Die Autorin Elena Yakowich hatte großes Glück: Sie war Zeugen und Repräsentanten des russischen Musiklebens zu Lebzeiten begegnet – und durfte veröffentlichen, was ihr anvertraut wurde. So von der dritten Ehefrau Dmitri Schostakowitschs, Irina Antonowna Schostakowitsch, vormals Supinskaja, geboren 1934 in Leningrad. 2021 hatte Elena Yakovich sie auf der Datscha in Zhukowska besucht, ihre Erinnerungen im Film dokumentiert. Irina Antonowna hatte Schostakowitsch 1962 geheiratet und nach seinem Tod 1975 als eine der Erben die Archive verwaltet, sich mit den Problemen um die Urheberrechte befasst, die Internationale „Dmitri Schostakowitsch Gesellschaft“ in Paris und Moskau gegründet sowie die „Gesellschaft für Anfänger der Schostakowitschmusik“ und die musikalischen DSCH-Ausgaben (D Es C H, die Initialen des Künstlers, sind die Töne, die Schostakowitsch nach der Stalinära gern und oft als Thema verwendete, eine Art B A C H.)
Elena Yakovich übermittelte nun der Nachwelt Irinas persönliche Erinnerungen an die musikalische Größe – als Genie sah er sich genau so wenig wie seine Umgebung – übermitteln. Nichts, was man vorher nicht wusste, ahnte. Jedoch aus dem Mund seiner letzten Lebensgefährtin, die ihn über die letzten Jahre begleitete, wird es noch einmal lebendig, ja gegenwärtig. Was machte wirklich, seine Wirkung auf die Nachwelt, seine musikalische Größe aus? War es die Fähigkeit, aus einem einzigen, winzigen musikalischen Moment einen ganzen Kosmos zu schaffen, kleinste Moleküle zu einer großen Einheit zusammen zu fügen?
Nein, Musik lässt sich nicht Ton für Ton in eine klare, unverwechselbare Aussage zusammenfassen. Ihr Inhalt entsteht erst im Ohr des Zuhörers – bei jedem und zu jeder Zeit. So und nur so lässt sich erklären, was die Musik so besonders macht. Schostakowitsch, der in den 1920er Jahren Stummfilme begleitet hatte, sah sich eher als fleißigen Arbeiter. Und er litt, als er Ende der 1960er Jahre ALS, Herzprobleme und Lungenkrebs bekam – was ihn nicht dazu brachte, mit dem Rauchen aufzuhören.
Eine ganze Stunde hatte Irina Antonowna nach Dmitris Heiratsantrag Zeit, ihre Sachen aus der einen in die andere Ecke Moskaus zu bringen – da es ihr mit verspäteter Tram und überfüllter Metro statt Taxi nicht rechtzeitig gelang, fand sie den Enttäuschten mit einem Freund volltrunken in der Wohnung.
Auf dem Weg zum Festival mit seinem Freund „Slawa“ Mstislaw Rostropowitsch hatte dieser den Schlüssel für seinen Opel Kapitän (!) im Kofferraum gelassen, den beide mühelos aufbrechen, schließlich könne „ein Deutscher nie etwas herstellen, was ein Russe nicht zerstören“ könnte, so Schostakowitsch, der wie sein Freund schon wieder einmal reichlich Wodka inhaliert hatte.
Zur Erinnerung: der Cellist Mstislaw Rostropowitsch, 1976 aus der Sowjetunion ausgereist, spielte am 11. November 1989 am Checkpoint Charlie Bachs Cello-Suiten.
An Reisen in die DDR erinnert sich Irina Antonowna. Ja, auch die Frauen arbeiteten dort fleißig, aber sie „mussten den Pfennig 2mal umdrehen. Trotzdem lebten sie besser als wir“. Ein Trauma für den Sieger, zweifelsfrei.
Dabei hatte er, Schostakowitsch, es mit Auto, Datsche, den Kreml aus der Moskauer Wohnung in Sicht, Auslandsreisen und anderen Privilegien nicht unbedingt schlecht getroffen. Nein, im „Ganzen war er kein Verfolgter. Verfolgt oder nicht verfolgt – seine Musik wurde jedenfalls aufgeführt. Der Fall Schostakowitsch lag eben anders als der irgendwelcher vergriffener Schriftsteller“, erinnert sich Natalia Dmitrijewna Solschenizyna, Witwe des Systemkritikers, und von Elena Yakovich zu Lebzeiten ebenfalls interviewt.
„Er gab jenen Gefühlen und Gedanken Raum und Klang, die in der Gesellschaft nicht benannt wurden […] diese Gesellschaft […] ist lediglich im Stande zu murmeln […] ein Mann, der all dies […] durch leidenschaftliche, zärtliche und niederschmetternde Musik ausdrückte. Er war der musikalische Mund einer eingesperrten Gesellschaft.“
Yakovich kann auch auf die Aussagen von anderen Zeitgenossen, Wegbegleitern und Freunden verweisen, die sie zu deren Lebenszeiten bereits sammeln durfte, dazu setzt sie in ihrem Buch die Kurzform der Biografie des Komponisten – da sind 154 Seiten, noch dazu mit Bildern, nicht viel für die Lebensbeschreibung eines Großen der Musikgeschichte, zumal es für Vor- und Vatersnamen der Protagonisten schon viele Anschläge braucht, abgesehen davon, dass selbst dem russisch geübten Leser schwindelig wird bei den vielen Antonownas, Iwanowas und Alexandrownas, dazu die Kosenamen … Trotzdem hätte den Bildunterschriften die Jahreszahlen und eine akkurate Beschriftung der Protagonisten gutgetan. Aber man kann eben nicht alles haben, noch dazu auf 154 Seiten.
