Der Historiker und Volkskundler Alfred Haas befasste sich in den Sonntagsbeilagen der Stralsundischen Zeitung vom 10. und 17. Juli 1898 mit der „Reiselitteratur über Rügen“. Als erstes nennt er Thomas Kantzow, der im dritten und vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts auf Rügen gewesen sein muss und in dessen Geschichtswerk sich ein Kapitel „Von Gelegenheit des Landes Rügen“ findet.
Erste Anfänge einer „wirklichen“ Reisebeschreibung Rügens macht Haas jedoch erst im 1703 in Stralsund erschienenen „Schwedischen und Teutschen Wege-Weiser“ von Daniel Joachim Vatky aus. In ihm werden die Postrouten von Schweden und Pommern ausführlich beschrieben. Zwar wird Rügen zunächst nur im Zusammenhang mit der 1685 eingerichteten Postverbindung zwischen Ystadt und dem Wittower Posthaus erwähnt, später aber auch wegen der „Situation der wohlgebauten adligen Häuser und Schlösser und des fruchtbaren Kornbodens“. Einzelheiten nennt der in den Adelsstand erhobene Königlich schwedische Postmeister freilich nur „kümmerlich“, so wird Stubbenkammer überhaupt nicht erwähnt.
Höchste Anerkennung verdienten laut Haas erst die 1797 veröffentlichten Reiseerlebnisse des Berliner Königlich Preußischen Oberkonsistorialrats und Propstes Johann Friedrich Zöllner („Reise durch Pommern nach der Insel Rügen“). Da dieser nach eigenen Worten „vornehmlich die Absicht hatte, ein Buch zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung zu liefern“, habe er es in der ursprünglichen Briefform an seine Frau belassen. Den ersten, am 21. Juli 1795 verfassten Brief, beginnt er mit den Worten: „Es giebt in der That keine bessere Cur, als eine Reise!“
Ebenfalls 1797 erschien die „Ausflucht nach der Insel Rügen durch Mecklenburg und Pommern …“ des Musikverlegers Johann Carl Friedrich Rellstab. An deren Schluss findet sich eine Beschreibung des Sagarder Gesundbrunnens, der 1794 durch die Willich-Brüder errichtet worden war und einen erheblichen Andrang zahlungskräftiger Reisender zur Folge hatte. Johann Jacob Grümbke kritisierte später eine gewisse Oberflächlichkeit Rellstabs, denn „der Mann hat Rügen gleichsam nur im Durchfluge gesehen“, sein Urteil sei „einseitig, oft unwahr, und … viele seiner Angaben und Ansichten unzulänglich“.
1800 wurden Karl Nernsts „Wanderungen durch Rügen“ veröffentlicht. Die Beschreibung seiner achttägigen Rügenreise gilt in der Literatur als der erste ausschließlich Rügen behandelnde gedruckte Reisebericht und fand ein breites Echo. Haas hebt vor allem die Schilderung der Hochzeitsbräuche auf Wittow und die Beschreibung des Mönchgutes hervor.
Zwei Standardwerke über Rügen schuf Johann Jacob Grümbke: Zum einen die „Streifzüge durch das Rügenland“, 1805 unter dem Pseudonym „Indigena“ („der Einheimische“) herausgegeben und lange Zeit das umfassendste und fundierteste Rügen-Buch. Zum anderen „Neue und genaue geographisch-statistisch-historische Darstellungen von der Insel und dem Fürstenthume Rügen“, 1819 in zwei Bänden erschienen – nicht mehr nur Reisebeschreibung, sondern ein mit vielen Fakten angereichertes Sachbuch.
Der 1836 ohne Verfasserangabe herausgegebene kleine Reiseführer „Die Insel Rügen. Ein Taschenbuch für Reisende“ wird teilweise ebenfalls Grümbke zugewiesen. Auf 149 Seiten sind Reiserouten, Entfernungsangaben und ein Verzeichnis von Ortschaften und Sehenswürdigkeiten enthalten (Haas erwähnt nur die zweite, 1844 herausgegebene Ausgabe). Bereits 1818 veröffentlichte der pommersche Dichter Karl Lappe seine „Mitgabe nach Rügen, den Reisenden zur Begleitung und Erinnerung“. Sie enthält nicht nur eine der üblichen Reisebeschreibungen, sondern verschiedene geschichtliche und literarische Nachweise, die Haas „noch jetzt von Werth“ fand. Während Alfred Haas weitere kleinere Reisebeschreibungen als „kaum etwas mehr als Gelegenheitsschriften“ oder – wie die „Beschreibung meiner Lustreise durch Rügen“ von Marianne von Montenglaut (1824?) – als „sehr übertrieben und abgeschmackt“ charakterisiert, hebt er das Werk von „R.-Sr“ als weit besser und gediegener hervor. Dahinter verbarg sich „Der Reisegesellschafter durch Rügen“, 1823 von Carl Balthasar Schneider veröffentlicht. Er war mit einer Musikbeilage und gegen Aufpreis mit einer „Charte“ erhältlich. Schneider beschreibt den beginnenden Badebetrieb auf Rügen und die Entwicklung von Binz und Göhren als Badeorte. Zugleich kritisiert er, dass große Badeorte „die ganze Unruhe der Großstadt mit ihrem Luxus und ihrer Vergnügungssucht in die freie Natur und auf das bis dahin noch unberührte Land hinaustragen“ würden. Damit würden sie „das Übel, das sie ursprünglich bekämpfen wollten, nur an andere Stelle verpflanzen.“
Die Sonntagsbeilage der Stralsundischen Zeitung vom 17. Juli 1898 beginnt mit dem Hinweis auf Gustav Heinrich Wilhelm Raschs „Ein Ausflug nach Rügen. Natur, Bewohner und Geschichte der Insel“. Haas bescheinigt dem Schriftsteller „manches Neue in anmuthiger Darstellung“, insbesondere die erstmalige Berücksichtigung der rügenschen Volkssage. Ähnliche Wertschätzung erfährt „Die Insel Rügen. Reiseerinnerungen“ des Historikers und Naturforschers Ernst Friedrich August Boll. Das 1858 erschienene Werk sei das erste nach Grümbke, welches auf „völlige Selbständigkeit“ Anspruch erheben dürfe.
