29. Jahrgang | Nummer 2 | 26. Januar 2026

Zwei Maler im Teufelsmoor

von Mathias Iven

Schon der 11-jährige Otto Modersohn hielt in seinen „Malbüchern“ alles fest, was er bei seinen Streifzügen durch die Natur beobachtete. Als viertes von fünf Kindern wurde er 1865 in Soest geboren, ab 1874 lebte die Familie in Münster. Zeitschriften wie die Gartenlaube und Daheim sorgten für die geistige Anregung des zukünftigen Malers. Vor allem die darin abgebildeten Stiche und Zeichnungen von Gemälden großer Meister sowie die zahlreichen Artikel über Kunst interessierten ihn.

Kurz nach seinem 19. Geburtstag erfüllte sich sein langgehegter Wunsch. In seinem Tagebuch hielt er fest: „Am Sonnabend den 3. Mai 84 nahm ich von meinen Angehörigen Abschied, um in Düsseldorf die ungewisse, aber von mir mit Sehnsucht erwartete Laufbahn als Maler anzutreten.“ Das Studium an der Kunstakademie fordert ihn. Doch was das Umfeld betrifft, so entspricht Düsseldorf ganz und gar nicht seinem Geschmack. Modersohn ist kein Stadtmensch und schon bald vermisst er die Weltabgeschiedenheit seiner westfälischen Heimat.

Neben Pinsel und Staffelei wird sein Tagebuch für ihn zum „Arbeitsinstrument“. In knappen Sentenzen, aber auch in Form ausführlicher Bekenntnisse theoretisiert er darin über Fragen der Kunst. Bald schon ist klar, welche Richtung er einschlagen wird. So schreibt er am 17. Dezember 1888: „Je mächtiger, gewaltiger das Bild, das Gefühl d. Natur, die zu Herzen gehende Stimmung widerspiegelt, um so besser. […] Das Gefühl, womit mich die Natur oft so überreich anfüllt, sollen meine Bilder ausstrahlen.“ Und am ersten Tag des neuen Jahres setzt sich Modersohn das Ziel: „Ich will ein Stimmungslandschafter von naturalistischer Kraft und Tiefe werden.“

Im Juli 1889 folgt Otto Modersohn der Aufforderung seines Studienkollegen Fritz Mackensen, den Sommer zusammen mit ihm im nordöstlich von Bremen gelegenen Worpswede zu verbringen. Mackensen, der sich bereits fünf Jahre zuvor das erste Mal im Teufelsmoor aufgehalten hatte, lädt zudem den in München und Karlsruhe ausgebildeten Hans am Ende ein, den er seit der gemeinsam absolvierten Militärzeit kennt. Zwar kündigt Modersohn seinen Eltern Ende August brieflich seinen baldigen Abschied von Worpswede und seine Rückkehr nach Düsseldorf an – doch dazu sollte es nicht kommen.

„Es ist nur ein Ort, wo mehr zufällig eine Reihe Maler zusammenkommen.“ So urteilte Modersohn im Februar 1895. Wie sich die „Künstlerkolonie“ Worpswede entwickelte, wie sich die Beziehungen der Maler mit dem Zuzug von Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler gestalteten und wie schließlich das Leben von Otto Modersohn bis zu seinem Tod im März 1943 weiterging, das alles schildert Marina Bohlmann-Modersohn in ihrer äußerst einfühlsamen, aus zahlreichen, bisher unveröffentlichten Quellen schöpfenden Biographie.

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April 1895. In der Kunsthalle Bremen fand die erste Ausstellung mit Bildern der Worpsweder Maler statt. Unter den Besuchern die in Dresden geborene Paula Becker. Sie ist überwältigt von den Motiven und den Farben. Vor allem die Werke von Otto Modersohn haben es ihr angetan: „Der hat die verschiedenen Stimmungen in der Heide so schön geschildert, sein Wasser ist so durchsichtig, und die Farben so eigenartig.“

Im Sommer 1897 macht sich Paula Becker gemeinsam mit ihrer Freundin Paula Ritter auf den Weg ins Teufelsmoor. Eine Unterkunft finden sie im heute nicht mehr existenten Haus von Bäcker Martin Siem. Ihrem Tagebuch vertraut sie an: „Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene-Glocke-Stimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphalt-schwarz. Die Hamme mit ihren dunkeln Segeln, es ist ein Wunderland, ein Götterland.“

