„Vam Schuttinge tho Bergen“

von Dieter Naumann

Die Entstehung von Schützengilden resultierte im 13. und 14. Jahrhundert aus der Verpflichtung der Bürger, ihre Vaterstadt nötigenfalls gegen Übergriffe des Adels und der Fürsten zu verteidigen. Meist nach Zünften oder Stadtvierteln geordnet, rüsteten sich die Bürger zunächst vor allem mit der Armbrust, später kamen die ersten Feuerwaffen, zum Beispiel Standrohr und Wallbüchse, hinzu. Um die nötige Fertigkeit in der Handhabung der Waffen zu erreichen, war es unumgänglich, den Umgang mit ihnen zu üben. Da es zu damaliger Zeit Vereine in allen Ständen und zu allen möglichen Zwecken gab, war die Bildung von Zusammenschlüssen, also auch Gilden, in denen die wehrhaften Bürger ihre Übungen abhielten, nichts Besonderes. Schützenhäuser, Schießbahnen auf freien Plätzen, eine durch Beiträge und Vermächtnisse gefüllte Vereinskasse und jährliche Schützenfeste waren die logische Folge. Als älteste deutsche Schützengesellschaften werden unter anderem die Aachener Karlsschützengilde (angeblich auf das Jahr 799 datiert, aber erst 1198 schriftlich nachweisbar; Bezeichnung heute: „Karlsschützengilde vor 1198 Aachen e. V.“) und die „St. Johannis Toten-und Schützengilde von 1192 e.V.“ der Stadt Oldenburg in Holstein, eine „aus der Not heraus gebildete Zusammenkunft der Oldenburger Bürgerinnen und Bürger“, genannt. 

Im Laufe der Zeit verloren die Schützenvereine ihre frühere Bedeutung auf Grund veränderter Kriegsführung und Einbuße städtischer Freiheit. Sie blieben, wie „Brockhaus’ Conversations-Lexikon“ (Band 14, 1886) formuliert, reine „Vergnügungsgesellschaften“, die nur noch in besonderen Notfällen herangezogen wurden. 1865 kam es in Gotha zu einem allgemeinen deutschen Schützen- und Turnfest und im Gothaer Schießhaus zur Gründung des „Deutschen Schützenbundes“. Ziele waren die Verbrüderung aller deutschen Schützen, die Vervollkommnung in der Kunst des Büchsenschießens und die Hebung der Wehrfähigkeit des Deutschen Volkes.

1951 erfolgte in Frankfurt am Main die Wiedergründung als Dachverein für Sport- und Traditionsschützen, in dem 20 Landesverbände mit mehr als 14.200 Vereinen und rund 1,35 Millionen Schützen erfasst sind. In der DDR war die 1952 gegründete „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), eine paramilitärische Massenorganisation, Dachverband verschiedener Sportverbände. Zunächst war nur hier Sportschießen möglich. 1958 wurde unter dem Dach der GST der „Deutsche Schützenverband“ (DSV) gegründet, mit 247.000 Sportschützen mitgliederstärkster Teilverband.

Während die Statuten, Satzungen, besonderen Eigenheiten und Gepflogenheiten der meisten Schützengilden aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg als verschollen gelten, macht die Bergener hiervon eine Ausnahme. Ihre ältesten Statuten werden auf das Jahr 1440 datiert. In einem Beitrag von „A. H.-s.“ (Historiker Alfred Haas) in der Sonntagsbeilage der Stralsundischen Zeitung vom 10. September 1899 wird auf die alte Schützengilde zu Bergen auf Rügen eingegangen. Haas beruft sich dabei auf den um 1540 erschienenen „Wendisch-Rügianischen Landgebrauch“ des Matthäus von Normann. Normann war „Notarius“ (Gerichtsschreiber) verschiedener Rügener Landvögte, wurde fälschlich vereinzelt auch selbst als Landvogt benannt. Er fasste ab 1522 die damals auf Rügen geltenden Rechtsnormen zusammen (hier 1777 von Thomas Heinrich Gadebusch „aus verschiedenen Handschriften berichtiget und herausgegeben“).

Unter dem „Tit. CCLXIV Vam Schuttinge tho Bergen“ befasste sich Normann mit der Bergener Schützengilde. Sie bestand nicht nur aus „de binnen Berger“ (den Bürgern der Stadt). Auch „Buhren und Buhrknechten van den Dörpern und sonst sine discrimine“ (Unbescholtene) konnten Mitglieder werden, „overst keynem vam Adell“ (aber kein Adliger). Das war jedoch nicht der Grund für Normanns Beschäftigung mit „de Schütting“. Vielmehr verwies er auf eine „bestendige Gewahnheit“ der Bergener Gilde, die ihn veranlasste, sich nur (!) mit ihr gesondert zu befassen: Deren Mitglieder trafen sich nämlich jährlich an einem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten, um den „Vagel mit Bagen und Rhören […] schöten“ (mit Bogen und frühen Pulverwaffen auf einen hölzernen Vogel schießen). Der Termin musste rechtzeitig von der Kanzel verkündet werden, damit jeder sich, seine Kinder und das Vieh vom Schießplatz „vor verflogenen Geschossen“ bewahren konnte. Nur wenn die Ankündigung unterblieb, musste die Gilde im Schadensfall „vorböten“ (dafür büßen).

