29. Jahrgang | Nummer 3 | 9. Februar 2026

„You say yes I say no“

von Jutta Grieser

Sie haben halt so ihre Marotten. Holger Friedrich verzichtet auch bei Minusgraden auf Socken, Jakob Augstein dreht fortgesetzt an seinem schweren, mit blitzenden Steinen besetzten Goldring an der Linken oder am Kugelschreiber, er rudert mit den Armen, knautscht und verknotet sich auf seinem Stühlchen. Auch sonst kommen die beiden Verleger nicht aus ihrer Haut. Der vom Berliner Verlag, auf dessen Initiative dieses Gespräch zustande kam, scheint unverändert an die Mär zu glauben, jeder ostdeutsche Tellerwäscher könne es zum Millionär bringen, wenn man es zuließe. Als Beweis, dass dies gehe, nennt er den Eigentümer der Berliner Zeitung. Und der Verleger des Freitag und Miteigentümer des Spiegels – er vertritt namens der Familie etwa ein Viertel der Anteile des von Rudolf A. gegründeten Hamburger Nachrichtenmagazins – bleibt der eloquente, smarte Wessi, der am Ende das zweistündige Gespräch nicht nur dominiert, sondern als Gast auch die Führung desselben übernimmt. In der finalen Runde im Theater Ost in Adlershof erteilt er Fragestellern das Wort und entzieht es ihnen auch rigoros, wenn ihm die Ausführungen zu lang erscheinen. Als habe es der 58-Jährige eilig, um zu seinem dreieinhalbjährigen Kind nach Kladow zu kommen. Oder zu seinem Känguru, dessen Verschwinden im Oktober letzten Jahres die halbe Republik beschäftigte.
Geschenkt. Berichtet werden soll vom Auftakt einer Gesprächsreihe, die am 2. März fortgesetzt werden wird: Dann kommt Mathias Döpfner, der gemeinsam mit Springers Witwe 95 Prozent des gleichnamigen Verlages hält. Sie wissen schon: Das ist der mit dem Befund, „die Ossis sind entweder Kommunisten oder Faschisten“. Wie man hört, ist auch diese Veranstaltung bereits ausverkauft. Das aber nur nebenbei.
Die Chefin des Hauses, Kathrin Schülein, brachte bei der Begrüßung ihre Dankbarkeit wie ihre Verwunderung zum Ausdruck. Bekanntlich schwebt über dem Theater das Damoklesschwert der Räumung. Im November fand darum eine Rettungskonferenz mit Prominenten statt, worüber ein gemeinsam vom Theater Ost, dem Verlag edition ost und der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung herausgegebener Reader mit allen Reden Mitteilung macht. Seither nimmt der Zuspruch zu, kaum eine Veranstaltung, die nicht krachend voll ist. Es liegt gewiss nicht nur an den exklusiven Gästen, aber eben auch. Das Programm ist erstaunlich, was die drei Dutzend Theaterleute – ehrenamtlich Tätige zumeist und damit Selbstausbeuter – auf die drei unterschiedlich großen Bühnen stellen. Es ist zählbar, was eine auf wechselseitiger Zuneigung und nicht nur auf Kommerz gründende Medienpartnerschaft bewegen kann.
In der Euphorie des neuerlichen Aufbruchs erfolgt nun also der Start der Gesprächsreihe „Perspektivwechsel“.
Der lebhafte Dialog der beiden Verleger offenbart nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch tatsächliche Unterschiede in der Beurteilung verschiedener Sachverhalte und Personen. „Da bin ich nicht Ihrer Meinung“, widerspricht wiederholt Jakob Augstein, was gemeinhin bei solchen Bühnen-Talkshows unüblich ist. Die schöpfen ihre Langeweile aus der Übereinstimmung der Positionen der Protagonisten. Auf der Adlershofer Bühne werden die Meinungsverschiedenheiten explizit ausgesprochen. Dabei ist es unerheblich, ob Augsteins Neigung zur Provokation und Friedrichs Bekenntnis zu seiner Herkunft die Lunten liefern. Beides bietet den belebenden Knall, sorgt für die mit Beifall oder mit Lachen quittierten Pointen. Und allein das zählt. Unterhaltung und Erkenntnisgewinn halten sich jedenfalls die Waage.
Das Gespräch kreist um Welt- und Innenpolitik, um die deutsch-deutsche Vergangenheit und landet dann doch beim Kerngeschäft der beiden: beim Journalismus. Augstein, obgleich publizistisch unterwegs, möchte nicht mehr „Journalist“ genannt werden. Nicht weil sich jeder so nennen dürfe, da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist, sondern weil die meisten Schreibtischtäter letztlich Propagandisten der Regierungspolitik seien oder an Selbstüberschätzung litten. „Auch Julian Reichelt nenne sich Journalist.“ Da wolle er nicht mittun. Man müsse kritisch beschreiben und beurteilen, was ist, und nicht so tun, als sei man der bessere Politiker.
