Von seinen Ufern her, vom
äußersten Rand der reinen
Idee kehrt der Fluss zu sich
selber zurück am Ende der
Eiszeit, erinnert sich seiner:
Prallhang und Gleithang, und
steigt über Schwellen, wirft
seine Nebel über Konturen
steingewordener Macht. Die
Türme ducken sich, auf den
Simsen hungrige Tauben, Raben
auf den Blitzableitern, Mauersegler
im Versteck noch, heimliche
Herrscher des Nachwinters. Der
Fluss schaut auf den dichter
sich schließenden Vorhang, die
schaukelnden Kulissen. Dreizehn
Feen versammeln sich um sein
Bett. Auf schmatzenden Wegen
balanciert ein Harlekin, verkündet
Weltuntergänge, einen für jeden
Wochentag, sonst rechnet sich’s
nicht. Alles fließt, Sedimente lagern
sich ab auf dem Grund, zwischen
Miesmuscheln, Autoreifen und Meistern
des Ausweichens, die mit roten
Scheren die ausgefransten Ränder
der Hoffnung beschneiden. Schon
fällt Licht durch die radikale Erotik
der Eisschollen. Zusammengeschoben
fallen sie übereinander her, als
hätten sie eine Wahl, als färbten sie
sich aus freien Stücken dunkelblau
oder im zärtlichen Sepiaton, passend
zur changierenden Großwetterlage. Alle
Prognosen schwanken jetzt wie der
Mondsüchtige auf dem verlassenen
Steg am Holzmarkt. Die Katzenköpfe
drehen sich zu ihm hin, auf dem
Sprung, ihn unter sich zu begraben
zu seinem eigenen Schutz vor dem
Fluss, der langsam wieder zum
Spiegel wird, Kontakt aufnimmt zu
den Gestirnen, der in klaren Nächten
klaffenden Vulva des ausgetrockneten
Universums. Zuviel Platz für ein
Ich. Im Unterdruck dehnt sich die
Landschaft aus, hetzen Gedanken
jeder Unendlichkeit nach, rollen sich
Wege zusammen wie grüne Farnspitzen.
In schweigenden Fenstern verlöschen
die Lichter, wölben sich Atemstöße
gegen das Glas. Draußen sprenkeln
Laternen die leeren Trottoirs mit
Schattentropfen, Feuerringen und
Vergessen, aber die Oder
schläft nicht mehr ein.
(Februar 2026)
Schlagwörter: Fluss, Gedicht, Henry-Martin Klemt, Oder




