Die russische Aggression gegen die Ukraine ist weiter in vollem Gange. Auch die letzten in Abu Dhabi geführten Gespräche im Rahmen der von Donald Trump angestoßenen Verhandlungen fruchteten bislang nicht; leider!
Für die Ukraine wird der Krieg immer zerstörerischer; Russland zerbombt gezielt deren zivile Infrastruktur, namentlich die Energieversorgung. Jedoch auch für Russland wird der Krieg immer kostspieliger; nicht nur durch gezieltere Angriffe der Ukraine auf Russlands Ölindustrie. Die wohl wesentlich größeren Kriegskosten summieren sich systematisch – der Frontverlauf verschiebt sich minimal zugunsten Moskaus; bei gleichzeitig enormen Verlusten vor allem an Menschen. Das Land ächzt unter der Putin’schen Kriegswirtschaft. Amoralität und Zynismus wachsen in der russischen Gesellschaft.
Zusammenfassend kann man riskieren zu sagen, dass Wladimir Putin Vabanque spielt; der Einsatz ist das Land, dem er vorsteht. Russland führt diesen Krieg gegenwärtig so, dass ein rationales militärisches Kosten-Nutzen-Kalkül – so zynisch das klingt – seine steuernde Wirkung verloren hat. Ein nüchtern-pragmatisch denkender Staatenlenker trachtete danach, einen solchen Krieg rasch zu beenden; zumal wenn es in seiner Hand läge. Putin jedoch denkt in anderen Kategorien.
Die Irrationalität begann mit der als „Blitzkrieg“ geplanten „Spezialoperation“ – die scheiterte. Zu lesen ist, das Putin sich vom Judo, das er selbst betreibt, inspirieren ließ: Schnelle Offensive und den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen. Der Angriffsplan gründete, so erkennbar, auf drei Annahmen: rascher militärischer Vorstoß bei minimalen eigenen Verlusten und schneller militärischer Zusammenbruch der Ukraine, Flucht oder Kapitulation ihrer politischen Führung bei begrenzter internationaler Reaktion. Es war zu hören, dass Soldaten des zahlenmäßig relativ kleinen „Expeditionskorps“ (etwa 175.000 bis 190.000 Mann) Paradeuniformen mit sich führten.
Das Scheitern dieses Vorhabens war für Putin nicht nur eine militärische Niederlage, sondern eine ideologische Demütigung und strategisches Desaster: Die Ukraine erwies sich trotz aller internen Probleme wie Korruption – unter der notabene auch Russland massiv leidet – als handlungs- und verteidigungsfähiger Staat und formierte sich, statt zu zerfallen, zunehmend als Nation. Der Westen unterstützte die Ukraine; die NATO erweiterte sich um Finnland und Schweden.
Es wird oft behauptet, die russische Aggression habe eine Vorgeschichte. Ja natürlich – jedweder Anfang ist nicht voraussetzungslos, hat eine Vorgeschichte. Jedoch konstituiert dieser Kriegsbeginn einen eigenen Anfangsstatus, der nicht mehr bloße Folge ist. Der historische Vorlauf erklärt den Konflikt, er sagt jedoch nichts aus über die völkerrechtliche Qualifikation des russischen Angriffskrieges als eigenständige Rechtsverletzung: Als da wären die Staatenverantwortlichkeit Russlands, mögliche individuelle strafrechtliche Verantwortlichkeiten und natürlich das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine.
Aus rein militärischer Perspektive ist, wie gesagt, das aktuelle russische Vorgehen zunehmend irrationaler – Verschleiß der eigenen Streitkräfte durch extrem hohe Verluste für geringe operative Durchbrüche. Aus Putins Perspektive scheint die Fortführung des Krieges um diesen Preis trotzdem gerechtfertigt; er „verschob“ zumindest bislang sein Kriegsziel von „Sieg“ zum „Nicht-Verlieren“. Einen „Siegfrieden“ akzeptierte er natürlich.
Der fortlaufende hohe Aderlass an jungen, arbeitsfähigen Männern – Gefallene, Versehrte, Traumatisierte, offizielle Zahlen gibt es nicht – summieren sich je nach Quelle von über 160.000 namentlich bestätigter Todesfälle bis hin zu der vom britischen Geheimdienst Ende 2025 genannten Zahl von 1.168.000 Toten und Verwundeten; auch das Washingtoner Institut CSIS spricht von 1,2 Millionen. Andere Analysen gehen von etwa 220.000 bis über 300.000 getöteter russischer Soldaten aus.
Hinzu kommt, dass seit 2022 ebenfalls mehrere hunderttausend, überwiegend junge, gut ausgebildete Menschen Russland dauerhaft verließen; Mitte 2024 sollen es mindestens 650.000 gewesen sein. Andere Schätzungen liegen höher.
Alle diese relativ jungen Männer und auch Frauen zählen zu den demografisch und ökonomisch produktivsten Alterskohorten. Bereits vor dem Krieg hatte Russland erhebliche strukturelle demografische Defizite – eine alternde Gesellschaft mit niedriger Fertilität. Laut einer Berechnung des Atlantic Council könnte sich die Bevölkerung Russlands bis zum Ende des Jahrhunderts halbieren.
