Von Berlin aus addiert sich die Anfahrt mit dem Auto zu einer Rundreise durch das nördliche und mittlere Portugal auf immerhin 2800 Kilometer. Da sind Zwischenstopps angeraten. Wir legen solche ein in Amnéville (nahe Metz), Bordeaux und im spanischen Palencia.
Beim ersten Tankstopp in Frankreich – böse Überraschung: Unsere Visa Card (ausgereicht von der ING, nicht als Kredit-, sondern als sogenannte Debitkarte), mit der wir zuvor das Hotel in Amnéville sowie Mautgebühren auf der Autobahn anstandslos begleichen konnten, wird als „ungültig“ zurückgewiesen. „Pas de problem“, denken wir, wozu gibt es Bargeld? Nur will das an dieser Tankstelle auch niemand haben. Gott sei dank reicht der Sprit noch bis zur nächsten, an der wir Cash loswerden. Das ist allerdings, diese Erfahrung steht uns noch bevor, in Frankreich inzwischen fast schon die Ausnahme. In Bordeaux stehen wir schließlich mit fast leerem Tank an der Zapfsäule: Visa Card abgelehnt, Barzahlung nicht möglich. Was nun? Pferde vorspannen? Ein freundlicher französischer Student hilft uns aus der Patsche, nimmt unsere baren Euros und verhilft uns mit seiner Kreditkarte zur Weiterfahrt nach Spanien. Dort und in Portugal ist unser Plastikgeld dann wieder uneingeschränkt gültig. Der Fortschritt bleibt halt janusköpfig, gegebenenfalls auch im banalen Alltag.
Apropos Bordeaux – hier legen wir einen Rasttag ein, denn das Flair dieser Stadt, aus deren Region große Geister hervorgegangen sind (Michel de Montaigne und Charles de Montesquieu), hatte uns schon bei einer früheren Gelegenheit in seinen Bann geschlagen (siehe Blättchen 10/2023).
Quirliges multiethnisches Gewusel in den Straßen der Altstadt, doch völlig ohne Hektik, von Aggressivität ganz zu schweigen. Zahlreich die Barockgebäude sakraler oder profaner Zweckbestimmung; dazu gut erhaltene großbürgerliche Wohn- und Geschäftshäuser diverser Epochen und Baustile sowie ebenerdig Hekatomben von kleinen Boutiquen – Fashion, Schuhe, Schmuck, zeitgenössische Kunst, Antiquitäten –, Cafés, Restaurants und dann das Ganze wieder von vorn. Gepflegte Parks und auf dem Kai am Ufer der Gironde lange Rabatten blühender Blumen. Die Gironde, gebildet durch den Zusammenfluss von Dordogne und Garonne, ist das größte Ästuar (trichterförmige Flussmündung) Westeuropas: etwa 75 Kilometer lang und bis zu 15 Kilometer breit.
Manches im historischen Zentrum von Bordeaux jedoch erscheint dem Besucher aus Berlin befremdlich: Kein mit einem euphemistischen „à donner“ („zu verschenken“) verbrämter Müll im Stadtbild, keine Kippen, Kaugummis, leere Flaschen und Getränkebüchsen auf Trottoirs und Plätzen. Keine Hundehaufen, nirgends. Dito E-Scooter. Und Graffiti? Fehlanzeige. Wie gesagt – befremdlich. Doch mal ehrlich: Man könnte sich sofort daran gewöhnen!
Bei unserem ersten Aufenthalt in Bordeaux hatten wir eine deutsche Hinterlassenschaft aufgesucht – die riesige Anlage oberirdischer U-Boot-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. So massiv aus Beton gefertigt, dass eine Sprengung nach Kriegsende nicht infrage kam; die Druckwelle hätte große Teile der Stadt zerstört. Heute ist die Anlage als Ausstellungsort für Videokunst die größte ihrer Art weltweit und unbedingt einen Besuch wert.
Dieses Mal zog es uns in die Cité du Vin, die als „Weinmuseum“ zu bezeichnen in mehrfacher Hinsicht daneben läge. Zum einen suchte man alte Weinpressen, -fässer und anderes historische Zubehör zur Herstellung bacchantischer Getränke darin vergebens, und zum anderen hat die Cité mit Museen herkömmlicher Art auch sonst nichts gemein. Geboten wird in einem futuristischen, eigens für die Cité errichteten Gebäude am Ufer der Gironde vielmehr ein einzigartiger multimedialer Themenparcours rund um die mehrtausendjährige Geschichte, Entwicklung und Verbreitung des Anbaus und der Produktion von Wein weltweit. Denn diese erfolgt heute, abgesehen von der Antarktis, auf allen Kontinenten. Selbst in den abgelegenen Archipelen Polynesiens mitten im Pazifik.
