Henrike Naumann und Sung Tieu machen den deutschen Pavillon in den Giardini in Venedig zu einem Ort der Kunst mit ostdeutschen Erinnerungen.
Venedig ist wieder im Biennale-Modus. Weltkunst von heute zwischen der geerbten Weltkultur von gestern und vorgestern. Mit lautstarkem Streit im Vorfeld über das Politische von Kunst. Mit einer zurückgetretene Jury, ein paar Polizisten vor dem geschlossenen russischen Pavillon und dem am Kran schwebenden ukrainischen Origami-Hirsch aus Beton in Sichtweite. Der Pavillon von Israel ist (offiziell wegen Umbau) geschlossen. Im Gelände finden sich etliche spontan geklebte palästinensische Protestresolutionen. Vor dem österreichischen Pavillon stehen die Massen, um die nackten Performerinnen der vom Feuilleton hochgejubelten Florentine Holtzinger zu sehen – die, die jede Stunde den Klöppel in der Glocke gibt, ist auch für alle anderen zu sehen und zu hören. Wer das Spektakel (inklusive des aus Besucherurin recycelten Wassers) unbedingt für einen Akt feministischer Selbstermächtigung halten will, ist hier richtig.
Im deutschen Pavillon gilt’s dann tatsächlich und ganz seriös der Kunst! Auch von Frauen und obendrein ostdeutsch konnotiert …
Je länger die eine reale DDR in die Vergangenheit entschwindet, umso mehr davon gibt es. Eine der Eigendarstellung ihrer Eliten. Eine der Opfer (ziemlich en vogue). Und eine von Weder-Noch-Zeitgenossen. Es gibt außerdem eine DDR vor der sogenannten Wende (die ihr Ende war) und eine danach. Gerade die wird jetzt von den einen wie den anderen aufpoliert und als Begründung für alles Mögliche verwendet.
Dass der kleinere deutsche Teilstaat, der gleichzeitig vor Selbstbewusstsein strotzte und von Minderwertigkeitskomplexen gepeinigt war, Kunst und Künstler von Rang hinterlassen und hervorgebracht hat, wird mittlerweile kaum noch ernsthaft bestritten. Einer wie der SPD-Kanzler Helmut Schmidt wusste das, als er sich Mitte der Achtziger Jahre bewusst von Bernhard Heisig fürs Kanzleramt porträtieren ließ.
Nun also der deutsche Pavillon in den Gardini in der Hand eines ostdeutschen Frauen-Trios! Die Leiterin des Berliner Georg Kolbe Museums Kathleen Reinhardt hat sich als Kuratorin für die 1984 in Zwickau geborene (und in diesem Jahr vor der Biennaleeröffnung verstorbene) Henrike Naumann und die 1987 in Vietnam geborene und 1992 nach Deutschland gekommene Sung Tieu entschieden.
2017 hatte Anne Imhof mit ihrer Faust-Performance das Publikum dazu verführt, stundenlang als Teil des Spektakels im Pavillon zu verweilen und auch den Bau aus immer neuen Blickwinkeln zu erleben.
An den ersten Effekt kommt die aktuelle Bespielung nicht heran. An die immer wieder neu versuchte Auseinandersetzung mit dem Bau an sich aber knüpft Sung Tieu an. Sie hat die Fassade verschwinden lassen. Hinter einer Verkleidung, die mit ihren Mosaiken an die Plattenbauästhetik der Ostberliner Häuser anknüpft, in denen die Künstlerin aufgewachsen ist. Auch wenn die Verknüpfung von „Platte“ und „Osten“ beinahe schon an einen Klischee-Kurzschluss heranreicht, ist dieser Zugriff als bewusste Polemik zur ansonsten prägenden faschistischen Architektur von 1938 exemplarisch gelungen.
Was die beiden Frauen im Inneren bieten, ist eine Recherche zur Nach(w)ende-DDR mit diversen Fundstücken aus der Erinnerung oder von Flohmärkten.
Der ganze Hauptraum ist mintgrün gestrichen. Diese von den Sowjets in der DDR bevorzugte Wandfarbe für ihre Kasernen passt ebenso doppelbödig zum Titel „Die innere Front“, wie die Vorhänge aus Kettenhemden an den „Eisernen Vorhang“ denken lassen. An der einen Wand ein Diorama mit einem Zimmer voller pseudomodischer (West-)Metallmöbel. Gegenüberliegend eine Wandrelief-Collage auf echtem DDR-Möbelpseudoholz. Sie ist dem Wandbild „Die Mechanisierung der Landwirtschaft“ von Naumanns Großvater Karl Heinz Jakob nachempfunden. Über beiden Wandbildern gibt es eine ganze Kollektion von halbierten Stühlen.
An der Wand durch die man den Raum betritt sind alle möglichen und unmöglichen Fundstücke versammelt. Der dezidiert banale oder auch politische Kitsch wird auf diese Weise zum Kunstobjekt erhoben. Dass man dabei bezogen auf DDR-Authentizität ins Stimmt-oder-Stimmt-nicht-Grübeln kommt, gehört dazu.
Im Kontrast zum wuchtigen Zugriff auf die Fassade ist der Beitrag Sun Tieus in den weißen Nebenräumen von geradezu provozierender Stille. Unter dem Titel „They Have Eyes, But They See Not, They Have Ears, But They Hear Not“ (Sie haben Augen, aber sehen nicht, sie haben Ohren, aber hören nicht) sammeln sich in ihrer Installation Marienkäfer in Schokoladenformat in einer Raumecke so, als wollten oder müssten sie zusammenhalten. In einem weiteren Raum finden sich als Hommage nur die gläsernen Nachbildungen der Beine und Arme ihrer schwerarbeitenden Mutter. Wie schon bei der vorigen Biennale Ersan Mondtag die Migrationsgeschichte seiner Familie mit dem plattgedrückten Nachbau der ersten Wohnung seiner Eltern zum Thema machte, gelingt es auf ungleich subtilere Art auch Sun Tieu mit ihrer sehr speziellen Geschichte im Osten Deutschlands nach der Wende in Kunst zu übersetzen. Fürs Spektakel sind in diesem Jahrgang andere zuständig.
Die 61. Biennale in Venedig öffnet noch bis zum 22. November 2026.
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