Nach Beendigung ihrer Studienzeit in der Malschule des „Vereins der Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ zieht es sie im Jahr darauf erneut nach Worpswede – doch ihr eigentliches Ziel ist ein anderes. In einem am 7. September 1898 geschriebenen Brief an ihre Tante Cora von Bültzingslöwen heißt es: „Ich genieße mein Leben mit jedem Atemzug und in der Ferne glüht, leuchtet Paris. Ich glaube wirklich, daß mein stillster, sehnlichster Wunsch sich verwirklichen wird.“

Doch zunächst nimmt Paula Unterricht bei Fritz Mackensen, zu dessen Schülerinnen Marie Bock, Ottilie Reylaender, Hedwig Woermann und Rainer Maria Rilkes spätere Ehefrau Clara Westhoff zählen. Letztere erinnerte sich Jahre später an Paulas Ankunft: „Da trat einmal ein Mensch zu uns herein, dessen Bild sich auf eine besondere Art einprägte. War es die Haltung, die entschlossener schien als die anderer Menschen, der kluge braune Blick, der einen fühlen machte: Halt, hier ist jemand, paß auf?“

Endlich, im Januar 1900, reist Paula Becker nach Paris. Als sie ein halbes Jahr darauf zurückkehrt, mietet sie sich auf dem Hof des Kleinbauern Hermann Brünjes im Worpsweder Ortsteil Ostendorf ein …

Kein Ort ist derart mit dieser Ausnahmekünstlerin verbunden wie Worpswede. Pünktlich zu ihrem 150. Geburtstag am 8. Februar 2026 legt Jürgen Teumer seinen vollständig überarbeiteten und aktualisierten Band „Auf Paulas Spuren“ vor. Bereits vor Jahren hat sich Teumer auf Spurensuche begeben. Er hat ihre Wohnungen und Ateliers ebenso aufgesucht wie die Orte der Modellsuche: das damalige Armenhaus in der Bergstraße oder die Dörfer rund um Worpswede, zu Paulas Zeiten die Wohngegenden von Menschen am Rande der Gesellschaft. Vieles wurde überbaut oder steht nicht mehr. Von Teumer ausgewählte Gemälde und alte Fotografien lassen die damalige Zeit dennoch lebendig werden, eine Karte dient als zusätzliche Orientierungshilfe.

„Zehn Jahre lang, von 1897 bis zu ihrem frühen Tod 1907, gaben ihr das Dorf am Weyerberg und seine Landschaft, vor allem aber seine Menschen wesentliche Impulse.“ Paula Becker fand dort, so schreibt Teumer in seinem Vorwort weiter, „ein Umfeld, das ihrer Sehnsucht nach Leben und Lebendigkeit ebenso entsprach wie dem Wunsch nach Zurückgezogenheit und Muße“.

Am 25. Mai 1901, nur wenige Monate nach dem Tod von dessen erster Frau, heiratete Paula Becker Otto Modersohn. Nach ihrer Hochzeit lebte sie gemeinsam mit ihm und seiner dreijährigen Tochter Elsbeth in dem von Otto vier Jahre zuvor erworbenen Haus in der Hembergstraße, das seit 1997 das Modersohn-Museum beherbergt. Doch das durchaus spannungsreiche Familienglück währte nicht sehr lang. Kurz nach der Geburt der Tochter Mathilde starb Paula Modersohn-Becker am 20. November 1907 mit nur 31 Jahren an einer Embolie.

Familie und enge Freunde sahen sich nach dem Tod der Malerin mit einem Nachlass konfrontiert, der sie in seiner künstlerischen Fülle überwältigte und in seinem Umfang überraschte. „Man kann nur ahnen“, meinte Otto Modersohn, „was sie der Welt noch geschenkt hätte.“ Zwanzig Jahre nach ihrem Tod öffnete das „Paula-Becker-Modersohn-Haus“ in der Bremer Böttcherstraße seine Pforten. Das heutige Paula-Modersohn-Becker-Museum war 1927 das erste Museum weltweit, das ausschließlich dem Werk einer Malerin gewidmet wurde.

Fazit: Im Doppelpack sind die beiden Bücher ideal für all diejenigen, die sich für das Werk von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker begeistern und die Originalschauplätze ihres Lebens und ihrer Kunst – ob in Worpswede, Fischerhude oder Bremen – kennenlernen möchten.

Marina Bohlmann-Modersohn: Otto Modersohn. sehen – fühlen – machen. Die Biografie. Otto-Modersohn-Museum, Fischerhude / Hirmer Verlag, München 2025, 240 Seiten, 29,90 Euro.
Jürgen Teumer: Auf Paulas Spuren. Paula Modersohn Becker in Worpswede 1897–1907. Schünemann Verlag, Bremen 2025, 116 Seiten, 15,00 Euro.