Auf der Fahrt zur Pousada von Crato, dem nächsten Etappenziel unserer Reise, ziehen sich Hochspannungstrassen durch die Landschaft. Die hohen Masten sind mit Nestern von Weißstörchen „besiedelt“, teils mehrgeschossig übereinander. An einem einzelnen Mast zählen wir gar 16 Storchenkinderstuben.
Bei einem Zwischenstopp in Castelo de Vide – gilt als einer der beiden schönsten Orte im Alentejo, dem Teil Portugals, durch den wir uns gerade bewegen – schlendern wir durch die Überreste einer ausladenden mittelalterlichen Burganlage und durch die sich anschließenden malerischen Gassen des historischen Judenviertels. Ein betagter Herr mit Gehstock füttert vor seinem Haus fünf Katzen, die zuvor in der Mittagssonne gedöst hatten. Die sind zwar allesamt recht kleinwüchsig, machen aber keinen unterernährten Eindruck.
Die Pousada in Crato, unser Hotel, residiert im wuchtigen Gemäuer eines früheren Klosters. Von weitem wirkt der graue klobige Klotz in seiner flachen Umgebung eher wie ein fensterloses Getreidesilo. Im gewaltigen Torbogen über dem Eingangsbereich hängen Dutzende Schwalbennester, und jetzt, Mitte Mai, herrscht emsiger Flug- und Fütterungsbetrieb. Es empfiehlt sich, den Bereich zügig zu passieren, denn Guanospuren auf dem Boden zeugen davon, dass im Fluge regelmäßig Ballast abgeworfen wird.
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Zur nächsten Pousada – Convento Belmonte – müssen wir uns über eine enge, kurvige Straße auf eine einsame Anhöhe hochschrauben. Doch zuvor machen wir Halt in Castelo Branco, um den Barockpark zu besuchen, den sich hier ein Bischoff allein zu seiner Erbauung im 18. Jahrhundert hat anlegen lassen. Der hingegen, also der Park, ist bereits seit 1912 – nachdem die Trennung von Kirche und Staat in Portugal vollzogen worden war – vor allem der Öffentlichkeit zugänglich.
Heute ist unser erster durchweg sonniger und warmer Tag auf dieser Reise, und so zeigen sich endlich auch ein paar Taubenschwänzchen um die Blüten im Park. Dieses zur Familie der Schwärmer zählende faszinierende Insekt war uns erstmals Jahre zuvor an der Algarve, in Südportugal, begegnet. Es ähnelt in Aussehen und Flugverhalten der Miniaturausgabe eines an sich ja schon lütten Kolibris. Wie dieser kann das Taubenschwänzchen in der Luft „stehenbleiben“, um mit seinem langen, dünnen gebogenen Rüssel Nektar aus Blüten zu saugen. Der Fachmann spricht von Schwirrflug. Vor einigen Jahren hatten wir einen solchen Kolibrischwärmer, wie er ebenfalls genannt wird, als Besucher auf unserem sehr sonnigen Balkon am südöstlichen Stadtrand von Berlin. Der Klimawandel macht’s möglich, bestätigte uns seinerzeit auf Anfrage das Deutsche Entomologische Institut in Eberswalde. Die Winzlinge sind in der Lage, binnen zwei Wochen Distanzen von bis zu 3000 Kilometern zu bewältigen …
Vom Convento Belmonte brechen wir auf zum Torre, dem mit 1993 Metern höchsten Berg des portugiesischen Festlandes (übertroffen nur vom Ponta do Pico mit 2351 Metern auf den Azoren), gelegen im Naturpark Serra Estrada. Nach Eingabe des Ziels ins Navi unseres Ford Puma behauptet das Gerät, bis auf die Bergspitze seien es 19 Kilometer, zu bewältigen in ebenso vielen Minuten. Am Ziel stehen wir dann irgendwo im Nirgendwo am Rande eines Ortes und keinesfalls auf einem Berg. Für den nächsten Versuch bemühen wir via Handy Google Maps. Nun sollen es noch knapp 30 Kilometer sein, und die sind es am Ende auch. Wir gelangen mit dem Auto tatsächlich bis unmittelbar auf das Gipfelplateau. Von wo die Aussicht durchaus atemberaubend ist, weil ein großer Teil des Umlandes sich unter einer fluffigen Wolkendecke verbirgt, die sich einige hundert Meter unter dem Gipfel um den Berg ausgebreitet hat. Bis hinauf allerdings mäandert sich die schmale Bergstraße etliche Kilometer steil bergan, die Fahrbahn jeweils maximal durch eine handelsübliche Leitplanke vom Abgrund getrennt. In seiner Jugend Maienblüte mag mancher solche Strecken genussvoll hochgebrettert sein, die Fliehkraft in den Kurven noch mutwillig mittels des Gaspedals erhöhend, doch in unserem, dem physischen Finale nahen Alter sind wir auf derartige Strecken nicht mehr unbedingt erpicht.
