29. Jahrgang | Nummer 6 | 23. März 2026

Auf den Spuren Virginia Woolfs

von Mathias Iven

Man muss schon genauer hinschauen, um sie im Schatten der Bäume und Sträucher zu entdecken. Doch hat man sie einmal im Blick, dann zieht einen das schmale, hagere, fast asketisch anmutende Gesicht in seinen Bann. Die Rede ist von der in einer Ecke des Londoner Tavistock Square im Jahre 2004 aufgestellten Büste der Virginia Woolf. Als der für seine Porträts britischer und amerikanischer Gegenwartsautoren bekannte Journalist und Autor Thomas David dieser im Original 1931 vom britischen Bildhauer Stephen Tomlin geschaffenen Plastik gegenüberstand, hatte er nur noch den „Wunsch, mit einer Toten zu sprechen“. Und so suchte er denn all jene Orte auf, die mit Virginia Woolfs Lebensweg und ihrem Werk verbunden sind.

Von der Südseite des Tavistock Square im ehemaligen Londoner Stadtteil Bloomsbury, wo Virginia und ihr Ehemann Leonard von 1924 bis 1939 in einem der Backsteinhäuser wohnten und ihren Verlag Hogarth Press betrieben, führt uns David zunächst nach Kensington, wo Virginia Woolf im Januar 1882 als Adeline Virginia Stephen geboren wurde und bis Oktober 1904 lebte. Das aus dem Jahre 1843 stammende, am Ende einer schmalen Sackgasse gelegene Gebäude Hyde Park Gate 22 hatte ungezählte, eigenartig geschnittene Zimmer. Darin war es dunkel und zugleich absolut still. In späterer Zeit kehrten Virginias Erinnerungen oft dorthin zurück, in das „Zentrum jenes großen, kathedralenartigen Raums, der Kindheit war“.

Um der Hitze der Metropole zu entkommen, reiste die Familie in den Sommermonaten nach Cornwall. Bereits vor Virginias Geburt hatte der einem „hebräischen Propheten“ gleichende Vater, Sir Leslie Stephen, in St Ives das hoch über der Bucht thronende Talland House gemietet. Bis 1894 verbrachten die Stephens jeden Sommer auf dem Anwesen. Oft ging Virginias Blick von dort hinüber zum Leuchtturm von Godrevy, dem Sinnbild ihrer Kindheit und zugleich Schauplatz von Woolfs 1927 veröffentlichtem Roman „To the Lighthouse“ („Zum Leuchtturm“). Das Buch „wird ziemlich kurz sein“, hatte sie vor Beginn der Arbeit notiert, „der Charakter von Vater soll darin voll dargestellt werden; & der von Mutter; & St Ives; & die Kindheit; & alles Übliche, was ich hineinzuschreiben versuche – Leben, Tod &c.“ Virginias Schwester Vanessa war vor allem von dem Porträt ihrer 1895 verstorbenen Mutter Julia beeindruckt. „Es tut fast weh“, schrieb sie an Virginia, „sie so von den Toten erweckt zu sehen.“

Im Februar 1904 starb der Vater. Virginia und ihre sechs Geschwister waren von einem auf den anderen Tag auf sich allein gestellt. Um Kosten zu sparen, beschlossen sie, von Kensington in das nicht ganz so vornehme, nur wenige Kilometer entfernte Bloomsbury zu ziehen. Für Virginia war das Haus Gordon Square 46 „der schönste, aufregendste, romantischste Ort der Welt“. In der Nähe der Londoner City gelegen, stand nicht nur mehr Platz zur Verfügung: „Das Licht und die Luft nach dem üppigen Halbdunkel von Hyde Park Gate waren eine Offenbarung.“ Und schließlich sollte das Haus durch die am 16. Februar 1905 von ihrem Bruder Thoby ins Leben gerufenen „Thursday Evenings“ zur Keimzelle dessen werden, was man später die „Bloomsbury Group“ nennen würde. Einer losen Vereinigung, die so unterschiedliche Charaktere wie Saxon Sydney-Turner, Lytton Strachey und Leonard Woolf, Maler wie Duncan Grant, Roger Fry und Virginias Schwester Vanessa, Kritiker wie Clive Bell und Desmond MacCarthy sowie Wissenschaftler wie John Maynard Keynes und Bertrand Russell vereinte.

Als Vanessa im Februar 1907 Clive Bell heiratete, überließ Virginia ihr das Haus und zog mit ihrem Bruder Adrian zum Fitzroy Square 29, in jenes Haus, in dem George Bernard Shaw von 1887 bis 1898 gelebt hatte. Ein neuerlicher Umzug führte Ende 1911 schließlich zum Brunswick Square 38. Zusammen mit Adrian begründete Virginia dort eine Wohngemeinschaft, zu deren Mitgliedern neben John Maynard Keynes und Duncan Grant auch Leonard Woolf zählte, den sie im August 1912 heiratete.

