K.T., die „Linken“ und die KPD
Vom Geifer der Nazis zu berichten ist müßig. Daß aber ein Karikaturist wie A. Paul Weber ihn als Laus aufspießte und Wilhelm Stapel in der Zeitschrift „Deutsches Volkstum“ Ignaz Wrobel als „einen der fünf Tentakel des monströsesten Tintenfisches im literarischen Judenaquarium“ bezeichnete, erinnert daran, wie viele Verbündete Goebbels und die SA bei ihrem Kampf gegen die Intellektuellen hatten. Besagter Stapel war es dann auch, der zum „Aufstand der Landschaft gegen Berlin“ aufrief, was zu dramatischen Auseinandersetzungen in der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste führte. Im Herbst 1929 schrieb Stapel im bewußten Anklang an seinen Lieblingsfeind Kurt Tucholsky „Ein Märchen“, in dem er einen Riesen die „menschenbewimmelte Scholle“ Berlin ausheben und in die Ostsee werfen ließ.
Wie ernst solche Drohungen gemeint waren, erfuhr Tucholsky, als er 1929 eine Vortragstournee durch Deutschland unternahm, in Breslau, Dresden, Leipzig, Hamburg, Köln, Wiesbaden, Mainz, Mannheim und Frankfurt sprach und so offen, so herausfordernd und leidenschaftlich argumentierte, daß Rollkommandos der SA die Veranstaltung störten (in Wiesbaden); daß ein Besucher, den man mit ihm verwechselte, hinterher verprügelt wurde (in Mannheim). In Wiesbaden distanzierte sich nicht nur der Vorstand des „Literarischen Vereins“, der ihn eingeladen hatte, von ihm, auch Vertretern der Jüdischen Gemeinde war dieser Nestbeschmutzer, den die katholische „Rheinische Volkszeitung“ als Prototyp eines Ostjuden und Hetzers denunziert hatte, unangenehm.
In jenen Jahren hatten die „Linken“ wie Tucholsky in Deutschland noch ihren Verbündeten: die Kommunistische Partei. Fern von Deutschland aber waren die Weichen anders gestellt worden.
Scheinbar hatte sich nichts verändert. Wie in vergangenen Jahren veröffentlichte Tucholsky in der „AIZ“ 1930 sogar mehr als 1929 – darunter „Augen in der Großstadt“, „Deutschland erwache!“, „Zwei alte Leute am 1. Mai“. Felix Gasbarra setzte ihn in Rang und Wirkung noch Ende 1929 neben Johannes R. Becher und bescheinigte Tucholsky, daß er mit seinen Texten unter den Angestellten de facto „Parteiarbeit“ leiste. Max Zimmering hatte zur gleichen Zeit Tucholskys Klagen über jenes Mißtrauen zugestimmt, das den Intellektuellen nicht von Arbeitern, oft aber von Funktionären der Partei entgegengebracht werde. Das aber waren Einzelstimmen und Ausnahmen. Zum Dialog kam es 1930 sowenig wie 1928, als Tucholsky im Artikel „Gebrauchslyrik“ (später auch in „Die Rolle der Intellektuellen in der Partei“) seine Position bestimmte und Forderungen formulierte: „Ich halte einen Zusammenschluß der radikalen Intellektuellen mit der KPD für einen Segen und für ein Glück. Dazu gehört: auf unserer Seite der Sinn für Disziplin, für das stetige Arbeiten im Alltag und für politische gesunde Vernunft; dazu gehören auf der Parteiseite guter Wille, Einsicht in die Struktur dieses Landes, das nun einmal nicht Rußland heißt, und die Entfernung von Funktionären, die den Bodensatz dessen darstellen, das wir sind.“
1930 verschärfte sich die gegenseitige Kritik. Johannes R. Bechers Forderung „Abgrenzen müssen wir uns von den ‚Sympathisierenden‘!“ leitete in seinem Artikel „Einen Schritt weiter!“ den Aufruf zum „bewaffneten Aufstand, zum Bürgerkrieg“ ein. Diese Überschätzung der angeblich revolutionären Situation um 1929/30 kostete die KPD viele potentielle Verbündete unter den fortschrittlichen bürgerlichen Literaten, die sich nun in ihren Zweifeln und Vorbehalten bestätigt fühlten und neue geistige Haltepunkte suchten. Tucholsky benutzte eine Diskussion über Sigmund Freud, um zu begründen, warum, unter anderem, er vor dem Eintritt in die Partei zurückschreckte: „Ich bin wohl gegen den Verdacht geschützt, den Klassenkampf durch Vorbehalte sabotieren zu wollen; doch entstammen diese Vorbehalte einer tiefen Skepsis und der Lebenserfahrung. Der Klassenkampf ist notwendig. Aber das Paradies auf Erden – das wird er uns nicht bringen.“ Bei Freud und seinen Anhängern hatte Tucholsky auch (und vor allem) Erklärungen für seine eigenen Widersprüche gefunden. Er empfahl sie nicht als Absolution, wohl aber als „eine kleine Erlösung“ – „für jeden, der unter sich und unter seiner Zeit leidet“.
