29. Jahrgang | Nummer 7 | 6. April 2026

Cooks letzte Reise

von Wolfgang Brauer

Cook durchpflügte die Weiten des Pazifiks dreimal: 1768-1771, 1772-1775 und 1776-1779. Es waren jedesmal Weltumsegelungen und alle drei hatten auch die Gesellschaftsinseln mit der Hauptinsel Tahiti zum Ziel. Gemeinhin werden James Cook und diese Insel immer noch in einem Atemzug genannt. Selbst bei Google wird Cook als Entdecker Tahitis genannt. Er war es nicht. Nachgewiesen landete 1767 der Engländer Samuel Wallis als erster Europäer auf der Insel, 1768 dann Louis Antoine der Bougainville – dessen Reisebericht konnte James Cook noch nicht gekannt haben, er ankerte erstmals fast genau ein Jahr nach dem Franzosen vor der Insel. Bougainville sah in Tahiti das „neue Cythère“, die Insel der Aphrodite. Cooks Manschaft erlebte das ähnlich und dankte es den Insulanern durch die Einführung der Geschlechtskrankheiten und der Feuerwaffen. Zumindest auf seiner letzten Reise versuchte Kapitän Cook, körperliche Kontakte erkrankter Matrosen mit den Frauen der Inseln zu unterbinden.

James Cook gilt bis heute vielen als der wahre Entdecker und Erkunder der „Südsee“. Das stimmt, und es stimmt wiederum nicht. Der wichtigste Auftrag, den ihm die britische Admiralität für die zweite Reise mit auf den Weg gab, war, endlich das sagenumwobene „Südland“ zu finden. Die „terra australis incognita“ war eine europäische Kopfgeburt. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die gigantische eurasische Landmasse kein Pendant auf der Südhalbkugel habe. Cook überquerte mehrfach den südlichen Polarkreis und konnte nur nachweisen, dass das „Südland“ nicht existierte.

Auch die dritte Reise war mit einem Entdeckungsauftrag verbunden: James Cook sollte die Nordwestpassage finden – den Weg vom Pazifischen Ozean in den Atlantik durch die Beringstraße mittels der nördlichen Umrundung Amerikas. Hier mussten sich Cook und sein Co-Kapitän Charles Clerke zweimal der Macht des Packeises beugen. Die „Resolution“ unter seinem Kommando und die „Discovery“ unter Clerke waren aus Sparsamkeitsgründen nicht eistauglich umgebaut worden. Angesichts der gewaltigen Eismassen hätte das auch nichts genutzt. Hampton Sides spricht von den „Negativ-Entdeckungen“ Cooks als seinen wichtigsten Leistungen. Cook sah das wohl selbst so.

Sides hat über die dritte Reise Kapitän Cooks ein kenntnisreiches, quellengestütztes und dennoch hervorragend lesbares Buch geschrieben, das auch Nicht-Historikern und Seereisen weniger zugeneigten Lesern Freude bereiten dürfte. Aprospos Quellen: Sides war „vor Ort“ – wie harmlos klingt das, wenn man das Leben eines Weltumfahrers erzählen will! –, und er nimmt die Erzählungen der Nachfahren der einheimischen Akteure genauso ernst wie die Berichte der Cookschen Crew. In unserer Zeit des Entweder-Oder ist solch Ansatz selten.

Sides relativiert die Mythen der „Großen Entdeckungen“, ohne sie in Bausch und Bogen zu verdammen. Die wirklichen Entdecker des Pazifiks waren allerdings die Polynesier – und auch die stießen mitunter auf indigene Kulturen. Und die naiv-freundlichen „Wilden“ waren sie mitnichten. Krieg war immanenter Bestandteil der polynesischen Kulturen. Menschenopfer gehörten dazu – James Cook war auf Tahiti eingeladen worden, an einem solchen Ritual teilzunehmen. Cook fand das nicht schön, konnte sich ihm aber nicht verweigern.

