Frauenhass

von Stephan Wohanka

Echte Männer sind rechts,

echte Männer haben Ideale,

echte Männer sind Patrioten,

dann klappt’s auch mit der Freundin

Maximilian Krah,

Dating-Tipps, TikTok-Video, 2023

 

Marie-Louise Eta wurde vom 1. FC Union Berlin als erste Frau zur Cheftrainerin eines Männerteams der Bundesliga berufen – und unmittelbar danach brach über den Verein ein Shitstorm herein. Manager und Kommunikationschef lassen sich so zitieren: „Es ist Wahnsinn, dass wir uns in der heutigen Zeit überhaupt damit auseinandersetzen müssen“. Und: „Wir hätten uns das in diesem Ausmaß nicht vorstellen können. Es ist zum Teil unterirdisch, was dort geschrieben wurde. Man findet kaum Worte dafür“. Dabei ging es wohl insbesondere um sexistische, auf die Person der Trainerin bezogene und verständlicherweise nicht zitierte – und wohl nicht zitierbare – Ausfälle. Der Verein hat das öffentlich als Sexismus zurückgewiesen und seiner Angestellten den Rücken gestärkt.

Es gab auch misogyne Zeugnisse anderer Art; dass Spieler „keine Anweisungen von einer Frau ernst nehmen würden“ oder „der Bundesliga Trainer, der gegen sie verliert, hat für immer sein Gesicht verloren. Es gibt, glaube ich, kaum etwas Peinlicheres“.

Der Fußball steht hier als Pars pro Toto. Der Hass gilt weniger der Person selbst, sondern dafür, dass mit ihrer Berufung eine patriarchale Machtordnung wahrnehmbar (weiter) durchbrochen wird. Sobald das „erste Mal“ normal wird, verschwindet ein Großteil dieser Reaktionen erfahrungsgemäß.

Fußball ist ein stark männlich codiertes Machtfeld und namentlich der Profifußball mit den Bundesligen ist historisch ein extrem maskulin dominierter Raum: Funktionäre, Trainer, Spieler, Fans. Wenn einer Frau dort Autorität zugeordnet wird, wird das von manchen als Bedrohung der „Ordnung“ wahrgenommen: „Fußball war schon immer so“ wird als Rechtfertigung benutzt. Die Abwertung dient der Stabilisierung der Ordnung. Dem Begriff der „Ordnung“ wird noch eine wesentliche Rolle zukommen (müssen).

Die sexistisch geprägten Kommentare drehen sich nicht – wie bei Trainern – um mangelndes berufliches Vermögen, taktische Ratschläge oder Erfahrung, sondern um mangelnde Akzeptanz. Ein klassisches Muster, das desgleichen weit über den Fußball hinausreicht: Frauen wird nicht Kompetenz abgesprochen, sondern Führungsqualität.

Eng damit verbunden sind fragile Männlichkeitsnormen im Männer-Profisport, in dem Status eng an Dominanz gekoppelt ist. Die Vorstellung „von einer Frau geführt werden“ kollidiert bei manchen Spielern, sicherlich wesentlich stärker noch bei Fans, mit diesem (Selbst)Bild – daraus entsteht Abwehr, Spott oder Hass. So hat es Eta, wie schon obige Zitate zeigen, mit Autoritätsproblemen zu tun; nicht mit Kompetenzproblemen. Sollte Eta Niederlagen hinnehmen müssen, was im Fußball zur Normalität gehört, wird sie über die „normale“ und notwendige Kritik im Unterschied zu männlichen Kollegen sofort infrage gestellt werden.

Gleichzeitig gibt es viel Unterstützung von Fans und anderen Trainern, auch aus der Politik, die Etas Berufung als wichtigen sportpolitischen Fortschritt bezeichnen. Jedoch kann namentlich die Zustimmung aus der „großen“ Politik grundsätzlich Affekte von Reaktanz auslösen; man glaubt einengende oder vermeintlich verlorengegangene Freiheitsräume sich zurückholen zu müssen; Freiheitsräume, die ausgelöst durch äußere Nötigung, Drohungen, emotionale Argumentation oder die Einschränkung wie Verbote, Gebote oder Zensur verloren gegangen seien. Auf den Fall bezogen: Wenn die Berufung der Trainerin nicht als normale Personalentscheidung, sondern als politisches Signal (miss)verstanden oder gedeutet wird, als von „oben“ aus dem politischen Raum verordnet, dann verlässt diese von Sexismus und spezifischen Frauenhass geprägten Kampagne den Fußball und wird zum Politikum! Frei nach dem Motto: „Jetzt mischt sich der Staat auch noch in den Fußball ein“. Und damit ist die Kampagne gegen Eta anschlussfähig an generell frauenfeindliche Milieus in Teilen des öffentlichen Raums.