Die vehementen Angriffe auf Freud in den kommunistischen Zeitungen stießen ihn ebenso ab wie die „byzantinische Geschichtsfälschung“, die er Stalin bei dessen Beurteilung Trotzkis vorwarf. Als er 1930 die Erinnerungen an Lenin von dessen Lebensgefährtin Nadeshda Krupskaja rezensierte, bewunderte er die „unendliche Kleinarbeit“, mit der Lenin die Revolution vorbereitet hatte: „Die Tragik, die in dem viel zu frühen Tod Lenins liegt, ist unermeßlich; nach dem Tod Stalins wird man wohl nicht so ein Büchlein erscheinen lassen können.“
Die Trennung war vollzogen, Feindschaft aber war vermieden. Am 9. September 1930 zog Tucholsky Bilanz, was unaufdringlich möglich war, denn „Fünfundzwanzig Jahre“ waren erreicht. „Die Weltbühne“ beging ihr kleines Jubiläum; am 7. September 1905 war die erste Nummer der „Schaubühne“ erschienen. Kein Wort der Polemik fällt; nicht einmal die Enttäuschung wird artikuliert. Vielmehr endet Tucholsky im Bekenntnis zum „Glauben an die Sache, der auch bei uns unbeirrbar steht“. Zwischen „zwei Gegenpolen“, den „großen Parteien“ (also auch den Kommunisten) und der „großen Presse“, wird der Standort des „Blättchens“ bestimmt, das sich nach wie vor auszuzeichnen gedenkt: „Durch Unabhängigkeit des Urteils; durch Sinn für Humor; durch Freude an der Sauberkeit.“
Fortgesetzt wird die Teilnahme an den ästhetischen Diskussionen um eine revolutionäre Kunstkonzeption, wobei sich die „Weltbühne“ für die Filmexperimente Eisensteins einsetzt, „die Suggestionsmittel der Kunst“ verteidigt und eine „Synthese des Gefühls – und des intellektuellen Elements“ fordert. Die Abgrenzung von Brecht, Eisler und Piscator ist unverkennbar. Aus dieser Richtung läßt die Replik nicht auf sich warten. Eisler hatte schon 1928 jenen Vorwurf anklingen lassen, den Benjamin 1931 auf die Spitze trieb: „proletarische Mimikry des zerfallenden Bürgertums“. Tucholsky reagierte nicht direkt. Im März 1931 besprach er Upton Sinclairs Studie über die amerikanische Literatur „Das Geld schreibt“, versäumte nicht zu wiederholen, daß dieser Lieblingsautor der kommunistischen Presse leider ein schwacher Schriftsteller sei, betonte aber nachdrücklich das, was sie alle verband: „Die herrschende Klasse hält sich ihre Künstler, wie man sich einen Kanarienvogel hält.“
Er, Tucholsky, wußte nach wie vor, wo sein Platz war. Er hatte nichts preisgegeben und saß – 1931 – noch in keinem Schmollwinkel. Das zu unterstreichen ist wichtig, weil es Mode geworden ist, entweder die „Enttäuschung“ über die Kommunisten zu dramatisieren oder die ein Jahrzehnt anhaltenden Auseinandersetzungen mit der Revolution und dem Proletariat auf ein einziges Jahr (1928) und einen einzigen Satz zu reduzieren: „Tucholsky näherte sich vorübergehend den Positionen der KPD.“
Nein, er stand ihr sehr nahe, und er warb um sie und gleichermaßen für sie. Kurt Tucholsky ist uns heutigen „Linken“ in diesem Werben vorausgegangen; und nun folgen wir ihm auch in der Enttäuschung. Hüten müssen wir uns aber vor der Resignation, denn die vor allem hat ihn in den Selbstmord gleiten lassen …
Übernahme mit freundlicher Genehmigung von Christoph Links.
Sprechen – Schreiben – Schweigen
Tucholsky ist einer der meistgelesenen Autoren der Weimarer Republik. Die Auflage seiner Werke beträgt inzwischen fast acht Millionen. Rückblickend bezeichnete er sich 1934 selbst als einen der bestverdienenden Journalisten Deutschlands. Sein Witz, seine sprachliche Brillanz, seine Klarsicht bestechen noch immer. Tucholsky, der beißende Satiriker, der verspielte Dichter und Chansonschreiber, der meisterhafte Literaturkritiker, der zornige Ankläger von Militarismus, Klassenjustiz, Behördenwillkür und Ausbeutung, ist heute teilweise genauso aktuell wie damals.
„Soweit ich mich erinnere“, schreibt er in einer ironischen „Autobiographie“, „wurde ich am 9. Januar 1890 als Angestellter der ,Weltbühne‘ zu Berlin geboren.“ In bürgerlichem Wohlstand aufgewachsen, promoviert er 1915 zum Dr. jur. und muß bald darauf in die Ostfront. Schon seit 1907 schreibt er Feuilletons, Theaterbesprechungen, Glossen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften wie „Vorwärts“ und. „Simplizissimus“. 1912 erscheint „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“, das ihn schnell berühmt macht.
1913 wird er ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift „Die Schaubühne“, die 1918 in „Die Weltbühne“ umbenannt wird, bis 1933 das zentrale Blatt der linksbürgerlichen Intelligenz. Tucholsky und die Leute der Weltbühne seien durch ihre dauernde Kritik mitschuldig am Untergang der Weimarer Republik, wurde und wird noch immer behauptet. Aber: „der Spiegel kann nichts dafür, wenn er der Jungfrau anzeigt, daß sie schwanger ist“, hält Tucholsky schon 1920 den Kritikern entgegen.
Während der Inflation 1923 wird er Privatsekretär in einem Bankhaus und geht anschließend 1924 als Auslandskorrespondent für die Weltbühne und die „Vossische Zeitung“ nach Paris. Er ruht von seinem Vaterlande aus, wie er in einem Gedicht schreibt. Als sein väterlicher Freund und Mentor, der Herausgeber der Weltbühne Siegfried Jacobsohn, im Dezember 1926 stirbt, übernimmt Tucholsky für einige Monate die Leitung des Blattes. Aber schon im Sommer 1927 gibt er sie an Carl von Ossietzky ab und flieht wieder ins Ausland.
