Ach ja, es ist doch noch gar nicht so lange her, dass Feldprediger als Schmiermittel des militärischen Betriebs und als himmlisch beglaubigte Garanten der irdischen Hierarchie dienten. Im 18. Jahrhundert legten die Reglements für die preußische Infanterie Offizieren nahe, einen „Kerl“, der nicht parierte, zum Pfarrer zu schicken, damit der ihn wieder auf die Spur des Gehorsams bringe. Selbst das faschistische, ansonsten kirchenfeindliche Nazi-Regime bejahte in der Wehrmacht die religiöse Seelsorge – als effektives Instrument zur Stabilisierung der Truppe, das Soldaten Zweifel an Recht und Sinn des Krieges austrieb, Gewissensbisse besänftigte und sie letztlich wieder gefügig machte.
Heute, in Zeiten abnehmender Akzeptanz der Kirchen in der Gesellschaft, muss man als religiöser Funktionsträger schon mal genauer nachfragen, um die eigene Daseinsberechtigung zu begründen – schließlich geht es um gut bezahlte Ämter und um viel Geld. Die Evangelische Militärseelsorge, staatskirchliches Überbleibsel aus der Zeit vor 1919 – von der Kirche verantwortet und vom Staat organisatorisch und finanziell getragen – sieht sich selbst jedoch bestens aufgestellt: Eine neue Studie mit dem Titel „Was kann und was leistet Militärseelsorge?“ belegt, dass sie innerhalb der deutschen Streitkräfte hohes Vertrauen genießt. Die im Auftrag der Evangelischen Militärseelsorge erstellte Untersuchung zeigt: 91 Prozent der Befragten empfinden die Präsenz von Militärseelsorgerinnen und -seelsorgern als persönlich gut – unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglieder, Juden, Muslime sind oder den Dienst gar aktiv nutzen. In den extremen Belastungen eines Auslandseinsatzes steigt diese Akzeptanz sogar auf 95 Prozent.
Da, wo die Bundeswehr hingeht, folgt die Militärseelsorge: Erstmals 1990 begleiteten Militärpfarrer deutsche Soldaten zu ihrem Einsatz nach Kambodscha. Seitdem nimmt sie an den internationalen Missionen der Bundeswehr teil, von denen mittlerweile über 30 abgeschlossen sind und an denen mehr als 500.000 deutsche Soldaten und Soldatinnen beteiligt waren. Der bislang längste, umfassendste und verlustreichste Auslandseinsatz führte die Bundeswehr nach Afghanistan: Rund 93.000 Bundeswehrangehörige wurden dorthin entsandt, für deren seelsorgliche Begleitung waren über den gesamten Einsatz hinweg etwa 150 Seelsorgerinnen und Seelsorger verantwortlich.
Nicht verwunderlich: Die größte Wertschätzung unter den Kräften mit Auslandseinsatzerfahrung erfährt die Militärseelsorge bei der psychosozialen Betreuung und Beratung. Für fast zwei von drei Befragten (61 Prozent) ist die militärseelsorgliche Unterstützung in seelisch-psychisch belastenden Notsituationen während eines Auslandseinsatzes wichtig. Nach Einschätzung der Befragten kann die Militärseelsorge am ehesten zu Konfliktvermittlung beitragen (63 Prozent) und die Kameradschaft stärken (55 Prozent). Die Studie hebt Themen wie „Umgang mit Konflikten“, mit „belastenden Situationen und Extremsituationen“ (63 Prozent), die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf/Dienst“ (61 Prozent) sowie „Leben und Tod“ (60 Prozent) besonders hervor.
Anders steht es mit dem Lebenskundlichen Unterricht (LKU): Er ist – die Studie umgeht das Thema tunlichst – keine „Seelsorge“ und gehört daher, kritisch betrachtet, schon begrifflich nicht zur Institution „Militärseelsorge“ und also nicht zum grundgesetzlichen Recht der Religionsgemeinschaften nach Artikel 141 zur „Vornahme religiöser Handlungen“. Er fällt unter das „Erziehungsprogramm“ oder das „Bildungsprogramm“ der Streitkräfte und hat, wie Generalinspekteur Adolf Heusinger bereits in den „Richtlinien für die Erziehung 1959/60“ feststellte, die Aufgabe, „die Soldaten moralisch zu festigen“. Die Autoren der Studie schreiben: „Religion hat in Fragen der Lebens- und Kontingenzbewältigung und der Sinnstiftung im militärischen Kontext sowohl für das soldatische Subjekt als auch für die militärische Organisation seit jeher eine große Bedeutung.“ Nur, mit der Trennung von Kirche und Staat hat das wirklich nichts zu tun.
