29. Jahrgang | Nummer 14 | 31. August 2026

Wetter und Klima – das Extrem wird zum neuen Normal

von Stephan Wohanka

Feuersbrünste rund um den Globus, Dürren wechseln sich mit sintflutartigen Regengüssen und Unwettern ab, dazu ausgetrocknete Seen und kaum wasserführende Flüsse, Hitzeschübe kommen immer häufiger – ist das alles angesichts der Häufung immer noch nur „Wetter“? Wie ist der Zusammenhang zum Klima?

Zugleich verhärtet sich die öffentliche Debatte. Politische Prioritäten verschieben sich weg von Umweltproblemen häufig hin zu autoritären und nationalistischen Überzeugungen, die mit dem rechten Zeitgeist einhergehend den menschengemachten Klimawandel relativieren oder leugnen.

Herrliches Wetter habe er erwischt: „Endlich ist er da, der Klimawandel. Wir haben lange auf ihn gewartet“, rief Ulrich Siegmund, bekanntlich Spitzenkandidat der AfD für die Sachsen-Anhalt-Wahl beim Wahlkampfauftakt und wurde dafür mit Gejohle und Applaus belohnt. Im Extremfall gelten Wissenschaftler, die „Klimathesen vertreten“ als „akademische Huren“. Je zugespitzter die von Wetterextremen hervorgebrachte Lage, desto härter die politische Auseinandersetzung, die Züge eines Kulturkampfes trägt. Aber das wäre ein anderes Thema …

Vor Jahrzehnten begann man, Wetteraufzeichnungen zu machen und daraus statistische Daten für Vorhersagen abzuleiten. Heute werden diese Messungen mittels Wetterstationen, Wetterballonen, Flugzeugen, Schiffen, Radarmessgeräten, Satelliten oder Bojen in den Meeren erhoben und ständig zusammengeführt. Millionen von Einzeldaten zu Temperatur, Feuchtigkeit, Wind oder Druck werden gemessen, geografisch richtig zugeordnet und auf der Zeitachse in die Zukunft „gestreckt“. Dabei helfen virtuelle, über den Erdball gezogenen Linien, deren Gitterpunkte je nach Modell und Anwendung nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen. Je kleiner die Gitterweite, desto feinere Strukturen – allerdings steigt auch der Rechenaufwand erheblich. Diese Gittermodelle werden sowohl für konkreten Wettervorhersage als die längerfristigen Klimamodellierung verwendet. Darauf basierend funktionierte die klassische Unterscheidung: Wetter als Ereignis und Klima als Statistik; das Wetter schwankte um relativ stabile Klimamuster. Extremwetterereignisse galten als Ausreißer auf dem Hintergrund dieser Muster.

Diese Klimatologie gründet implizit auf der Annahme, die übrigens für viele statistische Verfahren zutrifft: Die Vergangenheit liefert über Wetterdaten und Berechnungen der Klimaforschung Hinweise darauf, welche Klimabedingungen und daraus folgend welche konkreten Wetterereignisse jeweils wahrscheinlich sind. Unter den Voraussetzungen eines sich rasant zuspitzenden Klimawandels wird dies problematisch; die Genauigkeit der Projektionen wird geringer. Das Klima verliert teilweise seine Funktion als stabiler Referenzrahmen für die Definition des Außergewöhnlichen: Was gestern ein Extrem war, tritt heute häufiger auf, wird gewöhnlicher.

Das führt zu einem Paradox: Je stärker sich das Klima verändert, desto weniger geeignet ist ein vergangener Klimazustand als Maßstab für die Gegenwart und erst recht für die Zukunft. Aber gleichzeitig brauchen wir einen Referenzrahmen, die Norm, um Veränderungen überhaupt messen zu können – aber die Veränderung verändert die Norm.

Ich halte das für eine fruchtbare wissenschaftliche Fragestellung über das Klimaproblem hinaus: Sie führt zu der allgemeineren Frage, wie sinnvoll statistische Kategorien wie „Normalität“, „Extrem“ und „Ausnahme“ werden, wenn sich deren Verteilung selbst verändert. Das wäre dann nicht mehr nur Klimatologie, sondern eine interessante Schnittstelle von Statistik und Erkenntnistheorie. Die Kategorien bleiben sinnvoll, verlieren aber ihre scheinbare Absolutheit: Ihre Aussagekraft ist an eine explizit definierte Referenzverteilung gebunden. Nicht die Veränderung der Verteilung macht statistische Kategorien problematisch, sondern die Versuchung, eine referenzgebundene Kategorie als zeit- und kontextunabhängige Eigenschaft zu behandeln. Und daraus lässt sich die weiterführende Forschungsfrage ableiten: Wie verändert sich die Bedeutung statistischer Kategorien wie „normal“, „extrem“ und „außergewöhnlich“, wenn die zugrunde liegende Wahrscheinlichkeitsverteilung selbst nicht stationär ist?

