29. Jahrgang | Nummer 13 | 10. August 2026

Das Gelöbnis am 20. Juli

von Erhard Crome

In diesem Jahr hielt der Schriftsteller, Reporter und Essayist Navid Kermani die Rede zum Feierlichen Gelöbnis junger Rekrutinnen und Rekruten am 20. Juli vor dem Bendlerblock, dem Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums. Dass die Bundeswehr dieses Gelöbnis am 20. Juli begeht, war in der alten BRD keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil, die „Gründerväter“ der Bundeswehr waren Generäle und Offiziere, die in der Wehrmacht bis zum bitteren Ende den Befehlen gehorcht hatten. So konnten sie sich schwerlich in die Tradition des Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg stellen, der versucht hatte, Hitler zu töten.

Mit dem Ende der Sowjetunion und der DDR war auch der Antikommunismus als zentrale Achse des Selbstverständnisses der Bundeswehr entschwunden, Russland als der altböse Feind war noch nicht wiederentdeckt. Folglich musste die Bundeswehr des vereinigten Deutschlands ein neues Selbstbild erhalten. Die sozialdemokratische Schröder-Regierung entschied sich für den 20. Juli. Verteidigungsminister Rudolf Scharping legte 1999 dieses Datum als Tag des Feierlichen Gelöbnisses fest, Bundeskanzler Gerhard Schröder hielt vor dem Bendlerblock 1999 die erste Rede zu diesem Anlass.

Auf der Webseite der Bundeswehr heißt es zum Selbstverständnis unter der Überschrift „Tag des deutschen Widerstands: Das Stauffenberg-Attentat und die Bundeswehr“: „Am 20. Juli 1944 versuchte eine Gruppe von Offizieren um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, den Diktator Adolf Hitler zu töten. Der Staatsstreich misslang zwar und viele Beteiligte wurden hingerichtet, der Aufstand gegen das Unrecht aber ist beispielhaft für alle in der Bundeswehr. Deswegen ist der 20. Juli bis heute von zentraler Bedeutung in der Truppe.“

Dazu wird ausgeführt: „Ihr Beispiel wurde deshalb im Nachkriegsdeutschland identitätsstiftend für die neu gegründete Bundeswehr.“ Das ist so natürlich Geschichtsklitterung. Gleichwohl soll für das heutige Identitätsstiften gelten: „Die Gruppe um Stauffenberg wurde zum Vorbild für alle Soldatinnen und Soldaten. Das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform, der seinem Land und seinen Menschen aus eigenem Antrieb verantwortungsvoll dient, ist heute zum Ideal aller Soldatinnen und Soldaten geworden. Alle Angehörigen der deutschen Streitkräfte sind angehalten, Befehle auf ihre Rechtmäßigkeit zu hinterfragen und ihren Dienst im Einklang mit dem eigenen Gewissen zu versehen.“

Navid Kermani hielt seine Rede ganz in diesem Sinne und sprach über die Tragweite des Gewissens, soldatisches Heldentum und die Vorzüge des Lebens in einem freien Land. Kermani wurde 1967 in Siegen als vierter Sohn iranischer Eltern geboren. Sein Vater war Arzt, der im Jahre 1959 mit seiner Familie in die BRD eingewandert war. Das war die Zeit, da die demokratisch gesinnten Anhänger Mohammad Mossadeghs vor dem Schah-Regime flüchten mussten. Die USA hatten die populäre Regierung Mossadeghs im August 1953 durch einen von der US-amerikanischen CIA und dem britischen MI6 organisierten Militärputsch gestürzt. Kermani ist nicht nur Schriftsteller, Publizist sowie weltgereister Reporter, sondern auch habilitierter Orientalist. Er gilt laut Wikipedia als „einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland“. 2009 erhielt er den Hessischen Kulturpreis, war 2014 Festredner im Bundestag zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes und erhielt 2015 den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“.

Vor diesem Hintergrund war Kermani eingeladen worden, die Rede zum Gelöbnis 2026 zu halten. An die Rekrutinnen und Rekruten gewandt, sagte er zunächst: „Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie. Diese genuin soldatischen Tugenden haben Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, bis gestern gelernt und werden Sie von morgen an weiter lernen.“ Der 20. Juli jedoch lehre sie „etwas anderes. Er lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet.“ Das jetzige Gelöbnis gelte „einem demokratischen Staat und einem freien Volk“.

Zentrale Lehren aus den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges nicht nur für Deutschland, sondern für die Menschheit waren – so Kermani – die Anerkennung des Völkerrechts, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Gründung der UNO sowie die „Einrichtung des Internationalen Gerichtshofs und des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag“. Angesichts dessen kritisierte er die deutsche Politik klar und deutlich: „Wenn ausgerechnet die Bundesregierung sich damit hervortut, das Völkerrecht als nachrangig zu behandeln, oder ausgerechnet ein deutscher Bundeskanzler als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten verteidigt, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, ist das nicht nur für unser Ansehen verheerend, auf das wir als Exportnation nicht zuletzt ökonomisch angewiesen sind. Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, dass sie auch im Innern verächtlich gemacht wird.“

Vor diesem Hintergrund forderte Kermani die Soldaten ausdrücklich auf: „Es ist unwahrscheinlich, dass die nächsten Jahrzehnte so friedlich bleiben, wie es die letzten Jahrzehnte für Deutschland alles in allem waren. Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.“

Eine für ein Militärgelöbnis sehr ungewöhnliche Aufforderung. In den Medien hieß es, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) an dieser Stelle der Rede „deutlich das Gesicht verzog“. Generalinspekteur Carsten Breuer, oberster Militär der BRD, und Pistorius folgten dennoch ordnungsgemäß dem Protokoll, schritten gemeinsam mit Kermani die Front der Angetretenen ab und legten gemeinsam die Kränze für Stauffenberg und seine erschossenen Mitkämpfer nieder. Konservative Stimmen monierten, es sei falsch gewesen, so jemand zu der Rede einzuladen, die Qualifizierung, „einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland“ zu sein, reiche nicht. Die Kritik an der betriebenen deutschen „Kriegsführungsfähigkeit“ hat so jedoch einen wichtigen Kronzeugen.