Der Autor begründet dies: Einerseits war er auf die Gunst der gastgebenden tahitianischen Eliten (des Königs und der Priesterschaft) angewiesen. Seine Schiffe mussten repariert werden, die Mannschaften bedurften einer Ruhephase und last but not least mussten die Vorräte an frischen Lebensmitteln und Trinkwasser aufgefüllt werden. Das ging nicht ohne die Zustimmung der Insulaner.

Am Ende seines großen Buches stellt der Autor beinahe lakonisch fest, dass die Reise der „Resolution“ mit einer Dauer von 1548 Tagen die längste und weiteste gewesen sei, die je eine Expedition hinter sich gebracht hatte: „Doch trotz der historischen Dimension dieser Odyssee war nicht einer der Männer an Bord der beiden Schiffe an Skorbut gestorben.“ Das war die eigentliche, heute nur noch schwer nachvollziehbare Sensation der dritten Reise Cooks.

Andererseits hegte Cook, wie Sides zusammenfasst, „aufrichtiges Interesse“ für die kulturellen Eigenheiten jener Völker, denen er begegnete. „Er wollte verstehen, mit wem er es zu tun hatte, […] wie sie dachten, sich unterhielten, sich kleideten und welche Götter sie anbeteten. Von all den unterschiedlichen Rollen, die er auf seinen Reisen ausfüllen musste, schien ihm die des anthropologisch interessierten Beobachters die größte Freude und Genugtuung zu bereiten.“

Anthropologie war nun aber nicht die Sache der Admiralität. Ihr ging es um präzise Karten. Die vorhandenen waren ungenau, wie die spanischen. Oder offenbar bewusst falsch gezeichnet, wie die russischen, die unliebsame Konkurrenz von Alaska und den Alëuten fernhalten sollten. Und es ging um das Finden eines entschieden kürzeren und sichereren Handelsweges zwischen Nordatlantik und Pazifik, eben der schon genannten Nordwestpassage. Das Problem wurde zunehmend dringlicher. Eine gute Woche vor dem Ablegen der Cookschen Schiffe in Plymouth unterzeichneten die Vertreter der aufsässigen Neuengland-Staaten die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. Damit befand sich de facto ganz Amerika im Krieg mit Großbritannien. Die Spanier beriefen sich immer noch auf den Vertrag von Tordesillas (1494) und betrachteten den Stillen Ozean als den ihrigen. Zumindest hatten sie die westliche Küstenlinie beider Amerika bis in den Norden Kaliforniens fest in der Hand. Und Frankreich unterstützte natürlich alles, was dem Erzfeind England schadete.

Hampton Sides beschreibt eindringlich, wie das Packeis den Plänen der Admiralität einen Strich durch die Rechnung machte. Cook kehrt jedenfalls im November 1778 nach einem ersten Vorstoß in die Tschuktschensee nach Hawai‘i zurück – er war bereits im Januar auf die Inselgruppe gestoßen, ignorierte sie aber weitestgehend zugunsten der Nordwestpassage –, um Schiffe und Mannschaften für einen zweiten Versuch nach Norden wieder fit zu machen. Der Aufenthalt gestaltete sich zunächst freundschaftlich. Zudem hielten die Hawai‘ianer Cook offenbar für eine Inkarnation ihre Gottes Lono, des Gottes des Friedens und der Landwirtschaft. Dessen Anwesenheitszeit war allerdings im religiösen Jahreskalender befristet auf die Zeit des viermonatigen Makahiki-Festes. Das lief ab, und Lono blieb noch immer und seine Leute erwiesen sich zunehmend als Heuschrecken. Vielleicht hätte James Cook doch Wissenschaftler mit auf seine dritte Reise nehmen sollen. Lono wird abgelöst von Kū, dem Gott des Krieges. Das hatte er offenbar nicht begriffen.

