29. Jahrgang | Nummer 3 | 9. Februar 2026

Wörlitz verneigt sich vor Erhard Hirsch

von Detlef Jena

Die Bilder haben sich fest eingeprägt: Als im Juli 2018 im Wörlitzer „Grauen Haus“ , dem historischen Palais der Fürstin von Anhalt-Dessau, die Ausstellung „Angelika Kauffmann – Unbekannte Schätze aus Vorarlberger Privatsammlungen“ eröffnet wurde, besuchte der bereits hoch betagte Erhard Hirsch den Festakt. Jeder Gast konnte spüren, welche Aufmerksamkeit und Ehrfurcht diesem von Gestalt kleinen Mann entgegengebracht wurde. Tatsächlich gab es wohl auch in dieser Zeit nur wenige Persönlichkeiten, die das Wesen des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs wissenschaftlich so quellensicher erfasst, umfassend dokumentiert und lebendig dargestellt haben wie Erhard Hirsch.

Der 1928 in Leipzig geborene Hirsch studierte von 1948 bis 1953 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg klassische Philologien und Germanistik. Nach dem Examen war er zunächst an der von Werner Peek besorgten Ausgabe des „Lexikons zu den Dionysiaka des Nonnos“ beteiligt. Er blieb seiner Universität treu und diente ihr bis zum formalen Ende seiner Berufstätigkeit eher unauffällig als Lehrer für alte Sprachen.

Doch welch ein Kontrast bestand zwischen dieser Kärrnerarbeit und der eigentlichen Lebensleistung Erhard Hirschs! Bereits in den 1950er Jahren begann er sich intensiv mit der Geschichte und Realität des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises zu beschäftigen. Seinem beharrlichen Drängen war es vor allem zu verdanken, dass 1967 die von der Universität in Halle und dem Oberbürgermeister Dessaus patronierte „Kommission für die Erforschung und Pflege des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises“ gegründet wurde. Es war damals eine Kommission, die den kulturpolitischen Zielen der DDR-Führung dienen sollte.

Erhard Hirsch geriet als deren Sekretär in eine wenig beneidenswerte Position. Er musste seinem Weg zwischen dem offiziellen politischem Willen und der von ihm bevorzugten historischen Wahrheit finden. Trotz aller Probleme, sowohl an der Universität Halle als auch in den damaligen „Staatlichen Schlössern und Gärten Wörlitz“ fand er Verbündete. 1969 formulierte er in der eigenen Dissertation Schwerpunkte seiner zukunftsträchtigen Forschungen, die auf dem Dessau-Wörlitzer außergewöhnlichen Phänomen deutscher Geschichte beruhten und gab ihr den damals politisch nicht ungeschickten Titel: „Progressive Leistungen und reaktionäre Tendenzen des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises in der Rezeption der aufgeklärten Zeitgenossen 1770–1815“.

Sein Credo: Der aufgeklärte Kulturkreis Dessau-Wörlitz entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts unter der Federführung des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau (1740-1830). Die durch den Fürsten initiierten modernen Bildungsinhalte, die im „Philanthropin“ gelehrt wurden, sorgten in ganz Deutschland für Aufmerksamkeit, weil sie mit einer aufgeklärten Wirtschafts- und Sozialpolitik verbunden wurden, die alle gesellschaftlichen Bereiche, die Kunst und die Literatur erfassten und auf exzellente Weise in dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich kulminierte. „Fort, fort, der Südost fliegt gerade über Wörlitz“, rief der Dichter Jean Paul von Dresden aus und das Echo erklang aus London ebenso wie aus St. Petersburg, Paris oder Wien. Fürst Franz galt als Hoffnungsträger einer modernen Zeit in Europa. „Hier ists iezt unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen“, schwärmte Goethe 1778 und Wörlitz wurde zum Sehnsuchtsort der aufgeklärten Welt. Hirschs Blick auf den Fürsten Franz war in den 1960er Jahren innerhalb der biographischen DDR-Historiographie noch in weiter Ferne.

Das 19. Jahrhundert wurde das Jahrhundert Preußens und seines Aufstiegs zur Großmacht im Deutschen Reich. Das Erbe des einstigen „Friedensfürsten“ Franz, der selbst Friedrich dem Großen die Stirn geboten hatte, verkam zwar nicht und wurde weiter gepflegt. Aber es büßte seinen epochemachenden Glanz ein. Bis zur Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Da begann die bahnbrechende Leistung Erhard Hirschs.