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Nächster Zwischenstopp – Pinhão, ein Städtchen direkt an den Ufern des Douro, über dessen Mündung in den Atlantik wir in luftiger Höhe schon in Porto gewandelt waren. Hier jedoch gleicht der Fluss einem stehenden Gewässer: Auf den 210 Kilometern von der spanischen Grenze bis Porto gibt es fünf Staustufen, die sowohl der Wasserbevorratung wie der Stromerzeugung dienen.
Unsere Reiseunterlagen empfehlen eine einstündige Fahrt mit der regionalen Eisenbahn von Pinhão nach Pocinho – immer am Flussufer entlang und mit stetem Blick auf die steilhängigen Weinberge des Douro-Tals. Hier würden, so heißt es, die strengsten Weinbaufestlegungen der Welt gelten. Bereits 1756 wurde die Region gesetzlich geschützt und 2001 dem Welterbe der Unesco zugeschlagen. Doch die Eisenbahnfahrt findet leider nicht statt: Im Bahnhof gibt es weder einen Fahrplan noch Personal, das wir – auch wegen der Rückfahrt – befragen könnten, und der aktuell fällige Zug, so entnehmen wir englischer Konversation auf dem Perron, hat gerade 40 Minuten Verspätung …
Im zur Mittagszeit gut besuchten Restaurant Veladouro direkt am Flussufer finden wir im kühlen Innenraum (draußen herrschen erstmals auf diesem Tripp 25 Grad aufwärts) noch zwei Plätze, und der medium gegrillte Thunfisch ist ein Traum an Frische und Geschmack.
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Als letzte Station unseres lusitanischen Potpourris erreichen wir an einem Freitagvormittag Bragança, eine Kleinstadt ganz oben im Nordosten Portugals, nur einen Katzensprung entfernt von der spanischen Grenze. Vor der Kathedrale lassen sich gerade mehrere Hundert Jugendliche von einem Animateur zu so etwas wie La-Ola-Wellen anstiften. In der Tourismus-Information erfahren wird, das Schuljahr würde in Kürze enden …
Die Zitadelle oberhalb des historischen Zentrums rühmt sich, eine der besterhaltensten mittelalterlichen Burganlagen Portugals zu sein. Die Blützeiten des von hier stammenden Adelsgeschlechtes, des Hauses Bragança, liegen schon ein Weilchen zurück – von 1640 bis 1853 stellte man die Könige des Landes und von 1822 bis 1889 auch die Kaiser Brasiliens.
Auf einem kleinen Platz unterhalb der Zitadelle erinnert ein 1928 errichtetes Kriegerdenkmal an die im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallenen Söhne der Stadt, aber auch (ohne jeglichen Zeitbezug) an die „Mortos em Africa“ („Tote[n] in Afrika“), wo sich im 20. Jahrhundert der größte Teil des verbliebenen portugiesischen Kolonialreiches (Angola, Mosambik und mehr) befand. Dass man dort Ausbeuter und Unterdrücker der Einheimischen war, bleibt – wie bei solcher Art Denkmälern bei allen ehemaligen Kolonialmächten Usus – unerwähnt.
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Am letzten Tag unserer Reise lädt das Wetter – strahlender Sonnenschein, 27 Grad Celsius am frühen Nachmittag – erstmals dazu ein, ein paar Runden nicht nur um den, sondern tatsächlich auch im Pool des Hotels zu drehen.
Am nächsten Morgen verlassen wir den sehr bergigen, zu dieser Jahreszeit (Mai) satt grünen und durch blühenden Ginster vielerorts leuchtend gelben Norden Portugals. Die digitale Quecksilbersäule in unserem Gefährt, die die Außentemperatur anzeigt, klettert bald auf 38 Grad …
Die bisherigen Teile dieser Reisenotizen sind in den Blättchen-Ausgaben 10/2026, 11/2026, 12/2026 und 13/2026 erschienen.
Schlagwörter: Alfons Markuske, Belmonte, Bragança, Crato, Portugal

