Reminiszenzen zur DEFA

von Rainer Simon

Die DEFA wäre in diesem Jahr 80 geworden, doch für eine Geburtstagsfeier gibt es keinen Grund, aber für einen Nachruf, denn 1990 wurde sie im Alter von 44 Jahren gekillt. Danach wurden im In- und Ausland massenhaft DEFA-Filmkopien vernichtet, wie auch Millionen (!) Bücher von DDR-Autoren untergepflügt wurden, verbrannt hat man sie dieses Mal nicht. Wir sind unter die Barbaren geraten.

Dass DEFA-Filme nicht ganz und gar in die Hände dubioser Geschäftemacher fielen, haben wir in erster Linie Wolfgang Klaue zu verdanken, dem Leiter des Staatlichen Filmarchivs der DDR. Er kämpfte darum, eine DEFA-Stiftung ins Leben zu rufen, es dauerte viele Jahre, bis es 1999 gelang. In den USA rettete Professor Barton Byg die dort in ehemaligen DDR-Institutionen lagernden Filmkopien vor der Vernichtung und machte sie zum Grundstock der DEFA-Library in Amherst. In manchen anderen Ländern wurden Filme und Bücher von den Goethe Instituten gerettet. Aber in vielen Ländern nicht. Etwa 2010 überraschte mich der Leiter der Cinemateca in Quito / Ecuador, dass man bei einem Umzug der Deutschen Botschaft auf deren Toilette die Kopien mehrerer DEFA-Filme gefunden hätte, darunter die einzige spanisch untertitelte und seit 1990 verschollene Kopie meines Films „Die Frau und der Fremde“, der 1985 den „Goldenen Bären“ der Berlinale erhalten hatte.

1990 war ich optimistisch, ich war froh, dass die Grenze offen war und bezweifelte nicht, dass ich auch weiterhin Geldgeber für meine Filmprojekte finden würde. Freilich hatte ich vorher nicht jeden Mist gedreht, das hatte ich auch jetzt nicht vor. Die Jahre 1993-96 verbrachte ich in einer Professoren-Gastrolle an der Filmhochschule. Aber mit meinen Filmprojekten ging es nicht voran, das ging nicht nur mir so, sondern vielen meiner Kollegen. Ich war Mitte 50 und fand es absurd, mein Leben damit zu vergeuden, jahrelang auf Geld von Filmförderungen und Fernsehanstalten zu warten und es dann doch nicht zu bekommen.

Nachdem unser 1980 gedrehter Film „Jadup und Boel“ verboten wurde, schlug mir Paul Kanut Schäfer, der Autor des Films, vor, dass wir einen Film über Alexander von Humboldt angehen könnten. Ich hatte damals den Verantwortlichen gesagt, dass ich keine Filme mehr über die DDR drehen würde, weil meine Vorstellung von Sozialismus eine andere sei, das war also bekannt. Ich würde nur noch Filme in Angriff nehmen, die sich mit historischen Themen befassten. Ich bekam dafür das staatliche Geld, dafür bin ich den Verantwortlichen dankbar.

Es entstanden „Das Luftschiff“, „Die Frau und der Fremde“, „Wengler & Söhne“, „Der Fall Ö.“ und tatsächlich der Alexander von Humboldt-Film „Die Besteigung des Chimborazo“. Doch es dauerte noch Jahre, bis wir ihn drehen konnten, denn der DDR fehlten die Devisen. Anfang 1987 jedoch war die BRD bereit zu einer Co-Produktion, was sie bisher wegen ihres Alleinvertretungsanspruchs abgelehnt hatte. Unser Glück: Humboldt schien beiden Seiten ein politisch unverfängliches Thema. Wir drehten 1988 und die Hälfte des Films in Ecuador, ich war vorher noch nie in so einem Land gewesen, ich hatte noch nie solche Armut gesehen und selten solch herzliche Begegnungen erlebt. Der Film hatte im September 1989 Premiere. Für Humboldt interessierte sich kaum jemand. Denn gerade sorgten die Bürger der DDR dafür, dass die Mauer zum Einsturz gebracht wurde und die DDR-Führung trat sang- und klanglos ab. Anfang 1991 fand die Premiere des Humboldt-Films in Ecuador statt. Der Film und die Kontakte, die dadurch entstanden waren, erwiesen sich als meine Rettung, nicht auf Gedeih und Verderb deutschen Geldgebern ausgesetzt zu sein. Mit Studenten drehte ich 1995 in Ecuador den Dokumentarfilm „Die Farben von Tigua.“