Wer wirklich interessiert an der Schostakowitsch-Biografie ist, sollte unbedingt die von Krzysztof Meyer über Dmitri Schostakowitsch von 1980 lesen, die allen wissenschaftlichen Kriterien gerecht wird.
Oder Julian Barnes, Der Lärm der Zeit, eine poetische, eher emotionale Aufbereitung eben dieser. Keine Biografie im eigentlichen Sinne, kein Hin- und Herblättern zwischen nach Kapiteln geordneten Anmerkungen. Man tut sich nicht schwer, und der Autor hat es offensichtlich auch nicht getan. Im Nachwort beschreibt er die Probleme, schon allein die Namen der Vernehmer im Großen Haus in Leningrad richtig zu benennen. Santschewski. Oder doch Sakrewski? Oder gar Sakowski?
„Für einen Biografen muss das ungemein frustrierend sein, aber einem Romanautor kommt es höchst gelegen.“ Er nimmt Situationen im Leben des genialen Musikers, angsterfüllte, problembeladene, wie diese: Schostakowitsch steht mit gepacktem Koffer vor dem Fahrstuhl seiner Wohnung in Moskau. Jede Nacht können die Schergen Stalins ihn abholen. Jener Stalin, der gerade im Frühjahr 1936 die Uraufführung der „Lady Macbeth von Mzensk“ in der Pause verlassen hat. Seine Loge war nach der Pause leer gewesen und niemand hatte zu klatschen gewagt. Die Kritiken einhellig schlecht. Das Ende seiner Karriere. Wenn nicht das Ende überhaupt. Er wollte nicht, dass Frau und Tochter Zeugen seiner Verhaftung werden, hatte sich jeden Abend von ihnen verabschiedet und war vor den Fahrstuhl getreten. Doch es passierte nichts. Außer dass sein gesamtes bisherige Leben vor ihm abläuft. Seine Kindheit und Jugend in Petersburg, Petrograd, später Leningrad. Seine Zerrissenheit schon damals, als begnadeter Musiker, halb hingerissener, halb zweifelnder Komponist und Bürger des ersten Arbeiter- und Bauernstaates.
Die Gedanken gehen zurück an die 5. Sinfonie, mit der er sich für die Entgleisungen der Lady quasi entschuldigt und mit „Antwort eines Künstlers auf eine berechtigte Kritik“ überschreibt. Nach Stalins Tod wird sie „Vom Werden der Persönlichkeit“ erzählen.
Eine andere Situation: Zitternd vor Flugangst auf dem Rückweg von New York, wo er an der „Waldorf-Konferenz“ Cultural and Scientific Conference for World Peace im März 1949 ins Hotel zurückkehrt. Beschämt vom Gedanken, auf der Konferenz den vom ZK der KPdSU befohlenen Beitrag mit obligaten Ausfällen gegen Strawinsky und andere abtrünnige Sowjetkünstler vorgetragen zu haben.
„Der Tod war besser als endloser Terror.“ Als sein Freund, der Leiter des Staatlichen Jüdischen Theaters Moskau von Stalin umgebracht wurde, sagte er „Ich beneide ihn“. Todesangst, fast Todessehnsucht begleitet ihn auch weiterhin: Im Taxi in Moskau 1960 wundert er sich, dass er Stalin überdauert hat, noch immer lebt. Wie 1936 ist das Jahr ein Schaltjahr, wieder rechnet er mit dem Schlimmsten. Auch wenn Chruschtschow mit dem Stalinismus aufgeräumt hat – das System ist dasselbe. Und auch er – Dmitri Schostakowitsch – ist derselbe. Ängstlich, zerrissen, aber auf seine Art angepasst. Nein, in den Westen will er nicht, wollte er nie. Obwohl seine Musik dort gemocht wurde. In die Partei ist er eingetreten, hat Musik geschrieben, die der einfache Arbeiter verstehen kann – und wenn nicht? Auch nicht so schlimm, sagt er. Kunst ist nicht Geschichte und nicht Politik. Sie ist „das Flüstern im Lärm der Zeit“. Er deutet Lenins „Die Kunst gehört dem Volke“ auf seine Weise. Amüsiert, ironisch, aber immer angsterfüllt.
Es ist eine Sicht auf den großen Musiker, die uns Barnes da anbietet. Es ist eine Möglichkeit, die sich mit vielem deckt, was man von Schostakowitsch kennt oder ahnt. Es könnte so, aber eben auch ganz anders gewesen sein. Ein Buch, das ich genossen und sehr schnell gelesen habe und das nur durch eines übertroffen wird: das Hören von Schostakowitschs Musik. Seiner Sinfonien – ab Nr. 5 hatte ich immer gesagt, bis ich an einem Mainachmittag 2017 die 1. wieder einmal hörte – geschrieben 1925, noch als begeisterter junger Mann, der die Oktoberrevolution bejaht und doch schon so genial und differenziert tiefe Emotionalität und enorme Dramatik zu einem Gesamtkunstwerk verbindet: Genial.
Elena Yakovich: Zu zweit – mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch. JARON/musik, Berlin 2025, 154 Seiten, 20,00 Euro.
Renate Parschau, Diplom-Musikwissenschaftlerin, Dramaturgin, Musikkritikerin und Publizistin, lebt in Wandlitz.
Schlagwörter: Dmitri Schostakowitsch, Elena Yakowich, Irina Antonowna Schostakowitsch, Musik, Renate Parschau, Stalin




