29. Jahrgang | Nummer 5 | 9. März 2026

Theaterberlin

von Reinhard Wengierek

Unserem Autor allein für den 100. „Theaterberlin“-Beitrag in dieser Ausgabe besonders herzlich zu danken, griffe in mehrfacher Hinsicht zu kurz, denn seinen so betitelten Einlassungen war nicht nur zwischen 2011 und 2020 in nahezu jeder Blättchen-Ausgabe sein „Querbeet“ vorausgegangen, sondern Reinhard Wengierek zählt bereits seit den 1970er Jahren zum festen Stamm der Autoren erst der Weltbühne, dann des Blättchens.

Lieber Reinhard, mit mehr als 50 Jahren Autorenschaft gebührt Dir eine Krone unter denen, die zu den Urgesteinen dieses Magazins zählen!

Wir hoffen auf weitere gemeinsame Jahre.

 Das Redaktionskollektiv:

Jürgen Hauschke

Detlef-Diethard Pries

Wolfgang Schwarz

 

Diesmal: „Transit“ – Berliner Ensemble / „Serotonin“ – Hans-Otto-Theater Potsdam / „Heimsuchung“ – Deutsches Theater

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BE: Liebe in Zeiten der Katastrophen

Ein Steg ragt uns entgegen, abgeschlossen von einem Stahlgitter. Wir sind im Hafen von Marseille, vor einem Anleger für Schiffe, mit denen Nazi-Verfolgte sich 1943 noch retten können. Doch da braucht man Geld, Tickets, Pässe, Visa. Und hetzt unter Lebensangst durch die Bürokratie von Konsulaten vieler Länder. Aber die Zeit für Übersee-Passagen wird knapp, die Bedrohung wächst. Und immer näher rückt das Gitter.

Steg und Gitter – allein der klare Bühnenbau von Lara Scheuermann ist ein starkes, beklemmendes Zeichen: Der Kai als Ort des Wartens auf die Flucht, als Ort der Verheißung auf Freiheit. Und der Metallzaun als Signal dräuender Vergeblichkeit: Wer es nicht schafft, sitzt in der Falle, den Häschern ausgeliefert.

Anna Seghers biografisch grundierter Roman „Transit“ „von 1944 gilt als wohl beste Darstellung des Lebens und Leidens deutscher Emigranten. Er begründete den Weltruhm der Autorin. Und er ist vieles: Antifa- und Antikriegsroman, Polit-Thriller, Abenteuergeschichte – verwoben mit einer großen tragischen Lovestory, der feinnervigen Schilderung einer schicksalhaften Verstrickung von drei Menschen aus dem Rheinland. Da sind ein Arzt (Paul Herwig), ein Mann namens Seidler (Paul Zichner) und Marie (Kathleen Morgeneyer).

Beide sind verliebt in diese Frau, die jedoch an ihrem Ehemann hängt, den sie in den Wirren der Flucht aus den Augen verlor, in Marseille vermutet und dort verzweifelt sucht. Seidler wiederum erfuhr per Zufall, dass dieser Mann Selbstmord beging. Er übernahm dessen Ausreise-Visum, verschweigt jedoch seinen Tod aus liebender Rücksichtnahme. Marie will, in ehelicher Verantwortung und mit solidarischem Anstand, nicht ohne ihn auf ein rettendes Schiff. Sie wartet, sucht und verzögert dadurch immer wieder gefährlich ihre mögliche Ausreise sowie die der beiden Liebhaber, die das in rührender Nächstenliebe zunächst respektieren.

Komplexe Konfliktlage; Gewissenszwänge, fiebriges Gefühls-Inferno – darauf konzentriert sich die Kompaktfassung, die Regisseurin Marie Schwesinger (aus dem löblichen WORX-BE-Nachwuchsprogramm) sowie der Dramaturg Lukas Nowak aus den 400 Druckseiten meisterlich filterten. Ebenso gekonnt ist die Regie, die trotz (oder gerade wegen) der minimalistisch, doch präzise gesetzten Mittel für weit gespannte Assoziationen sorgt.

Dazu gehört freilich entsprechend Schauspielkunst. Im Mittelpunkt steht Marie, die Schwierige, die Kapriziöse: Energisch, verletzend; aber auch verletzlich, verführerisch. Zerrissen von Gefühlen und der Not schwerwiegender Verantwortung. Es ist etwas Irrlichterndes, Geheimnisvolles um sie.

Die Männer stehen ihr mit komplexen Charakterskizzen nicht nach. Seidler, der aus dem Nazi-Knast ausgebrochene Kommunist: geerdet, stark, großherzig. Der Mediziner nervös, generös, wankend zwischen Fürsorge und vernünftiger Selbstbehauptung. Schließlich wird er eine Schiffspassage nach Mexiko nehmen. Marie kommt mit, lässt los – den (toten) Ehemann und Seidler. Der bleibt zurück. Von ihm erfahren wir die Katastrophe: Zwischen Dakar und Martinique wird der Dampfer von Minen versenkt.

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HOT Potsdam: Hörtheater-Show mit Zwischendurch-Bier

„Unterhaltsam, philosophisch, provokant, komisch und tief, mit genauer Sicht auf gegenwärtig gesellschaftliche Härten.“ – Das treffliche Urteil des Schauspielers Guido Lambrecht über Michel Houellebecqs Roman „Serotonin, den er – erstaunliche Leistung! – Wort für Wort im Kopf hat und als eine Art Hörstück auf die Bühne bringt.