„Ich bin sehr alt geworden, in diesem Jahr, und es ist eine böse Krise. Hätte ich meine Routine nicht, sähe das böse aus. In Wahrheit ist gar nichts mehr in mir drin, und ich will in ein Kloster und meine Ruhe.“ Und: „Ich müßte jahrelang die Schnauze halten – aber wer zahlt mir das?“ schreibt er im August 1928 an seine Frau Mary, die er 1924 geheiratet hatte. Es ist fast paradox: Je mehr Tucholsky resigniert, desto größer ist sein äußerer Erfolg. Von 1928 bis 1933 erscheinen fünf Bücher von ihm, das Theaterstück „Christoph Columbus“, das er zusammen mit Walter Hasenclever geschrieben hat, wird in Leipzig uraufgeführt, und wöchentlich ist er unter seinen Pseudonymen Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser in der Weltbühne und in anderen Zeitschriften zu lesen.
Ende 1929 findet Tucholsky sein „Kloster“. Aus der pulsierenden Hektik der von ihm einstmals als „himmlisch“ besungenen Großstadt Paris zieht er sich in die schwedische Einsamkeit zurück. Er, der bis 1932 für über 100 Zeitschriften und Zeitungen etwa 3500 Artikel, Chansons und Kabarett-Texte schrieb, verstummt zusehends, resigniert. „Ich habe es satt. Du glaubst nicht, wie das Land von außen aussieht: ein Haufen neurasthenischer Irrer, die samt und sonders, jeder für sich, unrecht haben … nein, mein lieber, dazu bin ich nicht auf der Welt“, schreibt Tucholsky bereits im Januar 1931 an seinen Bruder Fritz. Zwei Jahre später übernehmen die Nazis die Macht, und von nun an bezeichnet er sich als „aufgehörter Schriftsteller“ und „aufgehörter Deutscher“. Er veröffentlicht nicht eine Zeile mehr. Hunderte von Briefen an die wenigen ihm noch Nahestehenden, wie Walter Hasenclever, den Bruder Fritz oder die Freundin „Nuuna“, bilden nun seine Weltbühne.
Zürich, Florhofgasse 1. Unter dieser Deckadresse ist Tucholsky ab Herbst 1932 für die noch verbliebenen Freunde erreichbar. Hier wohnt die Ärztin Dr. Hedwig Müller, mit der er seit dem Sommer 1932 befreundet ist und bei der er auch fast ein Jahr lang, bis zum Herbst 1933, lebt. Hedwig Müller, von Tucholsky Nuuna, also Nonne, genannt, ist für ihn Klagemauer und Geliebte in einem. Nach Hindås zurückgekehrt, schreibt er ihr fast täglich Briefe, voll mit politischen Situationsbeschreibungen, Buchbesprechungen, Krankheitsschilderungen, aber auch mit dem „Brot der Liebe“, wie er es nennt. Doch wie so oft im Leben Tucholskys: Es wird für ihn eine Liebe auf Distanz. Nuuna hingegen sucht seine Nähe, macht sogar Heiratsvorschläge: „Ich habe Dich nötiger als je, ich merke, daß ich ohne Dich einfach verwahrlose und verkomme. Ich habe das ganze Jahr des Zusammenlebens so unter Deinem Einfluß gelebt, und es ist mir gut bekommen, so daß ich jetzt ein wenig heimatlos bin ohne Dich.“ Und: „Ich habe Dich doch verdammt nötig, Du blöder Affenpudding!“
Tucholsky kann und will sich, krank und fast ohne Geld, nicht darauf einlassen: „Ich fühle so, wie notwendig es wäre, daß ich als nicht Unterlegener jetzt da bei Dir wäre, nicht so wie jetzt, sondern als Vollgültiger, aber wie und wann wird das je sein? Und ob überhaupt? Ich sehe es nicht, aber Du bist die Erwachsene, Du siehst es.“ Nuuna: „Ich weiß, daß Du nichts abwimmeln willst. Ich will ja auch keinen Druck auf Dich ausüben. Ich möchte Dich nur hie und da respektvoll daran erinnern, daß sich sogar für uns noch eine einigermaßen erträgliche Zukunft denken läßt. …Im übrigen bist Du mir in dem Zustand lieber und erträglicher als die anderen Männer in ihren Glanzzeiten.“
Doch Tucholsky verkriecht sich in sein Schneckenhaus: „Du bist mein Herzenstrost, ohne aber. Wünschte, ich wäre Dir auch Herzensfreude, aber ich bin ein Trümmerhaufen. Gott, Gott segne, Gott segne die Ärzte. Man hat mit mir dreieinhalb Jahre Schindluder getrieben.“
Tucholsky leidet seit Ende der zwanziger Jahre immer stärker unter einer Vereiterung der Stirn- und Nasenhöhlen. Er macht deshalb zahlreiche Kuren, unterzieht sich immer wieder kleineren Operationen, die jedoch keinen Erfolg haben. Durch die Briefe an Nuuna ziehen sich fast wie ein roter Faden die Klagen über seinen schlechten Gesundheitszustand. Seine Krankheit war damals noch nicht richtig erforscht, und so taten die Mediziner Tucholskys Klagen als Einbildung eines Hypochonders ab. Wütend über die Ignoranz dieser „Esel“ schreibt er Ende 1932 an seine schwedische Freundin Gertrude Meyer in Hindås: „Ich bin kein Monomane und habe anderes im Kopf als meine Nase.“ In Göteborg findet er schließlich einen Arzt, der ihm glaubt.
