28. Jahrgang | Sonderausgabe | 22. Dezember 2025

Tucholsky in Rheinsberg

von Detlef Fuchs

Als Kurt Tucholskys „Rheinsberg“-Bändchen 1931 im 100. Tausend erschien, fand der Leser ein Geleitwort in Form eines Gedichts:

 

Rheinsberg

 

Natürlich kommt das nie mehr wieder.

Allein: es war einmal.

Ich war ein Star und pfiff die bunten Lieder;

ich war Johann, der muntre Seifensieder –

und Ciaire war real.

 

Das ist schon lange her.

Und heute –?

 

Jetzt sind die andern dran

Nach unsrer Sprache plaudern Liebesleute,

Zahntechniker und ihre jungen Bräute …

Das hört sich also an:

 

„Du sock nich imme nach die annern Mättschen blickn!

Isch eiffesüschtisch, olle Bums-Roué!

Du imme mit die kleinen Dickn!

Nu isch ins Bett bigehn bimickn,

weil müdischlisch biwé!“

 

So liebt euch denn (in allen Ehren)!

Die Liebe währet ewiglich.

Und folgt ihr dieses Büchleins Lehren

und küßt ihr euch, ihr Wölfchen und ihr Clairen –:

dann denkt an mich.

 

                                           Kurt Tucholsky

 

Dieses „dann denkt an mich“ hat in Rheinsberg inzwischen Tradition. 1980 wurde im Klubhaus der Gewerkschaft die Kurt-Tucholsky-Gedächtnisstätte eröffnet. Maßgeblichen Anteil an dem Zustandekommen dieser Dauerausstellung – der ersten und auch einzigen, die auf das Wirken des Mannes mit 5 PS verwies – hatte Mary Gerold-Tucholsky.

Während des ersten Weltkrieges lernt Tucholsky 1917 in seinem Stationierungsort Alt-Autz die neunzehnjährige Bürgerstochter aus Riga kennen und heiratet sie 1924. Beide ziehen nach Paris, wo Tucholsky für die Weltbühne und die „Vossische Zeitung“ arbeitet. Ende 1928 trennt sich Mary von ihrem Mann und kehrt nach Berlin zurück. Aber erst am 21. August 1933 läßt Tucholsky sich von Mary scheiden, um sie vor Repressalien der Nazis zu schützen. Vertrauen und Verbundenheit bleiben jedoch bestimmende Momente in seinem Verhältnis zu Mary.

Mit seiner letzten Eintragung im Tagebuch (7.11.1935) gesteht Tucholsky: „Ich habe nur eine Frau in meinem Leben geliebt, und ich werde mir nie verzeihen, was ich ihr angetan habe.“ In seinem Abschiedsbrief (vermutlich 19.12.1935, zwei Tage vor seinem Tod) bittet er nochmals um Verzeihung: „Seine (Tucholsky verwendet in der Anrede ein distanzierendes ,Er‘ – D.F.) liebevolle Geduld, diesen Wahnwitz damals mitzumachen, die Unruhe, die Geduld, neben einem Menschen zu leben, der wie ewig gejagt war, der immerzu Furcht, nein Angst gehabt hat, jene Angst, die keinen Grund hat, keinen anzugeben weiß – heute wäre sie nicht mehr nötig. Heute weiß. Wenn Liebe das ist, was einen ganz und gar umkehrt, was jede Faser verrückt, so kann man das hier und da empfinden. Wenn aber zur echten Liebe dazu kommen muß, daß sie währt, daß sie immer wieder kommt, immer und immer wieder –: dann hat nur ein Mal in seinem Leben geliebt. Ihn.“ (Bereits am 10. November 1935 hatte Kurt Tucholsky seine geschiedene Frau Mary testamentarisch als Universalerbin und als Verwalterin der Urheberrechte an seinen Werken eingesetzt.

Sofort nach Ende des Krieges begann Mary Gerold-Tucholsky – zunächst in Berlin, dann in Rottach-Egern – das Kurt-Tucholsky-Archiv aufzubauen. Förmlich aus dem Nichts schuf sie in jahrzehntelanger Arbeit eines der umfangreichsten Personalarchive eines Autors des 20. Jahrhunderts. Die erfolgreiche editorische Tätigkeit der Verlage unseres Landes (zwei Millionen verkaufter Bücher Kurt Tucholskys allein in der DDR) wäre ohne die „freundliche Genehmigung von Frau Mary Gerold-Tucholsky“ – so der lakonische Hinweis in jedem in der DDR bis 1985 erschienenen Tucholsky-Band – nicht möglich gewesen. Die mehr als fünfzig Exponate, die sie 1979 der zukünftigen Rheinsberger Tucholsky-Gedächtnisstätte zur Verfügung stellte, wurden der Grundstock der Rheinsberger Tucholsky-Sammlung.

Der Einladung zur Eröffnung der Rheinsberger Tucholsky-Ausstellung konnte sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr folgen. Ihre dankbaren Grüße für die Initiatoren der Gedächtnisstätte verband sie mit der Hoffnung, noch erleben zu können, daß die „beabsichtigte Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte in absehbarer Zeit … in Rheinsberg errichtet wird …“ Mary Gerold-Tucholsky verstarb im Alter von 89 Jahren im Oktober 1987 …

Ihr Wunsch nach einer Gedenkstätte, die das Schaffen eines „der empfindsamsten Dichter und Publizisten deutscher Zunge in diesem zwanzigsten Jahrhundert“ – wie ihn Roland Links charakterisiert – würdigt, wird sich erfüllen. Wenige Tage vor dem 99. Geburtstag Kurt Tucholskys beschloß der Rat der Stadt Rheinsberg die Gründung einer Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte im Schloß Rheinsberg, die im Rahmen der Tucholsky-Ehrungen der DDR 1990 der Öffentlichkeit übergeben werden soll.

 

Weltbühne 9/1989