Diesmal: „Der Geizige“ – Schaubühne / „39 Stufen“ – Kriminaltheater
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Schaubühne: Reicher Geizhals, arme Sau
Ach, auf den ersten Blick wirkt er ja ganz nett, der lustlos dreinblickende Chef vom Autohaus nebenan: Gerade 50, Glatze, Schnäuzer, Anzug. Immerhin, zum Start in den Büro-Alltag säuselt er ein Liedchen: „Desperate Man Blues“. Passt zur Stimmungslage. Dann der Griff in die Fast-Food-Tüte. Mürrisch mampft er das „Happy Meal“ von Uber. Ein gestandener Mann mit Bauch in den besten Jahren. Die Kinder erwachsen, aber naja … Die Frau tot. Der Rest Idioten. Wie verloren hockt er in seinem schicken Neuwagen-Salon, den Jaguar im Showroom (Bühne: Magda Willi). Ohne Liebe. Aber mit sehr viel Geld.
Und Geld ist das Stichwort für Lars Eindinger in der Titelrolle von Molières Komödie „Der Geizige“. Geld elektrisiert. Da ist das Nette plötzlich weg. Und die Augen funkeln, als Herr und Meister Harpagon in die Hosentasche greift, ein dickes Bündel Scheine herauszieht und nachzählt: Eine Million Euro! Hoffentlich hat ihn niemand beobachtet. Also schnell weg mit der Knete ins Versteck, den Big Boss rausgelassen und die auftauchenden Mitarbeiter begrüßt. Wie immer mit einem cholerischen Zusammenschiss. Wegen Faulheit, Blödheit, Unfähigkeit. Und überhaupt, weil er sie alle, samt den mitarbeitenden Kindern, verachtet. Weil alle ihm auf die Nerven gehen und alle Welt scharf ist auf sein Geld.
Klar, die Jagd nach Knete treibt jeden an. Mehr oder weniger. Geldverdienen ist keine Schande. Doch rücksichtslose Gier, grenzenloser Geiz, das ist krank – die Diagnose für Harpagon. Das Geld ist ihm Ersatz für die Liebe, und Liebe nicht zu denken ohne Geld. Das wiederum, gekoppelt an Gier und Geiz und Ausbeuterei, ist ihm Lebenszweck. Er gleicht einem Monster. Bei allen hier in seiner Fahrzeugfirma heißt er hinterrücks nur „Arschloch“.
Und als solches rollt er, Schmerz und Unheil verbreitend, durch den von Maja Zade mit saftig Berliner Gegenwartsdeutsch überschriebenen Komödienklassiker. Den allerdings hat Regisseur Thomas Ostermeier rabenschwarz grundiert.
Freilich, der agile Eidinger darf all sein Können ausleben als großer Showmaster des Slapsticks. Und doch bleibt er bei allem akrobatischen Allotria, bei all der grotesken Aashaftigkeit, von der seine Figur geprägt ist, der an Finessen reiche Darsteller eines von seelischen Nöten geplagten, von wahnhaften Zwängen getriebenen Menschen. Eidinger macht den geilen Geizhals. Und in trüben Momenten die arme Sau.
Das vor allem macht die verrückte, um Heiratswünsche und Herzensergüsse, Demütigungen und Lügen kreiselnde Show stark. Rückt sie, ungeachtet des boulevardesken Flitters, der Kalauer, der bissigen Pointen („bei Euerm Jugendwahn ist Alter Underground“) und der reichlich gestreuten Running-Gags fort von den Flachwassern wohlfeilen „Lachtheaters“. Wir schauen zunehmend betroffen auf ein scharfes Stück aus dem Tollhaus voller Gewalt und Machtmissbrauch (aktuell gesellschaftskritische Hiebe nach Links und Rechts eingeschlossen). – Sehen aber auch ein Stück über Opportunismus. Über die Angst, die Feigheit, Lüsternheit und Arschleckerei der das Gravitationszentrum Harpagon intrigant umwuselnden Typen – präzis satirisch konturierte Auftritte im fliegenden Wechsel: Robert Beyer, Cathleen Gawlich, Magdalena Lerner, Pablo Moreno, Mano Thiravong, Falk Rockstroh.