Im Winter 1934/35 unterzieht sich Tucholsky fünf langen und schmerzhaften Nasenoperationen, die endlich eine Besserung bringen. Zwar lassen danach seine ständigen Kopfschmerzen und die damit verbundenen Depressionen nach, gesund fühlt er sich aber noch immer nicht. Wegen chronischer Magenbeschwerden läßt Tucholsky sich im Herbst 1935 im Sahlgrenschen Krankenhaus in Göteborg stationär untersuchen, jedoch ohne besonderen Erfolg. „Wenn ich nur gesund wäre –!“ klagt er weiter in seinen Briefen. „Ich sage zu allem nur nein, weil ich krank bin. Das ist, da hast Du ganz recht, kein Weltbild. Es ist ganz subjektiv, ich fühle mich bedrückt, kann nicht weiter, und daher kommt es.“
Dennoch sind gerade seine „Briefe aus dem Schweigen“ in ihrer Radikalität von teilweise verblüffender Klarsicht und angesichts der derzeitigen Umbruchsituation in Europa von beängstigender Aktualität. In seinem langen Brief vom Dezember 1935 an Arnold Zweig rechnet er, der 1914 aus der jüdischen Gemeinschaft „ausgetreten“ ist, noch einmal in alter Schärfe mit seiner Zeit ab:
„Wer die Freiheit nicht im Blut hat, wer nicht fühlt, was das ist: Freiheit – der wird es nie erringen. Wer das Getto als etwas von vornherein gegebenes akzeptiert, der wird ewig darin verbleiben. Und hier und nur hier steckt das Versagen der gesamten deutschen Emigration, aus der ich keine Judenfrage machen möchte – hier ist ihre Schuld, ihre Erbärmlichkeit, ihre Jämmerlichkeit. Das ist nichts.
Ich Klage die Gesinnung der Juden an, und viel weiter gehend, die Gesinnung der sog. ‚deutschen Linken‘ … Man hat eine Niederlage erlitten. Man ist verprügelt worden, wie seit langer Zeit keine Partei, die alle Trümpfe in der Hand hatte. Was ist nun zu tun –?
Nun ist mit eiserner Energie Selbsteinkehr am Platze. Nun muß, auf die lächerliche Gefahr hin, daß das ausgebeutet wird, eine Selbstkritik vorgenommen werden, gegen die Schwefellauge Seifenwasser ist. Nun muß – ich auch! ich auch! gesagt werden: Das haben wir falsch gemacht, und das – und hier haben wir versagt. Und nicht nur: die andern haben … sondern: wir alle haben.
Was geschieht statt dessen? Statt dessen bekommen wir Lobhudeleien zu lesen, die ich nicht mag – Lob der Juden, Lob der Sozis und Kommunisten – ‚sie sitzen da und hochachten einander‘ heißt es einmal im schwedischen. Und das ist keine Sache der Partei … Doch haben weder die noch irgendein andrer, wenigstens ist mir kein Beispiel bekannt, überhaupt begriffen, was ihnen geschehen ist. ,Ohne Hören, ohne Sehen, stand der Gute sinnend da, und er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah.‘
Statt einer Selbstkritik und einer Selbsteinkehr sehe ich da etwas von ,Wir sind das bessere Deutschland‘ und ,Das da ist nicht Deutschland‘ und solchen Unsinn. Aber ein Land ist nicht nur das, was es tut – es ist auch das, was es verträgt, was es duldet.
Nein, mein Lieber – das ist nichts und das wird nichts. Diese Frage sehe ich weit über das Jüdische hinaus – ich sehe eine Sozialdemokratie, die erst siegen wird, wenn es sie nicht mehr gibt – und zwar nicht nur, weil sie charakterlos und feil und feige gewesen ist … sondern die die Schlacht verloren hat, weil die Doktrin nichts taugt – sie ist falsch …
Man muß ganz von vorn anfangen. Man muß von vorn anfangen – nicht auf diesen lächerlichen Stalin hören, der seine Leute verrät, so schön, wie es sonst nur der Papst vermag – nichts davon wird die Freiheit bringen. Von vorn, ganz von vorn.
Wir werden das nicht erleben. Es gehört dazu, was die meisten Emigranten übersehen, eine Jugendkraft, die wir nicht mehr haben. Es werden neue, nach uns, kommen. – So aber gehts nicht. Das Spiel ist aus.
Nihilismus –? Lieber Zweig, ich habe in den letzten fünf Jahren viel gelernt – und wäre mein schlechter Gesundheitszustand nicht, so hätte ich dem öffentlich Ausdruck gegeben. … Und hier ist das, was mich an der deutschen Emigration so abstößt –: es geht alles weiter, wie wenn gar nichts geschehn wäre. Immer weiter, immer weiter – sie schreiben dieselben Bücher, sie halten dieselben Reden, sie machen dieselben Gesten. Aber das ist ja schon nicht gegangen, als wir noch drin die Möglichkeit und ein bißchen Macht hatten – wie soll das von draußen gehn! Sehn Sie sich Lenin in der Emigration an: Stahl und äußerste Gedankenreinheit. Und die da –?“
In anderen Briefen hält Tucholsky den Emigranten sogar die Lehre des jungen Marx entgegen, die er als genial und notwendig ansieht. Was daraus gemacht wurde, sei allerdings falsch und Blödsinn. Resigniert schreibt er an Arnold Zweig weiter: „Ich enthalte mich jedes öffentlichen Schrittes, weil ich nicht der Mann bin, der eine neue Doktrin bauen kann – ich bin kein großer Führer, ich weiß das. Ich bin ausgezeichnet, wenn ich einer noch dumpfen Masseneinsicht Ausdruck geben kann – aber hier ist keine. … Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren. Ich nicht mehr. Ich habe mit diesem Land, dessen Sprache ich so wenig wie möglich spreche, nichts mehr zu schaffen … ich bin damit fertig.“
Nicht nur Tucholsky war mit Deutschland fertig, auch das „Dritte Reich“ hatte mit Tucholsky „abgerechnet“. Wüste Beschimpfungen als „jüdische Literatensau“, Verbrennung seiner Werke und Ausbürgerung waren die Antwort der neuen Machthaber auf Tucholskys jahrelangen Kampf um die Demokratie und gegen die heraufziehende Diktatur. Staatenlos und ab 1934 ohne gültigen Paß, ist er der Willkür oder Gnade seines Gastlandes ausgeliefert. 1934 geben die deutschfreundlichen schwedischen Behörden Tucholsky zwar einen sogenannten Fremdenpaß, aber nur mit der Einschränkung, daß er sich jeglicher propagandistischer Tätigkeit enthält. „Arbeitsaufnahme nicht erlaubt“ heißt es knapp und bürokratisch. Trotzdem muß er laufend bei den Behörden nachweisen, daß er genügend Geld hat, um im Lande ohne staatliche Unterstützung leben zu können. Eine dicke Akte belegt den ständigen Kampf um die viertel- und halbjährlichen Paßverlängerungen, Visaerteilungen, Aufenthaltsgenehmigungen.
