29. Jahrgang | Nummer 12 | 20. Juli 2026

Rezensionen und Rezensenten

von Renate Hoffmann

Besprechungen, Einschätzungen, Betrachtungen, kritische und weiterführende Hinweise, Empfehlungen und Abweisungen; dazu Befriedigung der Sensationsgier – und ein Quäntchen vom Auf und Ab des Zeitgeistes. Das ist das Sammelsurium, aus dem der Rezensent schöpfen kann, wenn er sie schreibt, die Rezension. Sie ist gedacht für Journale, Magazine, Bibliotheken, die einschlägige Fachpresse und für literarische Werke unterschiedlichster Art. Der Leser nimmt die Angebote neugierig auf, lässt sich anregen oder legt sie gelangweilt beiseite.

Die Wirkung einer Rezension setzt die angemessene Textgestaltung voraus und sollte sich an vorgegebene Kriterien halten. – Wer dies meisterlich verstand und als Erfahrungswert an werdende Rezensenten weitergab, war der Buchhändlerssohn Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811), Verleger, Schriftsteller, Kritiker, Buchhändler, bedeutsamer Vertreter der Aufklärung in Wort und Gedankengut. Befreundet mit Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und Carl Friedrich Zelter, Komponist und Duzfreund Goethes. – Nicolai war Mitglied der Preußischen- und Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Begründer der Allgemeinen deutschen Bibliothek (AdB), eines Rezensionsblatts, das von 1765 bis 1806 Bestand hatte.

Nicolais Vorankündigung: „Dieses Werk soll seiner Absicht nach eine allgemeine Nachricht vom Jahr 1764 an, in sich enthalten. Man wird also darinn von allen in Deutschland neu herausgekommenen Büchern, und andren Vorfällen, die die Litteratur angehen, Nachrichten zu ertheilen suchen.“ Die AdB entwickelte sich zum wichtigsten Rezensionsorgan auf dem Büchermarkt. Auswahl und redaktionelle Bearbeitung der eintreffenden Besprechungen, die insbesondere für die Messen im Frühjahr und Herbst bestimmt waren, übernahm der Herausgeber größtenteils in eigener Regie. Großes Organisationstalent und Disziplin halfen bei der Bewältigung des enormen Arbeitspensums. Um eine gewisse Vereinheitlichung im Aufbau der Rezension zu erreichen, schrieb Nicolai Anweisungen für die Rezensenten: Ihre Abfassung hätten sie in deutlicher Schrift vorzulegen; dazu Angabe des Verfassers, Titel, Name des Verlages, Jahreszahl, Format, Seitenzahl. Dann folgt der Text. Man möge sich der Kürze befleißigen.

Einer der verlässlichsten Mitstreiter in Nicolais AdB war Adolph Freiherr Knigge. Mit seinen Betrachtungen der zeitnahen literarischen Welt fand er regen Zuspruch. Nun möchte man wissen, wie der Rezensent Knigge mit den Weimarer Klassikern umging. Friedrich Schiller erhielt eine Abfuhr, Knigge bemerkte jedoch die meisterhafte Darstellung der Figuren im Schauspiel „Die Räuber“: „Ein erschreckliches Gemälde des bejammernswürdigsten menschlichen Elends, der tiefsten Verirrung, des schrecklisten Lasters. […] Abscheulichkeit auf Abscheulichkeit. […] So untauglich dieses Stück vielleicht zu einer Vorstellung auf dem Theater ist, so stark ist es gezeichnet.“

Geheimrat Goethe kam im Urteil des Rezensenten besser weg: „Scherz, List und Rache, ein Singspiel von Goethe. Aechte Ausgabe Leipzig, bey Göschen, 1790, 6 Bogen“ (Seiten) „Eine artige kleine Posse, nach italienischer Manier, aber feiner, und, obgleich wie in der serva padrona (Die Magd als Herrin, ein Opernintermezzo) nur drey Personen auftreten, voll Lebhaftigkeit. Auch giebt die Poesie einem Tonsetzer Gelegenheit, seine Kunst mit Vortheil zu zeigen.“

Goethes Libretto mit Witz und Charme wandelte sich nach sorgfältiger Bearbeitung in eine „muntere Oper“, die der Komponist Philipp Christoph Kayser, ein Jugendfreund Goethes, in Töne setzte. – Die Uraufführung des heiteren Stückes fand erst im Jahr 2025 im Liebhabertheater Schloss Kochberg, Theater an der Klassik-Stiftung Weimar, statt. Ich hatte das Vergnügen, dabei zu sein und kann die Einschätzung des Rezensenten Knigge bestätigen.