Diesmal: „Spirit And The Dust“ – Deutsches Theater / „Bello“ – Chamäleon, Varieté-Theater in den Hackeschen Höfen
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DT: Singen am Küchentisch, waten im Wasser
Toller Anfang mit strahlendem Auftritt einer Lady; elegant, charmant, eloquent. Es ist Hope Foster, Immobilienmaklerin in der US-amerikanischen Provinz. Und zum Beweis ihres erfolgreichen Tuns führt Corinna Harfouch in einem grandiosen Solo vor, wie man‘s macht: Mit einer verführerischen Verkaufsshow. Gleich in der Küche des Objekts. Denn dort treffen sich die Interessenten. Dort kommt alles zusammen an Freud und Leid, Tabus und Traumata der Handvoll Figuren, die da aufeinander treffen im avanciert mit „Spirit And The Dust“ betitelten Kammerspiel von Noah Haidle.
Der auch am Broadway erfolgreiche Autor bekennt auf dem Programmzettel, er bringe „das reale Leben echter Menschen“ auf die Bühne und schreibe „psychologisch-realistisch“. Er nennt das „Kitchen Naturalism“.
Und so kommt es denn zwischen Kühlschrank und Mikrowelle im zweistöckigen For-Sale-Gehäuse, das Bühnenbildnerin Kathrin Frosch ausladend hochzog, zu diversen Aufregungen. Da zerschellen Gewissheiten, Träume, Hoffnungen, nagen Ängste, schmerzen Erinnerungen, schäumen aber auch Sehnsüchte. – Komplexe Gemengelage; wie das Leben so spielt zwischen Hope, dem frisch entliebten Liebespaar Margaret und Will (Wiebke Mollenhauer, Lenz Moretti), einem sexy Sicherheitsburschen mit gefährlichem Hang zu Neurosen (Frieder Langenberg), einer Nachbarin (Abak Safei-Rad) sowie dem arbeitslosen Lateinlehrer Lee (Alexander Khuon).
Will, Sohn von Lee, ist Alkoholiker und kommt zu Tode, die von ihm geschwängerte Margaret verliert das Baby, die Nachbarin sowie auch Hope Foster haben vor vielen Jahren ihre noch kleinen Kinder bei einem Badeunfall im Pool verloren. Also jede Menge Verstörung, die da auftaucht im Reden hin und her. Das möchte nach Bedeutung, nach Drama klingen (dreifacher Kindsverlust), bleibt aber doch eher Wortgeklingel. Küchenpsychologie. Gespickt mit philosophischen Kalenderweisheiten.
Okay, ist halt Broadway-Drive. Und das erlesene DT-Ensemble bringt selbstverständlich auch das nicht ohne Unterhaltungswert zum Funkeln. Dazu passt, dass nicht der Tod von Will und den Kindern, die Fragen um Schuld und Sühne unser Mitfühlen fesselt, sondern eine zwischen Hope und Lee scheu sich anbahnende, zuweilen ein bisschen komische, letztlich zutiefst berührende Liebesgeschichte. Harfouch und Khuon, zwei vom Dasein Gebeutelte, als geradezu bezauberndes Traumpaar. Ihr spätes Glück macht uns froh. Und den Abend für Momente groß.
Das alles wäre in 100 Minuten geschafft und erzählt. Doch da ist noch die Regisseurin Anna Bergmann. Sie misstraut dem kleinen Konversationsstück und meint, das intime Format groß aufsprengen und die Veranstaltung auf knapp drei Stunden auswalzen zu müssen. Immer, wenn Rede und Spiel in Schwung kommen, grätscht sie dazwischen. Mit surrealen, die Stimmungslagen illustrierenden Bildern.
Für euphorische Glücksmomente wird rosa Licht ausgegossen, säuseln Musicalmusiken und ein Revuetänzchen klappert. Dann wieder kreiselt das Haus und hervor kommt ein Pool mit Mickey Mouse als Riesenpuppe, deren Kopf abgeschlagen im Wasser dümpelt. Dort hinein muss das Personal, dass es nur so spritzt. Gespenstisch beleuchtet wie in Filmen von David Lynch. Das für die depressiven Momente. Mit dem Sound des Grauens obendrauf.
Bloß gut, dass wir H & K haben, die als flitterndes Paar Hope und Lee romantisch urlauben. In Berlin – ein zuckersüßes Happyend via Video auf der Großleinwand. Wie in Hollywood.
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Chamäleon: Menschenknäuel
Aufschrei im Publikum: Eine junge Frau hängt kopfüber an der Brüstung vom Rang. Absturz ins Parkett zwischen die voll besetzten Tische im Parkett. Hilfeschreie. Schrecksekunde. Mehrere Herren springen von den Stühlen und wollen retten. Dann Aufatmen, Entspannung. Jemand hält sie oben fest am Bein. Großes Hallo, Bravorufe. Eine verrückte, freilich makaber grundierte, mit schwarzem Humor gewürzte Artistik-Nummer der vor einem Jahrzehnt gegründeten, mehrfach mit Preisen ausgezeichneten italienischen Kompanie für zeitgenössischen Zirkus „Fabrica C“.
Ihr Programm „Bello“ ist angelegt als eine Sammlung von flott skizzierten Kurzgeschichten (eine Schauspielerin liefert entsprechende Stichworte). Es geht um Absurditäten und kleine Wunder im Alltag, mal komisch, albern, sehnsuchtsvoll, mal zweifelnd und fragend. Da mischen sich Tanz und Körpertheater. Waghalsige Umschlingungen, abenteuerliche Verschlingungen. Unglaubliche Menschenknäuel. Und alles dreht letztlich sich um Schönheit.
Doch wenn man bei Google den Begriff „Beauty“ eingebe, sagt Regisseur Francesco Sagrò aus Turin, fände man auf den ersten 20 Seiten fast nur Ergebnisse, die sich mit Makeup befassen. „Uns aber geht‘s ums Zeigen, wie sich die Gesellschaft mit Schönheit befasst; was die Idee von Schönheit mit Menschen macht, was Schönheit heutzutage bedeuten kann – etwas, das plötzlich kommt und uns durchdringt. Es tröstet nicht, beruhigt nicht, es verunsichert.“
Dem entsprechend ist „Bello“: Eine freche, witzige, für Momente irritierende Revue faszinierender, auch hintersinniger Körperbilder, die immer mal wieder die Bühne verlassen und flink zwischen die Stühle im Saal kugeln. Oder über den Köpfen der staunenden Leute schweben. Oder von der Balkonbrüstung stürzen. Verrückt! Überraschend! Und gebettet in vielfarbige Musik von Klassik bis Pop, zart bis hart. – Überflüssigerweise gibt es einen warnenden, letztlich aber umso neugieriger machenden Hinweis der allseits aufmerksamen Direktion: „Das Stück enthält Szenen mit teilweiser Nacktheit und humoristischen Darstellungen von Gewalt.“ Geschenkt. Man versteht alle Sachen. Versteht alles Schöne und auch den Schrecken richtig und ist begeistert.
En suite noch bis zum 31. Mai 2026.
Schlagwörter: Bello, Chamäleon, Deutsches Theater, Reinhard Wengierek, Spirit And The Dust




