29. Jahrgang | Nummer 2 | 26. Januar 2026

Angst durch Überforderung – eine Zeitdiagnose

von Dieter Segert

Der Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb hat einen Vergleich zweier Phasen der Weltgeschichte unternommen – der Zeit vor 1914 und der Periode ab 1989. Wenn man seine ausgangs geäußerten Sorgen in einem Satz fassen sollte, dann hieße der: Damals wie heute leben wir in Vorkriegszeiten.

Die Ursachen für die gefährlichen Tendenzen sieht er in vielfacher Überforderung von Gesellschaften durch die jeweiligen raschen Transformationen von Wirtschaft und Gesellschaften. Rathkolb nennt sie: „Turboglobalisierung“. Er verlöre in den letzten Jahren die Hoffnung darauf, dass wir in einer vernünftigen und kontrollierbaren Welt leben. Seine Hoffnung trug den Namen weltweiter Sieg der Demokratie, oder situativ „arabischer Frühling“ (des Jahres 2011). Diese Hoffnung teilten viele meiner westlichen Bekannten. Sie starb bekanntlich schnell. Für Rathkolb sind zwei Politiker Ausdruck und Ursache jener sterbenden Hoffnung: Wladimir Putin und Xi Jinping. Ihnen allein widmet er ein ganzes Kapitel seines Buchs. Wichtige Merkmale der heraufdämmernden „schönen, neuen Welt“ sind innenpolitisch autoritäre Herrschaft und in der Außenpolitik die Aufteilung der Welt unter die stärksten Mächte. Da dürfen Donald Trump und seine USA natürlich nicht fehlen.

Der Begriff „Turboglobalisierung“ soll Geschwindigkeit der Veränderung und ihre globale Dimension betonen. Ihre Wirkungen auf die Gesellschaft und den einzelnen Menschen werden für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg umfangreich beschrieben. Der Lärm, die hohe Geschwindigkeit, die Anforderung, sich von alten Gewohnheiten und Gewissheiten zu trennen, überforderten die Bevölkerung. Es kam zu neuartigen Krankheiten, die die Überforderung spiegelten. Auch die Eliten waren überfordert, suchten nach Erholung, die sie nicht finden konnten und trafen völlig „irrationale Fehlentscheidungen, die im Ersten Weltkrieg „explodierten“. Rathkolb zitiert die Zeitdiagnose des Historikers Joachim Radkau, der von einem „nervösen Zeitalter“ sprach. Und er nutzt quantitative Analysen, die zeigen, dass die Zahl der Texte, die sich mit „Angst“ beschäftigten, deutlich anstieg.

Am Ende des ersten Kapitels formuliert der Verfasser die drei Fragen, die seine Analyse bestimmen: Zerschlägt die zweite Turboglobalisierung die Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie? Ist das Erbe des Liberalismus des 19. Jahrhunderts vergessen? Sind die Lehren der Europäer aus zwei furchtbaren Weltkriegen und dem Holocaust im 20. Jahrhundert vergeblich gewesen? Und gleich zu Anfang des zweiten Kapitels nennt er auch seine grundlegende Befürchtung: Da die Menschen Angst hätten, von der rasanten Entwicklung überrollt zu werden, suchen sie einen „starken ‚Führer‘, einen Mann, der sie aus der misslichen Situation wie ein Messias in eine bessere Zukunft geleitet“.

Was aber ist es, was aus Sicht des Autors die Menschen überrollt und ihnen Angst macht? Es sind zunächst technische Innovationen, die ökonomisch verwertet werden und zu Entwicklungsschüben führen, die wiederum die Verabschiedung von gewohntem Leben und seinen Regeln mit sich bringen.

Das wird empirisch durchbuchstabiert: Vier industrielle Revolutionen veränderten seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Welt. Es sind jeweils zentrale technische, wirtschaftlich verwertete Innovationen, die sie prägen. Die erste Revolution wird durch die Dampfmaschine, die Textilindustrie, Bergbau und Maschinenbau verändert, und die Eisenbahn, die ganz andere Geschwindigkeiten des Verkehrs ermöglicht. Die zweite Revolution bezeichnet er als „gusseiserne“. Hier werden die Nutzung der Elektrizität, die neue Geschwindigkeit und die Dimension der Kommunikation, auch durch Unterwasserkabel, sowie der Taylorismus als Organisationsmethode hervorgehoben. Die dritte industrielle Revolution wird durch Automatisierung und elektronische Vernetzung, das WWW, charakterisiert. Die vierte zeichnet sich durch künstliche Intelligenz und intelligente Produktionsstätten – Industrie 4.0 – aus.