Waren die bisherigen Reisebeschreibungen meist Einzelexemplare, die allenfalls weitgehend identische Nachauflagen erfuhren, kam nun die Zeit der im Extremfall jährlich überarbeiteten Neuauflagen. Haas nennt die zu seiner Zeit meist benutzten und verbreiteten derartigen Reiseführer. Unter anderem den von Edwin Müller – Pseudonym von Karl Napoleon Hottenroth. Zunächst erschien von ihm „Rügen in der Brusttasche“ (1850 bis 1869), später „Die Insel Rügen mit Berücksichtigung der benachbarten Städte des Festlandes Greifswald und Stralsund“, laut Haas textlich am reichhaltigsten (17. Auflage 1900, Nachträge bis 1903). Im Müller von 1897 findet sich der amüsante Vermerk, ein Hotelbesitzer habe den Verleger mit einer Schadenersatzklage von 10.000 Mark gedroht. Grund: Sein Etablissement sei „mit dem deutschen Namen Gasthof anstatt Hotel bezeichnet und in nicht in erster Reihe aufgeführt“, wozu „gar keine Veranlassung vorlag“. Weiterhin nennt Haas die Nummer 65 von Griebens Reisebüchern („Die Insel Rügen. Praktischer Führer nach und auf der Insel“, erstmals 1868, letzte Auflage 1938).
1887 erschien in erster Auflage der Reiseführer von Hans Dunker, dessen neunte Auflage (1907-1908) von Erich Fack bearbeitet und nun in dessen Verlag herausgegeben wurde. Die 10. Auflage des Fack (1910-1911) ist unter den mir vorliegenden Reiseführern die einzige mit zusammenfassendem „Verzeichnis der Aerzte und Apotheken einiger Ortschaften Rügens“ und der farbigen Orientierungstafeln zwischen Sassnitz und Stubbenkammer. Zugleich ist sie auch eine der wenigen, die zwar die wichtigsten rügenschen Gasthöfe und Hotels aufführt, aber nur für Lohme und Göhren Pensionspreise nennt. Ausführlicher war der geschäftstüchtige Fack dagegen bei der Werbung für seine Verlagsbuchhandlung, weitere von ihm verlegte Bücher, Reiseandenken aller Art, Ansichtspostkarten „in etwa 400 Mustern“, Schreibmaterialien, rügensche Ausgrabungen, „Seehund- und Bijouterie-Artikel“. Gedichte eines Familienmitgliedes und seine Leihbibliothek, angeblich die einzige auf Rügen, fanden ebenfalls mehrfache Erwähnung.
Haas verweist weiterhin auf den 1888 erschienenen Reiseführer des Kartographen im Königlichen Generalstab, Gustav Müller, und die erstmals 1891 veröffentlichten Reisehandbücher des katholischen Verlegers Leo Woerl. Letztere kritisierte Haas als „voller Druckfehler und Missverständnisse“. Auch der antisemitische Pfarrer Kamshoff ließ später (1908) kein gutes Wort am zeitgenössischen Woerl: So fehle jede Angabe über katholische Gottesdienste, obwohl in Bergen eine katholische Kirche bestehe. Unter den Reiseführern, die Haas 1898 nicht erwähnte/nicht erwähnen konnte findet sich ein Kuriosum: Der wohl kleinformatigste historische Rügen-Reiseführer, die Nummer 1128 (später 1128-1128a) der Reihe „Miniatur-Bibliothek“. Das Bändchen aus dem Verlag für Kunst und Wissenschaft Albert Otto Paul wurde „preisgekrönt auf der Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik Leipzig 1914“. Innerhalb der 56 Seiten im Format 12 mal 8 cm beginnt die Beschreibung von Sehenswürdigkeiten und empfohlenen Ausflügen auf Rügen erst auf Seite 33. Zieht man die Seiten mit den Beschreibungen von Stralsund und Hiddensee ab, mussten 16 Seiten für Reisewege und -ziele auf Rügen genügen.
Schlagwörter: Dieter Naumann, historische Reiseführer, Rügen




