Bastian Ernst, neuer Chef des Reservistenverbandes – Sie wollen die Altersgrenze für Reservisten der Bundeswehr auf 70 Jahre anheben, und die Meute jubelt: „Die Leute bleiben länger fit“ (Frankfurter Rundschau), „Auch Senioren sind wehrtauglich“ (Frankfurter Allgemeine), „Alt genug für die Rente, jung genug für die Reserve“ (Hamburger Abendblatt).
Und wir sind nicht minder begeistert: Das ist eine Super-Idee! Nicht nur endlich wieder Volkssturm, sondern zugleich die reelle Chance auf eine nachhaltige Entlastung der kollabierenden Rentenversicherung!! Oder – um es im Duktus von Jens Spahn (CDU) zu formulieren: „Wenn der Russe vor der Tür steht, muss jeder Opfer bringen!“
J. D. Vance, US-Vizepräsident – Kaum hatte Ihr Arbeitgeber verkündet, die iranische Zivilisation gegebenenfalls auszulöschen (was mittels Kernwaffen zweifelsohne möglich wäre), da nannte Papst Leo XIV. diese Drohung vor laufenden Fernsehkameras „nicht akzeptabel“. Und postete mit Blick auf den Krieg gegen den Iran: „Gott segnet keinen Konflikt. Ein Jünger Christi, des Fürsten des Friedens, steht niemals auf der Seite derer, die einst das Schwert schwangen und heute Bomben abwerfen.“
Das ging Ihnen – immerhin seit einer gefühlten Ewigkeit von sieben Jahren auch schon Katholik – offenbar über die Hutschnur, wie im Guardian nachzulesen war: „Ich denke, es ist sehr, sehr wichtig für den Papst, vorsichtig zu sein, wenn er über Theologieangelegenheiten spricht.“
Das war zwar vage, aber nicht zu undeutlich.
Doch was, wenn der Mitraträger am Tiber den Schuss geflissentlich überhört (hat)?
Für diesen Fall präferierten wir zwei Szenarios: a) letzte Warnung: Kardinal Robert McElroy, Erzbischof von Washington, D.C., wird als Landesverräter („Wir stecken mitten in einem unmoralischen Krieg“, behauptete McElroy bezüglich des Krieges gegen den Iran und setzte noch einen drauf: „Wir sind in diesen Krieg eingetreten nicht aus Notwendigkeit, sondern weil wir es wollten.“) vom FBI verhaftet und anschließend auf der Flucht erschossen; b) kurzer Prozess: Leo XIV. folgt Maduro in ein US-Gefängnis und Erlöser Donald nimmt auf dem Heiligen Stuhl Platz – als (in bester Borgia-Manier) Alexander IX.
Volker Braun, auch von uns verehrter Schriftsteller – Zur quasi exterritorialen US-Basis Ramstein in Rheinland-Pfalz (der größten im Ausland überhaupt), die während des Irak-Krieges, an dem Deutschland direkt zu beteiligen der damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder verweigerte, als logistisches Drehkreuz und operative Leitstelle zu nutzen den USA vom selben Bundeskanzler jedoch stillschweigend gestattet wurde, und die im aktuellen Krieg gegen den Iran, der „nicht unser Krieg“ sei (Verteidigungsminister Boris Pistorius), genau die gleiche Rolle spielt, haben Sie sich auf einem „Zettel. Betreff Ramstein“ ein Wort gestattet, das bisher weder von der Links-Partei und dem BSW – vom Rest der im Parteienspektrum Etablierten ganz zu schweigen – noch nicht zu hören war: „[…] eine Pestbeule in Deutschland. […] Deutschland, wenn es Verstand hat, muss die Air Base schließen.“
Wir gestehen es selten, weil nur dann, wenn uns vollständig so ist: Sie sprechen uns aus dem Herzen!