Sein Antrag auf Erlangung der schwedischen Staatsbürgerschaft wird im Herbst 1935 abgelehnt. „Das Land ,wäre überschwemmt‘, haben Sie gesagt. Arme Leute – aber wir wollen nicht schmähen“, schreibt Tucholsky Ende November 1935 an Nuuna. Und fügt hinzu: „Im ganzen muß ich beinah lachen, aber es ist kein frohes Lachen, sondern ich mache es wie jener in der Eisenbahn, dem einer Unannehmlichkeiten androht, wenn sich seine beiden Kinder nicht endlich anständig betrügen: ‚Sie wollen mir Unannehmlichkeiten machen? Lenchen hat sich in die Hosen gemacht; Fritzchen hat sein Billett aufgegessen; vorn im Gepäckwagen liegt meine Frau im Zinksarg, und außerdem sitzen wir im falschen Zug.‘ – Ich auch.“
Die Beschränkungen der schwedischen Behörden können ihn nicht daran hindern, sich für seinen im KZ sitzenden Freund Carl von Ossietzky zu engagieren. Er bittet ausländische Persönlichkeiten, sich dafür einzusetzen, daß Ossietzky den Friedensnobelpreis bekommt, und als Ende November 1935 der einst verehrte Schriftsteller Hamsun öffentlich Ossietzky angreift, erwacht in Tucholsky noch einmal der alte Kampfgeist: er will „zuschlagen, daß die Funken stieben“: „Ich habe heute Material aus Oslo bekommen Und an das dortige Arbeiterblatt geschrieben – hoffentlich lassen sie mich heran. Diesmal lassen sie mich heran. Diesmal kann ich das Maul nicht halten. …Übrigens haben sich eine Menge Norweger gefunden, die … Hamsun mächtig einen aufs Dach gegeben haben – aber feste. Doch ist das alles nichts gegen das, was ich ihm hinzumachen gewillt bin“, schreibt er am 17. Dezember an Nuuna.
Das Arbeiterbladet lehnt am 20. Dezember bedauernd ab. Am gleichen Tag schreibt er deswegen an die Zeitschrift des norwegischen Studentenverbandes. – Und an Nuuna: „Ich berichte dann weiter: ich muß mal sehn, ob ich man nicht doch etwas drehn kann.“ Am späten Nachmittag des 21. Dezember wird Kurt Tucholsky in das Sahlgrensche Krankenhaus in Göteborg eingeliefert. An einer Überdosis Schlafmittel stirbt er in derselben Nacht, kurz vor zehn Uhr.
In seinem Abschiedsbrief an seine zweite Frau Mary, den er schon im November geschrieben hat, heißt es: „O – Angst … nicht vor dem Ende. Das ist mir gleichgültig, wie alles, was um mich herum nun noch vorgeht, und zu dem ich keine Beziehung mehr habe. Der Grund zu kämpfen, die Brücke, das innere Glied, die raison d‘être fehIt. Hat nicht verstanden.“
Berlin, Lübecker Straße 13
Tucholskys Geburtshaus in Moabit war bis vor kurzem für mich weit entfernt, weiter als sein Sterbehaus im schwedischen Hindås. Dort droben in Skandinavien arbeitete ich einige Jahre als Korrespondent und konnte schon mal einen Abstecher in den Luftkurort nahe Göteborg machen und mit seiner einstigen Gefährtin Gertrude plaudern. Aber Moabit – jenseits der Mauer?
Nun indes sind die Hürden aus dem Weg. Brigitte Rothert, Tucholskys Großcousine, Rentnerin seit langem und Mitstreiterin des Antifakomitees Prenzlauer Berg, hat die Lübecker auf einem alten Stadtplan geortet, und bald wandeln wir über Westberliner Trottoirs. Alles akkurat und freundlich – bis wir im U-Bahnhof Osloer Straße auf das Graffiti „Türken raus“ stoßen. Was hätte hier zu Tucholskys Zeiten gestanden?
Turmstraße aussteigen: der erste Blick fällt auf ein Hertie-Kaufhaus. „Hermann Tietz, das kannte Tucholsky“, meint meine Begleiterin trocken und erwähnt beiläufig, daß ihr Großcousin, wohl im Unterschied zu Tietz, mit 24 Jahren aus der Jüdischen Gemeinde Berlin ausgetreten sei – was freilich ihn und seine Familie nicht vor Schlimmem bewahren sollte.
Erst einmal kommen wir nur bis zur Lübecker Nr. 8, das Antiquariat Anja und Fedja lockt. Tucholsky ist reichlich im Regal, meist Auswahlbände der verschiedensten Formate, die Hälfte fast aus unseren Verlagen. Besonders begehrenswert die Hamburger Auswahl „Gruß nach vorn“ von 1946, in deren Vorwort Erich Kästner Tucholsky einen kleinen dicken Berliner nannte, der mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte. Aber das ist noch nicht alles. Anja Kuschke holt eine sehr frühe Ausgabe von „Rheinsberg“, dem Bilderbuch für Verliebte, aus dem AxeI Juncker Verlag hervor. Ist‘s die Originalausgabe? Brigitte meint nein, sie schwört auf die 9 x14 cm-Bändchen vom gleichen Verlag, von denen sie vor einiger Zeit eines aus dem Nachlaß von Ellen Milo, geborene Tucholsky, aus New York erhielt.