Der französische Literatur-Superstar, Goncourt-Preisträger und Bestseller-Autor lässt in der 2019 erschienenen Ich-Erzählung einen 46 Jahre alten Agraringenieur namens Labrouste sein von der Suche nach Trost und Glückseligkeit zerriebenes Leben resümieren. – Es ist der kühle, lakonisch gefärbte, zuweilen humorvolle und von Melancholie durchwehte Rückblick eines durchaus empathischen, doch immer wieder beziehungsunfähigen Mannes. Eines Intellektuellen, gut situiert, gutaussehend, depressiv. Mit scharfem Blick auf eine von Gier und Unverstand an den Rand des Abgrunds getriebenen Welt. Das alles – dazu Einsamkeit, innere Unruhe, dauernde Vergeblichkeit – ist kaum auszuhalten. Drogen und Sex helfen nicht weiter. Und Serotonin, das süße Glückshormon, hat längst den Geist aufgegeben.

Houellebecqs spannender, immer wieder sanft erregender Report einer so bizarren wie tieftraurigen Reise in den Suizid geht über 336 Druckseiten (bei DuMont, Übersetzung: Stephan Kleiner). Für die Inszenierung seiner Bühnenfassung braucht Regisseur Sebastian Hartmann fünf Stunden – Guido Lambrecht bewältigt die Tortur ohne Versprecher, Hänger, Aussetzer. Und überwiegend gleichmütig, wie in sich gekehrt. In schneeweißem Overall, artig sitzend in einem schneeweißen Kasten, so dass er körperlich nahezu verschwindet im trüb-weißen Licht. Kein Psychotheater, eher eine Berichterstattung – wie leicht verträumt, der man, zur eigenen Überraschung, gebannt lauscht.

Ohne Pause; doch darf das Publikum jederzeit den Saal verlassen. Im Foyer sind Toiletten, wartet Gastronomie. Man kann sich‘s bequem machen mit Getränken vorm Fernseher mit Live-Übertragung. Und dann wieder reingehen.

Zugegeben, eine exzentrische Veranstaltung; man hätte es gut auch in dreieinhalb bis vier Stunden geschafft. Hartmann aber wollte diese Herausforderung angesichts unserer dahin rasenden Zeitläufte. Eine gezielte Überforderung. – Die spezielle Sensation: Diese Hörtheater-Show wurde ausgezeichnet mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen im Mai. Eine Jury hat sie ausgewählt aus sage und schreibe 739 gesichteten Produktionen im deutschsprachigen Raum. – Ein Ruhmesblatt für den wagemutigen Regisseur und seinen spektakulären Protagonisten.

Übrigens, Sebastian Hartmann bekam heuer gleich noch eine Einladung zum TT, womit er zum Gewinner dieses Festivals avanciert: Mit seiner grotesk-komödiantischen Zuckmayer-Inszenierung „Der Hauptmann von Köpenick“ im Staatstheater Cottbus. Ein wilder, hintersinniger Spaß; Dauer: 110 Minuten.

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DT: Anekdoten aus deutscher Geschichte

Sandhaufen, Bretter, Wasser, ein klappriger Mischer in einem Heer von Eimern markieren eine Dauerbaustelle in märkischer Einsamkeit – für ein hübsches Haus am Scharmützelsee.

In ihrem anno 2008 erschienenen, biografisch gefärbten Roman „Heimsuchung“ erzählt Jenny Erpenbeck von den Schicksalen der Besitzer, Bauherren und Benutzer im Wechsel der Generationen und Zeiten. Das Refugium soll ihnen Heimstatt sein. Doch immer wieder stören die Heimsuchungen der Zeitläufte den frommen Wunsch; die kleinen, großen, die ganz großen Katastrophen.

Erpenbeck fügt sie – das ganze 20. Jahrhundert einschließend – zu einem überbordend detailreichen Menschen- und Geschichtspanorama. Kaiserzeit, Weimar, Faschismus, Emigration, Holocaust, Weltkrieg, kalter Krieg, deutsche Teilung, DDR, Wiedervereinigung sind Folien für eine Fülle weit verzweigter Geschichten vom Ankommen, Bleiben-Wollen, Fort-Müssen, Sterben. Deutschland und darüber hinaus gespiegelt im Idyll am See – das ist Abiturstoff, und wird derzeit von Volker Schlöndorff verfilmt.

Jetzt hat Regisseur Alexander Eisenach den nicht wirklich theatertauglichen Stoff mit seinen unübersichtlich verschlungenen Erzählsträngen fürs DT adaptiert. Da rotiert in stoischem Gleichmaß die Baugerümpel-Drehbühne (Daniel Wollenzin) von ausgewählter Episode zu Episode, dem Kalender-Ablauf entsprechend. An der Rampe zwischen Eimern und Nebelschwaden wird berichtet, erklärt, kurz dialogisiert, doch kaum gespielt. Die Figuren bleiben Papier. Grobe Skizzen. Das 200-Seiten-Buch als lose Anekdotensammlung dahingeblättert. Drei Stunden Abi-Vorbereitung, gelegentlich mit Musik und Video untermalt; das immerhin.