Was ist „links“?

von Fritz Klein

In der Weltbühne 39/1992 fanden wir den nachfolgenden Beitrag des 2011 verstorbenen

Historikers Fritz Klein, der jahrzehntelang auch Autor der Weltbühne war.

Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Klein.

Die Schreibweise des Originals wurde beibehalten.

 

Die Redaktion

 

Das ganze „linke“ Gehabe, Getue und Getöse, schimpfte neulich Thomas Flemming, fände er unehrlich, dumm, feige und primitiv. Die „lieben Linken“, so höhnte er, seien fein heraus. Niemand frage sie, was Sozialismus ist, denn sie seien ja keine Sozialisten, sondern „Linke“: „Ihr seid für ‚links‘. Ihr denkt ‚links‘, redet ‚links‘, schreibt ‚links‘, streitet ‚links‘, kämpft ‚links‘ und marschiert ‚links‘ zwei, drei.“

Nun ist die Beobachtung ja nicht falsch, daß mehr von und über links geredet als einigermaßen deutlich beschrieben wird, was das eigentlich ist. Flemming hätte seiner Aufzählung noch den doch nur absurden Buchtitel „Linke lieben anders“ hinzufügen können. So einfach, aber, wie er sich die Sache macht, ist sie nicht. Die „Linken“, meint er, brauchten nur zu sagen: „Wir sind Sozialisten“, und alles wäre ehrlich, sympathisch, überzeugend. Auf die dann aber natürlich sogleich fällige Frage, was denn nun Sozialismus sei, fällt ihm außer einer Aufzählung von gewiß sehr sympathischen Schlagworten auch nichts ein: Humanismus, Demokratie, Gewaltlosigkeit, Gemeinnützigkeit, individuelle und soziale Sicherheit, menschliche Entwicklungsbereitschaft. Sehr schön und sehr gut – aber daß man nicht Sozialist sein muß, um solche Ziele zu verfolgen, sollte sich nun wirklich herumgesprochen haben.

Wenn also die simple Gleichsetzung von links mit sozialistisch nicht aufgeht, was ist dann „links“? Nicht selten ist zu hören, vor allem aus der rechten Ecke, Begriffe wie Linke und Rechte hätten überhaupt ihren Sinn verloren, sei doch, um das besonders griffig formulierte Argument von Jutta Winckler in einer bissigen Kritik des Buches von Peter Glotz „Die Linke nach dem Sieg des Westens“ zu zitieren, das soziale und politisch-institutionelle Milieu beider Lager von den vielfältigen Modernisierungsprozessen des gesellschaftlichen Wandels „verdampft“ worden.

Andere, bitter enttäuscht durch die Verbrechen des Stalinismus, sehen nur noch Böses, wo früher für sie Gutes war: Es finde sich „keine einzige geschichtliche Situation, wo die sogenannte linke Politik nicht Unheil über Unheil heraufbeschworen hätte“, wohingegen die Rechten stets „den ökonomischen Realismus … das Bemühen um Pluralismus … die Achtung der sozialen Autonomie gegenüber den Staatsapparaten“ vertreten hätten. So der große Schriftsteller und ehemalige Kommunist Jorge Semprún kürzlich in einem Vortrag in Frankfurt/Oder, in dem er paradoxerweise aber zugleich meinte, es sei hohe Zeit, „den Sinn der Ziele und Worte der Linken neu zu definieren“. Anhaltende Faszination selbst dort, wo nur schärfste Kritik verlautbart wird? Nehmen wir die Diskussionen der Leserbriefspalte und der Wochenendausgabe von „Neues Deutschland“ hinzu, die unermüdlich zu ergründen suchen, was nun linke Politik heute, was demokratischer Sozialismus will, kann und soll, Diskussionen, die so große Mühe haben, sich aus dem Teufelskreis jahrzehntelang fruchtlos, aber um so verbissener geführter Streitereien über Reformismus oder Radikalismus herauszuarbeiten, so rundet sich das wenig anziehende Bild von Unklarheit und Unsicherheit, Pathos und Resignation, Anspruch und Verurteilung. Eine „verfluchte Gratwanderung“ steht der Linken nach Peter Glotz bevor, dem nicht sicher ist, ob sie sie durchstehen oder abstürzen werde. Denn eines scheine ihm unabweisbar, fügt er beschwörend hinzu: „Wenn der Linken jetzt, nach vierhundert Jahren Arbeit auf der großen Baustelle der Aufklärung, hoch oben auf dem Gerüst schwindlig wird, dann wird ihr die Arbeitserlaubnis entzogen.“ Schwindlig mag einem schon werden in so luftigen Höhen und der Gefahr noch dazu, nicht mehr arbeiten zu dürfen – doch mit Verlaub: Wer, wenn nicht die Linken selbst, kann ihnen die Arbeit unmöglich machen?

