Die Zeiten ändern sich

von Jürgen Hauschke

Come writers and critics

Who prophesize with your pen

And keep your eyes wide

The chance won’t come again

And don’t speak too soon

For the wheel’s still in spin

And there’s no tellin’ who that it’s namin’.

For the loser now will be later to win

For the times they are a-changin’.

Bob Dylan, The Times They Are a-Changin’

(Übersetzung hier)

Etwas salopp formuliert, könnte man sagen, das ist die Quintessenz des neuen Buches eines – ja, was ist er eigentlich? – Schriftstellers und gleichzeitig Literaturwissenschaftlers: Die Zeiten ändern sich. Nur, wäre das zu kurz gedacht?

Dirk von Petersdorff, 1969 in Kiel geboren, Studium der Germanistik und Geschichte, seit 2008 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, stand von Jugend an auch „auf der anderen Seite der Barrikade“, wie mancher formulieren würde. Neben der akademischen Vita eines Literaturwissenschaftlers schrieb und veröffentlichte er Gedichte, Erzählungen und Essays. So viele von dieser Sorte begabter Menschen gibt es nicht. Man muss schon überlegen: Heinrich Detering, Walter Höllerer oder Wulf Kirsten könnten beim Nachdenken in den Sinn kommen.

Petersdorff ist außerdem auch erfolgreicher Herausgeber von Lyriksammlungen wie „Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten“ oder „Gedichte für ein gutes Leben“. Vor einiger Zeit besprachen wir unter anderen den von ihm herausgegebenen Gedichtekalender (Blättchen, Heft 17/2023).

Nun also: Wir Kinder der Leichtigkeit. Unsere Geschichte seit den Siebzigern. Die Personalpronomen im Buchtitel verweisen generalisierend auf eine große Gemeinschaft. Tatsächlich erweist sich, dass die „Kinder der Leichtigkeit“ Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geboren wurden, der zweiten Hälfte der Boomer-Generation angehören, in der alten Bundesrepublik lebten, aus liberalen bürgerlichen Verhältnissen kamen und Geisteswissenschaften studierten. Das Wir in unserer Geschichte gehört zu einer sehr speziellen Kohorte von Menschen.

Dennoch lohnt ein Blick in den schmalen Band.

Das Buch verbindet persönliche Reflexion, literarische Beobachtung und kulturhistorische Analyse. Petersdorff zeigt, wie seine Generation, geprägt von Wohlstand, Freiheit und Aufbruchsstimmung, ihre eigene Geschichte zwischen Subjektivität und Zeitkolorit erlebte. Dabei oszilliert der Text zwischen essayistischer Selbstverortung und allgemeiner Generationsdiagnose, zwischen Erzählung und Sachbuch mit Literaturverzeichnis und Register. Ein literarisches oder sachliches Genre ist nicht festzumachen.

In 176 kompakten Seiten schafft es Petersdorff, ein Panorama der (alten) Bundesrepublik seit den siebziger Jahren zu entfalten, das sowohl nostalgisch als auch kritisch wirkt. Neben literarischen Anspielungen fließen gesellschaftliche Entwicklungen, kulturelle Eigenarten und persönliche Erinnerungen ein. Das Buch richtet sich an Leser, die die Dynamik dieser Zeit nachvollziehen oder sich selbst darin wiederfinden wollen.

Der erste Teil umfasst die Zeit von den „späten Siebzigerjahren bis zur Jahrtausendwende“. Der zweite Teil von 2001 (nine/eleven) bis heute. Im dritten schließlich sucht er „Lebensformen der Gegenwart“ in der Gegenwartsliteratur. Der Literaturwissenschaftler gibt seinem Affen Zucker und das durchweg auf hohem – auch literaturtheoretischen – Niveau.

Bedauerlich ist nur, dass bis auf Ausnahmen (Clemens Meyer, Halle/Saale, Jon Fosse, Norwegen) fast ausschließlich in der alten Bundesrepublik geprägte Schriftsteller besprochen werden (Hertha Müller, Saša Stanišić, Judith Hermann, Benjamin von Stuckrad-Barre, Wolfgang Herrndorf). Da verwundert es auch nicht, obwohl der Autor seit Jahren an der Thüringer Universität Jena lehrt, wenn der Osten Deutschlands nur in Nebenaspekten eine Rolle spielt.

Die soziale Blase des Dirk von Petersdorff wird nicht durchbrochen. Allenfalls der Fall der Mauer im November 1989 überrascht den eine neue Wohnung malernden ungläubigen jungen Mann, als er am 10. November beim Bäcker auf eine Zeitung blickt …

Trotzdem ist das Buch so suggestiv geschrieben, dass der Leser, an den Text gefesselt, versucht, dem autobiographischen Erkundungsritt zu folgen und die beschriebene Generation in ihren Brüchen zu verstehen.

Das Fazit des bekennenden Verehrers von Bob Dylan, der bekanntlich verdient als erster Singer-Songwriter 2016 den Literaturnobelpreis erhielt: Die Zeiten ändern sich. Das gilt, wir wissen es, für uns alle.

Dirk von Petersdorff: Wir Kinder der Leichtigkeit. Unsere Geschichte seit den Siebzigern, C.H. Beck, München 2026, 176 Seiten, 23,00 Euro.