Uckermärkische Bühnen Schwedt, Erik Neutschs „Spur der Steine“ – soll es tatsächlich die letzte Vorstellung gewesen sein, die da am 8. Februar 2026 als Gastspiel im krachend vollen Kleist Forum in Frankfurt an der Oder in knapp dreieinhalb Stunden über die Bühne gegangen ist? Unter anderem das teilte Intendant und Regisseur André Nicke dem Publikum jedenfalls mit, bevor sich der Vorhang hob.
Der war zuvor illuminiert durch ein Foto des kriegszerstörten Dresdens und markierte damit das entscheidende Element des historischen Backgrounds, aus dem die Führungselite der kleineren deutschen Republik, die Partei, ihre Legitimation bezog: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
Es gehört zu den eigentümlichen Paradoxien der DDR, dass Neutschs über 900-Seiten-Wälzer nach seinem Erscheinen 1964 zum Bestseller avancieren konnte – von dem aktuell online antiquarisch Exemplare der (noch aus DDR-Zeiten stammenden) 30. Auflage angeboten werden –, wohingegen die Verfilmung von 1966 mit Manfred Krug (als anarchistischer Brigadier Balla) und Eberhardt Esche (als eigenverantwortlich handelnder Parteisekretär Horrath) nur wenige Tage nach ihrer Kinopremiere wieder aus dem Verkehr gezogen und bis 1989 im Giftschrank versenkt wurde.
Wegen der Darstellung des Balla. Als Zimmermann eigentlich der in der DDR offiziell herrschenden Arbeiterklasse zuzurechnen, hagelte dem auf der Großbaustelle im nur vordergründig fiktiven Schkona im Bezirk Halle (Chemiekomplex Buna/Schkopau und Leuna) fehlendes Arbeitsmaterial wie Schalbretter, Kies und anderes wegen des dadurch bedingten Arbeitsausfalls gehörig auf den ihn vorgeblich allein interessierenden Umfang seiner Lohntüte. Weswegen Balla die benötigten Materialien bei anderen Brigaden „organisiert“. So der übliche DDR-Euphemismus, wenn man etwas klaute (meist allerdings für den privaten Bedarf).
Und wegen der Darstellung des Horrath nicht minder. Den die ebenso engstirnig-dogmatische wie inquisitorische Herrschaftsausübung der Partei so deformiert, dass er daran zerbricht.
„So sind unsere Menschen nicht“, soll ein seinerzeit in Halle residierender SED-Herzog beschieden haben. Der Apparat beorderte Claqueure in Kinovorstellungen, die ein Schmierentheater aufführten, das in den Medien zum proletarischen Protest hochgemotzt wurde, auf dass das Volk wisse, dass es diesen Streifen angeekelt ablehne … So und bei vielerlei anderen Gelegenheiten seit (und natürlich auch mit) dem Mauerbau von 1961 schaufelte sich die Partei das Grab, in das sie samt DDR 1989/90 sank.
In der Schwedter Inszenierung ist die „Spur der Steine“ äußerst üppig durchwoben mit musikalisch exzellent dargebotenem Liedgut, das in der DDR jeder Spatz vom Dach pfeifen konnte – von Ostrock („Über sieben Brücken …“) über Schlager („Gold in deinen Augen“) und weitere Genres bis zu Kinderliedern („Kleine weiße Friedenstaube“). Zur Gänsehaut-Einlage wird dies, als die Parteileitung der Großbaustelle eine junge Genossin zwingen will, den Namen ihrer heimlichen Liebe und des Verursachers ihrer Schwangerschaft zu bekennen (Horrath, verheiratet) und Horraths Stellvertreterin dieses inhumane Schauspiel erst damit begründet, dass „unzüchtiges“ Verhalten dem Ansehen der Partei schade, und anschließend Fürnbergs unsäglich-unerträgliches „Die Partei, die Partei, die hat immer recht …“ intoniert. Ironische Brechung hingegen bei einem anderen „Hit“: Ausgerechnet Balla schmettert Horrath die Oktoberclub-Hymne „Sag mir, wo du stehst“ entgegen.
Die Musikeinlagen wurden vom Publikum durchweg und teils mit frenetischem Beifall goutiert, was die Vorstellung zwar in die Nähe einer Nummernrevue rückte, doch der lebendigen und überhaupt nicht ostalgischen Wirkung des Ganzen keinen Abbruch tat. Weswegen dieser „Spur der Steine“ unbedingt weitere Aufführungen zu wünschen wären. Durchaus auch in Gestalt einer Tournee durch Neufünfland …
PS: Von Aufführungen in Altzehnland (Westberlin war vor der freiwilligen Eingliederung der DDR in den Geltungsbereich des Grundgesetzes kein Bundesland) ist wegen der dort durchgängigen Minderbemittlung in Sachen Geschichte der und Leben in der DDR allerdings abzuraten.
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