Anfang 1969 besuchte Lotte Ulbricht die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee und übermittelte dem Rektor beiläufig den Wunsch ihres Mannes, dass dieser von ihm porträtiert werden möchte. Die erste Sitzung in Wandlitz währte vier Stunden. In der Folgezeit suchte Walter Ulbricht wiederholt Walter Womacka in dessen Atelier am Monbijou-Park in Berlin-Mitte auf und verfolgte den Fortgang der Arbeit.
Im Sommer reisten er und seine Frau nach Loddin auf Usedom, wo Womackas ihren Zweitwohnsitz hatten. Lotte wünschte das Bild zu sehen. Womacka sagte später über diesen Moment: „Sie machte nicht gerade ein Gesicht, das man als begeistert bezeichnen würde. Die Hände, sagte sie. Die Hände sind zu groß.“ Ulbricht hielt dagegen, er habe nun einmal solche Hände, er sei Tischler, und Lotte verstünde nichts von Malerei.
Walter Womacka gab später Lotte Ulbricht recht, die Hände seien zu groß geraten. Heute – so in seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Farbe bekennen“ – wisse er, dass dieses Porträt Mängel hatte. „Mir fehlte damals für solche Aufgaben die Erfahrung.“
Tage nach Ulbrichts Begutachtung nahmen Erich Honecker, Kurt Hager und Waldemar Verner aus dem Politbüro das Bild in Womackas Atelier ab. „Die drei klemmten sich auf mein Biedermeiersofa und gaben sich so, wie ich die meisten Funktionäre hier erlebte: unsicher, fast schüchtern, merkwürdig klein. Sobald sie die Türschwelle überschritten hatten, schienen sie auf seltsame Weise auf irdische Größe zu schrumpfen. ‚Ja, das ist Walter‘, sagten sie unisono, was wohl heißen sollte, dass man es durchgehen lassen könnte.“
Gegenüber Manfred Zache gab Kurt Hager hingegen ein anderes Urteil ab. Als Persönlicher Mitarbeiter des Chefarchitekten der DDR-Hauptstadt führte dieser den Leiter der Ideologischen Kommission des Politbüros durch die Ausstellung „Architektur und Bildende Kunst“ im Alten Museum. Sie sollte zum 20. Jahrestag der Republik am 7. Oktober 1969 eröffnet werden, Hager nahm sie ab, wie das damals hieß. Drei Jahre zuvor erst war das Haus einschließlich der Rotunde wiederhergestellt worden.
Im kreisrunden Kuppelraum begann der Rundgang, folgerichtig hing dort das Porträt des Staats- und Parteichefs. Eben jenes Bild von Womacka.
„Gefällt Ihnen das?“, fragte Hager. Und gab sich selbst die Antwort: „Für mich sieht Walter Ulbricht aus wie ein Hamburger Großreeder mit Hackepeter-Pfoten.“ Ihm gefiel es also nicht.
Was aber waren „Hackepeter-Pfoten“?
Willi Sitte (1921-2013), einst Präsident des Verbandes Bildender Künstler und ZK-Mitglied, teilte in seinen 2003 publizierten Erinnerungen mit, dass 1967 – also zwei Jahre vor Womacka – der Wunsch an ihn herangetragen worden sei, Ulbricht zu porträtieren. Er habe dieses Ansinnen entrüstet mit dem Hinweis zurückgewiesen, er sei kein Fürstenmaler. Womacka reagierte auf diese Offenbarung mit Ironie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwa Bernhard Heisig sich diese Jacke anziehen wird, nur weil er 1986 Helmut Schmidt malte.“
Viel spannender als die Frage nach der Qualität des Ulbricht-Porträts und dessen Bewertung ist jedoch die nach seinem Verbleib.
Noch während der Ausstellung wurde das Bild aus der Rotunde entfernt. Auf der 12. ZK-Tagung im Dezember wurde der Dissens in der Parteiführung sichtbar, Honecker arbeitete auf den Sturz Ulbrichts hin. Das Abhängen, Verhüllen oder Übermalen eines Bildes deutete oft einen Kurswechsel an. Das Ulbricht-Porträt verschwand Ende 1969 in irgendeinem Depot, mutmaßte Womacka. Aber in welchem? „Ich habe es später nie wieder gesehen“, schrieb er und erwähnte in diesem Kontext eine Anfrage aus Bonn. Das dortige Haus der Geschichte erkundigte sich 2003 bei ihm nach dem Verbleib eben jenes Bildes. „Es fand sich weder im Fundus des Zentralkomitees noch bei der PDS. Es ist weg. Ich fand jedoch die großformatige Zeichnung für das Bild, die ich den Bonnern zur Verfügung stellte.“
Was aber bedeutet: „Es ist weg.“ Hat es sich in Luft aufgelöst oder in Rauch? Befindet es sich auf irgendeinem Dachboden, wenn es nicht im Keller unterm Karl-Liebknecht-Haus steht?
In Womackas gedruckter Autobiographie findet sich eine Abbildung des verschwundenen Gemäldes. Die Rasterung verrät, dass es sich um die Reproduktion einer damaligen Veröffentlichung handelt. Wir können Womacka nicht mehr fragen, wo und wann diese erschien: Er verstarb im September vor fünfzehn Jahren. Seinen 100. Geburtstag am 22. Dezember kann er darum nicht mehr feiern, das ist die Aufgabe von uns Nachgeborenen.
Bereits im Sommer wurde im Kurpark von Loddin eine Gedenktafel enthüllt. Verantwortlich für diese Ehrung im Vorfeld des Jubiläums war der Freundeskreis Walter Womacka e. V., insbesondere dessen Vorsitzender Gerd Schulz. Im benachbarten Kölpinsee führt er ein Hotel, das eine Dauerausstellung mit Werken Womackas zeigt. Das Ulbricht-Porträt ist nicht dabei, natürlich nicht. Es ist ja weg. Wohl aber ist das Original des meistreproduzierten Gemäldes der DDR „Am Strand“ in der „Seerose“ zu sehen. Das Bild, von dem es drei Ausführungen gibt, entstand 1962 an eben jenem Ort – in Loddin. Bereits im September, als der Verein zu seiner jährlichen Hauptversammlung in Berlin zusammenkam, legte er ein Blumengebinde auf Womackas Grab in Friedrichsfelde nieder. Zwei Tage vor Weihnachten werden sich gewiss auch wieder Freunde bei den Künstlergräbern einfinden, um einen der bedeutendsten deutschen Maler zu ehren. Die staatliche Obrigkeit wird wie gewöhnlich das Datum ignorieren – mit von ihr als „Staatskünstler“ geschmähten Malern aus dem Osten hat sie nichts im Sinn.
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