Die Antiquariatschefin wird neugierig, erfährt zunächst einiges Über jüdische Stammbäume: Salomon und Rosalie Tucholski zeugten vor und nach der Bismarckschen Reichsgründung neun Kinder. Eines davon war Paul, dem Käthe Goldschmidt um die Jahrhundertwende drei Kinder gebar, darunter Anne-Marie, die Mutter von Brigitte Rothert. Eine andere hieß Doris, von Alex Tucholsky gefreit und just in die Lübecker Nr. 13 geführt, wo vor nunmehr 100 Jahren Kurt geboren wurde.
Der jungen Alt-Buchhändlerin Anja ist dies Haus so fremd nicht: Sie wohnt darinnen, weiß aber ebensowenig wie die gesamte bisherige deutsche Literaturgeschichtsschreibung, in welchen vier Wänden Kurt die ersten Laute von sich gab. War es das mehr bürgerliche Vorderhaus oder der sozial deutlich abgestufte Seitenflügel? Wenn Helga Bemmann dies in ihrer längst beendeten, aber noch nicht vorrätigen Biographie nicht aufzuklären vermochte, wird dies wohl ewig im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.
Anja will indessen nach der Maueröffnung keine Enttäuschung aufkommen lassen bei Brüdern und Schwestern und öffnet uns Karl Voß‘ „Reiseführer für Literaturfreunde. Berlin. Vom Alex bis zum Kudamm“. Unter der Stichzeile Lübecker Str. 13 ist zu lesen, daß hier die Wiege des „bedeutendsten deutschen Satirikers und Gesellschaftskritikers“ stand. Das Haus, so erfahren wir weiter, sei vor dem Abriß bewahrt worden und werde als Tucholsky-Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, in der Teile seiner Möbel und Bücher just aus dem Sterbehaus in Hindås zu sehen sein sollen.
Von selbiger vorempfundener Gedenkstätte sei allerdings weit und breit nichts zu sehn, bedauert Anja, und da sind wir dann doch ein wenig enttäuscht. (Ein Tucholsky-Zimmer sollte dann wenig später, am 9. Januar, seiner Fan-Gemeinde zugeeignet werden, an anderer Stelle zwar – im Literaturhaus in der Fasanenstraße –, aber immerhin.) Auf DDR-Seite gibt es ähnlich gute Absichten, aber Brigitte Rothert weiß zu vermelden, daß es mit dem Rheinsberger Literaturmuseum für den prominenten märkischen Reisenden in Lebenslust weiterhin hapert. Zwar ist der Vorlauf beachtlich, und das Gedenkunternehmen soll schon über Chef, Sekretärin nebst Büro gebieten, aber es klemmt auf anderem Terrain: Eine in den vorgesehenen Räumen im Schloß Rheinsberg einwohnende Arztfamilie fand noch immer kein neues Domizil.
Nach diesem kleinen Umweg über märkische Lande stehen wir wenig später glücklich vor Nr. 13. Der Putz des Tucholskyschen Wiegenhauses ist nicht vom neuesten, kann aber manchen Vergleich mit Gemäuern in östlichen Stadtteilen aushalten. Seit dreißig Jahren schon vermerkt eine bronzene Gedenkplatte in schlichten Worten, daß es sich hier um „Das Geburtshaus des Schriftstellers Kurt Tucholsky“ handelt, Lebensdaten anbei. Neben der Bronzetafel beredte Zeugnisse Westberliner Gegenwart. In großen Lettern ist am blinden Schaufenster des aufgegebenen Ladens „Trödel 13 – An- und Verkauf“ zu lesen, daß der „Betroffenenrat Lübeckerstraße“, ein Forum aller Sanierten, in Kürze ein weiteres Mal zusammenkommt. In einer Ecke der sarkastische Aufkleber: „Das Spekulieren mit unseren Wohnungen ist strengstens untersagt. Die Mieter“. Aber nicht nur dies scheint die Leute hier zu bedrücken. Ein gelber Handzettel wirbt für einen Diskussionsabend über die Reps, die Schönhuberschen Braunen. „Die Anzeichen“, so lesen wir, „häufen sich. Der Schöneberger Kreisvorsitzende der Reps macht Stimmung gegen die Jüdische Gemeinde … Was blüht uns, wenn nach der Bundestagswahl Reps und CDU eine Mehrheit haben?“ Daneben zwei Plakate vom Antifaschistischen Aktionsbündnis Moabit „Gegen Ausgrenzung und Rassismus“, beide halb abgerissen …
Wir klinken die hohe hölzerne Eingangstür auf und stehen in einem Treppenhaus mit drei dunklen Marmorsäulen und anderer ramponierter bürgerlicher Pracht. In einem alten Holzrahmen von anno dazumal sind durchweg deutsche Mieternamen verzeichnet, an den Briefkästen indessen zur Hälfte türkische und arabische. Und kaum haben wir uns ein wenig umgeschaut, kommt schon ein anatolischer Bauernsohn daher. Der gut 40jährige schwarzgelockte gedrungene Metallarbeiter hat sich von seinem ältesten Sohn über Tucholsky ins Bild setzen lassen, und er erzählt uns zunächst von den nicht wenigen Tucho-Fans unter den Berlin-Besuchern, die vor dem Hause haltmachen. Von der Gedenkstätte hat er auch gehört, aber darüber kann er so ganz unbeschwert nicht reden.