Schwierig ist es sicher, niemand hat ein Patentrezept, vielleicht aber heIfen für die nächsten Schritte ein paar ganz simple Überlegungen. Man könnte sich zum Beispiel bewußter sein, als es gemeinhin der Fall ist, daß „links“ im Politisch-Sozialen selbst ein ganz unbestimmter Begriff ist. Links ist nichts Absolutes, ist grundsätzlich nicht zu definieren durch Eigenes, sondern nur durch die Beziehung zu anderem: Links ist das, was links neben rechts ist. Rechts bestimmt, was links ist – wie umgekehrt natürlich rechts nur benannt werden kann, wo man links als Gegenteil denkt. Grün ist immer grün, links aber keineswegs immer links.

Das gilt zum einen im Ablauf der Zeit. Zu Recht verweist Hermann Weber in seiner Dokumentation „Das Prinzip Links“ darauf, daß der ursprünglich linke, bürgerlich-revolutionäre Liberalismus sich im Zuge der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft zur Ideologie des Kapitalismus wandelte, gegen dessen ungezügelte Tendenzen dann die sozialistische Arbeiterbewegung als linke Bewegung auf den Plan trat. Was früher links war, war nun rechts, blieb aber, was allzu häufig von den neuen Linken übersehen wurde, selbstverständlich links gegenüber immer wieder auftretendem noch Rechterem.

Es gilt aber auch in der Gleichzeitigkeit. Links von den Nationalliberalen stand die rechts neben der Sozialdemokratie stehende liberale Fortschrittliche Volkspartei von 1910, und beide links vom Alldeutschen Verband. „Die Linke“, mahnte im ersten Weltkrieg der Bankier Warburg in einem Brief an Friedrich Naumann, solle sich „als Gewissen der konservativen Gesinnung“ erweisen, weil sonst das Parlament zu großen Einfluß erhalten würde. Linke, das waren für den um Deutschlands Durchhalten im Kriege besorgten Bankier die Kreise um den um einen gewissen Ausgleich zwischen verschiedenen Fraktionen von Bourgeoisie und Junkertum bemühten Reichskanzler Bethmann-Hollweg. Endlos war der Hader in der Arbeiterbewegung: „Rechter Sozialdemokrat“ war fast das schlimmste Schimpfwort aus dem Munde von Kommunisten, die ihre Unfähigkeit, linkes Potential beim reformistischen Konkurrenten zu sehen, in der verheerenden Formel Sinowjew/Stalins vom „Sozialfaschismus“ auf die Spitze trieben.

Links, der triviale Hinweis sei gestattet, ist ja ursprünglich nur eine Ortsbezeichnung in der Sitzordnung des bürgerlichen Parlaments. Die „Linke“ im deutschen Reichstag von 1926, belehrt uns Meyers Lexikon im siebenten Band seiner siebenten Auflage, werde gebildet von Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten, während zur Rechten Deutsche Volkspartei, Deutschnationale und Wirtschaftspartei zu zählen seien. Vehement hätten natürlich die Demokraten jede linke Gemeinsamkeit mit Kommunisten weit von sich gewiesen, während umgekehrt letztere gewiß den Ehrennamen „Linke“ für sich allein beanspruchten. Und schließlich ist die ganze Einteilung in Rechte und Linke von diesem Ursprung her insofern höchst anfechtbar, als sie überhaupt nur stimmt aus der Blickrichtung des Präsidenten, von „oben“ sozusagen. Betrachtet man die Volksvertreterkolonnen aus der entgegengesetzten Perspektive, von „unten“ also, wenn man will, so verkehrt sich alles ins Gegenteil: Rechts wird links, und unversehens finden sich die Linken auf dem rechten Flügel.

