Das Wort Zoll ist eines der Lieblingswörter von Donald Trump. Jedenfalls behauptet er dies.
Als wirtschaftspolitisches Instrument und Mittel, um Handelsströme zu regulieren und in Schieflage geratene Bilanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, gehören Zölle jedoch eher der Vergangenheit an. Im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung waren sie deshalb fast schon aus der Weltwirtschaft verschwunden oder wurden auf ein absolutes Minimum abgesenkt.
Dass Trump hier, indem er in seiner Außenhandelspolitik auf das Instrumentarium der Zölle zurückgreift, einen dezidiert anderen Kurs verfolgt als der Rest der Welt, ist allerdings nicht allein seinem rückwärtsgewandten Denken und seinem erratischen Politikstil geschuldet. Es gibt hierfür vielmehr handfeste ökonomische Gründe. In erster Linie die Tatsache, dass die USA mehr als jedes andere Land im Außenhandel ein riesiges Ungleichgewicht verzeichnen, einen enormen Importüberschuss, worauf sie irgendwann mit geeigneten Maßnahmen reagieren müssen. Sei es durch eine massive Abwertung des US-Dollars, eine Exportoffensive auf dem Weltmarkt, eine Expansion der heimischen Produktion durch massive staatliche Investitionen – oder eben durch die Erhebung hoher Einfuhrzölle.
Trump hat sich für den restriktiven Weg entschieden, für eine generelle Reduzierung der Importe durch Zölle. Und er setzt die dafür notwendigen zollpolitischen Maßnahmen auf eine Art und Weise durch, die seinem Charakter und Politikstil entspricht: willkürlich, chaotisch und ohne hinreichende juristische Begründung und Absicherung. Zuletzt hat ihn nun der Oberste Gerichtshof der USA, der Supreme Court in Washington D.C., ausgebremst, indem er ihm für 75 Prozent der Zolleinnahmen die rechtliche Grundlage absprach. Das betrifft einen Großteil der Zölle, die der US-Präsident im April vergangenen Jahres selbstherrlich erlassen hatte, und zwar auf Einfuhren aus fast allen Ländern der Welt. Die Richter beanstandeten, dass die Zölle illegal erhoben wurden, da der Präsident auf Grundlage des dafür herangezogenen Gesetzes aus dem Jahr 1977 nicht das Recht habe, ohne Zustimmung des Kongresses Zölle zu erlassen. Trump reagierte auf das höchstrichterliche Urteil, indem er die Richter beschimpfte und sie als „Trottel und Schoßhunde“ beleidigte. Von seiner Zollpolitik aber ließ er nicht ab. Statt diese zu revidieren, verhängte er neue Zölle auf Basis anderer Gesetze, womit der Rechtsstreit in eine neue Runde geht und das Chaos im Welthandel anhält.
Man kann davon halten, was man will. Dass die VR China und die Bundesrepublik Deutschland als die beiden größten Exportnationen die größten Gegner der Zollpolitik von Trump sind, darf aber niemanden verwundern. Werden ihre Volkswirtschaften dadurch doch empfindlich und mehr als die anderer Länder getroffen. Das chinesische und das deutsche Eintreten für einen „freien Welthandel“ ohne Zölle und andere Beschränkungen ist daher keineswegs uneigennützig. Beide Länder vertreten hier lediglich ihre nationalen Interessen beziehungsweise die ihrer vom Export abhängigen Unternehmen. Und das keineswegs immer sehr leise und rücksichtsvoll, sondern durchaus lautstark und mitunter auch ziemlich brutal. Ganz genau wie Trump, der mit seiner rücksichtslosen Zollpolitik auch nur die nationalen ökonomischen Interessen der USA vertritt.
