Wie Sachsen-Anhalt wählen würde, war zumindest tendenziell seit längerem absehbar. Seit noch viel längerem allerdings wird in den alten Bundesländern gerätselt und orakelt, warum die Ossis dem alt-bundesrepublikanischen politischen Establishment so anhaltend den Daumen zeigen, respektive wodurch der Boden für den Aufstieg der AfD in Neufünfland eigentlich bereitet worden sein könnte. Dabei waren erste Ursachenbefunde bereits dem 1993er – dem letzten – Jahrgang der Weltbühne zu entnehmen. Nachfolgend zwei (zugegebenermaßen willkürlich ausgewählte) Beispiele.
Die Orthographie der Originale wurde beibehalten.
Wolfgang Schwarz
Redaktion
Gemütsblöd
All unsere Erkenntnis, sagt Immanuel Kant, entspringt aus zwei Grundquellen des menschlichen Gemüts: aus der Fähigkeit, Vorstellungen zu empfangen, und aus dem Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen. Wer die Ruhe und die Gelassenheit nicht aufbringt, die Welt auf sich wirken zu lassen, sich von ihr im ursprünglichen Sinn des Wortes beeindrucken zu lassen, mag sich begrifflich noch so sehr in Positur werfen – er wird nichts anderes heimbringen als seine Vorurteile. Diese alte Einsicht drang mir jäh ins Bewußtsein, als ich mich in einen Reisebericht vertiefte, dem die Hamburger Zeit vor kurzem eine ganze Seite ihres Feuilletons widmete. Seit den frühen Wendetagen hatte sich der Autor im Osten umgetan, auf Rügen, im mitteldeutschen Industriegebiet und zuletzt auch in Thüringen. Für sich genommen ist daran nichts Besonderes. Daß Ossiwatching unter den neuen Freizeitvergnügen von Wessis rangiert, wußten wir schon zuvor. Bekannt war auch, daß diese Stippvisiten mehr Vorurteile befestigen als abbauen. Doch hier wird eine neue Stufe erreicht. Der Unsinn hat Methode.
Die Malaise beginnt in Erfurt. Kaum angekommen, wird es finstere Nacht. Stromausfall. Nur ein Gebäude der Deutschen Bank erstrahlt in vollem Glanz. Da fällt es unserem Besucher wie Schuppen von den Augen: „Die Identität der Deutschen war und ist die Deutschmark.“ Als das Licht wieder angeht, besinnt er sich auf die Grundregel jedes gestandenen Freizeitethnologen: When in Rome do as the Romans do. Auf zur Thüringer Bratwurst also. Daß die sich alle um einen Stand versammeln, erscheint ihm schlechthin unbegreiflich. Später, in den Dörfern des Thüringer Waldes, dasselbe Bild. Statt zum Geldinstitut um die Ecke zu gehen, klumpen sich die Anwohner in einer einzigen Bank. Da wird es höchste Zeit, die Hilfe eines einheimischen Informanten in Anspruch zu nehmen. Fortan dienen ihm die gesammelten Mißverständnisse des Hallenser Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz, „Der Gefühlsstau“ betitelt, als Wegweiser. Derart belehrt, weiß er nun: Das Schlangestehen ist den Ostdeutschen zur zweiten Natur geworden. Hilflos und unselbständig, wie sie einmal sind, schlagen sie die Zeit lieber gemeinsam tot, als sie einzeln mit Leben zu erfüllen. Herdentrieb geht vor Eigensinn. Da wendet sich der Gast mit Grausen. Durch freudlose dunkle Straßen, über Mülltonnen steigend, flüchtet er sich schließlich ins Freie.
