Hier liegen meine Gebeine. / Ich wollt‘, es wären Deine.“ Der deutsche Schriftsteller und Satiriker Carl Julius Weber (1767-1832) schlug für sich selbst diese Grabinschrift vor und verfügte, dass an seinem Grab Zigarren geraucht und Purzelbäume geschlagen werden sollten. Die Familie wollte das aber nicht und wählte andere Worte. So kann‘s halt gehen mit dem letzten Willen …
Schon der Altmeister der Kriminalistik Hans Gross hatte 1901 darauf hingewiesen, dass oft Skelette von Menschen gefunden würden, bei denen der Verdacht bestände, dass an ihnen ein Verbrechen verübt worden sei, „verscharrt oder anderweitig verborgen, frei liegend im Hochgebirg, im Wasser liegend u.s.w.“ Die Frage sei dann immer: Wer war diese Person und wie hat sie ausgesehen? Oder: War das die oder der Vermisste?
Wenn ein skelettierter Schädel aufgefunden wird, kommt die Wissenschaft ins Spiel. Der Leipziger Anatom Wilhelm His (zusammen mit dem Bildhauer Carl Ludwig Seffner und unter Nutzung der Methode seines Anatomie-Kollegen Hermann Welcker, auf die noch einzugehen sein wird) hatte 1895 versucht, „mit Hilfe eines scharfsinnig erdachten und sorgfältig erprobten Verfahrens auf dem Schädel des Musikers Joh. Seb. Bach“, so Gross, „dessen Physiognomie zu reconstruieren“. Denn es war tatsächlich Johann Sebastian Bach, dessen Eichensarg 1750 – 144 Jahre nach seinem Tod – auf dem Johannisfriedhof in Leipzig aufgefunden werden konnte.
Lange Streit hingegen gab es, welcher Schädel denn nun der des großen Dichters Friedrich Schiller ist. Am 29. Dezember 1826 hatte Goethe seinen Gästen Wilhelm von Humboldt und dem Philologen Friedrich Wilhelm Riemer im Haus am Frauenplan den Schädel Schillers gezeigt, der in einem mit Silber eingefassten Glaskasten auf einem blausamtenen Kissen ruhte. Humboldt und Riemer waren die Einzigen, die den Schädel sahen, und Goethe sprach auch mit Niemandem sonst über diese Reliquie.
Schiller war am 9. Mai 1805 in seinem Haus an der Weimarer Esplanade gestorben und drei Tage später in der sogenannten Fürstengruft im Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof bestattet worden. Schon 1820 wünschte sich Charlotte von Schiller, den Leichnam ihres Mannes auf den Weimarer Hauptfriedhof umzubetten, aber erst 1826 fing man an, nach dem Sarg Schillers zu suchen. In der modrigen Gruft nur Verfall und Verwesung. 23 Schädel wurden geborgen und Weimars Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe zur Identifizierung und Aufbewahrung übergeben. Der schaute sich die Schädel an und kam zu dem abenteuerlichen Schluss, dass der größte der von Schiller sei. Der Schädel wurde vermessen; die Maße stimmten mit der Tonbüste überein, die nach der Totenmaske geschaffen worden war. Drei herbeigerufene Mediziner befanden ebenfalls: Dies sei Schillers Schädel!
Hermann Welcker legte ab 1883 den Grundstein für die Methode der Skulpturrekonstruktion und für die Identifizierung von Schädeln durch Vergleich mit Totenmasken und Porträts, und er befand nach der Untersuchung des Schädels – welch ein Schreck! –, dass sich der Bürgermeister geirrt habe: Das sei Schiller mitnichten!
Das Verwirrspiel ging weiter. 1911 grub man aus dem Kassengewölbe noch einmal 63 Schädel aus, und man behauptete, jetzt den wahren Schiller-Schädel gefunden zu haben. Wieder stritt die Fachwelt. Sogar der bekannte sowjetische Archäologe und Anthropologe Michail Gerassimow wurde 1961 zu Rate gezogen, der ein eigenes Rekonstruktionsverfahren entwickelt hatte, das in der Sowjetunion mit einigem Erfolg als kriminalistische Identifizierungsmethode benutzt worden war. Gerassimows fertige Rekonstruktion anhand des ursprünglichen Schiller-Schädels sah aus wie der Dichter – womit Bürgermeister Schwabe einen späten Erfolg feierte.