Dass Ihrem Zettel weltpolitisch Vergleichbares vergönnt sein könnte wie einem anderen sheet of paper am 9. November 1989 (Frage auf der damaligen Pressekonferenz: „Wann tritt das in Kraft?“ Antwort: „Das tritt […] nach meiner Kenntnis […] ist das sofort. Unverzüglich.“), wäre ein Wunsch, für den, wenn es denn nützte, selbst wir Atheisten ein Gebet nicht verweigerten …
Mark Rutte, NATO-Generalsekretär – Laut Posts in den sozialen Medien sollen Sie auf die Frage, ob die Welt durch den Angriff gegen den Iran sicherer geworden sei, geantwortet haben: „Absolut … Dank der Führung von Präsident Trump.“ Sollte dies, was uns keineswegs unwahrscheinlich vorkommt, zutreffen, dann hätte Sie zugleich geschafft, was noch niemandem zuvor je gelungen ist – nämlich dass es selbst unserem hartgesottenen Sarkasmus die Sprache verschlägt.
Wolfgang Kubicki (FDP), Ex-Bundestagsvizepräsident – Sie sind ja in Ihrer Partei schon länger der Grande mit dem höchsten Unterhaltungswert („Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock.“). Jetzt greifen Sie nach dem Parteivorsitz, wollen quasi – um ein Bild zu bemühen – Kapitän auf einen gesunkenen Seelenverkäufer werden. Der liegt zwar nicht so tief wie die Titanic, aber doch sichtbar unterhalb der politischen Wasseroberfläche, die bei hiesigen Wahlen durch die Fünf-Prozent-Marke definiert ist. Ihr Unterfangen, mit Verlaub, erinnert uns an Mark Twain: „Das Alter bringt nicht immer Weisheit mit sich – manchmal kommt es auch allein.“ Aber natürlich ist jeder selbst seines Glückes Schmied! Und Oscar Wilde hat sicher auch nicht immer Recht: „Es gibt auf der Welt nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man will – und die andere, es zu bekommen.“
Mario Adorf, Star ohne Allüren – Als Heranwachsenden stand für uns felsenfest: Die Ermordung von Intschu-tschuna (Winnetous Vater) und Nscho-tschi (Winnetous Schwester, gespielt von der schönen Marie Versini) würden wir Ihnen nie vergeben. Doch dann waren wir irgendwann doch erwachsen genug, den Leinwandschurken Santer nicht mehr mit dem Mimen, der ihn darstellte, in einen Topf zu werfen. 2007 standen Sie anlässlich der Vergabe des Deutschen Hörfilmpreises – Sie waren langjähriger Schirmherr dieser vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband vergebenen Auszeichnung – einem der heutigen Redakteure des Blättchens in einem Interview Rede und Antwort. Darin bekannten Sie: „Ich habe frühzeitig festgestellt, dass in der gesamten Theaterliteratur […] die Schurken die interessanteren, facettenreicheren Rollen mit dem höheren Schauwert fürs Publikum sind. (Zum Interview hier klicken.) Genau deswegen machten Sie auch nie ein Hehl daraus, wie wenig Sie die Rolle des Santer mochten: Der war kein interessanter Bösewicht, sondern ein dumpfer, „grundlos böse“, wie Sie sagten, und damit für Sie als Schauspieler reizlos.
Bereits Ihr Durchbruch auf der Leinwand war eine Schurkenrolle per excellence gewesen– der geistig beeinträchtigte Bruno Lüdke in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ von 1957. Lüdke hatte in Verhören durch die Nazis 84 Morde gestanden und galt bis ins 21. Jahrhundert als einer der schlimmsten Frauen- und Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Der Streifen bescherte Ihnen den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsdarsteller, wurde 1958 mit dem Bundesfilmpreis geehrt und für einen Oscar als bester ausländischer Film nominiert. Erst Jahrzehnte später stellte sich heraus, dass die Morde Lüdke von den Ermittlungsbehörden untergeschoben worden waren. Tatsächlich war er unschuldig. Sie distanzierten sich daraufhin von dem „Propagandawerk“, und das war Ihnen nicht wohlfeil: Sie wandten sich an den Bundespräsidenten, der veranlasste, dass 2021 zum Gedenken für den von den Nazis ermordeten Bruno Lüdke ein Stolperstein verlegt wurde.
