Die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Parkanlagen von Bad Muskau oder Babelsberg werden seit Jahrzehnten von Touristen aus aller Welt besucht. Geschaffen hat sie der 1822 in den Fürstenstand erhobene Hermann von Pückler-Muskau. Doch nicht nur als Gartengestalter hat sich Pückler einen Namen gemacht. Mit seinen zunächst anonym erschienenen „Briefen eines Verstorbenen“ und zahlreichen anderen Schriften sicherte er sich zudem einen Platz in der Literaturgeschichte.
Doch wer war dieser Mann, dessen aufsehenerregendes Leben schon früh die schreibende Zunft beschäftigte? Wie wurde er von den Zeitgenossen wahrgenommen und wie hat die Öffentlichkeit auf ihn reagiert? Seit 1843, als die erste, von seinem damaligen Sekretär August Jäger verfasste Biographie des Fürsten erschien, sind zahlreiche Autoren diesen Fragen nachgegangen.
Auch Peter James Bowman, Autor der Monografie „The Fortune Hunter“ (2015 im Aufbau Verlag unter dem Titel „Ein Glücksritter. Die englischen Jahre von Fürst Pückler-Muskau“ veröffentlicht) und Nikolaus Gatter, Vorsitzender der Varnhagen Gesellschaft e.V., wollten wissen, was die Faszination dieses „fashionabelsten aller Sonderlinge“ (Heinrich Heine) ausmachte. Ihr Ansatz bestand darin, „die zeitgenössischen“ und teils vernachlässigten „Urteile über Hermann von Pückler-Muskau anhand seiner Lebensstationen in chronologischer Folge und in größerer Auswahl neu zu sichten“.
Die in dieser Form einmalige und äußerst lesenswerte Zusammenstellung, schließt eine wichtige Lücke in der Pückler-Forschung. Das aus zahlreichen bekannten und unbekannten Quellen zusammengetragene Material zeichnet ein differenziertes und vielschichtiges Bild Pücklers. „Es wird“, so die Herausgeber, „sein autobiographisches Selbstporträt, das in Reiseberichten, Briefen und Tagebüchern absichtsvoll für die Nachwelt stilisiert wurde, ergänzen und in manchen Fällen korrigieren.“ Zudem liefert die Dokumentation auch für die Epoche, in der er lebte, bemerkenswerte Aufschlüsse.
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Zu den Dingen, die von der Forschung bisher nur am Rande betrachtet wurden, gehört Pücklers Ehe mit Lucie Gräfin von Hardenberg-Reventlow, Tochter des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg und dessen dänischer Ehefrau Christiane von Reventlow. Pünktlich zu Lucies 250. Geburtstag hat Dagmar von Gersdorff (zuletzt erschien ihre Biographie zu Goethes Schwiegertochter Ottilie – siehe Blättchen, 22/2021) ein eindringliches, zahlreiche weniger bekannte Aspekte einbeziehendes Lebensbild dieser beeindruckenden Persönlichkeit vorgelegt.
Als sie Pückler im Frühjahr 1816 im Salon von Rahel und Karl August Varnhagen in der Berliner Mauerstraße kennenlernte, war Lucie eine verheiratete Frau von vierzig Jahren und Mutter von zwei heranwachsenden Töchtern. Zwanzig Jahre zuvor hatte sie den Reichsgrafen Carl Theodor von Pappenheim geheiratet, von dem sie sich bereits 1802 wieder trennte. Geschieden wurde die Ehe allerdings erst 1817, kurz vor ihrer Hochzeit mit Pückler.
Zeitgenossen beschrieben den neun Jahre jüngeren Pückler als „ein wahrhaft altritterliches Gemüth, das mit den Schätzen dieser Welt, wie mit anderen freundlichen Lebensgenüssen als etwas Vorübergehendem spielt“. Und Lucies Bruder Christian meinte: „Er hat angenehme Formen und spricht mit Welt und Verstand, ist letzterer auch nicht so glänzend, so ist er doch tiefer und bedachter als der seiner Frau, und außerdem fein.“
Für die Gazetten bot die am 9. Oktober 1817 geschlossene Verbindung des Grafen Pückler mit Lucie von Pappenheim den idealen Stoff. Schwiegersohn des preußischen Staatskanzlers Hardenberg zu werden, war kein geringer Vorteil. Sicher, so vermutete man, würde er Pückler einen gut dotierten Posten verschaffen. Hatte doch Pückler nach dem Tod seines Vaters einen schon damals hochverschuldeten Besitz übernommen. Lucie ihrerseits brachte 450.000 Gulden mit in die Ehe, die sie als Ausgleich für die Rückgabe des von ihr seit der Trennung von Pappenheim bewohnten Schlosses Dennenlohe von ihrem Ex-Mann erhalten hatte. Eine Summe, die alles überstieg, was Pückler jemals besaß.