Wer den Vogel abschoss, trug ein Jahr lang als Schützenkönig die silberne Taube („sülverne Duwe“), das Wahrzeichen der Gilde. Verkaufen oder verpfänden durfte er die Taube nicht, wenn doch, musste der Verkäufer bezahlen und büßen, der Käufer verlor sein Geld und die Gilde nahm ihr „Clenodt“ wieder an sich. Die Mitglieder der Gilde waren per Satzung miteinander verbunden und verpflichtet, sich gegenseitig Schutz und Hilfe zu leisten. Hatte ein Gildenmitglied in irgendeiner Gerichts- oder sonstigen Angelegenheit einen Termin außerhalb von Bergen und gab den Brüdern des Schüttings eine Tonne Bier aus, so mussten sie „by Bröke (Strafe) einer Tonne Bier mit uth und sterken den, der sie fordert“. Diese Verpflichtung galt bis zu jedem Ort, der eine halbe Tagesreise von Bergen entfernt lag („so weit alß men by schinender sonnen uth und in den Berg kann reisen“). Wenn jedoch ein Mitglied die Hilfe der Gilde anrief und Unrecht hatte oder mit Hilfe des „Haufens“ („Hupen“) „Walt edder Unrecht“ oder „Rotterey“ (Aufruhr, Zusammenrottung) beging, mussten alle dafür büßen. Beging einer der „Olderlüde“ (Altermänner) eine derartige Tat, büßte er doppelt. Weitere Bemerkungen hielt Normann nicht für erforderlich: „Andere ere Gesette und Belevingen (Gepflogenheiten) geven hier nichts tho schaffen“.

Als der Flecken Bergen mit der Urkunde vom 30. Juni 1613 städtische Gerechtsame nach Lübischem Recht von Herzog Philipp Julius erhielt, wurde die alte Schützengilde erneut „confirmiert“ (bestätigt). 1743, nach dem Dreißigjährigen Krieg, erfolgte die Gründung der neuen Schützengilde zu Bergen. Einen Bezug zur alten „Schütting“ gab es nicht, sie war vermutlich längst vergessen. Damit endet der Beitrag von Alfred Haas. Ergänzt sei, dass das Vogelschießen auf dem Joachimsberg stattfand. Hier schossen die Schützen mit Armbrust, Pfeil und Bogen oder Flinte auf einen hölzernen bunt bemalten Vogel, den Papageien. Von ihm hatte der Berg seinen früheren Namen, Gauenberg, verballhornt vom plattdeutschen Goigenberg (Papageienberg).

Der Breslauer Lehrer Johann Ernst Klopsch schilderte in seinem „Versuch einer humoristischen Beschreibung meiner Reise nach der Insel Rügen und nach Wien in den Jahren 1824 und 1833“ nicht nur den Besuch des Bergener Schützenfestes anlässlich des traditionellen Königsschießens zur Ermittlung des Schützenkönigs (3. und 4. August 1824). Er und seine Begleiter konnten vor ihrer Unterkunft, dem Ratskeller, einen von Böllerschüssen begleiteten Aufzug der Bergener Schützengilde beobachten. Die Schützen bildeten vor der Tür des Ratskellers einen Halbkreis, in dessen Mitte ein Schneider von langer, hagerer Figur als Fahnenträger „tausend possirliche Stellungen macht“. Er bewegte die Fahne auf die unterschiedlichste Weise, warf sie in die Luft, fing sie auf, steckte sie durch die Beine. Besagter Schneider soll außerdem den „Charakter eines Barbiers, Friseurs und Stadtschreibers“ auf sich vereint haben, „mithin“ das Universalgenie von Bergen. „Vor unseren Augen glänzte jedoch nur sein Talent in der Mimik“.

Das alte Bergener Schützenhaus im Waldpark Raddas wurde am 12. Mai 1882 eingeweiht, Barb und Karl Zerning („Bergen … in alten Ansichten“, 1992) zitieren aus dem Programm der Einweihungsfeier: „Nachmittag 3½ Uhr Versammlung der Festteilnehmer in den Sälen des städtischen Rathauses; hierauf marschiert der Festzug nach dem Schützenplatze, Festrede, Gesang, Einweihungsrede, Concert und abends 8½ Uhr Beginn des Balls. Teilnehmende Damen wollen sich gefälligst gegen 4 Uhr im Schützenhause einfinden. Der Vorstand der Schützengilde zu Bergen J. H. Zander, G. Hellwig, J. Lange.

Das Schützenhaus wurde nach 1997 abgerissen. Die Sportstätte der „Bergener Schützenkompanie 1743 e. V.“, 1994 neu gegründet, befindet sich heute im Bergener Ortsteil Tilzow (Waldweg).