26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

In Rosas Schatten

von Holger Politt

Allzu gründlich ist der Familiengeschichte Rosa Luxemburgs meistens nicht nachgespürt worden. Zu wenig erwartete die Forschung, um ausgerechnet von dieser Seite Impulse für ein weitergehendes Verständnis des theoretischen und politischen Werks zu bekommen. Das ist wohl nicht ganz falsch, denn tatsächlich kann Rosa Luxemburgs politische Karriere auch als ein Ausbrechen aus jenen Mustern verstanden werden, die unweigerlich von der Familie mitgegeben werden. Aber so einfach ist es auch wieder nicht, denn vieles, was zum Beispiel in der berühmt gewordenen Dissertationsschrift von 1898 über die stürmische Industrialisierung im zu Russland gehörenden Königreich Polen aufgeführt wurde, berührt unmittelbar Erfahrungen, die Rosa Luxemburg als junger Mensch im Schoße der Familie im heimatlichen Polen sammeln konnte. Dass sie zudem ein ausgeprägtes Talent besaß, das öffentliche Agieren klug und umsichtig vom Privaten abzuschirmen, erschwert bis heute den Blick hinter die Kulissen. Erst die drei großen nachgelassenen Briefsammlungen – die Gefängnisbriefe aus dem Ersten Weltkrieg sowie die Briefe an Leo Jogiches und Kostja Zetkin – öffneten den Blick auf die engere Verwandtschaft, vor allem auf die Geschwister. Jetzt wurde deutlich, wie eng das geschwisterliche Verhältnis untereinander war und bis zum Lebensende blieb. Jahreskalender, die Rosa Luxemburg im Ersten Weltkrieg in deutschen Gefängnissen führen durfte, registrieren auch den Postverkehr mit den Geschwistern.

Im Gebäude der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Berliner Ostbahnhof ist jetzt eine kleinere Ausstellung zu sehen mit dem Titel „In Rosas Schatten“, die in besonderer Weise den Geschwistern gewidmet ist. Anna, Mikołaj, Maxymilian und Józef kamen wie sie selbst in Zamość zur Welt, waren aber teils deutlich älter. Eingebettet wird der Blick auf Rosas Geschwister in den Kontext geschichtlicher Ereignisse. In der Ausstellung wird deutlich, wie eng Rosa Luxemburgs Familie mit dem Schicksal der polnischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert verknüpft gewesen ist. Es ist eine sehr typische Familiengeschichte für die bürgerliche Schicht im assimilierten polnischen Judentum jener Zeit.

Die Eltern kamen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in Familien zur Welt, in denen kaum Polnisch gesprochen wurde. Für die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geborenen Kinder aber war Polnisch die Muttersprache, untereinander verkehrten sie in dieser Sprache, beherrschten sie – wie Briefe zeigen – vorzüglich. Die Zweitsprache in der Familie war das Deutsche, weitere Fremdsprachen, die alle Geschwister beherrschten, waren Französisch und Russisch, zu jener Zeit die von den Zarenbehörden geforderte Schulsprache.

Mikołaj heiratete frühzeitig nach England, wurde britischer Untertan, pendelte später eine Zeitlang zwischen London und Berlin. Józef, der als erster in der Familie studierte und im Jüdischen Krankenhaus in Warschau geschätzter Internist wurde, übersetzte ein deutsches Medizinlehrbuch.

Für die Ausstellung zeichnen Wojtek Jankowski für die Graphik und Krzysztof Pilawski für den Text sowie die Gesamtgestaltung verantwortlich. Zum ersten Mal wurde sie 2021 zum 150. Geburtstag Rosa Luxemburgs mit großem Erfolg in der Alten Synagoge in Zamość gezeigt. In jenen Tagen stand der Umgang mit Rosa Luxemburg im nationalkonservativ regierten Polen klar im Zeichen jener Nacht- und Nebelaktion, der die 1979 eingeweihte Gedenktafel für die berühmte Tocher der Stadt im März 2018 zum Opfer fiel. Auf der schlicht gestalteten Tafel wurde auf die Geburt der herausragenden Vertreterin der internationalen Arbeiterbewegung hingewiesen, was unter den nun herrschenden Umständen als vom Gesetz verbotene kommunistische Propaganda in der Öffentlichkeit gebrandmarkt wurde. Dass Rosa Luxemburg so gesehen zum Jubiläum 2021 in öffentlicher Weise in die Stadt zurückkehren konnte, hing zusammen mit dem Ausstellungskonzept, das sich ausschließlich der Familiengeschichte, nicht dem Werk und der Wirkungsgeschichte widmete.

Zur Familiengeschichte gehört das Schicksal von Neffen und Nichten, die im Zweiten Weltkrieg ins brutale Räderwerk der Kriegs- und Eroberungspolitik gerieten. Zwei Söhne Maxymilians wurden als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung in Majdanek und Auschwitz hingerichtet, eine Tochter von Mikołaj kam im Holocaust um, einer der beiden Söhne von Józef geriet im September 1939 in Ostpolen als Reserveoffizier in die Hände der Roten Armee und wurde im Frühjahr 1940 in Katyn erschossen. Józefs Tochter, die in Riga in eine der Zahl nach große jüdische Familie einheiratete, wurde von den sowjetischen Behörden als Kapitalistin zusammen mit dem Ehemann und den beiden kleinen Kindern im Juni 1941 aus Riga nach Sibirien deportiert, was ihnen ungewollt das Leben rettete, denn die Familie in Riga überlebte den Holocaust nicht.

Eine deutsche Fassung der Ausstellung wurde im Januar 2022 im Leipziger Liebknecht-Haus gezeigt, die anschließend – um ein Beispiel zu nennen – 2024 mit großem Erfolg im Stadtmuseum in Schwäbisch Hall, einer Partnerstadt von Zamość, der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Jetzt ist die Ausstellung in der Fassung von 2022 erstmals in Berlin zu sehen.

In Rosas Schatten. Geboren in Zamość – die Geschwister. Ausstellung zur Geschichte einer jüdischen Familie aus Polen. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Straße der Pariser Kommune 8a, 10243 Berlin, bitte an der Rezeption fragen.