Das abgedroschene Bonmot, wonach es kein schlechtes Wetter gäbe, nur unpassende Bekleidung, hat am achten Regentag in Folge den Rest seiner aufmunternden Wirkung auch noch eingebüßt.
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Heute geht es zunächst in die teils karge und kahle Bergwelt des Nationalparks Peneda-Gerês, gelegen an der Grenze zum spanischen Galizien und mit 700 Quadratkilometern der einzige Portugals. Das namensgebende Örtchen Gerês verfügt über ein Thermalbad und einen Kurpark, den zu betreten nur Besuchern des ersteren sowie Gästen des zugehörigen Hotels gestattet sei. So informiert ein Schild am offenstehenden Entré, und niemand hindert uns an einem Spaziergang. Durch den Park sowie über bizarre Felskaskaden braust mit beeindruckendem Getöse der nur zehn Kilometer kurze Rio Gerês.
Bei der Weiterfahrt merken wir rasch: Wer an steilen, kurvenreichen Bergstraßen – die oft so eng und auf der einen Seite von einem ebenso steilen Abhang begrenzt sind wie auf der anderen vom Gegenteil, auf dass man sich die Begegnung mit einem LKW oder Bus gar nicht vorstellen mag – kein rechtes Vergnügen hat, der sollte diese Gegend besser meiden. Von der Landschaft her würde man hier eher Gemsen oder Steinböcke erwarten denn Wildpferde. Doch als wir an einem besonders hoch gelegenen felsigen Mirador (Aussichtspunkt) erst deren „Losung“ entdecken und wenig später auf einer Hanglage auch einige der kleinwüchsigen Tiere, wissen wir es besser.
Bus und LKW bleiben uns erspart, doch eine Ziegenherde, nur begleitet von einem Hütehund, beansprucht Vorfahrt, die wir gern gewähren.
Als wir gegen Mittag bei strömendem Regen im Dörfchen Bufe bei eben jenem Restaurant anlangen, das unsere Reiseunterlagen als besonders urig sowie mit grandiosem Fernblick und sehr guter Küche empfehlen, hat dieses geschlossen. Also weiter. In einem der nächsten Orte haben wir mehr Glück und auf der Speisekarte tatsächlich – was bisher nirgends der Fall gewesen war, obwohl das Tier fester Bestandteil der portugiesischen Küche ist – Cabrito (Ziege). Ein köstliches Mahl mit reichlich gedünsteten Zwiebeln, frischem Salat mit Tomaten und solchem von Schwarzaugenbohnen, mit kleinen Kartoffeln in der Schale, zusätzlich Reis und reichlich Fleisch. Es schmeckte wie einst bei der Lausitzer Oma, die immer eine Ziege hielt, die manchmal geschlachtet wurde – stets zu Pfingsten.
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Nächster Halt: Guimarães. Die Altstadt wirkt nicht museal geschniegelt. Sie trägt ihre fast 1000 Jahre – erstes Stadtrecht soll Heinrich von Burgund 1096 verliehen haben – wie eine ans Herz gewachsene Jacke: würdevoll, aber bequem. Hier soll 1109 der spätere erste König Portugals, Alfons I., geboren worden sein, der die Stadt 1139, nach seinem Sieg über die Mauren in der Schlacht von Ourique, zur ersten Hauptstadt seines jungen Reiches erkor. „Aqui nasceu Portugal“ steht heute vielerorts geschrieben: „Hier wurde Portugal geboren.“
Die Gegenwart ist eher profan, doch deswegen durchaus sympathisch: Über den engen Gassen hängen schmiedeeiserne Balkone, aus denen Geranien fallen wie beiläufige Farbtupfer; die Häuserfronten neigen sich einander zu, als hätten sie über Jahrhunderte hinweg das Tuscheln gelernt; zwischen Granitportalen und dunklen Holztüren öffnet sich plötzlich der Largo da Oliveira – ein Platz, der weniger nach urbaner Planung aussieht als nach einer natürlichen Ansammlung menschlicher Gewohnheiten. Im Schatten alter Arkaden erhebt sich die Igreja (Kirche) de Nossa Senhora da Oliveira. Von irgendwoher dringt das Klappern von Geschirr, das gedämpfte Singen einer Fadomelodie aus einem Radio, das Knattern eines Motorrollers, der sich durch eine Gasse zwängt, die eigentlich für Pferde gedacht war.
