29. Jahrgang | Nummer 15 | 14. September 2026

Antworten

Andreas Domke, Pfarrer aus Zehdenick im „Predigtstreik“ – Im September wird es in Ihrer evangelischen Stadtkirche keine Predigt von Ihnen geben. „Auslöser für meine Aktion ist die zunehmende Militarisierung der Sprache und des Denkens“, erklärten Sie und verstehen sie als Weckruf und konstruktive Provokation gegen Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit, Feindschaft, Gewalt und Abschreckung.

Sie sehen Ihr „Schweigen für den Frieden“ als demokratischen Akt. Möge Gott mit Ihnen sein und auch die noch immer Waffen segnenden Kirchenoberen bekehren. 

 

Bea Merscher, als „Wutärztin“ titulierte Kinderärztin – Sie sind eine überaus sozial engagierte Fachärztin und in einem Polittalk vor der Wahl mit dem Bundeskanzler Merz aneinandergeraten. Dort warfen Sie ihm vor, er breche mit den geplanten Kürzungen im Gesundheitswesen seinen Amtseid und erlasse „menschenverachtende und zerstörerische Gesetze“. Der Bundeskanzler bezeichnete Sie daraufhin als „Nutznießer“ des Gesundheitssystems. Mediziner aus dem ganzen Land zeigten sich darüber schockiert und äußerten viel Kritik. Wie man hört, hätten Sie sich mit Ihrer Kritik „straffällig“ gemacht, sage zumindest derjenige, der im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt durch die bisherige Regierungspartei versteckt wurde. Ihre Reaktion ist ein Aufruf „Gesundheit statt Sparwahn“ und ein Kommentar: „So denkt nur ein Millionär.“

Der, so fügen wir hinzu, offensichtlich den Bezug zum Alltag der Bürger völlig verloren hat und dem es an Respekt vor hart arbeitenden Menschen mangelt, was sich nicht nur in seiner Arroganz zeigt.

 

Itamar Ben-Gvir, Rechtsradikaler und Minister für Nationale Sicherheit Israels – Sie haben erneut Grenzen zwischen radikaler Rhetorik und konkreter Gewaltforderung verschoben. In einem Podcast mit der früheren Hamas-Geisel Rom Braslavski verlangten Sie, im Gazastreifen jede Nacht „30 bis 40“ Palästinenser zu töten und bezogen das ausdrücklich nicht nur auf unmittelbar angreifende Kämpfer. Zudem verbanden Sie die Forderung mit der Idee einer massenhaften Vertreibung der Palästinenser und einer anschließenden jüdischen Wiederbesiedlung Gazas. Sie führen zwar nicht die Armee, besitzen als Polizeiminister dennoch institutionelle Macht über Polizei und Strafvollzug.

Ihre menschenverachtenden Ziele nennt man im Völkerrecht ethnische Säuberung. Ob das der Bundeskanzler weiß, wissen wir nicht. Doch anstatt Sanktionen gegen Sie persönlich zu verhängen, baut Deutschland gerade die militärische Zusammenarbeit mit Israel durch gemeinsame Waffenproduktion immens aus.

 

Friedrich Merz (CDU), unbeliebtester Bundeskanzler – Inzwischen (Stand: 07.09.2026) sind zwar 81 Prozent der Bevölkerung mit Ihrer Arbeit unzufrieden, doch wir halten uns damit nicht auf. Volkes Stimmung, nun ja, ist manchmal halt ein Halm im Wind …

Wir haben vielmehr Ihre vollmundige Verkündung vom 15. November 2018 noch lebhaft im Ohr: „Wir können wieder bis zu 40 Prozent erzielen und die AfD halbieren. Das geht! Aber wir selbst müssen dafür die Voraussetzungen schaffen. Das ist unsere Aufgabe.“ Zumindest mit dem Halbieren hat es bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ja schon mal prächtig geklappt*. Nun sind wir sehr gespannt, ob Sie und Ihre Partei in Berlin und Meck-Pomm am 20. September 2026 vielleicht mit ähnlichen Erfolgen aufwarten können.

* – CDU-Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt: 2021 – 37,1 Prozent; 2026 – 17,2 Prozent.

 

Johann Wadephul (CDU) und Alexander Dobrindt (CSU), Bundesaußenminister und Bundesinnenminister – Das Auffinden einer mit Sprengstoff versehenen, doch technisch versagt habenden Drohne neben einem mit Munition beladenen ukrainischen Transportflugzeug auf dem Flughafen Leipzig-Schkeuditz haben Sie, ohne auch nur den Hauch eines gerichtsfesten Beweises zu präsentieren, Russland angelastet und weitere Strafmaßnahmen gegen Moskau verkündet. Letztere bleiben zwar im Rahmen pubertärer diplomatischer Kinkerlitzchen, doch insgesamt in einer Situation, in der ihr Ministerkollege Boris Pistorius (SPD, Verteidigung) rühmt: „Mit einem Gesamtvolumen von rund 55 Milliarden Euro (Stand Anfang 2026) ist Deutschland größter Unterstützer der Ukraine in Europa.“ Die Idee, dass eine Lehre des 24. Februar 2022 darin bestehen könnte, zu ahnen, was passieren kann, wenn man Moskau einmal zu viel ans Bein pinkelt, scheint Sie intellektuell zu überfordern.

