29. Jahrgang | Nummer 5 | 9. März 2026

„Das Ende des Laissez-faire“ vor 100 Jahren

von Jürgen Leibiger

John Maynard Keynes leitete vor 90 Jahren mit seiner „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ die als „keynesianisch“ bezeichnete Revolution im ökonomischen Denken ein. Gemeinhin gilt sie als eine Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise von 1929/33 und das theoretische wie wirtschaftspolitische Versagen der neoklassischen Lehre. Dabei wird ignoriert, dass Keynes bereits ein Jahrzehnt zuvor, nämlich 1924 beziehungsweise 1926 vom „Ende des Laissez-faire“ und der Notwendigkeit eines regulierten Kapitalismus gesprochen hatte. Im November 1924 hatte er an der Universität Oxfort einen Vortrag dieses Titels gehalten und diesen am 23. Juni 1926 an der Berliner Universität in einer erweiterten Form wiederholt.

In Berlin war der öffentliche Vortrag mit dem Zusatz „Privat- oder Gemeinwirtschaft?“ angekündigt worden. Das Interesse am schon zu dieser Zeit weltberühmten Keynes war so groß, dass sich der Hörsaal als zu klein herausstellte und man umziehen musste. Am Abend hielt Keynes noch eine Vorlesung zur ökonomischen Lage in England und nahm anschließend an einem Ehrenbankett mit 70 geladenen Gäste teil. Die Berliner Zeitungen berichteten am nächsten Tag ausführlich über den mit „stürmischem Beifall“ überschwänglich gefeierten Vortrag in englischer Sprache. Sogar ein Foto von Keynes und seiner Frau auf dem Weg zur Universität wird später abgedruckt. In der Weltbühne schrieb Carl von Ossietzky von einem „großen europäischen Abend“ und nahm die Gelegenheit wahr, über die konservative Professorenschaft herzuziehen: „Wenn die Herren Universitätslehrer sich nicht so sehr als wissenschaftliche Leibgarde der Hohenzollern fühlten, so würden sie angesichts der Weltgeltung ihres Ehrengastes vielleicht begreifen, warum er als politische und moralische Macht über die Grenzen seines Landes hinaus wirken darf, während sie in einem subalternen Nationalismus vermiekern. Sein Ansehen verdankt Keynes der Standhaftigkeit, mit der er Vorurteilen entgegentrat, die von fast allen seinen Landsleuten geteilt wurden. Unerschrockenheit und Überzeugungstreue, diese beiden guten Geister, beflügelten seinen Ruhm.“

Ossietzky, der nichts zum Inhalt von Keynes Vortrag schrieb, bezieht sich mit seiner Aussage auf dessen Verhalten bei den Pariser Friedenverhandlungen, an denen Keynes zunächst teilgenommen, dann aber aus Protest gegenüber den destruktiven Reparationsauflagen abgereist war. Seine Gründe legte er 1919 in dem Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ dar; es war sofort in alle wichtigen Sprachen übersetzt worden und begründete seinen Weltruhm. Den Anlass für die Einladung Keynes‘ nach Berlin vermutete Ossietzky denn auch in dem Glauben der Universitätsleitung, in ihm einen Verbündeten in der Ablehnung der Versailler Verträge zu haben. Der Vortrag von Keynes erschien in England noch 1926 unter dem Titel der Vorlesung in Oxfort; in Deutschland wurde der Untertitel „Ideen zur Verbindung von Privat- und Gemeinwirtschaft“ hinzugefügt.

Der Untertitel ist nicht allein durch den Inhalt dieses Essays gerechtfertigt, er sollte auch den Absatz in Deutschland befördern. Die Frage der Sozialisierung – also von Privat- versus Gemeinwirtschaft – war neben der Reparationsfrage eine der am heißesten diskutierten ökonomischen Themen der Jahre nach der Novemberrevolution. Es gab faktisch keinen Wirtschaftswissenschaftler von Rang, der sich nicht dazu geäußert hätte. Ludwig von Mises, ein lebenslanger Gegner von Keynes, hatte 1922 in Jena sein Hauptwerk „Die Gemeinwirtschaft“ veröffentlicht, ein Buch, in dem er die Undurchführbarkeit des Sozialismus nachweisen wollte. Er wird nach Erscheinen von Keynes Buch über das Ende des Laissez-faire die erste Rezension überhaupt schreiben; es ist eine vernichtende Kritik.

Keynes geht in seinem Vortrag nicht direkt auf diese Diskussion ein. Sein Ausgangspunkt ist die Erläuterung der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Grundlagen der liberalistischen Laissez-faire-Idee und des Gedankens von der Vorteilhaftigkeit von Freihandel und Konkurrenzwirtschaft im 18./19. Jahrhundert. Der Spruch „Laissez faire, laissez passer“ („Lassen Sie machen, lassen Sie passieren“) wurde in der Zeit der französischen Aufklärung geprägt und richtete sich gegen die Einmischung des feudalen Staates in das private Unternehmertum. Keynes führte aus, dass diese Theorie „nicht den wirklichen Tatsachen entspricht“, und sie hätte sich kaum durchgesetzt, „wenn sie sich nicht mit den Bedürfnissen und Wünschen der Geschäftswelt jener Tage gedeckt hätte“. Aus den Prinzipien der Nationalökonomie folge keinesfalls, dass der „aufgeklärte Egoismus immer zum allgemeinen Besten“ wirke. Mit dem Angriff auf diese Geistesrichtung „habe ich mich“, so Keynes, „in die Höhle des schlafenden Ungeheuers gewagt“.