Zudem darf man nicht übersehen, dass Donald Trump der erste US-Präsident ist, der ernsthaft versucht, auf den immer weiteren Anstieg des Handelsbilanzdefizits wirksam zu reagieren. Und das nicht gänzlich ohne Erfolg, wie die Bilanz seines ersten Amtsjahres zeigt. So ist es 2025 gelungen, den Anstieg des Importüberschusses der USA vorerst zu stoppen. Übertrafen die Importe von Waren und Dienstleistungen die Exporte 2024 noch um 903,5 Milliarden US-Dollar, so waren dies 2025 nur noch 901,5 Milliarden. Die Auswirkungen, die dies für andere Länder hat, sind differenziert zu beurteilen. So ist der deutsche Exportüberschuss im Handel mit den USA 2025 trotz des Status der USA als wichtigster Abnehmer deutscher Waren überproportional gesunken: Der Saldo fiel, getrieben durch sinkende Autoexporte, auf 51,9 Milliarden Euro zugunsten Deutschlands, nachdem er 2024 noch bei 69,6 Milliarden gelegen hatte. Ähnliches gilt für China: Auch hier sind die Exporte in die USA eingebrochen, und zwar um rund 20 Prozent, was einen dramatischen Rückgang des Handelsvolumens bedeutet. Da sich die Zollpolitik Trumps ganz besonders gegen China richtet, ist dies für ihn als „Erfolg“ zu werten.
Ein ähnliches Bild vermitteln andere makroökonomische Daten: So erhöhte sich das BIP der USA – unter Inkaufnahme immenser ökologischer Schäden und verstärkter Ausbeutung – um 2,2 Prozent. Übereinstimmend damit entwickelten sich Beschäftigung und Einkommen positiv: Noch nie waren so viele Menschen in den USA „in Arbeit“ wie 2025, nämlich 164 Millionen. Sogar die Arbeitslosenquote ist gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken, von 4,4 auf 4,3 Prozent. Damit herrscht in den USA faktisch Vollbeschäftigung. Und auch die Inflationsrate hat sich auf 2,7 Prozent verringert. 2024 hatte sie noch bei knapp drei Prozent gelegen. Da die Löhne 2024 und 2025 schneller gestiegen sind als das Preisniveau, verzeichneten auch die Realeinkommen einen leichten Anstieg. Von Januar 2025 bis Januar 2026 erhöhten sich die realen durchschnittlichen Stundenlöhne in den USA um 1,2 Prozent.
Dies alles ist freilich noch längst nicht das „goldene Zeitalter“, das Trump seinen Wählern versprochen hat. Es ist aber mehr, als viele seiner Kritiker im ersten Jahr der zweiten Präsidentschaft Trumps erwartet hatten.
Der wichtigste Effekt seiner Zollpolitik dürfte jedoch das Einnahmeplus im Staatshaushalt sein. Schätzungen zufolge waren dies im zurückliegenden Jahr rund 250 Milliarden US-Dollar. Den größten Teil davon haben US-Unternehmen bezahlt. Sie fordern ihr Geld nun zurück, nachdem der Supreme Court einen Großteil der Zölle für unrechtmäßig erklärt hat. Ein Teil dieser Kosten aber wurde bereits an die Verbraucher weitergegeben und schlägt sich in den steigenden Lebenshaltungskosten nieder. Hier ist nicht mit einer Rückgabe zu rechnen.
Trotz offener Fragen und ausstehender Gerichtsurteile vermitteln die ökonomischen Daten für 2025 nicht den Eindruck eines kompletten Scheiterns. Dies gilt selbst für Trumps Zollpolitik. Dass es trotzdem in den USA eine wachsende Unzufriedenheit gibt und die Umfragewerte für Trump seit Monaten sinken, ist darauf zurückzuführen, dass er im Wahlkampf weit mehr versprochen hatte, als er bis jetzt in der Lage war einzulösen. Hinzu kommt, dass viele Menschen Trumps Einwanderungspolitik, das rigorose Vorgehen der zuständigen Behörde ICE, Trumps immer abenteuerlicher werdende Außenpolitik, den Krieg mit dem Iran, den Umgang des US-Präsidenten mit den Medien und nicht zuletzt seine immer wieder peinlich wirkenden, von Narzissmus und notorischen Lügen gekennzeichneten öffentlichen Auftritte ablehnen. Hier liegen die Ursachen dafür, dass Trump vielleicht politisch stolpern könnte. Weniger aber in der Zollpolitik und deren Wirkungen auf die US-Wirtschaft.
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