Natur und Literatur – zwei neue Berlin-Bücher

von Mathias Iven

Wussten Sie, dass sich auf dem Berliner Stadtgebiet fast 150 Inseln befinden? Umflossen von Havel, Dahme oder Spree sind sie mal groß, mal klein, mal besiedelt, mal naturbelassen und oftmals ohne Namen. Doch (fast) jede hat eine Geschichte zu erzählen. So wie die am Ausgang des Großen Wannsee gelegene, immer noch geheimnisumwitterte Insel Schwanenwerder. Seit mehr als einem Jahrhundert gilt das rund 25 Hektar große Eiland als Berlins nobelste und glamouröseste Adresse. Der in Berlin ansässige Journalist und Autor Frank Schüttig hat sich diesen Ort etwas genauer angesehen und entführt uns in seinem jüngsten Buch dorthin …

Die Geschichte der Besiedelung der Insel reicht bis in die mittlere Steinzeit zurück. Darauf deuten zumindest Steinwerkzeuge, Tonscherben, Feuerstellen sowie ein germanisches Brandgrab hin, die im 19. Jahrhundert bei Ausgrabungen gefunden wurden. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Schwanenwerder im Jahr 1704, auf Grund der damaligen Besitzverhältnisse allerdings noch unter dem Namen Cladower Sandwerder. Erst 1901 – und nachdem Kaiser Wilhelm II. zugestimmt hatte – erhielt die Insel ihren heutigen Namen.

Eigentümer der Liegenschaft war seit 1853 der Cladower Rittergutsbesitzer Hugo von Platen zu Sophienwalde. Im November 1882 verkaufte er die Insel für 27.000 Reichsmark (nach heutiger Kaufkraft etwa 250.000 Euro) an den Fabrikanten Friedrich Wilhelm Wessel, Mitinhaber der 1855 gemeinsam mit seinem Kompagnon Emil Wild gegründeten, äußerst erfolgreichen Berliner Petroleumlampenfabrik Wild & Wessel.

Wessels Idee war es, die Insel zu parzellieren und die einzelnen Grundstücke gewinnbringend zu verkaufen. Dafür ließ er ab 1883 zunächst einen ringförmigen Hauptweg anlegen, die heutige Inselstraße. Insgesamt neunzehn, sich wie Tortenstücke hinunter zum Wasser erstreckende Parzellen waren zur Bebauung vorgesehen. Zu jedem Grundstück gehörten außerdem Flächen für Wirtschaftsgebäude, Garten und Personalwohnungen auf der Innenseite der Erschließungsstraße. Zudem wurde ein paar Jahr später eine Satzung erlassen, die sicherstellen sollte, dass die Grundstücke ausschließlich privaten Wohnzwecken vorbehalten blieben. Die Einrichtung von Ausflugslokalen, Heilstätten oder Gewerbebetrieben wurde strikt untersagt – und das ist bis heute so.

Anders als gedacht, kam der Verkauf der Grundstücke nur schleppend in Gang. Als Friedrich Wilhelm Wessel im Mai 1898 starb, hatte er lediglich zwei Parzellen verkauft. Woran lag es? Zum einen an der Exklusivität. Nur am Rande sei erwähnt: Als 1936 die erste deutsche Ausgabe von Monopoly auf den Markt kam, war Schwanenwerder mit 8.000 Reichsmark die teuerste Adresse. Andererseits war es die Abgeschiedenheit. Erst mit der Eröffnung des Bahnhofs Nikolassee am 1. Mai 1902 war Schwanenwerder schneller und einfacher zu erreichen. Und dennoch. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges hatten erst rund ein Dutzend Familien ihre Sommervillen auf der Insel errichtet.

Die Jahre vergingen und die politischen Verhältnisse änderten sich. Bereits kurz nach der Machtübernahme geriet Schwanenwerder ins Visier der nationalsozialistischen Obrigkeit. Zu denen, die die verwaisten Villen der zumeist jüdischen Besitzer übernahmen, gehörten unter anderem Joseph Goebbels, Albert Speer oder auch Hitlers Leibarzt Theodor Morell.

Im Zweiten Weltkrieg blieb Schwanenwerder von den Kampfhandlungen weitgehend verschont. Anfangs besetzte die Sowjetarmee die Insel, dann, nach der Aufteilung der Sektoren, kamen die Amerikaner. Im Sommer 1945 bezog Dwight D. Eisenhower mit seinem Stab „Haus Waltrud“ und bereitete dort die Potsdamer Konferenz vor. Im Jahr darauf wurden Teile des mit 600 Quadratmetern Wohnfläche ehemals größten, von Walter Sobernheim, Generaldirektor der Berliner Schultheiss-Patzenhofer-Brauerei AG, errichteten Gebäudes umgebaut zum Lakeside Club. Dessen prominentester Bewohner war zwischen 1947 und 1949 Lucius D. Clay, der „Vater der Berliner Luftbrücke“.

Wohlhabende neue Eigentümer oder Mieter gab es zunächst kaum. So wurde es immer stiller um die Insel … Und wie sieht es dort aktuell aus? Erkunden Sie es selbst. Schwanenwerder ist auf alle Fälle einen Besuch wert! Zur Orientierung für einen Rundgang über die Insel empfiehlt sich das letzte Kapitel des Buches „Schwanenwerder heute – und morgen?“.

 

Frank Schüttig: Schwanenwerder. Trauminsel am Wannsee, BeBra Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 20,00 Euro.

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Auf einen Spaziergang ganz anderer Art kann man sich mit den beiden Autoren Marcel Krueger und Paul Sullivan begeben. Ihr literarischer Stadtführer lässt nicht nur zahlreiche Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, er ist zugleich ein Parforceritt durch die Geschichte Berlins mit besonderem Blick auf die letzten 150 Jahre.

Gut ein Drittel des Buches ist der historischen Mitte mit Stadtschloss, Berliner Dom, Museumsinsel, Reichstag und Tiergarten sowie dem Areal rund um den Alexanderplatz gewidmet. Von dort geht es Richtung Rosa-Luxemburg-Platz zum ehemaligen Scheunenviertel und weiter in die Spandauer Vorstadt. In Charlottenburg, einem der ältesten Stadtteile Berlins, steht vor allem der Kurfürstendamm mit seinen Nebenstraßen im Mittelpunkt. Die anschließenden Kapitel führen zu literaturgeschichtlich interessanten Örtlichkeiten in Schöneberg, Wedding, Moabit, Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg sowie Pankow.

Natürlich kommt auch dieses Berlin-Buch nicht um das Thema „Insel“ herum. So erinnern die beiden Autoren bereits eingangs daran: „Und tatsächlich entstand Berlin als Insel; genauer gesagt auf den zwei Inseln Alt-Berlin und Cölln, die nebeneinander in der Spree lagen, ungefähr dort, wo sich heute Museumsinsel, Fischerinsel und das Nikolaiviertel befinden.“ Auf Schwanenwerder – anders als auf der in Sichtweite gelegenen Pfaueninsel – findet sich allerdings nichts, was in die Literaturgeschichtsschreibung eingegangen wäre.

Alles in allem bietet das Buch eine gelungene Kombination von Stadt- und Literaturgeschichte. Zum einen lädt es ein, Berlin auf eine andere als die sonst übliche touristische Art und Weise zu erkunden, zum anderen regt es zum Nachschlagen und Weiterlesen an.

 

Marcel Krueger und Paul Sullivan: Berlin. Ein literarischer Stadtführer, BeBra Verlag, Berlin 2026, 320 Seiten, 26,00 Euro.