Ganz unbefangen heißt es daher in der Studie, Formen der Militär-Seelsorge gebe es schon seit vorchristlicher Zeit; die Bundeswehr bilde hier keine Ausnahme. In der Allgemeinen Regelung A-2600/1 „Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr“, dem handlungsleitenden Konzept der Inneren Führung, werde ausdrücklich auf den „gesetzlichen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung“ aller Bundeswehrangehörigen hingewiesen – auch für die wachsende Zahl konfessionell Ungebundener und Nicht-Christen – und die Militärseelsorge als wichtiges „Gestaltungsfeld der Inneren Führung“ verankert. Die Studie zitiert das „Handbuch Innere Führung“ von 1957: Dort ist belegt, so heißt es, mit „welchem religiösen Ernst und in welcher gläubigen Bindung“ die politisch und militärisch Verantwortlichen bei der Aufstellung der Bundeswehr über Eides- und Vereidigungsfragen nachdachten – damit Bundeswehr-Soldaten, im Gegensatz zu Wehrmacht-Soldaten, nicht zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet würden, sondern unter dem biblischen Vorzeichen der Regula Petri aus Apostelgeschichte 5,29 „Man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen“ ihren Eid vor einer höchsten, absoluten und unbestechlichen Instanz leisten.
Bei der weiteren Lektüre der Studie gewinnt man den Eindruck, dass die Evangelische Militärseelsorge in ihren abschließenden Folgerungen all dies hinter sich lässt: „In dem von der Bundeswehrführung avisierten soldatischen Mindset für die Bewältigung aktueller und anstehender Herausforderungen spielt der Begriff der Kriegstüchtigkeit eine zentrale Rolle. Die inhaltlichen Säulen eines bundeswehrspezifischen Verständnisses von Kriegstüchtigkeit stehen dabei in unterschiedlichem Maße in Beziehung zur Militärseelsorge und ihrer Rolle in den Streitkräften. […] Sucht man nach Orten in der Bundeswehr, an denen reflektiert und diskutiert werden kann, warum und wofür Soldat:innen kämpfen und wem gegenüber sie sich verantwortlich fühlen, was der Auftrag der Landes- und Bündnisverteidigung für die einzelnen bedeutet und mit welchen persönlichen Ängsten und Konflikten er verbunden ist oder welche Werte und Orientierungen identitätsstiftend sind für Soldat:innen der Bundeswehr, so erscheint das verpflichtende berufsethische Format des Lebenskundlichen Unterrichts in besonderer Weise geeignet, um zum gewünschten soldatischen Mindset beizutragen.“ Und weiter: „Zur Stärkung der mentalen Widerstandskraft leistet die Militärseelsorge mit ihren Angeboten der seelsorglichen Beratung und Begleitung, ihrer gerade in der Einsatzsituation hoch geschätzten Ritualkompetenz wie auch durch ihre weithin bekannten Angebote für Einsatzbelastete und ihre Familien einen wichtigen Beitrag […] Militärseelsorge ist so gesehen resilienzstärkend im Sinne des Leitbildes der Inneren Führung tätig.“
Der evangelische Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg leitete im Januar dieses Jahres aus den Ergebnissen der Studie seine Forderung an Politik und Verteidigungsministerium ab: Mit dem geplanten Aufwuchs der Streitkräfte auf 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten müsse auch die Zahl der evangelischen, katholischen und jüdischen Militärseelsorgenden steigen. Alles andere wäre in Zeiten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der Vorbereitung auf den möglichen Bündnisfall fahrlässig.
Schlagwörter: Bundeswehr, Karl-Helmut Lechner, Kriegstüchtigkeit, Militärseelsorge