Halle heißt die nächste Station. Gesehen hat er eigentlich schon genug. Da geht er lieber gleich in die Hotelbar. Aber das Schockerlebnis bleibt ihm auch hier nicht erspart. Sein Blick trifft auf junge Frauen in entstellenden Abendkleidern, auf Modeopfer, die voll in die Versandhaus-Falle getappt sind. Alles wirkt wie in einer Tanzstunde der Adenauer-Zeit. Geradezu ekelerregend stößt ihm jedoch etwas anderes auf: die Anpassungswut der Ostler, ihre Verstellsucht, der völlige Mangel an Würde und Selbstbewußtsein. Leute mit Minderwertigkeitsgefühlen auf der Jagd nach Anerkennung. Das hat er bei Maaz gelesen. Und irgendwie lallend, man weiß nicht, ob nach dem fünften oder zehnten Whiskey, oder, wenn keines von beiden, sogar nüchtern, entfährt es ihm schließlich: den Ossis geschieht es ganz recht, die Kolonialisierung trifft Leute, die es nicht anders verdient haben, die überfallen und gemaßregelt werden wollen. Der ganze Osten ist ein einziger „sadomasochistischer Pornoladen“.
Da wehte in Rügen, das er gleich nach der Wende beehrte, ein anderer frischerer Wind. Freilich nur meteorologisch gesehen. Ansonsten die nämliche Misere: holprige Straßen, verfallene Häuser, düstere Menschen, Modergeruch; „der wundersame Verfall eines ganzen Jahrhunderts“. Conclusio dank Maaz – hier, in der Provinz der alten DDR, muß das Leben wie ein ewiger verregneter Kleinbürgersonntag gewesen sein. Abwechslungen Fehlanzeige. Es sei denn in der Form von amtlichen Verlautbarungen der Lokalfürsten, abgestrahlt von Lautsprechern, die noch heute die Strommasten an den öden Dorfstraßen zieren. „Die Stimme der Gemeindeämter.“ Ein Hauch von Orwell. So wird die Reise in die ostdeutsche Gegenwart zur Ankunft in den frühen Tagen der Bundesrepublik, „oberes Oberfranken, fünfziger Jahre, Friedhofsruhe“. Nichts wie weg.
Gemütsblöd nannte das aufklärerische 18. Jahrhundert Menschen, denen der Sinn für die Wirklichkeit, für das Andere und Fremde abhanden gekommen war, die nichts mehr vorurteilsfrei sich begegnen lassen konnten. Einreden und gute Worte hülfen hier nicht weiter. „Diese Verstimmung des Gemüts kann nicht füglich durch vernünftige Vorstellungen gehoben werden. Der Hang, in sich selbst gekehrt zu sein, kann samt den daher kommenden Täuschungen des inneren Sinns nur dadurch in Ordnung gebracht werden, daß der Mensch in die äußere Welt und hiemit in die Ordnung der Dinge zurückgeführt wird.“ So dachte Kant in seiner Anthropologie. Wie er über unseren Fall geurteilt hätte, wissen wir nicht. Daß er ein solches Paradebeispiel für die Unfähigkeit, soziale Erfahrungen zu machen, der Verstärkung durch öffentliche Medien empfohlen hätte, dürfen wir, therapeutische Zwecke einmal beiseitegelassen, getrost ausschließen.
Was bleibt, ist daher die beklemmende Frage nach den Gründen, die den Feuilletonchef der Zeit zur Drucklegung dieser Häme bewogen haben. Und da es sich hierbei um keinen Einzelfall, sondern um das vorläufig letzte Glied in der Kette ähnlicher Publikationen handelt, drängt sich die Schlußfolgerung einer Geistesverwandtschaft zwischen Autoren und Redakteuren geradezu auf. Mehr als das. Hinter dem Unsinn steckt Methode, sagte ich eingangs, und meinte damit die weithin beobachtbare Tendenz, daß sich selbst die einstigen Bastionen der liberalen westdeutschen Medienöffentlichkeit, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, zu altbundesrepublikanischen Kampfblättern, zu Feindbildpostillen, mausern, die mit groben Stereotypen auf die Leserschaft einhämmern und die letzten Reste deutsch-deutschen Verständigungswillens unter sich begraben. Da faselt Monika Maron in demselben Stil, der ihre Prosa so ungenießbar macht, von ihren früheren Landsleuten: „blamabel, peinlich, lächerlich“; geißelt der Edelachtundsechziger Thomas Schmid die rohen Manieren der Ostler, die die ach so postmaterialistische Kultur des Westens zu vergiften drohten, als „altdeutschen Materialismus“, und nun auch noch das, die böse Rede vom Osten als sadomasochistischem Pornoladen.