Dieses „die Veränderung verändert die Norm“ lässt sich gut abbilden: Gemäß den Empfehlungen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ist es üblich, zur Erfassung des Klimas und seiner Änderungen Mittelwerte über einen Zeitraum von 30 Jahren zu errechnen, um kurzfristige Schwankungen zu glätten respektive eine robuste statistische Referenz schaffen. Die natürliche Variabilität wird dadurch aber keineswegs „ausgeklammert“; sie ist weiterhin Bestandteil der Klimastatistik. Hierfür kam in der Vergangenheit häufig der Zeitraum 1961 bis 1990 zum Einsatz; davor galt die Periode 1931-1960 als Bezugszeitraum.

Die durch den Menschen verursachte Klimaerwärmung ist besonders in den vergangenen 30 Jahren deutlicher zu spüren. Gerade seit den 2000er Jahren gab es global, europa- und deutschlandweit immer neue Wärmerekorde; die Abweichungen vom Klimamittel waren in besonders heißen Monaten teilweise enorm – bis zu drei oder vier Grad. Aus Anomalien wurde eine „neue Normalität“ – das heißt aufgrund des Klimawandels steigen aber nicht nur die einzelnen Monats- respektive Jahrestemperaturmittel, sondern auch das Temperaturmittel verglichen zur vorangegangenen 30jährigen Periode.

Die Zeitspanne 1991-2020 ist – wie gesagt – der Zeitraum, in dem es deutlich wärmer geworden ist. Mit Ende des Jahres 2020 wurde daher diese Zeitachse zur neuen Referenzperiode für klimatologische Bewertungen. In diesem Übergang vom Klimamittel 1961-1990 zur neuen Referenzperiode 1991-2020 ist die eben benannte Klimaerwärmung bereits verrechnet, so dass deren Temperaturmittelwerte klar höher liegen. Das hat in Zukunft gravierende Folgen bei der Auswertung der Wetterdaten: Monate oder gar Jahre, die beim Vergleich mit dem Klimamittel 1961-1990 noch deutlich „zu warm“ ausfallen, wären im Verhältnis zum neuen Klimamittel 1991-2020 dann plötzlich „normale“ also „durchschnittliche“ Monate respektive Jahre. Folglich fallen dann die Temperaturabweichung vom „Normal“ trotz des Klimawandels nicht mehr so krass aus.

Diese wissenschaftlich sinnvolle Aktualisierung der Referenzperiode kann paradoxerweise dazu führen, dass der bereits eingetretene Klimawandel statistisch weniger auffällig daherkommt; ein Beispiel macht es verständlich: Angenommen, die statische Temperatur eines Monats („Klima“) betrug im alten Referenzzeitraum zehn und im neuen Zeitraum elf Grad. Ein aktueller Monat („Wetter“) machte mit zwölf Grad dann gegenüber 1961–1990 plus zwei Grad aus und gegenüber 1991–2020 nur plus ein Grad. Der Monat ist aber natürlich nicht kälter geworden. Lediglich seine Abweichung gegenüber dem jeweiligen Referenzwert ist kleiner.

Auch wenn der Klimawandel folglich nicht mehr auf den ersten Blick eindeutig erkennbar ist, an dem bestehenden Problem ändert die neue „Klima-Zeitrechnung“ durch die neue Referenzperiode nichts. Die absoluten Temperaturen bleiben schließlich weiterhin auf wachsendem Niveau mit allen eingangs aufgeführten fatalen Phänomenen. Mitnichten hat sich damit der Klimawandel abschwächt oder ist gar „beendet“.

Wenn also jemand behauptet, es sei doch alles gar nicht so schlimm mit dem Klimawandel, so ist das ein gefährlicher Trugschluss. Das Problem besteht nicht darin, dass die Temperaturen steigen, sondern dass unsere menschliche Daseinsweise – die Art, wie wir wohnen, arbeiten, uns ernähren, uns fortbewegen, wirtschaften und miteinander leben – zunehmend unter Druck gerät. Die Klimakrise entwickelt sich damit von einem Umweltproblem zu einer geradezu „biblischen Prüfung“. Und das ist die entscheidende Frage: Haben wir das bereits verstanden? Und sind wir bereit, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Anmerkung d. Red.: Der immense Einfluss von Militär, Rüstung und Kriegen auf Umwelt und Klima wird oft übersehen. Es ist höchste Zeit, dies zu ändern. Bei der Betrachtung der Auswirkungen menschlichen Handelns auf Umwelt und Klima dürfen Militär, Rüstung und Kriege nicht außer Acht gelassen werden. Angesichts der existenziellen Herausforderungen der Menschheit sind sie völlig anachronistisch. Folglich sollte eine effektive Umwelt- und Klimapolitik den Widerstand gegen Aufrüstung und Kriege sowie den Einsatz aller verfügbaren Mittel zur Vermeidung von Eskalationen umfassen. Siehe auch der Beitrag von Wagenknecht/Varwick/Streek in diesem Heft.