Die Akteure dieser Revolutionen sind Erfinder, die gleichzeitig Unternehmer sind. Josef Schumpeters „schöpferischer Einzelunternehmer“ stellt das theoretische Modell für dieses Verständnis von Entwicklung bereit. Eine Besonderheit des Buches besteht darin, dass jenes Modell durch detaillierte Beschreibungen der betreffenden Personen und ihrer technischen und wirtschaftlichen Leistungen ergänzt wird. Dazu tragen neben Lebensdaten im Buch auch Bilder der Personen bei. Die Begriffe für die Kennzeichnung dieser Personen werden in der Überschrift des sechsten Kapitels genannt: „Robber Barons“ und „Cyber Barons“.

Die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Erfolgs in den Ländern, in denen sie wirken, werden ebenfalls betrachtet: Bildung, Patentwesen, Steuergesetzgebung, Bankensystem. An einigen Stellen betont Rathkolb zusätzlich die Bedeutung stabiler demokratischer Verhältnisse für den wirtschaftlichen Erfolg.

Mit den rasanten Veränderungen sind auch die Auf- und Abstiege von Staaten verbunden. England, USA, Deutschland stehen für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt. Natürlich werden auch die Entwicklungen im Heimatland des Autors betrachtet, in Österreich. In der unmittelbaren Gegenwart, der Zeit, die durch die „Digitale Revolution“ geprägt wird, steht der Kampf zwischen den USA und China im Zentrum. Europa ist auch in Rathkolbs Darstellung wirtschaftlich im Abstieg begriffen, obwohl es in der dritten industriellen Revolution führend war. Und es hätte noch die Chance, durch sein gutes Bildungssystem bei der Entwicklung von innovativen Techniken aufzuholen. Politisch sieht er die EU in der Verpflichtung, sich für Demokratie und Völkerrecht einzusetzen. Gerade angesichts der autoritären Entwicklungen in den USA.

Die Diagnose einer Überforderung durch die von Technik und Wirtschaft ausgehenden umfänglichen Veränderungen wird für die Gegenwart wiederholt. Ängste verbreiten sich. Die Brookings Institution spricht 1997 sogar von „Globophobia“. Im umfangreichen 11. Kapitel behandelt der Autor die Ängste, die durch Migration entstanden sind. Das Migrationsthema diene als Projektionsfläche für die negativen Auswirkungen der zweiten Turboglobalisierung auf Europa. Allerdings basieren die Ängste auf realen Problemen: Verlust der eigenen Sprachdominanz, Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes durch das Angebot an billiger migrantischer Arbeitskraft. Und die Reaktion der Politiker, erläutert der Autor anhand der Erfahrung der österreichischen Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz, ist überwiegend Symbolpolitik, die zwar auf Ängste reagiert, aber die Ursachen der Probleme nicht beheben kann.

Oliver Rathkolb hat mit seinem Buch den Versuch einer weitgreifenden Zeitdiagnose vorgelegt. Sie stellt eine Interpretation der Gegenwart neben anderen möglichen dar. Man vermisst allerdings die genaue Erklärung des Nutzens autoritärer Herrschaftsformen für Innovationen und Wandel. Die Thesen des Buches zur Erklärung der Zeit werden auch nicht durchgängig aufrechterhalten. Nachdem zunächst die Zeit vor 1914 als Vergleichsmaßstab herangezogen wird, betont der Autor an anderer Stelle die Offenheit der Geschichte und formuliert, vielleicht als Beruhigung der nervösen Leserschaft: „Insgesamt droht derzeit keine Wiederholung der angstgetriebenen […] Überreaktion des Ersten Weltkrieges“. Also doch kein drohender Krieg? Und das von Ralf Dahrendorf prognostizierte „autoritäre Jahrhundert“ könne ebenfalls verhindert werden. Vielleicht, aber reichen die aufgeführten Mittel dafür aus? Es sind die Reduzierung der sozialen Ungleichheit, eine Bildungsoffensive sowie politische Bildung. Die sollen dem Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien in unseren Ländern entgegengestellt werden.

Oliver Rathkolb: Ökonomie der Angst. Die Rückkehr des nervösen Zeitalters. Molden Verlag, Wien 2025, 303 Seiten. 33 Euro.