In einer vielleicht nicht ganz vergleichbaren Lage wendet sich die Delinquentin bekanntlich mit den Worten ab: „Heinrich, mir graut vor dir.“ Uns geht es ganz ähnlich …

 

Donaukurier, zur Mediengruppe Bayern gehörende Gazette – Noch während die Ermittlungsorgane wegen Anschlägen auf Umspannwerke nach einem Verdächtigen aus Gevelsberg fahndeten, war laut Presseschau des Deutschlandfunks am 5. September 2026 in Ihren Spalten zu lesen: „Auch, wenn Moskau womöglich nicht hinter den Draht-Raketen auf Umspannwerke in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Brandenburg steckt, sondern irgendein Irrer, so dürfte derlei doch von Moskau gewollt sein – weil es nützlich ist […].“

Nachdem wir uns diese Einlassung auf der Zunge zergehen lassen hatten, fragen wir uns nun: Was kommt wohl als nächstes?

Etwa: Die Dürreschäden in der deutschen Land- und Forstwirtschaft bedeuten laut Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) eine „Krise von nationaler Tragweite“. Völlig klar: „[…] dürfte derlei doch von Moskau gewollt sein – weil es nützlich ist […].“

Oder: Der VolkswagenKonzern steckt tief in den roten Zahlen. Kein Zweifel: : „[…] dürfte derlei doch von Moskau […].“

Und ganz bestimmt: „Die Deutsche Bahn ist in der größten Krise seit 30 Jahren“, sagt sogar Bahnchef Richard Lutz. Doch natürlich weiß jeder: „[…] dürfte derlei doch […].“

 

Hans Johann Georg Traxler, Maler, Cartoonist, Illustrator, Satiriker, Kinderbuchautor – Der Klassiker „Die schlimmsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ stammt zwar nicht aus Ihrer Feder, die dazu passenden zeichnerischen und bildhauerischen Umsetzungen dafür umso mehr. Sie gehörten zur legendären Neuen Frankfurter Schule, der neben Ihnen und dem Elche-Dichter F. W. Bernstein weitere Humor- und Nonsens-Granden wie Robert Gernhardt, F. K. Waechter und Chlodwig Poth angehörten. Mit einigen davon gründeten Sie 1979 das Satiremagazin Titanic. Auch die kreative Verwendung einer bekannten einheimischen Kernobstart als glossierende Vorlage zur polit-humoristischen Bewältigung eines deutschen Langzeitkanzlers ist Ihnen zu danken.

Ihr 1963 erschienener Longseller „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ erlebte hierzulande mehr als 50 Auflagen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Darin ließen Sie den Aschaffenburger Studienrat Georg Ossegg, 45, einen Hobbyarchäologen, anhand von Ausgrabungen im Spessart die Grimm’sche Geschichte „als romantische Verfälschung eines Raubmordes“ entlarven, der sich Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ereignet hatte und bei dem es um „ein Geheimrezept für Lebkuchen“ ging. So stand es im Spiegel 28/1964. Das Magazin berichtete seinerzeit auch über das Echo auf die Veröffentlichung:

  • 18 ausländische Verlage bewarben sich um die Lizenzausgabe des Traxler-Buches, weil sie eine wissenschaftliche Sensation witterten. Selbst ein Gerichtsmediziner in Japan, Professor Takemura, bat um die Übersetzungsrechte.
  • Eine Frankfurter Studienrätin bat den Autor um präzise Ortsangaben, da sie mit ihrer Abiturienten-Klasse die wiederentdeckten Reste des Hexenhauses besuchen wolle.
  • Die Ostberliner BZ am Abend fragte unter der Schlagzeile „Hänsel und Gretel – ein Mörderpaar?, ob man wohl einem „Kriminalfall des Frühkapitalismus“ auf die Spur gekommen sei.
  • Das Kulturamt der Stadt Recklinghausen lud den Ausgräber Ossegg zu einem Vortrag ein.

Die zweite Auflage Ihres Buches erschien dann vorsichtshalber mit dem Aufdruck „Eine glaubwürdige Parodie“.

Jetzt hat Ihnen, 97-jährig, der große Gleichmacher den Pinsel, die Farben und das Schreibzeug endgültig aus der Hand genommen. Wir neigen uns in Trauer und Ehrfurcht.