Der Titel der Mitte Mai 1928 erschienenen Erstausgabe, so hatte es der Verleger Anton Kippenberg gewünscht, lautete schlicht: „Rainer Maria Rilke“. Erst in der zweiten, 1929 veröffentlichten Auflage konnte sich die Autorin Lou Andreas-Salomé durchsetzen, und so wurde das Titelblatt ergänzt um das dem Gedicht „Der Schauende“ entnommene Motto: „Die Siege laden ihn nicht ein. / Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte / von immer Größerem zu sein.“
Schon bald nach Rilkes Tod hatte Lou mit der Arbeit an ihrem Gedächtnisbuch begonnen. Bereits im Frühsommer 1927 lag eine erste Fassung vor. Am 1. September bot sie das Manuskript Kippenberg zur Publikation an, der bereits zwei Tage später sein lebhaftes Interesse an dieser, wie er schrieb, „Handschrift“ bekundete. Allerdings hatte er noch einige Änderungswünsche, die vor allem Lous explizite Kritik an Rilkes Mutter betrafen (nachzulesen im Anhang des vorliegenden Bandes). Dass diese Äußerungen besser gestrichen werden sollten, stellte für Lou insofern kein Problem dar, als sie doch von der falschen Annahme ausgegangen war, Phia Rilke sei bereits verstorben.
Basierend auf den mehr als 200 Briefen, die sie und Rilke zwischen 1897 und 1926 gewechselt hatten, war ein einfühlsames Porträt entstanden, das, wie Lou betonte, bewusst „alle Vervollständigung außer acht [ließ]: sowohl an kritischer Würdigung wie an wissenschaftlicher Forscherarbeit wie an biographisch gesammelten Daten“. Es war, so wollte sie es verstanden wissen, „doch beinahe nur ein Akt nochmaliger Inbesitznahme des Entschwundenen, letztes Beisammensein – Zwiegespräch“.
In ihrem kenntnisreichen Nachwort, das unter anderem Lou Andreas-Salomés nicht leicht zu fassende Position zwischen Psychoanalyse und zeitgenössischer Medizin auszuloten versucht, schreibt die in Genf lebende Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Übersetzerin Cornelia Pechota dazu: „Die empathische Gefährtin, der Rilke den Status einer ,Wahrsagerin‘ verlieh, fühlte sich gedrängt, ihr mangelndes Wissen über die tödliche Krankheit des Freundes, der ohne ihren Zuspruch gestorben war, durch ein Zeugnis ihrer unverbrüchlichen Verbundenheit mit ihm zu kompensieren.“
Pünktlich zum Rilke-Doppeljubiläum hat Pechota eine Neuausgabe des vor fast einhundert Jahren veröffentlichten, immer noch lesenswerten, sicherlich aber persönlichsten Erinnerungsbuches vorgelegt. „Rainer Maria Rilke“ ist der mittlerweile 21. Band der Gesamtausgabe von Lou Andreas-Salomés Werken, die unter der Ägide von Ursula Welsch erscheint. Im Jahr 2006 gründete Welsch eigens einen Verlag, „um dem Werk der faszinierenden Intellektuellen eine neue verlegerische Heimat zu geben“. Von Beginn an ging es ihr darum, „die Texte der Autorin neu zu edieren und gleichzeitig einem interessierten Lese-Publikum zugänglich zu machen“. Was sie und die mehr als ein Dutzend Herausgeberinnen und Herausgeber der Einzelbände seither geleistet haben, ist äußerst anerkennenswert!
Dem Konzept der Ausgabe entsprechend finden sich in den einzelnen Bänden neben dem Primärtext, Stellenkommentaren und einer Zeittafel auch zeitgenössische Rezensionen. Im Fall des Rilke-Buches sind es insgesamt sieben aus den Jahren 1928 bis 1930.
Wie nahm man die Publikation damals auf? Beispielsweise urteilte die Schriftstellerin Esther von Kirchbach: „Das Buch ist für die geschrieben, die Rilke lieb hatten, und die ihn lieben werden.“ Ihr Kollege Heinrich Bachmann hob hervor, Lou sei es „um die tiefinnerlichen [Wirklichkeiten] zu tun, deren Zeuge sie war, deren Anteil sie trug“. Als eine „Biographie des seelischen Seins“ verstand der Pädagoge Erich Bockemühl die Erinnerungen. Und in der Besprechung des Germanisten Conrad Wandrey war zu lesen: „Das Salomésche Buch setzt Leser voraus, die Rilke schon kennen.“
Die aktuelle Ausgabe enthält neben Rilkes Testament vom 27. Oktober 1925 auch einige Briefe. Darunter den von Dr. Theodor Haemmerli-Schindler, Chefarzt der Klinik Valmont, an Rilkes Mäzenin Marie von Thurn und Taxis, geschrieben am 25. Februar 1927. Mit Blick auf den Verlauf der Krankheit hieß es darin unter anderem: „Trotz seiner Schmerzen kam Rilke bis zu den drei letzten Tagen seiner Krankheit nie auf die Idee, dass man ihn nicht retten könnte.“
Abgerundet wird der Band mit der 1927 veröffentlichten Würdigung des Schweizer Journalisten Eduard Korrodi und den Nachrufen der französischen Schriftsteller Paul Valéry und André Gide sowie mit Katharina Kippenbergs 1938 gedruckten Erinnerungen an Rilkes Begräbnis.
Lassen wir zum Schluss noch einmal Lou Andreas-Salomé zu Wort kommen. Immer wieder taucht die Frage auf, woher die bis heute anhaltende Wirkung Rilkes auf andere beruht. Lous Antwort: „Das war, weil, noch aus den Löchern und Fetzen seiner eigenen Zerrissenheit, eine innere Grandiosität sich entblößte, die ermutigte und hinriß. Nichts wäre fälschender und beirrender, als sein Bild sich vor wiegend aus seinen Klagen, seinen Enttäuschungen an sich selber zu formen.“
Lou Andreas-Salomé: Rainer Maria Rilke (hrsg. von Cornelia Pechota), MedienEdition Welsch, Taching am See 2025, 254 Seiten, 32,80 Euro.
Schlagwörter: Lou Andreas-Salomé, Mathias Iven, Rainer Maria Rilke