Nach ihrer Hochzeitsreise kehrten die Woolfs zurück nach London, ihre neue Adresse lautete: Clifford’s Inn 13. Als Nebenwohnsitz mieteten sie Asheham House in der Nähe von Beddingham in East Sussex. Dort entdeckte Virginia auf einem ihrer zahlreichen Spaziergänge das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Charleston Farmhouse, das Vanessa im Herbst 1916 zu ihrem Wohnsitz machte und das für einige Jahre zum ländlichen Treffpunkt der Bloomsbury Group wurde. Für Vanessas 1952 geborenen Enkel Julian Bell, mit dem sich Thomas David darüber unterhielt, „war Charleston damals nur ein altes bröckeliges Haus mit einem überwucherten Garten und verfallenen Statuen“. Im Haus stieß David ein weiteres Mal auf die von Tomlin geschaffene Büste, in diesem Fall auf das aus Gips modellierte Original. „Woolf hatte die stille Präsenz eines Falken, sie glich der Erscheinung aus einer anderen Welt“, beschreibt er seinen Eindruck. Bereits 1917 hatte die Mäzenin Ottoline Morrell eine ähnliche Empfindung gemacht: „Her eyes are like falcon’s eyes and express so little.“ („Ihre Augen sind die eines Falken und sagen nur wenig aus.“)

Zurück in London folgte Thomas David den Spuren von Mrs Dalloway, der Hauptfigur von Woolfs gleichnamigem, 1925 veröffentlichten und von Proust inspirierten Roman. Das Buch ist, wie sie selbst sagte, eine „Studie über Wahnsinn & Selbstmord: die Weltsicht des Gesunden & des Geisteskranken Seite an Seite“. Verdichtet auf wenige Stunden eines Tages wird darin das Leben von Clarissa Dalloway und Septimus Warren Smith beschrieben: die eine mit den Vorbereitungen für eine abendliche Party beschäftigt, der andere auf dem Weg in den Tod. Gut zwei Kilometer führte ihr Weg von der Victoria Station zum St James’s Park, weiter zur Green Park Station, hin zum Piccadilly Circus bis zur Bond Street.

In einem weiteren Kapitel geht es in die Grafschaft Kent, nach Knole House am Stadtrand von Sevenoaks. Seit der Schenkung durch Elizabeth I. im Jahre 1566 ist das mittlerweile fast 800 Jahre alte Herrenhaus Sitz der Familie Sackville. Im Dezember 1922 trafen Virginia und Vita Sackville-West erstmals aufeinander. „Nicht ganz nach meinem eher strengen Geschmack“, notierte Virginia in ihrem Tagebuch, „blühend, bärtig, papageienbunt, mit der ganzen aristokratischen Gewandtheit und Ungezwungenheit, aber ohne künstlerischen Esprit.“ Dennoch entwickelte sich zwischen beiden rasch eine leidenschaftliche Beziehung. Mit ihrem am 11. Oktober 1928 veröffentlichten, erfolgreichsten Roman „Orlando“ setzte Virginia ihrer Freundin und Schriftstellerkollegin Vita ein Denkmal. Das mit dem Untertitel „Eine Biographie“ versehene Buch zeichnete Vitas Werdegang zwischen dem 16. und dem 36. Lebensjahr nach, jedoch so, als hätte sie zunächst als Mann und später als Frau in den Jahren zwischen 1586 und 1928 gelebt.

Am Schluss seines kurzweiligen Streifzugs durch das Leben Virginia Woolfs unternimmt David noch einen Abstecher in das Dörfchen Rodmell südlich von Lewes. Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Cottage Monk’s House hatten die Woolfs im Juli 1919 ersteigert und nutzten es seither im Sommer als Zweitwohnsitz. In den Downs des südenglischen Sussex fand Virginia endlich die langersehnte Ruhe zum Schreiben. Sie war zufrieden, zumal sie feststellte, „dass ein sonniges Haus unglaublich aufmunternd ist“. Nach vier Wochen stand fest: „Jedenfalls wird Monks immer besser, in der Art einer Promenadenmischung, die sich einem ins Herz schleicht.“

Obwohl sie ein Buch nach dem anderen vorlegte und von Kritikern gelobt wurde, registrierte Virginia ab Mitte der Dreißigerjahre ein nachlassendes Interesse der Öffentlichkeit an ihrer Arbeit. Sie fühlte sich zusehends einsamer: „Es kommt kein Echo mehr. Ich habe kein Umfeld.“ Das Alter setzte ihr zu, die Konzentration ließ nach und sie dachte immer öfter an den Tod.

Vor 85 Jahren, am Vormittag des 28. März 1941, verließ Virginia Woolf Monk’s House und begab sich zum nahen Ufer der Ouse. Sie füllte die Taschen ihres Mantels mit Steinen und stürzte sich in den Fluss. Als es Zeit fürs Mittagessen war, suchte Leonard seine Frau vergeblich. Im Wohnzimmer fand er auf dem Kaminsims einen Brief: „Liebster, ich fühle deutlich, dass ich wieder verrückt werde.“ Seit dem frühen Tod ihrer Mutter war Virginias seelische Verfassung angegriffen. Über Jahre hinweg empfand sie sich als Belastung und Fluch für ihre Umgebung. Sie wusste, dass keine Aussicht auf Heilung bestand. – Erst drei Wochen später wurde ihr Leichnam flussabwärts entdeckt.

Selbst, wenn man mit Leben und Werk Virginia Woolfs nicht vertraut ist, so ist Thomas Davids Buch dennoch eine empfehlenswerte Lektüre. Verbindet er doch die biografische Erzählung geschickt mit ausführlichen Schilderungen der Örtlichkeiten; zur besseren Orientierung hätten Kartenausschnitte von London und Südengland den Band perfekt gemacht. – So oder so: Wer Virginia Woolfs Spuren folgen möchte, kommt um dieses kompakt geschriebene Büchlein nicht herum.

Thomas David: Begegnungen mit Virginia Woolf. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026, 144 Seiten, 22,00 Euro.