Ich tat mich mit Kameramann Frank Sputh zusammen, wir kauften eine Video-Ausrüstung und machten uns auf nach Ecuador und drehten fast ohne Geld zwei Filme im Urwald „Mit Fischen und Vögeln reden“ mit den letzten Zápara-Indigenas und „Der Ruf des Fayu Ujmu“, eine Legende der Chachi-Indigenas. Ich führte Workshops und Filmseminare in Ecuador, Bolivien, Mexiko durch, schrieb Bücher, fotografierte. Ich drehte keine Spielfilme mehr, aber tat, wozu ich Lust hatte und was sinnvoll war.

Beim Goethe Institut gab es Leute, denen gefielen meine Filme, sie nahmen sie in ihr Programm auf und veranstalteten 1999 eine Retrospektive meiner DEFA-Filme in Lateinamerika. Eröffnet wurde sie in der Cineteca in Mexiko mit dem „Till Eulenspiegel“ vor über 1000 Zuschauern. In Panamá wurde „Jadup und Boel“ gezeigt, ich fragte, ob denn solch ein DDR-Film zu verstehen sei. Jemand antwortete: „Das sind Leute wie überall auf der Welt, nur dass in dem Film immer mal von Sozialismus die Rede ist.“ In Quito und La Paz luden wir Straßenkinder zu dem Märchenfilm „Sechse kommen durch die Welt“ ein. So verbrachte ich die weiteren Jahre viel auf Reisen, vor allen in Lateinamerika, aber auch in Asien, in arabischen und europäischen Ländern. Ich holte nach, was mir in der DDR verwehrt war. Es waren fast ausnahmslos Begegnungen mit freundlichen Menschen. Ich kam mir nirgends fremd vor. Ich darf nicht daran denken, wie es mir in Deutschland ergangen wäre, hätte ich diesen Ausweg nicht gehabt.

2025 bat mich die DEFA-Library über fünf meiner liebsten DEFA-Filme zu schreiben. Ich wählte die folgenden aus: Ralf Kirstens Barlach-Film „Der verlorene Engel“, Konrad Wolfs Antikriegs-Film „Ich war neunzehn“, „Die Schüsse der Arche Noah“ von Egon Schlegel, „Fariaho“ von Roland Gräf und „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ von Siegfried Kühn. Bis auf „Ich war neunzehn“ dürften die anderen Filme nur wenigen bekannt sein. Schade. Die DEFA hat mehr interessante Filme gedreht, als die zwei, drei Titel, die in den Medien genannt werden.

Aber ich will nicht verschweigen, dass es auch viele Filme gab, die ich nicht wieder sehen möchte, propagandistische oder einfach schlecht gemachte. Das Meiste, was heute gedreht wird, ertrage ich keine zehn Minuten.

Ich hatte Glück, dass ich 1967 als Regie-Assistent bei „Ich war neunzehn“ dabei war. Am Ende des Films schreit Gregor Hecker alias Konrad Wolf, der als Rotarmist in das Land zurückkehrt, das eigentlich seine Heimat ist, seine ganze Wut deutschen Soldaten hinterher, die bis zum letzten Moment das Morden nicht lassen: „Ihr Schweine! Ihr Mörder! Warum hört ihr nicht auf mit schießen, ihr Idioten! Warum könnt ihr nicht aufhören, ihr Verbrecher? Aber wir kriegen euch, wir finden euch, wir stöbern euch auf […] bis ihr verreckt seid, bis ihr krepiert seid, bis ihr am Ende seid, bis kein Platz mehr für euch ist, kein Stück Land auf dieser Erde […] bis ihr versteht, dass es vorbei ist mit dem Schießen!“

Das war ein Schmerzensschrei, doch in ihm war auch eine Hoffnung, die Konrad Wolf hatte, und ich hatte sie auch.

Es kam mir damals unvorstellbar vor, dass Machthaber, Autokraten und solche, die sich Demokraten nennen, weiterhin so verbrecherisch sein könnten, Kriege zu führen, dass die Menschheit wieder von säbelrasselnden Politikern regiert werden könnte, die zur Kriegsertüchtigung aufrufen, die nicht in der Lage sind, Konflikte friedlich zu lösen.

Rainer Simon wurde in diesem Jahr 85 Jahre alt, er lebt in Potsdam. Über seine Studienzeit an der Babelsberger Filmhochschule schrieb er im Blättchen, Heft 25/2024.