Wer die Wurzeln der Humanität derart mit Füßen tritt, in symbolischen Gewaltexzessen gleichsam schwelgt, muß zuvor ein Gefühl der Bedrohung entwickelt haben, das man, ohne beleidigend zu werden, nur paranoid nennen kann. Was der Kalte Krieg nicht vermochte, die Ostdeutschen schaffen es spielend: Im Angesicht dieses heimtückischen Außenfeindes, der sich als zugehörig tarnt, sinken sich selbst hartnäckige geistige Widersacher in die Arme, Schulterschluß der Etablierten gegen die Außenseiter. Tabus, die man untereinander streng beobachtet, werden suspendiert; Überlegenheitsgefühle, der demokratischen Etikette entronnen, äußern sich in unverhüllter Verachtung und purem Haß. Man schlägt die morgendliche Zeitung auf und sieht sich eine ganze Zivilisationsstufe zurückversetzt. Denn dies eben, die öffentliche Ächtung nicht nur von physischer, sondern auch von symbolischer Gewalt, galt in der alten Bundesrepublik fast schon als eine Errungenschaft. – Fragt man sich eigentlich nur eines: Warum fällt es bis heute immer noch denen zu, zwischen gerechtfertigten und überzogenen, „vernünftigen“ und „verrückten“ Erwartungen an den Wendeprozeß zu unterscheiden, die mit einem Bein (und oft mit beiden) im ganz alltäglichen Irrsinn des sozialen Verfolgungswahns stehen?
Weltbühne, 4/1993. Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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Motzki – das Plagiat
Was ist denn nur passiert? Die Washington Post berichtet über Wolfgang Menges Motzki, und die International Herald Tribüne hebt ihn auf ihre Titelseite. Der nordrhein-westfälische CDU-Generalsekretär Herbert Reul verlangt Motzkis unverzügliche Absetzung, weil der „die Würde der Menschen im Osten Deutschlands“ verletze. Und Berlins Regierender Burschenschaftler Eberhard Diepgen, dessen Kopf dreißig Jahre lang dem schlagenden Brauchtum seiner Kommilitonen ausgesetzt war, glaubt: „Wer unter 40 Jahren kommunistischer Diktatur gelitten hat, kann über die Späßchen nicht lachen.“ Rita Süßmuth stimmt ein und verlangt „humorvollen Umgang miteinander“, aber auf keinen Fall einen, der „uns auseinandertreibt“ – uns, damit meint sie die beiden deutschen Völker der Wessis und der Ossis. Nur Finanzminister Waigel – ein manchmal grundehrlicher Mann – weiß, wozu Motzki gut ist: „Durch überzogene Forderungen und falsche Vorwürfe aus dem Osten“, so sprach er, könnten „noch mehr Bürger im Westen zu Motzkis werden.“
Motzki – das plötzlich ausgebrochene nationale Unglück. Ja, gucken denn die beiden deutschen Völker der Dichter und der Denker nur noch in die Glotze und rühren kein Buch mehr an? Merkt denn keiner, daß Motzki nur das schwache Plagiat eines starken Buches ist, das schon länger als ein Jahr auf dem Markt ist, viel rezensiert, viel gekauft, viel gelobt, aber – jetzt stellt es sich heraus – nicht gelesen wurde? Arnulf Baring, sein Verfasser, ist noch immer Professor für Zeitgeschichte an der Westberliner Freien Universität, kein Mensch hat seine Absetzung verlangt.