Es war natürlich nicht alleine sein persönliches Verdienst, das einstige „Gartenparadies“ Dessau-Wörlitz zu neuem Leben zu erwecken. Aber durch seine wissenschaftlichen Leistungen und in einer überzeugenden Flut von Publikationen verlieh er der Geschichte des „Vaters“ Franz und des Gartenreichs eine neue und moderne Realität. Seine Habilitationsschrift „Ein Garten für Menschen: Praktizierter aufgeklärter Humanismus“ die er im Jahre 1992 vorlegte, spiegelte das eigene Lebenswerk in vorbildlicher Weise. Sie stand im Einklang mit so bekannten Publikationen wie „Dessau-Wörlitz – Aufklärung und Frühklassik“, „Von deutscher Frühklassik“ oder dem voluminösen Band „Kleine Schriften zu Dessau-Wörlitz“. Erhard Hirsch besaß in dem großen Ensemble der Architekten, Gärtner, Kunsthistoriker oder Restauratoren, die dafür sorgten, dass das Gartenreich Dessau-Wörlitz zum Weltkulturerbe der UNESCO erhoben wurde, einen unverwechselbaren Platz.

Mit großer Freude und Genugtuung sah er darum 2018 mit eigenen Augen die Ausstellung der Werke Angelika Kaufmanns (1741-1807) im „Grauen Haus“. Erhard Hirsch hatte, wohlwissend, dass Angelika niemals persönlich in Dessau oder Wörlitz gewesen ist, in seinen Arbeiten ihren bedeutenden Einfluss auf das künstlerische Frauenbild des Klassizismus bei der Gestaltung des Gartenreichs gewürdigt. Auch in diesem Zusammenhang war es ihm ein Anliegen, auf die vielseitigen Verbindungen zwischen Dessau-Wörlitz und dem klassischen Weimar zu verweisen. In Weimar ist Angelika ebenfalls nie persönlich gewesen. Ihre enge Verbindung zu Goethe hat sie 1787 in Italien geknüpft. In Dessau wie in Weimar gehört die Malerin bis heute zum unvergänglichen Erbe. Hirsch hat das bis an sein Lebensende oft genug betont, obwohl die Entwicklung beider mitteldeutscher Kulturzentren durchaus nicht identisch verlaufen ist, wenn man alle Bereiche, die zur Schöpfung des Fürsten Franz gehörten, einem Vergleich mit dem Weimar des Herzogs Carl August und der Klassiker der deutschen Literatur unterzieht. Erhard Hirsch hat in persönlichen Gesprächen seiner letzten Jahre auch darüber gesprochen, was es für Weimar bedeutete, wenn Goethe bei seinen wenigen Besuchen in Wörlitz sagte, dass ihm das Gartenreich „wie das Vorüberschweben eines leisen Traumbilds“ erschien. Zu der Betrachtung des „Dessauer Steins“ im Weimarer Park an der Ilm und den im Wörlitzer Nymphaeum in Stein gemeißelten Goethe-Zitat gehörten auch die seit Langen im Raum stehenden komplizierten Beziehungsgeflechte zwischen den Künstlern und den Herrschenden beider Fürstenhöfe. Hirsch hat viel über die Gemeinsamkeiten, etwa um den in Wörlitz initiierten gemeinsamen freien Buchhandel oder über die Chalkographische Gesellschaft nachgedacht und geschrieben. Oder über die schwierigen Beziehungen beider Höfe zueinander, wenn es um die politische Gründung eines „Fürstenbundes“ zur Abwehr der Übermacht Preußens gegen die kleinen deutschen Staaten ging.

Erhard Hirsch war in seinem wissenschaftlichen Wirken natürlich fest auf den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis fixiert. Darum räumte er auch der Beurteilung aller dieser Probleme durch den Fürsten Franz die höchste Priorität ein. Der Fürst selbst half ihm objektiv, indem er im Jahre 1811 gegenüber dem Biografen Friedrich Reil eine umfassende Bewertung seines Verhältnisses zu Goethe und damit auch zu Weimar vornahm: „Goethe, mein lieber Probst, passte nicht für mich. Er passte besser zum Großherzog Carl August. Wir harmonierten nicht recht in Gesinnung und Gefühl. Als Dichter kam er mir nie, als Staatsmann nur auf Augenblicke nahe. Als Kunstkenner und Freund der Altertümer stand er mir schon näher […] In den Grundsätzen und Ansichten von der schönen Baukunst und ihren Werken waren wir nicht immer einig. […] Nur was die gotische Baukunst und die schöne Gartenkunst anbelangt, dann musste er mir den Preis zu gestehen und vor mir die Segel streichen. […] Wir sind so auseinandergekommen.“

Jetzt, mehr als zwei Jahrhunderte später und in einer Zeit, da die Pflege der beiden Gesamtkunstwerke des Wörlitzer und des Weimarer Kulturkreises den Regeln der freien Marktwirtschaft unterworfen sind, hätte auch Erhard Hirsch neue Betrachtungsfelder für sich entdecken können.

Am 14. Januar 2026 ist er gestorben. Auf dem Wörlitzer Friedhof findet er an der Seite seiner Frau Irmgard die ewige Ruhe.