Mario Adorf, großer Star und neben vielem anderen – ein feiner Mensch.
Ihre Schurken übrigens standen auch schon mal auf der Seite des Gesetzes, wie der abstoßende Kommissar Beizmenne in der Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta.
Am Ende des erwähnten Interviews sprachen Sie über ein anstehendes Projekt – die Darstellung des alten Karl Marx. Das zog sich dann zwar noch zehn Jahre hin, doch 2018 war das ZDF-Dokudrama „Karl Marx – der deutsche Prophet“ zu sehen. Die Zeit damals: „Mario Adorf spielt den alten Karl Marx grandios.“
Angefangen auf der Bühne hatte Sie mit vier Jahren in einem Waisenhaus, in dem Ihre alleinerziehende Mutter Sie einige Jahre unterbringen musste, – als stummer siebter Zwerg in „Schneewittchen“. Jetzt sind Sie 95-jährig in Paris verstorben.
André Mielke, Kolumnist der Berliner Zeitung – Angesichts des Krieges der USA (und Israels) gegen den Iran gab Bundeskanzler Friedrich Merz den Staatsmann: „Wir müssen hier weiter kühlen Kopf bewahren.“ Sie kommentierten gewohnt kodderschnäuzig: „Herausfordernd für jemanden, der bei 37 Grad im präsidialen Colon sigmoideum steckt, bibbernd vor Angst, außerhalb des schützenden Refugiums bald nur noch russische Pelmeni essen zu dürfen.“
Gut gebrüllt, Löwe!
Doch fänden Sie es nicht auch an der Zeit, dass dem Fritz jemand nahebrächte: Im Vergleich zu Klassikern der sauerländischen Küche wie Potthucke, Blindhuhn und Schinkenbegräbnis könnten russische Pelmeni mal eine ganz nette Abwechslung sein …
Peter Sloterdijk, Philosoph – Ein pathologischer Transatlantiker, der dem Anführer in Washington selbst dann noch gefolgschaftsgeil im Enddarm hängt, wenn der dabei ist, die Welt in Brand zu stecken, sind Sie augenscheinlich nicht. Denn dann wäre Ihre aktuelle Diagnose, US-Präsident Donald Trump betreffend, nicht gar so despektierlich ausgefallen: „Was in aller Welt kann an diesem Rüpel bitte charismatisch wirken? […] Seine psychische Entwicklung ist ja offensichtlich vor dem analen Stadium zum Stillstand gekommen. Also vor dem Alter, in dem man nach Ansicht der Psychoanalyse lernt, sich zu schämen. Dieses Register bedient er nicht. Er muss die Schamlosigkeit nicht mal simulieren, er verkörpert sie.“ Und: „Vor allem das zweite ‚a‘ in Maga, das ‚again‘ klingt völlig erbärmlich. Wozu braucht eine Militärmacht, die 900 Militärbasen auf der Welt unterhält, die Formel, sie wolle ‚wieder‘ groß gemacht werden?“
Passend dazu finden Sie es irrwitzig, dass „wir heute nur deshalb noch am Leben sind, weil die großen Mächte bisher darauf verzichtet haben, sich gegenseitig und uns mit ihnen auszulöschen. Ein solches Dasein von Gnaden des Verzichts auf Auslöschung ist ein Absurdum sondergleichen. Es steigert sich durch die Aufrüstungsdelirien dieser Tage ins Maßlose.“
Bis dahin sind wir ganz bei Ihnen, wie eine der heute so gebräuchlichen Konsensfloskeln lautet. Nur für Ihren unseres Erachtens komplett kontrafaktischen Optimismus – „Ich glaube aber, dass der Mensch nicht dafür geschaffen ist, ein solches Maß an Absurdität auf Dauer zu ertragen.“ – können wir auf Anhieb leider so gar keine belastbaren Indizien ausmachen.
Schlagwörter: André Mielke, Bastian Ernst, Donald Trump, Friedrich Merz, Mario Adorf, Mark Rutte, Papst Leo XIV., Peter Sloterdijk, Ramstein, Reservisten, Vance, Volker Braun, Wolfgang Kubicki