Lono-Cook verschwand endlich am 4. Februar 1779 aus der Bucht von Kealakekua und segelte wieder Richtung Norden. Am 8. Februar geriet er in einen schweren Sturm, der Fockmast der „Resolution“ brach. Eine Rückkehr in die Bucht war unumgänglich. Die jetzt folgenden Ereignisse beschreibt Sides detailreich. In der Nacht zum 14. Februar wurde der Kutter der „Discovery“ gestohlen. Cook kam auf die selbstmörderische Idee, den König der Insel zu kidnappen, um die Freigabe des Bootes zu erzwingen. Bei der Gelegenheit wurde er erschlagen und anschließend zerstückelt.

Charles Clerk, Kapitän der „Discovery“, er konnte das Geschehen nur aus der Ferne durch sein Teleskop verfolgen, spricht von einer „unglückseligen Katastrophe, […] die auf Irrtümer und Missverständnisse zurückzuführen war, die sich in der Hitze des Gefechts ergeben hatten“. Wer Sides Erzählung des Geschehenen genauer liest, weiß, dass das eine beschönigende Selbsttäuschung Clerks war. Er konnte nicht eingreifen – und wollte (und konnte) hinterher nicht die blutige Rache nehmen, die andere von ihm erwarteten.

Am Schluss seiner Darstellung zitiert Hampton Sides seinen Landsmann Mark Twain. Der hatte 1866 Hawai‘i als Reporter für die Sacramento Union besucht: „Unverbrämte, ungeschminkte Geschichte nimmt von Captain Cooks Ermordung alle Romantik und kommt zu einem wohlüberlegten Urteil auf gerechtfertigten Totschlag […] Er und seine Leute hatten des öfteren viele Eingeborene tätlich beleidigt und mindestens drei getötet, ehe sie sich zu angemessener Wiedervergeltung entschlossen“ („Durch dick und dünn“, 1872).

„Gerechtfertigter Totschlag“, das ist heftig – und Sides widerspricht Twain nicht. Georg Forster – er begleitete gemeinsam mit seinem Vater Reinhold James Cook auf dessen zweiter Reise als Wissenschaftler und Zeichner – kannte den Kapitän sehr genau und wusste um dessen Neigung zum Jähzorn. Andererseits listet Sides viele Beleg dafür auf, dass Cook gerade in den verfahrensten Situationen eiskalte Ruhe bewahrte. Forster erhielt im Dezember 1780 in Kassel Besuch von Heinrich Zimmermann und Barthold Lohmann, die als Matrosen auf der „Discovery“ Augenzeugen des Todes von Cook wurden. Forster, der immer voller Respekt auf den Umgang seines Kapitäns mit den Einheimischen blickte, schrieb nach der Erzählung der Erlebnisse der beiden: „Allein es scheint in der Tat, daß er dieses Mal wider seine Gewohnheit ganz verkehrte Maßnahmen ergriff“ („Fragmente über Kapitän Cooks letzte Reise und sein Ende“, 1781).

Dass Hampton Sides Georg Forster an keiner Stelle seines Buches erwähnt, halte ich für einen Mangel. Ansonsten ist „Cooks letzte Reise“ dank seiner umfänglichen und tiefschürfenden Darstellung ein Werk, das in das Regal jedes an den „Großen Entdeckungen“ und den komplizierten Umständen und Folgen „des Verstehenlernens und der Annäherung bei der Begegnung von Menschen so unterschiedlicher Herkunft auf ihrem gemeinsamen Heimatplaneten Erde“ (Otto Emersleben) Interessierten gehört.

Ansonsten gehört zur bitteren historischen Wahrheit, dass mit James Cook die Claims unserer Erde im Groben abgesteckt waren. Die Epoche der Kolonialisierungen konnte beginnen.

 

Hampton Sides: Cooks letzte Reise. Die fatalen Folgen eines geheimen Auftrags. Aus dem amerikanischen Englisch von Rudolf Mast, mare Verlag, Hamburg 2026, 512 Seiten, 32,00 Euro.