Für Parkanlagen hatte sich Lucie schon begeistert, seit sie als Kind zahlreiche Gärten in England besucht hatte. Als sie im August 1817 zum ersten Mal das von einem Graben umgebene Schloss sah, in das sie einziehen sollte, war sie begeistert: „Wie schön Muskau ist, dafür habe ich gar keinen Ausdruck, und mit der Zeit wird es ganz einzig werden. Die Wirklichkeit übersteigt alle meine Wünsche und Hoffnungen.“
Die Arbeiten an dem riesigen Park, den Pückler in Muskau zu errichten unternahm, und die dafür notwendigen exorbitanten Ausgaben brachten das Fürstenpaar bereits nach sechs Jahren an den Rand des finanziellen Ruins. Im Mai 1823 kommentierte Pückler das mit den Worten: „Wenn ich meine Anlagen ganz aufgeben soll, so hat mein Leben auch seine ganze Bedeutung und sein Interesse verloren.“ Was hatte er nicht alles unternommen, um den Bankrott abzuwenden und an Geld zu kommen. Geld, das man einstmals im Überfluss besessen hatte. Jetzt standen sie mit einer halben Million Taler in der Kreide. Wie hatte es dazu kommen können?
In dieser Situation machte Lucie ihrem Mann einen Vorschlag, der darauf hinauslief, dass eine Scheidung die Möglichkeit eröffnen würde, eine reiche Frau heiraten zu können, die ihn von den Schulden befreien und seine landschaftsgärtnerischen Projekte weiterhin finanzieren würde. Den alles entscheidenden Brief fand Pückler einen Tag nach seinem 38. Geburtstag, am Morgen des 31. Oktober 1823. Er war erschüttert und brach in Tränen aus, als er die Überschrift las: „Todesurtheil der Aermsten auf Erden“. Lucie schrieb ihm, dass es nun endlich an der Zeit sei, „den Entschluß in’s Leben treten zu lassen, den ich, mein über alles theurer Freund, wie Du weißt, schon längst gefaßt habe. Er heißt Trennung – und Trennung von Dir aus zärtlicher Liebe.“ Und weiter führte sie aus: „Indem ich also: Dir Deine Freiheit zurückgebe, und bestimmt erkläre, daß ich von Dir geschieden zu sein verlange, bezeuge ich Dir nochmals: daß ich Dir das höchste, das einzig wahre Glück meines Lebens verdanke […].“
In der Rückschau auf das Geschehene urteilt Dagmar von Gersdorff: „Einträchtiger und verliebter als diese beiden hat wohl kaum ein Paar die eigene Scheidung betrieben.“ Zwar wurde die Trennung vollzogen, doch die Beziehung war damit nicht beendet, wie ein Brief von Karl August Varnhagen vom Juli 1828 belegt. Lucie, hieß es darin, „ist obgleich geschieden, leidenschaftlich für Pückler eingenommen, und hat nur dessen Vorteil und Annehmlichkeit im Auge“. Eine neue Frau fand sich für Pückler nicht – war doch Lucie sein Halt und die Liebe seines Lebens.
Was alles in den Folgejahren unternommen wurde, um zu Geld zu kommen, erschließt sich vor allem aus dem Briefwechsel von Lucie mit ihrer Tochter Adelheid. Die von Gersdorff ausgewertete Korrespondenz umfasst mehr als 1.800 Briefe und ist damit eine der umfangreichsten Mutter-Tochter-Korrespondenzen des 19. Jahrhunderts. Lucies schriftlicher Nachlass hatte in Kisten und Kästen verborgen auf Schloss Krenkerup auf der dänischen Insel Lolland, der Heimat von Lucies Mutter, zweihundert Jahre überdauert, bevor er 2009 nach Branitz kam.
Als Fürstin Lucie von Pückler-Muskau am 8. Mai 1854 im Alter von achtundsiebzig Jahren in Schloss Branitz verstarb, stand der Park in voller Blüte. Pückler wusste, dass er ihr ganzer Stolz war. „Man kann übrigens alles“, hatte er ihr im November 1848 geschrieben, „was in Branitz geschieht, im vollsten Sinn Deine Schöpfung nennen, denn ohne Deinen Wunsch und Anregung wäre es mir nie im Traum eingefallen, hier mein Talent leuchten zu lassen. Ruhm und Verantwortung deshalb gehören Dir.“ Bestattet wurde die Fürstin auf dem alten Branitzer Dorffriedhof, Pückler war bei der Beerdigung nicht anwesend. Auf dem Grabkreuz ließ er die Inschrift anbringen: „Ich denke Deiner in Liebe.“ 1884 wurde ihr Sarg schließlich in die Seepyramide überführt, an die Seite Pücklers, der dort dreizehn Jahre zuvor seine letzte Ruhe gefunden hatte.
Dagmar von Gersdorff: „Alle Schönheit, aller Zauber“. Lucie und Hermann von Pückler, Insel Verlag, Berlin 2026, 256 Seiten, 26,00 Euro.
Nikolaus Gatter und Peter James Bowman: Fürst Pückler im Urteil seiner Zeitgenossen [= edition branitz, Bd. 18], BeBra Verlag, Berlin 2025, 432 Seiten, 36,00 Euro.
Noch bis zum 1. November 2026 ist im Schloss Branitz die Lucie Pückler gewidmete Ausstellung „Die Dame/n des Hauses. Eine Spurensuche“ zu sehen.
Schlagwörter: Dagmar von Gersdorff, Fürst Hermann von Pückler-Muskau, Lucie von Pückler-Muskau, Mathias Iven, Nikolaus Gatter, Peter James Bowman