Besonders hervorstechend: Der spannungsgeladene Generationenkonflikt zwischen Vater Harpagon und Sohn Cléante (Damir Avdic). Da prallen jugendlicher Hedonismus und rasende Verliebtheit auf Kälte, Abwehr sowie den freundschaftlichen Rat: „Schau keine Pornos, wähl nicht die Grünen, sei selbstbewusst, geh raus an die frische Luft, steh zu dir. Und vor allem, lass dir nicht einreden, dass du lieb, schwach, soft und links zu sein hast. Echte Männer sind rechts.“
Regisseur Ostermeier und seine brillante Autorin Zaade blieben Molière treu und verankern seinen kritischen Geist gekonnt im Heute. Sein Eiapopeia-Finale jedoch lasen sie beiseite. Die böse schillernde Sause im Intrigantenstadl der Mittelklasse trudelt nach knapp zwei Stunden irritierend ins Düstere, allseits Unzufriedene. Man weiß nicht recht, wie weiter; leckt Wunden und zieht sich zurück ins Ego-Loch. Tja, ziemlich bitter.
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Kriminaltheater: Hitchcock-Kabarett
Die Arena in London ist brechend voll, doch beim Auftritt des sensationellen Gedächtniskünstlers Mr. Memory herrscht Totenstille. Selbst Kniffligstes, aus dem Publikum zugeworfen, beantwortet er korrekt. Die Leute sind perplex, begeistert. Und inmitten des Jubels kracht ein Schuss. Panik. Ein Richard Hannay stürzt ins Freie. Eine Frau Annabella klammert sich an ihn, bleibt bei ihm über Nacht. Am Morgen hat sie ein Messer im Rücken. Und stammelt mit letzter Kraft: „39 Stufen, ein Mann mit halbem Finger, eine Geheimformel …“ Dann ist sie tot.
Soweit die Ausgangslage des Hitchcock-Filmklassikers „39 Stufen“ von 1933. Dessen gleichfalls berühmte und vielgespielte Kurzfassung für vier Schauspieler schnappte sich jetzt die Krimi-Kleinbühne im Friedrichshainer Umspannwerk Ost.
Kurz gesagt, es geht um die irre Fluchtgeschichte des als Frauenmörder polizeilich verfolgten Hannay, der, um seine Unschuld zu beweisen, zugleich nach dem Bösewicht mit halbem Finger und den seltsamen 39 Stufen samt ominöser Formel sucht. Wobei eine gewisse Pamela mitmacht; nach erotischem Hickhack, versteht sich. Sie ist britische Geheimagentin, nur so viel sei verraten. Und die ominöse Formel hat zu tun, größer geht’s nicht, mit der Sicherheitspolitik der britischen Regierung.
Die mörderische Spiogenten-Story verläuft über pittoreske Schauplätze: Etwa das Palladium in London, ländliche Gasthöfe, hohe Brücken, enge Eisenbahnabteile und eine schottische Farm für Schafzucht. Im Film gibt es an die 100 Rollen und Röllchen, für die Bühne immerhin knapp die Hälfte. Was daraus folgt, ist der eigentliche Clou dieser Krimikomödie: nämlich der wirklich rasende Wechsel der so gegensätzlichen Szenerien und Figuren.
Da bleibt allein Mister Hannay (Johannes Kalle Schäfer) wer er ist. Mascha Stummer ist Annabella und Pamela. Den Rest vom üppigen Personal teilen sich in witzigsten Verkleidungen und atemberaubender Schnelligkeit Miriam Kohler und Katrin Schwingel.
Regisseur Ulf Schleiff, Debütant im Krimitheater, organisiert die Chose mit überbordender Fantasie gemeinsam mit dem hauseigenen „Team Ausstattung“. Denn die Show funktioniert vor allem durchs präzise Timing von Geräuschen, Musiken, Lichtstimmungen und signifikanten Requisiten im multiplen Bühnenbild mit vielen Versatzstücken. Und mit Tempo, Tempo.
Wir ahnen: Schweißtreibende Proben. Denn die Regie scheint alles einbringen zu wollen, was man so kennt an Gags, Slapstick, Groteske. Dazu gelegentliches Heraustreten aus den Rollen mit frecher Frozzelei über Backstage-Probleme. Freilich, da verrutschen mitunter noch szenische Schärfen – doch das wird noch. Hauptsache: Die Hochgeschwindigkeit bleibt, wie sie ist. Und wir rufen erstaunt: Hallo, die Krimi-Komödianten können auch Brettl, kabarettistisch gefärbt. Können – klippklapp – Krimi-Entertainment.
Schlagwörter: Johannes Kalle Schäfer, Kriminaltheater, Lars Eidinger, Reinhard Wengierek, Schaubühne