Ein paar Straßen weiter wird es stiller. Wäsche flattert zwischen den Häusern, Katzen liegen auf warmen Fensterbänken, und aus einer offenen Tür riecht es nach Knoblauch, Olivenöl und langsam geschmortem Kabeljau. Dann plötzlich ein kleiner Anstieg, ein Blick nach oben – und über den Dächern erscheint das Castelo de Guimarães. Zehntes Jahrhundert. Kantig.
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Bis zu unserer Ankunft in Porto, der mit 230.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Portugals, hatten wir uns bisweilen gefragt, ob wir zu dieser Jahreszeit (inzwischen Mitte Mai) womöglich die einzigen Touristen im Norden des Landes seien. Der Austritt aus der Tiefgarage am Rande der Ribeira allerdings, des malerischen Teils der Altstadt direkt am Ufer des Douro, beantwortet diese Frage auf nachgerade brutale Art und Weise: Deutsch mancherlei altbundesrepublikanischer Idiome schmerzt uns bereits binnen weniger Minuten in die Ohren … Auch der bisherige Dauerregen hat sich verabschiedet; die Quecksilbersäule, gäbe es sie noch, wiese einen nicht nur mediterran-sommerlichen, sondern klimakrisenhaft-hitzigen Wert aus.
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Der historische, sehr hügelige Stadtkern von Porto zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. Wer größere Strapazen vermeiden möchte, „erobert“ das Terrain am besten von oben nach unten. Als Startpunkt dafür kommt die obere Ebene der Dom Luís I-Brücke von 1886 infrage, eines Wahrzeichens der Stadt. Gebaut werden sollte sie ursprünglich vom Errichter des Eiffel-Turms. Daraus wurde nichts, aber die Portugiesen sind offenbar nicht nachtragend: Eine der Uferstraßen unter der Brücke trägt trotzdem den Namen Gustave Eiffels.
Die stählerne Fachwerk-Bogenbrücke erhebt sich 60 Meter über den Fluss. Wem es hinauf per pedes zu anstrengend ist, der bewältigt die Distanz mittels einer Standseilbahn, deren Basisstation sich direkt neben der Brücke befindet.
Von oben geht es in das Viertel Portos um die romanisch-gotische Porto Cathedral – Sé genannt. In den Kreuzgängen der Kathedrale liegt jene kühle Stille, die portugiesische Kirchen oft aufweisen. Wenig Triumph, mehr Melancholie. Quasi eine architektonische Entsprechung der portugiesischen Nationalmusik, des Fado.
Vom Vorplatz der Kathedrale aus öffnet sich der Blick auf das Häusermeer der Ribeira. Von hier aus führt ein gemächlicher Abstieg durch die Altstadt – vorbei an Granitfassaden, Kachelbildern und schmalen Läden, in denen noch immer Schrauben, Knöpfe oder Heiligenbilder verkauft werden.
Unbedingt lohnt ein Besuch des berühmten zweistöckigen, in einer klassizistischen Halle aus dem 19. Jahrhundert untergebrachten Bolhão-Marktes. Da gehen einem die Augen über ob der appetitlich arrangierten frischen Angebote an Obst und Gemüse, Fisch, Meeresfrüchten, Fleisch und Backwaren. Insbesondere portugiesische Tartelettes mit ihrer dezenten Süße – ob nun mit Vanillepudding (Pastéis de Nata), Passionsfrucht oder anderen aromatischen Accessoires – sind eine dauernde Verführung. Häppchen mit rohem Lachs, einem Zweiglein Dill und ein paar Pfefferkörnern munden vortrefflich. Letzteres gilt nicht minder für (eine Premiere im 74-jährigen und durchaus weit gereisten Dasein des Autors) – Seeigel. Der ebenfalls roh genossen wird.
Ein nächster Halt empfiehlt sich am Bahnhof São Bento. Selbst wer keinen Zug erreichen muss, sollte die Halle unbedingt aufsuchen: Riesige Azulejos (Gemälde aus blau-weißen Kacheln) bedecken die Wände: Schlachten, Bauernfeste, Könige und Eisenbahnen …
Vom Bahnhof führt die Rua das Flores hinunter Richtung Ribeira. In ihren Fassaden mischen sich Barock und frühe Moderne, kleine Hotels neben alten Goldschmieden. Porto besitzt zwar weniger spektakulären Jugendstil als Brüssel, Riga oder Wien, doch gerade deshalb entdeckt man ihn beiläufig: schmiedeeiserne Balkone, florale Ornamente, elegante Glasdächer.