Ismet Kocak lädt uns in seine Wohnung, links unten in Nr. 13, und er meint, diese Räume seien wohl für den deutschen Dichter gedacht. Aber nicht deshalb fühle er Bitternis. Nach der von Multi-Hauseigentümer Franke für dieses Jahr bestellten Sanierung würde seine 140-Quadratmeter-Sozialwohnung (er hat Frau und vier Kinder) nicht mehr 600 Mark Kaltmiete monatlich, sondern vielleicht das Doppelte kosten, und da müsse er ohnehin ziehen. Bevor der Türke 1973 den Sirenengesängen des Westens folgte, war er ein kunstfertiger Schuhmacher; heute sei er lediglich Knöpfchendrücker, habe seine einstigen Fertigkeiten verloren. Aber auch wegen der Kinder könne er wohl nie zurückkehren in seine Heimat, sie fühlten schon wie Deutsche – auch wenn sie gelegentlich unsanft an ihre Herkunft erinnert würden.
Still und wohl auch eigenen Gedanken nachhängend hört Ismet zu, als Brigitte von der rassischen Verfolgung ihrer Familie erzählt: Mutter Anne-Marie, damals in Dresden zu Hause, war für den 16. Februar zum Abtransport befohlen – das Inferno des 13. rettete sie. Onkel Hans wurde in Chelm ermordet. Von den Tucholskys aus der Lübecker blieb Mutter Doris 1943 in Theresienstadt (Vater Alex war schon 1905 gestorben, beider Grab findet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee). Alle drei Kinder wurden von den Nazis vertrieben: Kurt nach Schweden, wo er 1935 Selbstmord beging; Fritz in die USA, wo er bei einem Autounfall ums Leben kam; Ellen, zunächst durch halb Europa gejagt, starb 1982 in New York.
Das Übel des deutschen Rassismus – es nimmt den Türken wie den Deutschen im Raum die Sprache, und aus Scham wage ich nicht, Ismet von den beunruhigenden rassistischen Anzeichen in der DDR zu berichten. Und als ob er etwas ahnt, sagt er nachdenklich: „Ich möchte auch Sozialist sein – aber wo ist es so, wie in den klugen Büchern geschrieben steht?“ Die Maueröffnung gönnt der Türke den Deutschen von Herzen, aber er fragt auch: „Ist das gut für die Armen?“
Wieder in der U-Bahnstation mit dem schlimmen Graffiti sehn wir in einer Vitrine der Dorotheenstädtischen Buchhandlung den rororo-aktuell-Band „Aufbruch in eine andere DDR“ und wir fragen uns, welchen Platz Tucholsky, der Linke, der entschiedene Gegner der Rechten, in der neuen DDR einnehmen wird.
In einer Stadt mit O …
„Unser treuer und von mir hochgeschätzter Mitarbeiter Herr Dr. jur. Kurt Tucholsky, Paris, hat sich im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit derartige Verdienste um mein Blatt erworben, daß ich ihm zu Weihnachten eine Ehrengabe zu übergeben die Absicht habe.
Wir wollen ihm also sämtliche Weltbühnenbände, die er in seiner Bibliothek nicht hat, je nach unseren Vorräten gebunden oder ungebunden übersenden (auf unsere Kosten), damit er in schlaflosen Nächten eine ihm zusagende bildende und fördernde Lektüre zur Verfügung hat. (…) Indem ich Sie bitte, dem verdienten Mitarbeiter meinen Glück- und Segenswunsch in das Paket hineinzupacken (auf meine Kosten) – schließe ich diesen Weihnachtserlaß 1925.
Daß Tucholsky die Bände nicht nur in sein Regal gestellt hat, davon zeugen zahlreiche Anstreichungen und Randbemerkungen. Einige seiner eigenen Beiträge, die ihm beim Nachlesen nicht mehr gefielen, hat er in den Heften korrigiert, zusammengestrichen oder umgeschrieben. In dem Artikel „Alte Weltbühnen“ schrieb Tucholsky alias Peter Panter einmal: „Manchmal, nachts, blättere ich in alten ‚Weltbühnen‘. Ich habe so ziemlich alle: einzeln, in roten Heften, deren Farbnuance des Umschlags schwankt, und ernst gebunden, in dicken roten Leinenüberzügen. Und ich blättere … Und ich lese – entschuldigen Sie – mich selbst. Das heißt: ich lese mich eigentlich gar nicht. Ich erinnere mich nur. Ich erinnere mich, wie das gewesen ist, als ich dies Gedicht da schrieb und jenes – was für Zeiten das waren (und was für Honorare es damals gab), und welche Damen ich in mein Herz geschlossen hatte. Es ist wie eine kleine Biographie, diese ‚Weltbühne‘ – ich kann mir an den Fingern abzählen, wie es alles gelaufen ist mit mir. (…) Und ich bemerke, daß sie nicht nur das Leben eines Panters aus den letzten Jahren widerspiegelt; Sondern, wenn man genauer hinsieht, unser ganzes Leben und unsere Zeit.“
Die Bände der „Schau- und Weltbühne“ begleiteten Tucholsky durch halb Europa und standen zuletzt in seinem Arbeitszimmer im schwedischen Hindås. Nach seinem Tod fuhr Tucholskys langjährige Schweizer Freundin Hedwig Müller im Januar 1936 nach Hindås und nahm ihre Briefe und einige Bücher aus Tucholskys Bibliothek als Andenken mit, darunter auch die „Schau- und Weltbühne“. Der Schweizer Publizist Gustav Huonker fand 1969 nach einigen Recherchen die Spur von Hedwig Müller in Zürich und konnte sie kurz vor ihrem Tode dazu überreden, die Briefe an das Tucholsky-Archiv in Marbach abzugeben. Für die Tucholsky-Forschung war das ein großes Glück. Denn als Hedwig Müller im Dezember 1973 in Zürich starb, erbte Jean-Frederic-Henri Dunant, ein Nachkomme des Rot-Kreuz-Gründers Henri Dunant, den gesamten Nachlaß und – ließ ihn sofort versteigern. Seither gilt er als verschollen.