Dabei ist Menges Motzki in vielem gemäßigter als Barings Buch. Motzki weiß zwar, daß Sachsen nur eine „Abart“ der Deutschen sind – „auf keinen Fall solche wie wir“. Aber grundsätzlich gesteht er allen Ossis zu, daß sie jetzt immerhin „schon fast drei Jahre lang Deutsche“ seien. Professor Baring dagegen hat es genau erforscht: „Aus den Menschen dort sind weithin deutsch sprechende Polen geworden.“ Denn: „In der alten DDR herrschte im Grunde, wie man es früher formuliert hätte, polnische Wirtschaft.“
Motzki nennt zwar unser Anschlußvolk das „Ostpack“, aber zwischendurch hält er es immerhin für intelligent genug, uns über den Tisch zu ziehen. Für Professor Baring dagegen „muß die Betonung des Russischen als Sprache und des Marxismus-Leninismus als Philosophie dazu geführt haben, daß sich in den Köpfen überhaupt nichts tat“. Folge: „Die Universitäten waren weitgehend keine Universitäten, die Schulen keine Schulen“ – die Leute drüben haben einfach nichts im Kopf. Und darum sind drüben die meisten Menschen in den führenden Positionen „unfähig zur Ausübung ihrer Berufe“.
Daß die „Zonendödel“ zu nichts nutze seien, sagt auch Motzki. Aber das ist Stammtisch. Professor Baring bietet Wissenschaft, wenn er sich gegen die „Schönfärberei“ jener wendet, die da meinen: „Wir können doch nicht Hunderttausenden von Leuten sagen, sie seien nichts wert.“ Doch, sagt Baring, wir müssen. Da ist nichts zu retten, die Leute drüben sind „verzwergt“, sie sind „verhunzt“. Der Gelehrte über das minderwertige ostdeutsche Menschenmaterial: „Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal: Sein Wissen ist auf weite Strecken unbrauchbar.“ Den politisch und charakterlich Belasteten könne man ruhig ihre Sünden vergeben, es nütze nichts: „… denn viele Menschen sind wegen ihrer fehlenden Fachkenntnisse nicht weiter verwendbar“. Schreibt Baring.
„Typisch Ossis. Kriegen es hinten und vorn reingesteckt. Ihr seid von Kind an daran gewöhnt, auf anderer Leute Kosten zu leben. Verschwender und Schmarotzer.“ Schimpft Motzki. Professor Baring aber analysiert diese „kompensatorische Arroganz des unterlegenen Schwächeren“. Sie lieben uns nicht – diese „Ressentiments“, und das Gerede, daß man „zu Honeckers Zeiten doch besser dran“ gewesen sei. Professor Baring zieht daraus – wissenschaftlich kühl – die Konsequenz für das ostdeutsche Volk. So: „Wenn vielen von euch das alles so wenig gefällt, wenn ihr weder zu arbeiten noch etwas dazuzulernen bereit seid, sondern nur Forderungen stellt, schlagen wir euch vor, wir setzen euch raus. Wir ändern die Verfassung, ihr werdet frei und könnt euren Kram künftig alleine machen!“
Motzki nennt den Tag, an dem die Mauer – „Scheißmauer“ sagt er immerhin – abgerissen wurde, einen „schwarzen Tag in unserer Geschichte“. Er will die Mauer zurück – „lieber heute als morgen“. Baring wollte sie schon gestern. Er verlangte, daß „in dieser oder jener Form an Absperrungsmaßnahmen“ gedacht werden müsse. „Wir werden eher Mauern bauen“, sagt Baring, „um uns abzuschirmen.“ Um uns gegen eine „sintflutartige Zuwanderung aus den verschiedensten Himmelsrichtungen zu schützen“. Auch gegen die „mentale Verwahrlosung im Osten“. Tausende von Rumänen und Bulgaren, „hauptsächlich Zigeuner“, rennen uns doch heute schon „die Bude“ ein. Sagt Professor Baring, nicht Motzki.
Motzki soll abgesetzt werden, fordern Politiker, aber keiner hat je verlangt, daß man Barings Buch einstampfe oder wenigstens dort endlagere, wo auch die Klassiker der einstigen DDR – von Goethe bis Kisch – ruhen: auf der Müllhalde von Leipzig.
Weltbühne, 7/1993. Leider ist es der Redaktion nicht gelungen, Rechtinhaber an den Publikationen des kürzlich verstorbenen Otto Köhler ausfindig zu machen. Es wird daher darum gebeten, sich gegebenenfalls mit der Redaktion in Verbindung zu setzen.
Schlagwörter: Arnulf Baring, DDR, Die Zeit, Motzki, Osten, Otto Köhler, Wolfgang Engler

