29. Jahrgang | Nummer 3 | 9. Februar 2026

140 Jahre Jewgenij Probrashenskij

von Wladislaw Hedeler

In der „alten“ Bundesrepublik der 1970er Jahre war Jewgenij Probrashenskij (28.2.1886–13.7.1937) vor allem als Koautor des gemeinsam mit Nikolai Bucharin verfassten „ABC des Kommunismus“, einer 1919 veröffentlichten Einführung in das auf dem 8. Parteitag der KPR(B) angenommene Programm, sowie als Verfasser der 1926 publizierten „Neuen Ökonomik“ und der darin entwickelten Theorie der sozialistischen Akkumulation bekannt. Im Verlag „Neuer Kurs“ erschien die deutsche Erstausgabe seines in den Folgejahren mehrere Auflagen erlebenden Hauptwerkes. Die vom Verlag Olle & Wolter besorgte Ausgabe mit Texten der Linken Opposition in der Sowjetunion 1923 bis 1928 umfasste fünf Bände, um nur einige Dokumenteneditionen zu nennen, die Probrashenskijs Schriften in deutscher Übersetzung enthalten.

In der DDR gehörte der 1927 aus der Partei ausgeschlossene und aller Ämter im Staatsapparat Sowjetrusslands – in der Staatlichen Plankommission, im Kollegium des Volkskommissariats für Finanzen der RSFSR, in der Finanzkommission des ZK der KPR(B) und des Rates der Volkskommissare – enthobene Ökonom zu den „Unpersonen“. Wenn überhaupt, dann wurde er in einem Atemzug mit Trotzki und dessen „unmarxistischen“ und „parteifeindlichen“ Ansichten genannt.

Während Bucharin – um die tradierte Zuordnung zu den Strömungen in der Partei aufzugreifen – nach „rechts“ driftete, entwickelte sich Probrashenskij nach „links“. Aus Freunden wurden Kontrahenten auf den Gebieten der Theorie und Politik. Probrashenskij setzte sich 1922 für eine Revision des im Geiste des Kriegskommunismus verfassten Parteiprogramms ein. Mit seiner Forderung nach Einsetzung einer Kommission des Zentralkomitees der KPR(B) zur Analyse der Neuen Ökonomischen Politik und der Politik auf dem Lande, die Thesen zur Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus erarbeiten sollte, konnte er sich jedoch nicht durchsetzen. Bucharin und er überlebten Stalins Kampf um die Alleinherrschaft nicht.

Der russische Historiker Michail Gorinow, Probrashenskijs Biograph und Mitherausgeber der inzwischen fünf Bände umfassenden Werke-Ausgabe des Ökonomen sieht in ihm einen Vertreter der „demokratisch-pragmatischen Strömung im Bolschewismus“. Drei der von 2006 bis 2025 in geringer Auflage (die Startauflage betrug noch 500 Exemplare, bis 2025 sank sie auf 100 Exemplare) erschienen Bände decken den Zeitraum 1886 bis 1927 ab und umfassen insgesamt 516 Dokumente, zwei Bände enthalten die Rekonstruktion der „Neue Ökonomik“ sowie die Studien zur Geldtheorie und der Entwicklung des Kapitalismus.

Im Laufe und in Folge der von Michail Gorbatschaow initiierten Rehabilitierung der Opfer des politischen Terrors in der Sowjetunion der 1920er bis 1950er Jahre kam es zu einem regelrechten Boom hinsichtlich der Wiederentdeckung Bucharins, dessen Schriften in hunderttausender Auflagen erschienen. Probrashenskij und andere „Trotzkisten“ die nicht in den drei Moskauer Schauprozessen 1936 bis 1938 zum Tode verurteilt worden waren, sondern nach jahrelanger Verbannung in einem Schnellverfahren vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR hingerichtet wurden, wurde diese Aufmerksamkeit nicht zuteil.

In dieser Situation wandte sich Michail Gorinow, nachdem er die Arbeit an einer Bucharin-Biographie abgeschlossen hatte, dem Nachlass von Probrashenskij zu. Das Studium seiner nach 1917 entstandenen theoretischen Arbeiten, insbesondere der Ausarbeitungen zur „ursprünglichen sozialistischen Akkumulation“, kann dazu beitragen, das Konzept der „nachholenden Revolution“ zu verstehen. Den Reichtum und das Themenspektrum der in den Bänden der Werkeausgabe enthaltenen Materialen und Dokumente zu skizzieren, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Rezensionen der bisher erschienen Bände und des ersten Bandes der von Gorinow vorgelegten Biographie Probrashenskijs sind in der Zeitschrift Berliner Debatte. Initial veröffentlicht.

Das Nachwort zum 2025 publizierten Band der Werkeausgabe endet mit einer Überlegung Gorinows zur Analyse des Stalinismus als System. Wer nach den Ursachen für die Niederlage Leo Trotzkis und der linken Oppositionellen fragt, hebt er hervor, kommt nicht umhin, sich mit den Charaktereigenschaften der Parteiführer zu beschäftigen. Die Machtkonzentration an der Spitze der Herrschaftspyramide – man denke nicht nur an Josef Stalin, sondern auch an Funktionäre wie Nikita Chruschtschow oder Michail Gorbatschow hatte derartige Dimensionen erreicht, dass von den persönlichen Eigenschaften des jeweiligen Führers außerordentlich viel abhing. Mit Blick auf diese Aufzählung, die sich fortsetzen ließe, bleibt nur zu hoffen, dass die Moskauer Herausgeber ihre Recherchen weiterführen und die Arbeit am angekündigten sechsten Band bis zur Publikation fortsetzen können. Michail Gorinow ist darüber hinaus zu wünschen, dass er die Zeit findet, den Folgeband der Biografie von Probrashenskij, der die Jahre 1922 bis 1937 zum Gegenstand hat, fertigzustellen.