Ein Spiel mit Worten? Ich bin da nicht so sicher. Die Spielerei mag helfen, die Begriffsblockade wenigstens etwas aufzulockern, die uns das Verständnis manch anscheinend paradoxer Vorgänge des wirklichen politischen Lebens oft so schwer macht. Links, das ist zu lernen aus Geschichte wie aus politischer Erfahrung, ist nichts unverrückbar Feststehendes. Es ist immer auch rechts, et vice versa – von den Extrempositionen am jeweiligen Rand des Spektrums einmal abgesehen. Es folgt daraus, daß niemand, keine politische Richtung a priori das Monopol hat, sich, und nur das, was ist wie man selbst, links zu nennen. Abwegig der Unterton der Empörung, mit dem Thomas Flemming die Vorstellung geißelt, sogar der „Pseudosozialist mit dem Parteibuch der SPD“ gelte als Linker. Abwegig natürlich gleichermaßen, wenn Hermann Weber sein Prinzip Links faktisch mit dem demokratischen Sozialismus der SPD gleichsetzt, rechts davon kaum Linkes sieht und Kommunisten, die sich in Abkehr von stalinistischen Strukturen und Verhaltensweisen um eine Neubestimmung ihres Weges im Zeichen eines demokratischen Sozialismus bemühen, das Recht dazu bestreitet.

Dies ist ein Plädoyer für Offenheit, gegen Rechthaberei und Alleinvertretungsansprüche, von wem auch immer, ein Plädoyer für Relativierung von Anspruch und Begriff. Es ist kein Plädoyer für inhaltliche Beliebigkeit. Verärgert lehnte Jürgen Habermas es einmal ab, sich an dem Spiel „Was ist links?“ zu beteiligen. „Das weiß doch jeder, was links ist“, blaffte er den Fragesteller an. Die Äußerung klingt erstaunlich, nach allem, was wir hier diskutiert haben über Schwierigkeiten – freilich nicht so sehr mit dem Begriff, als vielmehr mit seiner Handhabung. Alltägliche Gesprächserfahrung bestätigt aber Habermas. Wo Linke sich finden und wo Rechte in einer Partei, einem Verein, einer politischen Bewegung, im politischen Spektrum einer Gemeinde, Region, eines Landes oder auch ganz einfach im Kreise der Bekannten, die jeder hat, darüber ist ein erster, sicher grobkörniger Konsens im allgemeinen doch rasch gegeben.

Ähnlich, gewiß mit Nuancen im Maß der Radikalität, sind sich die von linken Autoren zusammengestellten Kataloge von linke Positionen bezeichnenden Merkmalen. „Links“ nennt Hermann Weber das „Synonym für eine progressive Politik, die bestehende Strukturen verändern will, um die Emanzipation voranzutreiben.“ Frech sollten wir sein, meint Peter Glotz, mit detaillierterer Aufzählung und zugleich weniger deutlich in der Forderung nach Veränderung, frech sollten wir sein und einfach alle die als „Linke“ bezeichnen, die eintreten für die Begrenzung der Marktlogik, die Förderung des Sozialstaates, die faktische Gleichstellung der Frau, die Umsetzung von Zeit in neue Freiheitsrechte, den Schutz von Lebenswelt und Natur, die Bekämpfung des Nationalismus. Immer wieder begegnen uns dieselben Stichworte: Demokratie und Humanismus, Solidarität, Gerechtigkeit und Chancengleichheit, Aufklärung und Rationalität, Friedensliebe.

Wer will, daß die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, daß sie bleibt. Die Mahnung Erich Frieds bleibt richtig. Er war ein Linker, und er dachte links, als er sie niederschrieb. Linke Leute und linke Ideen wird es brauchen, heute und in Zukunft, die Welt so zu verändern, daß sie bleibt. Es braucht uns auch nicht bange sein, daß die Linken verschwinden. Wenn nichts anderes, so wird die herrschende Unordnung sie immer wieder produzieren. Bestehen wird die Linke ihre Gratwanderung in dem Maße, wie sie es versteht, Entschlossenheit in der Vertretung ihrer Ziele zu verbinden mit Toleranz, im eigenen Lager und gegenüber anderen, wenn sie aus der Geschichte lernt, daß Linkssein und linke Forderungen vertreten keine automatisch wirkende Garantie für Fehlerlosigkeit und Unschuld ist.

Das Wichtigste aber ist vielleicht die Verabschiedung jeder Vorstellung von Endgültigkeit. Links war nicht nur nicht immer links, es bleib! auch nicht immer links. Das stumme, verzweifelte Entsetzen, das uns all abendlich befällt beim Anblick der Hungernden und Sterbenden, heute in Somalia, morgen an irgendeinem anderen der vielen Orte jenes Teiles der Welt, in dem millionenfaches Elend scheinbar unaufhaltsam wächst, in unserer Zeit, vor unseren Augen, zeigt uns Dimensionen, in denen alte Formen seltsam schal erscheinen. Liberalismus, Sozialismus, Linke, Rechte – was bedeutet das dort noch? Linkes also nur noch Erbe? Das ganz sicher nicht, aber weiterdenken und auf neue Art handeln werden wir müssen, wenn wir bestehen, wenn wir leben wollen.