Auf Tiktok, YouTube und Co. propagieren frauenfeindliche Influenzer männliche Überlegenheitsphantasien und erreichen damit Millionen Nutzer. Und sie prägen damit Frauenbilder. Sie bilden die sogenannte Manosphere (gebildet aus dem englischen man – Mann und sphere – Bereich, verbunden durch den Fugenlaut „o“) als einen Sammelbegriff für Online-Communitys, Blogs und Foren, in denen Nutzer antifeministische und frauenfeindliche Ansichten verbreiten. Die Themen reichen von „Männlichkeitscoachings“ und Tipps zur Selbstoptimierung über Fantasien männlicher Vorherrschaft bis hin zu extremem Frauenhass. Für den US-Soziologe Michael Kimmel „bieten (diese Interneträume – St. W.) eine Art Umkleidekabine, einen Ort, an dem die Jungs über all die schlimmen Dinge maulen können, die ihnen von Frauen angetan werden“. Nach der britischen Journalistin Eva Wiseman schrieben Kommentatoren von Manosphere-Blogs oft, dass „Frauen ausschließlich für Sex und Sandwich-Machen bestimmt sind“.

Experten unterscheiden verschiedene Gruppen, zum Beispiel misogyne Männerrechtsaktivisten, „Pick-up-Artists“ (Aufreiß-Künstler) und Incels (Wort aus involuntary und celibate, zölibatär lebend) als Selbstbezichtigung junger Männer, die unfreiwillig keinen Sex und keine Beziehung haben und daraus einen Hass auf Frauen entwickeln. „Incels sind der Meinung, dass Männer ein grundsätzliches Anrecht auf Frauen und ihre Körper haben“.

Es herrsche das Gefühl, „die moderne Gesellschaft sei gegen Männer eingestellt, würde Männer benachteiligen“, so der Politikwissenschaftler Dominik Hammer, der der Figur des „Masculinity Influencers“ hohe Wirksamkeit zuschreibt, wobei deren „Ratschläge“ häufig mit Fitness und Wellnesstipps unterlegt sind und die ihre misogynen und sexistischen Botschaften damit anschlussfähig machen.

Typische Argumentationsmuster rechtsextremer, ultrakonservativer Frauenfeindlichkeit wirken oft nicht offen „frauenfeindlich“, sondern werden mit Argumenten aus Biologie, Kultur oder Nation begründet. In diesen Milieus macht die Erzählung vom „Feminismus als kulturelle Zersetzung“ die Runde. Gemeint ist damit die Behauptung, die Gleichberechtigung der Frau zerstöre bewusst diese „natürlichen“ Ordnungen. Es handelt sich im Kern dabei weniger um eine einzelne Thesen, sondern um ein ganzes ideologisches Bündel. Gleichberechtigung gilt als „unnatürlich“ oder künstlich herbeigeführt und nivelliere die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Dadurch kann jedweder gesellschaftlicher Wandel im Geschlechterverhältnis als Fehlentwicklung denunzieren werden, statt diesen als gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zu begreifen.

„Hilfsargumente“ bieten dann Erzählungen zur Demografie – „Frauen schulden der Nation Kinder“, kinderlose Frauen gelten als egoistisch oder „unnatürlich“, weibliche sexuelle Selbstbestimmung, die als Promiskuität diffamiert wird sowie Abtreibungen leisteten dem „Volkstod“ Vorschub. Hier wird weibliche Autonomie politisiert, auch mit dem Anliegen, sie zu kriminalisieren.

Die traditionelle Frauenrolle diene zugleich auch dem Schutze ebendieser Frauen, denn die Gleichstellung setze selbige „unnötigen Risiken“ aus. Das klingt fürsorglich, nur ein wenig paternalistisch statt offen frauenfeindlich; führt aber zur Einschränkung in der Wahrnehmung der Frauenrechte. „Gute“ Frauen werden gegen „schlechte“ Frauen, Mütter gegen „Karrierefrauen“ gestellt; der politische Mechanismus dahinter will soziale Normierung über vermeintlich moralische Bewertung erzwingen.

Kern der „Ordnung“, um den sich letztlich sämtliche ideologischen Versatzstücke gruppieren, sind traditionelle Familienmodelle mit der klassischen (Klein)Familie als „Versorgerehe“, die über Jahrzehnte das Leitbild der bundesrepublikanischen Familienpolitik war; mit der Rolle der Hausfrau und Mutter als „natürlichem Beruf der Frau“. Bis 1977 (!) war in Westdeutschland noch gesetzlich vorgeschrieben, dass eine Ehefrau zur Arbeit außerhalb des Familienhaushalts die Erlaubnis ihres Ehemannes benötigte.

Eine spezielle Verbindung geht die „Frauendebatte“ mit Migrations- oder Kulturkampf-Narrativen ein. „Unsere Frauen“ sind Freiwild für „fremde Männer – Misogynie wird mit Ethnonationalismus verknüpft. Der Feminismus gilt generell als wesentlicher Bestandteil „westlicher Dekadenz“.

Obige Argumente sind nicht immer explizit extrem – sie erscheinen oft verbrämt als „Tradition“, „Ordnung“ oder „Natürlichkeit“. In rechten Ideologien werden sie jedoch systematisch kombiniert: Frauen sollen gleichzeitig moralisch kontrolliert, reproduktiv funktionalisiert und politisch delegitimiert werden.