Etliche interaktive Ausstellungsstrecken – etwa zur Aromenvielfallt des Weines oder zur multiplen Wirkungsweise desselben auf den menschlichen Organismus – beziehen die Besucher direkt ein. Und da der Audioguide auf Deutsch zu haben ist, wird der Rundgang auch für des Französischen Nichtmächtige zum kognitiven Vergnügen. Das Magazin National Geographic hat die Cité du Vin völlig zu Recht auf Platz sieben der besten Museen der Welt gesetzt.
Mit dem Eintrittsticket erwirbt man übrigens zugleich die Möglichkeit zu einer kleinen Degustation: im achten, dem Aussichtsstockwerk der Cité kann man unter Weinen aus verschiedenen Anbaugebieten in Frankreich, Griechenland, Südafrika und anderswo wählen und ein Glas genießen. Von dort hat man zugleich einen Panoramablick über die gesamte Stadt, auf die nahegelegen U-Boot-Bunker ebenso wie auf die direkt neben der Cité befindliche Pont Jacques Chaban-Delmas, die nach dem aus Paris stammenden Dauerbürgermeister von Bordeaux (1947 bis 1990) benannte und ebenfalls futuristische Hubbrücke über die Gironde. Die ist dieses Mal geöffnet für die Durchfahrt eines Kreuzfahrtriesen aus Richtung Atlantik – ein imposantes Schauspiel –, der hernach am Kai anlegt.
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Beim Durchqueren Spaniens, in den ersten Maitagen, erfreut das Auge allenthalben an den Straßenrändern tiefrot blühender Klatschmohn. Auf den Masten von Hochspannungsleitungen, auf Kirchtürmen und -dächern sowie hier und dort auf Ruinen in der Landschaft – die Nester von Weißstörchen, in denen sich bereits der Nachwuchs zeigt.
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Unser erstes Quartier in Portugal nehmen wir auf einem ausgedehnten alten Weingut – Terra Rosa Country House & Vineyards – nahe Ponte de Lima, einer auf die Zeiten römischer Herrschaft zurückgehende Ortschaft.
Bereits beim Verlassen des Autos umfängt uns der betörende Duft des hier üppigst blühenden Sternjasmins. Die Orangenbäume auf dem zum Weingut gehörenden ausgedehnten Grundstück tragen verzehrreife Früchte. Zahlreiche jahrhundertealte Olivenbäume von einer Größe, wie wir sie nie zuvor gesehen haben, spenden Schatten. Um das historische Mauerwerk der Gebäude und auf von der Sonne erwärmten steinernen Bodenplatten tummeln sich Eidechsen. Eine Bachstelze wippt über die von zwei flachen Mährobotern kurz gehaltene Rasenfläche.
Ein Abstecher am nächsten Tag führt uns hinauf bis auf 1400 Meter Höhe in das kleine Dorf Soajo, dessen Hauptstraße heute vor allem von Wochenend- und Ferienhäusern gesäumt ist. Errichtet in regionaltypischer Bauweise wirken sie im Erscheinungsbild des Ortes zumindest nicht wie fehlplatzierte Fremdkörper.
In Vorgärten wie auch beim Friedhof des Ortes blüht Callistemon, ein ursprünglich aus Australien stammender Vertreter der Myrtengewächse. Die Form der leuchtend roten Blüten – hier animieren sie eine Heerschar dicker Hummeln zum eifrigen Nektarsammeln – hat der Pflanze im Volksmund den Namen „Flaschenputzer“ beschert. Auch blühende Strelitzien und Callas fallen ins Auge; die hatten aus dem südlichen Afrika einen entschieden kürzeren „Anmarschweg“.
Am Rande des Ortes thronen auf einem leicht erhöhten kahlen Felsplateau über 20 massive Espigneiros (Getreidespeicher). Aus monolithischen, bearbeiteten Granitblöcken auf steinernen, bis zu knapp einem Meter hohen Stützpfeilern zusammengequadert und an den Längsseiten eierschneiderartig mit so schmalen Luftschlitzen versehen, dass selbst Mäusen der Zutritt verwehrt bleibt, schützten sie früher die überlebenswichtige Ernte vor Fressfeinden ebenso wie vor Wind und Wetter. Letztere haben ihre Spuren hinterlassen, so dass diese wuchtigen Zeitzeugen wirken, als hätten schon die Römer sie gesehen. Doch sie stehen hier erst seit dem 18. Jahrhundert.
Wird fortgesetzt.
Schlagwörter: Alfons Markuske, Bordeaux, Portugal