Seine auf einer Ablehnung des Sozialismus beruhenden Vorschläge einer „Halbsozialisierung“ zielen unter anderem auf die „Entwicklung und Anerkennung … halb-autonomer Körperschaften im Rahmen des Staates“, die unabhängig vom Staat und ohne die „Motive privaten Vorteils“ agieren. Die großen Aktiengesellschaften hätten ja längst den Status öffentlicher Korporationen erlangt und sich quasi selbst „sozialisiert“. Währungs- und Kreditfragen sollten einer „wohlüberlegten Kontrolle“ durch eine zentrale Einrichtung unterworfen werden, ohne, „dass private Initiative und privater Unternehmungsgeist durch sie angetastet würden.“ Investitionen sollten „nicht ganz und gar dem Zufall der privaten Entscheidung und des privaten Gewinns überlassen“ bleiben. Später schreibt Keynes von der Notwendigkeit der „weitgehenden Sozialisierung von Investitionen“. Er fasst zusammen: „Ich für meinen Teil bin der Ansicht, dass ein klug geleiteter Kapitalismus die wirtschaftlichen Aufgaben wahrscheinlich besser erfüllen wird als irgendein anderes, vorläufig in Sicht befindliches System […].“

Zehn Jahre später, nach der Veröffentlichung seiner „Allgemeinen Theorie …“, in der er dieses Credo theoretisch und wirtschaftspolitisch vertiefte, galt er als der bedeutendste Ökonom seiner Zeit. Seine Vorstellungen wurden später erweitert, vertieft, teils abgewandelt oder verflacht und sogar verballhornt. Nach dem Krieg lagen sie in mehreren Ländern wirtschaftspolitischen Gesetzen zugrunde. In West-Deutschland verabschiedeten die Nachfolger der Erhard-Regierung, nachdem diese 1967 in der ersten Nachkriegs-Krise zu Fall gekommen war, das „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“; es beruhte auf Versatzstücken der keynesianischen Theorie.

Als zu Beginn der 1970er Jahre diese vermeintlich keynesianischen Rezepte (Joan Robinson, eine Kollegin von Keynes, sprach von „Bastard-Keynesianismus“) versagten, feierten Neoklassik und Neoliberalismus ihre Auferstehung. Keynes hatte ja schon zu seiner Zeit eine Reihe von theoretischen Gegnern auf den Plan gerufen. In Paris fand 1938 ein Treffen dieser Gegenspieler statt, an dem unter anderem Friedrich von Hayek und auch Ludwig von Mises teilnahmen. Es wurde zur Geburtsstunde des „Neoliberalismus“, der ab 1973 – nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-System (es war zum Teil auch ein Ergebnis keynesianischer Gedanken) – seinen größten wirtschaftspolitischen Einfluss erlangte. In der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 wurde dann eine „Renaissance des Keynesianismus“ und die „Rückkehr des Meisters“ (so ein Buchtitel jener Zeit) beschworen. Selbst ein durch und durch konservativer Politiker wie Wolfgang Schäuble meinte damals, man müsse jetzt „durchaus auch keynesianisch denken“.

Inzwischen scheinen sich die theoretischen Schlachten auf anderen Feldern abzuspielen. An den Universitäten wird zumeist eine Art von „neoklassischer Synthese“ gelehrt, eine Neoklassik mit keynesianischen Elementen. In der wirtschaftspolitischen Praxis hingegen herrscht eklektischer Pragmatismus vor, weder kann von „laissez faire“ die Rede sein, noch von einer sozial orientierten Nachfragepolitik. Im internationalen Wettbewerb werden eine aggressive Industrie- und Technologiepolitik betrieben und vermeintlich nationale oder „westliche“ Interessen in den Vordergrund gestellt. Die neoliberalen Elemente dieser Politik sind auf den Sozialabbau konzentriert, die keynesianische Seite ist durch einen „Rüstungs-Keynesianismus“ vertreten.

Übrigens hatte Keynes zwischen den beiden Vorlesungen in Oxfort und Berlin in Cambridge einen weiteren bemerkenswerten Vortrag gehalten: „Bin ich ein Liberaler?“ Hier lotete er 1925 den politischen Raum zwischen der damals sozialistisch orientierten Labourpartei und der konservativen, fest dem Laissez-faire verpflichten Partei aus. Er lehnte beide Parteien strikt ab und bekannte sich eher zur Liberalen Partei, die sich freilich erneuern müsste. Keynes plädierte für ein „Regime, das bewusst auf eine Überwachung und Lenkung der wirtschaftlichen Kräfte im Interesse von sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Stabilität zielt.“ Er beendete jenen Vortrag mit der Aufforderung an das Publikum, selbst zu entscheiden, ob er ein Liberaler sei. In einer Frage ließ er hingegen keinen Zweifel zu: „[…] ein Klassenkampf würde mich an der Seite der gebildeten Bourgeoisie finden.“