

Aber zur Tendenz.

Für sich genommen ist die Benennung des in schwarz ausgeschlagenen Separees, in welchem man von zwei Kinosesseln aus in Endlosschleife Ausschnitte aus sieben Spielfilmen besichtigen kann, durchaus amüsant: „DEFA – die Schwindelbude“. Diesen Spitznamen hätten technische Mitarbeiter der DEFA kreiert. „Vermutlich spielte er darauf an, dass die im Film dargestellten Lebenswelten und Figuren nur manchmal mit der Realität übereinstimmten.“ Dieser Aufklärung an der Wand bedurfte es selbstverständlich, weil ja heute in Film und Fernsehen stets die „dargestellten Lebenswelten und Figuren“ mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Wie gesagt: Einzeln genommen witzig. Aber eher nicht im Kontext mit anderen Begleittexten und der Ansage des Kurators Guido Altendorf, dass es nicht darum gehe, „mit dieser Ausstellung die DDR zu feiern“. Man wolle „die Menschen durchaus feiern, die in der DDR, in diesem Spannungsfeld DDR, gelebt, gearbeitet und sich auch mal hier und dort gefreut haben“, sagte er wie zur Entschuldigung.

Ich habe „in diesem Spannungsfeld DDR“ mich gelegentlich gefreut, und ärgere mich darum heute immer, wenn entweder auf solch subtile oder auch auf platte Weise mir mein, unser Leben in der DDR erklärt wird. Da ist mir die Ansage des Museumsleiters Michael Fürst weitaus sympathischer, weil lebensnäher, wenn er fordert, „diese Filmgeschichte als Teil der gesamten deutschen Filmgeschichte“ zu behandeln. Ist zwar nur ein kleiner Nenner, aber immerhin einer, auf den man sich einigen kann.

So verlässt man denn mit gemischten Gefühlen den Marstall – hundert Meter zur Rechten die wieder errichtete Garnisonkirche und zur Linken das wieder errichtete Schloss, wo der Landtag sitzt. Schwindelbuden? Käme jetzt einer mit der Kamera und wollte von mir wissen, wie ich zur Museumsausstellung stehe, würde ich antworten: Trotz begründeter Kritik durchaus ansehenswert. Oder um mit Manfred Krug ein wenig zu übertreiben: Allein dafür hat sich die DDR gelohnt.

Ausstellung „80 Jahre DEFA-Filme“ im Filmmuseum Potsdam bis zum 2. Mai 2027, täglich (außer Montag) geöffnet von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro.