Mit fremden Federn

von Jan Opal, Gniezno

Zeitungsbesitzer Holger Friedrich aus Berlin spreizt sich gerne wie der aufrechte Rächer der Ostdeutschen. Jedenfalls führt er den Diskurs darüber an, was im heutigen Ostdeutschland nun Sache sei. Vieles davon hängt mit dem erstaunlichen Erstarken der nationalkonservativ wie wirtschaftsliberal blinkenden AfD zusammen, denn in Ostdeutschland werden doppelte Zustimmungswerte wie im Gebiet der alten Bundesrepublik verbucht. In die komplexe Materie soll sich jetzt auch gar nicht eingemischt werden, allerdings verblüffte Friedrich unlängst mit einer Behauptung, die den DDR-Herbst 1989 kräftig in ein ganz anderes, geradezu polnisches Licht tauchen will. Der feine Trick funktioniert mittels Papst Johannes Paul II.

Nach der Papstwahl von Kardinal Karol Wojtyła im Oktober 1978 sprachen in Polen sowohl Vertreter der Regierungsseite wie deren Gegner im sich immer fester zusammenfügenden (eigentlich illegalen) Oppositionslager von einem neuen Kapitel in der Geschichte Polens, das nun eröffnet werde. Entsprechend wurden die ersten öffentlichen Worte von Papst Johannes Paul II. aufgenommen und gedeutet: „Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen!“ Bei seinem Antrittsbesuch in der Heimat präzisierte der Papst am 2. Juni 1979 in Warschau: „Ich, ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II., ich rufe aus der ganzen Tiefe dieses Jahrtausends, rufe am Vorabend des Pfingstfestes zusammen mit euch allen: Herr, dein Geist steige herab! Dein Geist steige herab! Und erneuere das Antlitz der Erde! Dieser Erde! Amen.“ Unverkennbar ist der starke Bezug auf die Heimat, auf Polen. Dessen Zukunft wird in einem gesteigerten Sinn in die Hand Gottes wie seiner Gläubigen gelegt, was also bedeutet, die aktuell Herrschenden als eine irdische Gegebenheit einzuordnen und einzugrenzen. Deren Macht sei nicht gottgegeben, sie unterliege ausschließlich dem politischen Spiel auf Erden, in das man sich auf gar keinen Fall einzumischen gedenke. Punkt.

Wie sie die Papstworte verstanden hatten, bewiesen im August 1980 – zum Erstaunen der übrigen Welt – die polnischen Industriearbeiter, die kämpferisch wie katholisch-patriotisch zeigten, wie die Mehrheitsverhältnisse im Lande zugerichtet sind. Die „Solidarność“-Bewegung warf den Mächtigen im Lande und in einer gewissen Weise im gesamten sowjetisch geführten Block den Fehdehandschuh hin. Nicht vom Rande her, sondern von dorther, wo nach sowjetischer Vorstellung die politische Macht auf sicherem Fundament ruhen sollte. Vom Zentrum her. Und der Schlag saß!

Nun tritt der Berliner Zeitungsmacher hinzu, mit einem Grundsatzartikel zu den deutsch-deutschen Zuständen. Friedrich will die aus dem Ruder gelaufenen aktuellen Dinge im innerdeutschen Verhältnis wieder zurechtrücken, wobei er sich zunächst die eigene Brust schlägt, denn mit der im Februar 2026 von seinem Haus auf den Markt geworfenen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) habe „sich der Diskurs im deutsch-deutschen Innenverhältnis erkennbar dynamisiert.“ Das mag sein, das soll gar nicht bestritten werden, Ehre wem Ehre gebührt. Doch Friedrich holt zu großem Schwung aus. Er beklagt, dass in einem Land, das überall nach Veränderung verlangt, die Angst vor Veränderung um sich greife, und wirft nun keck das Papst-Wort vom Oktober 1978 in die Runde, allerdings in grober Verkürzung: „Habt keine Angst!“ Nur mutig zu, wer wagt der gewinnt! Und jetzt der Clou: „In Polen und in Ostdeutschland hat dieser Satz eine Wirkung entfaltet, die man in Bonn nie ganz verstanden hat. Die Geschichte der Solidarność ist ein Hinweis darauf, dass Veränderung oft von den Rändern einer Gesellschaft ausgeht, bevor das Zentrum sie aufgreift – meist erst, nachdem es sie lange genug bekämpft hat.“

Wahrscheinlich meint Friedrich mit „Ostdeutschland“ die DDR, also den großen Aufbruch im Herbst 1989. Es kann durchaus sein, dass Bonn diesen Aufbruch nicht ganz verstanden hatte, wie Friedrich sagt. Der DDR-Herbst kam allerdings in seiner gewaltigen Dimension für fast alle Seiten beträchtlich überraschend. Aber – Dresden zeigte das im Dezember 1989 bereits ziemlich deutlich – man reagierte in Bonn schnell und entschlossen, man fing die protestierenden DDR-Massen gewieft wie bezweckt auf dem angefangenen Weg ab, wohin immer der auch gerichtet gewesen sein mochte. Ob Bonn den Herbst 1989 nun „ganz verstanden hat“, das mag wohl dahingestellt bleiben, aber die westdeutsche Regierungspolitik jener Tage verstand von den Vorgängen in der untergehenden DDR doch wenigstens jenes nötige Quäntchen, um imstande zu sein, den eingeschlagenen Weg durchzuziehen.

Und „Solidarność“-Polen? Ohne es an dieser Stelle weiter auszuführen, sei wenigstens festgehalten, dass kaum ein anderes westliches Land – Österreich vielleicht ausgenommen – ein so tiefes Verständnis für die Vorgänge im krisengeschüttelten Polen ausgebildet hatte wie die westdeutsche Bundesrepublik. Und die DDR? Nicht die Regierenden, die folgten treudeutsch ihren Machtinteressen, doch die Leute auf der Straße? Peter Hacks erklärte es seinem westdeutschen Freund, der danach fragte, im Januar 1981 so: „Die DDR-Bürger haben keine Sympathien für die Polen, aber sie sehen doch mit schweigendem Interesse zu, was man alles mit einer Regierung anstellen kann.“

Jedenfalls spielte das Papst-Wort, anders als Friedrich behauptet, damals in der DDR keine größere, um nicht zu sagen gar keine Rolle. Johannes Paul II. saß wenig verstanden im fernen Rom, die Vorgänge in Polen interessierten die Masse der Bevölkerung allenfalls unter der Maßgabe, ob sich für das eigene Leben in der DDR etwas ändere. Und natürlich schüttelte der überwiegende Teil den Kopf: Mein Gott, wie sich die Polen nun wieder aufführten! Ob im DDR-Herbst von 1989 das Papst-Wort von 1978 noch eine große Rolle gespielt hatte – es darf bezweifelt werden!

Der Schreiber dieser Zeilen lief im Herbst 1989 – ein reiner Zufall, gewiss – selbst jeden Montagabend um den Ring zu Leipzig. Und wenn er preisgab, woher er stamme und komme, hörte er immer wieder mit einem Gefühl von Überlegenheit: „Wir gehen hier anders vor als in Polen, wir bestreiken die Betriebe nicht, wir demonstrieren erst nach Feierabend!“ Nur selten hörte er auf der dichtgedrängten Straße in jenen Oktober- und Novembertagen ein Wort von Anerkennung für das, was in Polen mit der „Solidarność“-Bewegung losgetreten wurde. Die Massen trieben anderem Ziel zu, welchem auch immer, aber in keinem Fall waren es die Erinnerungen an Polen 1980, schon gar nicht an den polnischen Papst 1978, die hier zündeten.

Ein kritischer Einwurf zu: Holger Friedrich: Sie waren nie eingeladen und sollen jetzt schuld sein. Ein Zwischenstand in einer Debatte zwischen Ost und West, die lange überfällig war, in: OstdeutscheAllgemeine Zeitung, 1. September 2026 (Bezahlschranke). Auch in der Berliner Zeitung vom gleichen Tag.