Das einschneidende Ereignis für die russische Ökonomie war ihre Umstellung auf die Kriegswirtschaft. Schon 2023 fehlten laut einheimischer Quellen etwa 4,8 Millionen Arbeitskräfte. Großzügige Zahlungen an Kriegsfreiwillige lösten dazu noch eine Lohnspirale aus. Angelockt durch Gehälter von bis zu 150.000 Rubel monatlich – fast das Doppelte des nationalen Medianeinkommens – arbeiten mittlerweile etwa 3,8 Millionen Menschen im Rüstungssektor, was rund fünf Prozent der Arbeitskräfte entspricht (für Deutschland liegt der Satz bei etwa 0,85 Prozent).
Die russischen Militärausgaben sind seit dem Vorkriegsjahr 2021 um fast 300 Prozent gestiegen – von 3,6 Billionen Rubel (etwa 38 bis 40 Milliarden Euro) auf 13,5 Billionen Rubel (145 Milliarden Euro) für das Jahr 2025. Doch trotz dieses massiven Mitteleinsatzes verliert die Rüstungsproduktion an Dynamik. Der Wirtschaft macht mittelfristig die Inflation – 2025 bei etwa 10 Prozent – zu schaffen, was höhere Leitzinsen (15 Prozent) zur deren Eindämmung verursachte. Diese trafen auf eine bereits geschwächte Wirtschaft, die dringend auf Investitionen und Liquidität angewiesen ist.
Russland verlor innerhalb von fünf Jahren über 1,4 Millionen mittelständige Unternehmen (KMU), was etwa 42 Prozent der Firmenlandschaft entspricht. Dieser Verlust erklärt sich durch deutlich weniger Neugründungen und vermehrte Schließungen bestehender Unternehmen. Auch wenn der Krieg bald vorbei wäre, wäre es bei einer Rückkehr zur Friedenswirtschaft nicht ausgeschlossen, dass Russland in eine tiefe Rezession stürzte, die das Land (weiter) destabilisierte.
Ein Waffenstillstand, gar ein Kriegsende ohne klare Erfolge wären für Putin persönlich riskant: Der zu Beginn des Krieges herrschende „Elitenzweifel“ – „leider ist Russland […] in den Pranken von Arschlöchern gelandet, die sich zu irgendwelchen seltsamen Narrativen aus dem 19. Jahrhundert bekennen“ – könnte wieder virulent werden, es könnte zu militärisch motivierten Schuldzuweisungen kommen und Putins Mythos der Unfehlbarkeit wäre infrage gestellt. Autoritäre Systeme verzeihen Niederlagen schlechter als Verluste. Hohe Opferzahlen sind tragbar, ein sichtbares Scheitern nicht.
Es verwundert so nicht, dass Putin bislang selbst die „vorteilhaften“ Trump’schen Angebote ausschlug, die bekanntlich ursprünglich nur zwischen den USA und Russland unter Umgehung der Ukraine und Europas verhandelt wurden. Putin rückte bislang nicht einen Deut von seinen Maximalforderungen ab, obwohl Trump ihm Zugeständnisse machte. Auf die Frage, welche Zugeständnisse Moskau denn in den Verhandlungen mache, sagte Trump beispielsweise im April 2025: „Den Krieg zu beenden und nicht das ganze Land einzunehmen? Ein ziemlich großes Zugeständnis“.
Putins Ablehnung solcher Angebote lässt sich erklären: Putin hat sich in eine selbstverantwortete „narrative Gefangenschaft“ begeben, indem er behauptet, sein Land befinde sich im „Existenzkampf gegen den Westen“ und sei auf einer „historischen Mission“. Auch die „Entnazifizierung“ der Ukraine spielt weiterhin in Putins Argumentation eine Rolle. Jedweder Kompromiss dagegen implizierte, dass die Existenz der Ukraine legitim wäre, ihre Staatlichkeit rechtes und hunderttausende russischen Opfer „umsonst“ gewesen wären. Russland also gescheitert wäre.
Die eben erwähnte potentielle Legitimität der Ukraine ist der Grund, dass Moskau Kontakte mit der Ukraine meist über die USA pflegt und betont, dass dies nicht automatisch echte direkte Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bedeute. Diese ist immer noch das abtrünnige Land, das „bestraft“ werden müsse. Das macht dann auch die schon erwähnten gezielten Angriffe auf die zivile Infrastruktur plausibel, die neben unvorstellbaren Leid vor allem politische Botschaften senden sollen. Zusätzlich zu denen, die nach Putin besagen, die Ukraine sei „historisches Russland“ und „keine echte Nation“.
Russland kann diesen zerstörerischen, ressentimentgetriebenen Abnutzungskrieg noch länger führen; dessen Kosten akkumulieren sich jedoch stetig. Mittel- und langfristig schmälern sie die Zukunft des russischen Volkes. Selbst wenn dieses Drama bald endete, hat Russland schon jetzt irreversible Schäden davongetragen. Und natürlich – es bleibt Atommacht.
Schlagwörter: Donald Trump, Rusland, Stephan Wohanka, Ukraine, Wladimir Putin