Alles Schnee von gestern, denn neuere DNA-Analysen der Gebeine von Schillers Schwestern und ein Vergleich dieser DNA mit der aus den Zähnen der beiden fraglichen Fürstengruft-Schädel ergab: Keiner der beiden Schädel gehört Schiller. Goethe hatte also ehrfurchtsvoll den falschen bestaunt. So ist Schillers Eichensarkophag in der Fürstengruft neben dem von Goethe jetzt – leer. Die Suche nach dem wahren Schädel wurde eingestellt …
Und wie „lieh“ sich Goethe „Schillers Schädel“? Als Vertrauter des Bürgermeisters Schwabe hatte er Zugang zum Schlüssel für den Aufbewahrungsort der zunächst aufgefundenen 23 Schädel …
Rätselhaft waren die Ereignisse um den englischen König Richard III., der am 22. August 1485 in der Schlacht von Bosworth, in der es um die Krone Englands ging, von einem walisischen Adligen erschlagen worden sein soll. Der König wurde in der damaligen Kirche The Grey Friars, die zum Franziskanerkloster in Leicester gehörte, von seinen Feinden unter dem Chor verscharrt – nackt und ohne Sarg. Das Kloster löste Heinrich VIII. 1538 auf, das gesamte Gelände verkaufte man. Die Kirche und die Klosterbauen verfielen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Areal immer dichter bebaut, aber es gab noch freie Flächen. Sogar einen Parkplatz!
Als Phillipa Langley, eine britische Amateur-Archäologin und Mitglied der Richard III.-Gesellschaft, auf dem Parkplatz des Sozialamtes Leicester stand und ein „R“ auf dem Boden sah, hatte sie intuitiv das starke Gefühl, dass sie sich über dem Grab von Richard III. befand. Natürlich stand „R“ für reserviert, aber sie ließ nicht locker und regte umfangreiche Ausgrabungen an. Am 12. September 2012 fand man dabei ein menschliches Skelett mit mehreren Verletzungen, wobei einige wohl erst aus Hass und Wut nach dem Tod zugefügt worden waren. Zwei schwere Hiebverletzungen am Kopf – mit einer Hellebarde und einem Schwert – waren todesursächlich.
Das Ergebnis aller Untersuchungen erstaunt nun nicht mehr: Ja, es ist der Schädel von Richard III.! Entscheidend für die Identifizierung war die DNA-Analyse. Den Wissenschaftlern gelang es, einen direkten Nachkommen von Richards Schwester Anne of York zu finden, den Tischler Michael Ibsen. Die Übereinstimmung war noch in der 17. Generation perfekt. Natürlich wurde das Gesicht des Königs rekonstruiert. Am Skelett fand man im Übrigen auch eine Skoliose des Rückgrats, die von Richard III. überliefert ist.
Die Gebeine wurden in der Kathedrale von Leicester in einem Bleisarg bestattet. Auf einem Gedenkstein im Chor der Kathedrale lesen wir: „Richard III., König von England, ermordet auf dem Bosworth-Feld in dieser Grafschaft am 22. August 1485. Begraben in der Kirche The Grey Friars in dieser Gemeinde.“
In Leicester gibt es jetzt einen ausgesprochenen Richard III.-Tourismus und eine sachgerechte Aufarbeitung der Vergangenheit. Denn zeitgenössische Quellen sprechen von dem König sehr löblich; er wird als „guter Herr“, als „Beschützer der Schwachen und Unterdrückten“, als ein Herrscher mit „weitem Herzen“ charakterisiert. Touristen aus England und der ganzen Welt wollen das Grab besuchen und damit wieder gutmachen, dass Shakespeare ihn in seiner Tragödie „Richard III.“ als niederträchtigen Machtmenschen und unaufrichtigen, falschen und skrupellosen König darstellte – weil der große Dramatiker der damaligen „Siegerjustiz“ glaubte.
Wie wir wissen, führt das auch heute noch zu schwerwiegenden Fehlern bei der Einschätzung von Personen und Ereignissen.
PS: Die auf Richard III. als letzten König aus dem Haus York (Plantagenet) folgenden Tudors verschafften sich den Thron unrechtmäßig und setzten viel daran, dies durch Verteufelung des Vorgängers zu kaschieren. Die Aufklärung dieses royalistischen Kriminalstücks ist spannend nachzulesen bei Josephine Tey: „Daughter of Time“ (deutsch: „Alibi für einen König“). Und dass dem Schauspieler Lars Eidinger jüngst bei einer Aufführung von „Richard III.“ in der Berliner Schaubühne sein Degen aus der Hand gerutscht war und der Griff eine Besucherin in der ersten Reihe am Kopf traf und leicht verletzte, tut der Rehabilitierung des Königs auch keinen Abbruch.
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