Traditionsreiche Cafés gibt es auf dem Weg durch die Altstadt etliche. Wir kehren auf einen Espresso ein im Café Guarany. 1933 eröffnet, erinnert es mit Namen und Interieur an ein indigenes Volk, das einst eine südamerikanische Region besiedelte, die heute Paraguay, Paraná (Brasilien) und Uruguay umfasst. Das Café ist sehr groß und an diesem Nachmittag fast leer. Doch die Bedienung ist freundlich, flott und die Pastéis de Nata sind eine weitere Sünde wert.
Wieder angelangt am Ufer des Douro, müssen wir feststellen, dass wir für eine Tour mit einer der historischen Straßenbahnen durch Porto längere Zeit anstehen müssten. Schatten bietet die Tram-Station an diesem unserem ersten und gleich ziemlich warmen Sonnentag nicht. Wir entscheiden uns stattdessen für eine Besichtigung der nahegelegenen Igreja de São Francisco (Kirche des Heiligen Franziskus), auch „Die Goldene Kirche“ genannt. Und das ist wörtlich zu nehmen: Die üppigen und üppig verschnörkelten Holzschnitzereien im Inneren der gotischen Franziskaner-Kirche wurden im Barock mit Blattgold überzogen. 500 Kilogramm – gewonnen durch koloniale Ausbeutung in Brasilien – sollen verarbeitet worden sein. Der optische Kontrast zum Credo des auf Franz von Assisi zurückgehenden Bettelordens der Franziskaner („Wer vollkommen sein will unter Euch, verlasse alles, und was er hat, gebe er den Armen, dann komme er und folge mir nach.“ Mt, 19,21) könnte frappierender kaum ausfallen. Einzigartig ist nicht zuletzt auch der Katakombenfriedhof im Souterrain des Gotteshauses.
Ein touristisches Highlight eigener Art ist schließlich die Livraria Lello in der Rua das Carmelitas 144 – eine schmale Buchhandlung, in der sich bereits morgens gegen 9:30 Uhr auf zwei Ebenen etwa 200 an Büchern als solchen augenscheinlich nicht sonderlich interessierte Menschen aus vieler Herren Länder drängeln. Mit ihren Smartphones im Anschlag blockieren sie pärchenweise immer wieder gern die einzige enge Wendeltreppe zur oberen Ebene; Selfie geht natürlich vor Rücksichtnahme. Währenddessen warten auf dem Trottoir vor dem Geschäft in einer langen Schlange bereits Hunderte weitere Besucher, die sich ihr Anrecht auf Eintritt dadurch gesichert haben, dass sie vorab online für zwölf Euro pro Kopf ein entsprechendes Zeitfenster gebucht haben …
Das Magazin Geo hat die Livraria Lello im Februar 2026 auf Platz zwei der schönsten Buchhandlungen weltweit gesetzt. Dass das 1906 eröffnete Jugendstilensemble (Gebäude und Interieur) dieses Ranking vollkommen rechtfertigt, lässt sich auf Fotos, die im Internet zu finden sind, ohne weiteres nachvollziehen. Nur der chaotische tägliche Hype dortselbst gibt einem dazu kaum die Möglichkeit.
Unser Quartier in Porto ist die Pousada Palacio do Freixo. Der barocke Palastkomplex direkt am Ufer des Douro wurde bereits 1910 zum Nationaldenkmal erhoben und ist heute Mitglied der Leading Hotels of the World. Letzteres hat offenbar auch zur Folge, dass ein Gin Tonic in der Bar der Nobelherberge deutlich teurer ist als eine ganze Flasche der nicht eben billigen britischen Sorte des Wachholderbrandes, den wir daheim für dieses Mixgetränk verwenden.
Wir verlassen Porto zufällig an einem Freitagmorgen und damit wahrscheinlich – gerade noch rechtzeitig. Denn am nächsten Tag, so hatte ein Taxifahrer uns gewarnt, bestände die Chance, dass der FC Porto Fußballmeister des Landes würde und dann wäre das ganze Wochenende über in der Stadt kein Durch- und aus derselben kein Entkommen mehr. 24 Stunden später war die Hoffnung der FC Porto-Fans Realität …
Wird fortgesetzt.
Die bisherigen Teile dieser Reisenotizen sind in den Blättchen-Ausgaben 10/2026 und 11/2026 erschienen.
Schlagwörter: Alfons Markuske, Guimarães, Peneda-Gerês, Porto, Portugal