Friedrich möchte sich auch nicht gemein machen mit den Herrschenden, teilt aber Augsteins Rückzug aufs Kontemplative nicht: Er glaubt an die Wirkung des Widerspruchs, an Veränderungen durch das kritische Wort, an die Macht der gewaltfreien Gegenöffentlichkeit. Die Ostdeutschen hätten es im Herbst 89 bewiesen, sagt er, und fordert mal wieder den Friedensnobelpreis für diese Ethnie.
Zu spät, sagt Augstein nur und verzichtet auf einen Witz auf Washingtons Kosten. Stattdessen wünscht er Friedrich Erfolg bei seinen publizistischen Intentionen und Unternehmungen. Das scheint Rhetorik. Denn Augstein ist skeptisch und stellt dem Wunsch ein „sehr, sehr“ voran. Sein Zweifel gilt nicht nur der Zukunft von Zeitungen, sondern auch der Welt. Lasst alle Hoffnung fahren. Der Mensch sei auf Krieg programmiert, das lege in unserer Natur. „Ich glaube nicht, dass alle Menschen Frieden wollen“, sagt er. „Wenn Sie den Leuten die Möglichkeit nehmen, Kriege zu führen, nehmen Sie denen echt was weg.“ Menschen brauchten immer einen Gegner.
Das ist natürlich Unsinn. Nicht die genetische Veranlagung veranlasst die Völker, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, sondern bestimmte Interessen verschiedener Kräftegruppierungen. Nee, antwortet darum Friedrich, greift aber den Rivalitätsgedanken auf. In der Wirtschaft, im Sport, überall wo Wettbewerb herrsche, gebe es Regeln. Auch Staaten stünden im Wettbewerb. Augstein darauf: „Sie haben mich nicht verstanden: Ganz viele Leute wollen Krieg, und solange es zwischen den Nationen keine unabhängigen Schiedsrichter gibt, werden sie sich bekriegen. Es gibt keine Weltpolizei, die den Amerikaner verbiet, den Iran zu bombardieren. Und wenn die Deutschen nicht wollen, dass die Amerikaner Grönland erobern, schicken sie 13 Soldaten für anderthalb Tage dorthin. Das ist die Realität.“ Er sei als Publizist und Verleger nicht dazu da, jemandem zu sagen, wie er die Realität verändern solle – „mir reicht es schon, wenn ich die Realität beschreibe“.
Da blitzen nicht nur im Saal, sondern auch auf der Bühne Rudimente marxistischen Denkens auf. „Wer Waffen produziert, in Umlauf bringt und benutzt, ist per se geächtet“, sagt Friedrich, womit er auf die Falschmünzerei der Rüstungslobbyisten und deren Werkzeuge verweist.
„Ich verstehe Sie überhaupt nicht“, antwortet Augstein. Es gebe keine Weltgemeinschaft und keine Exekutive, die das durchsetzen könne. Zaghafter Widerspruch Friedrichs: Wäre das nicht Thema für eine Diskussion, die auf der außenpolitischen Ebene geführt werden müsste? Deutschland könne doch damit beginnen.
Nö, sagt Augstein, Deutschland sei nur eine Mittelmacht und habe da nichts mitzureden. „Man kann sich über Herrn Merz lustig machen, wie er da so rumeiert.“ Trump kann er nicht in den Arm fallen, und er glaubt, dass Putin ihn überfallen werde. Er sei ein „kleiner deutscher Wutz“, der zwischen beiden lavieren müsse. „Dabei können wir ihm zugucken. Kein schöner Anblick.“ Und dabei lacht er.
Friedrich: „Ich finde das überhaupt nicht lustig.“ Nach seiner Kenntnis habe Merz weder die Sowjetunion noch Russland jemals besucht. Da käme man halt auf solche Wahnvorstellungen, solche Phobien.
So geht es denn hin und her, es mäandert dahin wie der Amazonas in Brasiliens Urwald. Nur selten greift Friedrich zu dem Dutzend beschriebener Blätter, die vor ihm auf dem Tisch liegen, um ein Zitat oder eine Frage aufzurufen. Er hat sich auf dieses Gespräch vorbereitet. Aber am Ende ist es auch nichts anderes als eines der vielen Palaver, die es als Podcast, im Internet, als Talkshow im Fernsehen, im Stream aus der Stube oder aus dem Auto gibt …
Der Bundespräsident, der Kanzler und selbst der Regierende, in dessen Stadt Friedrichs Blätter erscheinen, verweigern der Berliner Zeitung Interviews. Allein das, meine ich, begründet eine solche Gesprächsreihe. Und erklärt die lange Schlange der in der Kälte Wartenden, die Einlass begehrten, um dem „Perspektivwechsel“ beizuwohnen. Da schaut man doch gern und nachsichtig durch seine frostklammen ostdeutschen Finger.