Bei meinen Recherchen für eine Tucholsky-Biographie bekam ich von dem Schriftsteller Bernt Engelmann den Hinweis, daß im Taunus vor einigen Jahren eine große Versteigerung mit Tucholsky-Materialien war. Zuerst dachte ich, daß das eventuell der Nachlaß von Gussy Holl und Emil Jannings gewesen sein könnte. Denn der Nachlaß, der ursprünglich zahlreiche Tucholsky-Briefe und Widmungsexemplare enthalten hatte, ging 1966 nach Frankfurt. Nach vielen Telefonaten und Hinweisen von Freunden fand ich im Sommer endlich einen Antiquar, der sich an die Versteigerung im Herbst 1974 erinnerte: Beim Antiquariat Reiss in Mainz seien damals zahlreiche Bücher aus der Bibliothek von Tucholsky versteigert worden. Fast alles Widmungsexemplare von und an Tucholsky, zum Beispiel von den Graphikern George Grosz und Frans Masereel und von seinen Freunden Polgar, Mehring, Ringelnatz, Zweig und Arno Holz. Aber auch einige seiner Kinderbücher und Widmungsexemplare an seine Freundin „Nuuna“, wie Hedwig Müller von Tucholsky genannt wurde. Und ein Exemplar der „Weltbühne“ mit seinen Korrekturen sei auch dabeigewesen, zum Spottpreis von DM 2500. Die Bücher wären damals eine kleine Sensation gewesen und hätten einige Zeit sogar im Schaufenster gestanden.
Unverhofft war ich auf die Spur des Nachlasses von Hedwig Mniler gestoßen.
Aber wer hatte das nur alles ersteigert? Wahrscheinlich waren die Bücher in alle Winde verstreut. Das Antiquariat Reiss jedenfalls wußte nach so langer Zeit nicht mehr, wohin die Sachen gingen. Die Unterlagen waren bereits vernichtet. Doch eine Spur hatte ich noch. Sie führte nach Frankfurt ins Antiquariat Cobet. Unterlagen gab es dort auch nicht mehr, aber in einem langen TeIefongespräch erinnerte sich Dr. Cobet, daß er die „Weltbühne“ damals ersteigert hatte und sie an eine Universitätsbibliothek weiterverkaufte. „Eine Stadt mit O war das. Osnabrück? Oder Oldenburg?“ Am Schluß des Gesprächs war er sicher: sie ging nach Oldenburg.
In der Universitätsbibliothek in Oldenburg gibt es in der Tat seit 1975 eine alte Ausgabe der „Schau- und Weltbühne“. Da einige Bände schon brüchig sind, wird das Exemplar jedoch nicht mehr ausgeliehen. Es steht seit einiger Zeit in der Handbibliothek der Ossietzky-Forschungsstelle. Man munkelte zwar schon mal, daß die Bände aus Tucholskys Besitz seien. Aber geglaubt hat das bisher keiner so richtig.
Nach einem Schriftvergleich ist nun sicher: Im Ossietzky-Archiv der Universität Oldenburg steht das Exemplar aus Tucholskys Bibliothek. Es hat eine lange Reise hinter sich.
„Et après / Na und – ?“
Die Pariser Nationalbibliothek verwahrt zwei Briefbögen mit Weltbühnen-Kopf („Berlin-Charlottenburg 2/Kantstraße 152/Fernsprecher: Steinplatz 7757“), datiert 19-8-30 und 28-9-30. Der da seinem französischen Kollegen auf deutsch schreibt, mit der Feststellung, daß „Sie Deutsch sicherlich bedeutend besser lesen, als ich Französisch schreibe“, zeichnet „Ihr sehr ergebener Tucholsky“.
Gerichtet sind die beiden Briefe – die sich in der von Roland Links sorgfältig und verständnisvoll betreuten Auswahlausgabe von Tucholskys Korrespondenz (noch) nicht finden – an den Schriftsteller und Publizisten Jean-Richard Bloch, Triebkraft der von Romain Rolland 1923 begründeten und nach wie vor aktiven Pariser Monatsschrift „Europe“, die in vieler Hinsicht eine Art Wb-Schwester ist. Anlaß: Bloch war auf Tucholskys „Pyrenäenbuch“ gestoßen; der darauf: „nun, nun … an den Pyrenäen bleibt noch allerhand uebrig – ich konnte ja nicht baskisch und vieles habe ich gar nicht gesehen. Ich war nur zwei Monate dort.“
Da ist von einem verpaßten Treffen die Rede im Paris von 1924/25, als die „Copains“ – (links)bürgerliche Künstlerkameraden von vor 1914 – eingeladen hatten. „Auf das kleine Diner in einem Restaurant der rue Montorgueil besinne ich mich genau – aber nicht mehr auf alle, die dabei waren. Der von mir sehr verehrte Bazalgette, Masereel, Duhamel (?), Luc Durtain, mit einem elektrischen Arztkasten – und auf Sie kann ich mich – hols der Deibel – pardon: hélas! nicht besinnen. Masereel erzählte herrliche unanständige Witze … Und nun werden Sie mir wahrscheinlich schreiben, dass das alles nicht stimmt.“
1930 bedauert der Deutsche im nachhinein, „dass ich Sie damals nicht näherkennen gelernt habe. Um die Wahrheit zu sagen: Ich war sehr allein in Paris. Was ich von Frankreich weiss, das habe ich mir so zusammengestohlen, geraten, gerochen, – ich weiss sehr wenig. Ich hatte leider … nicht die richtige Fuehrung … Ich glaube, nie dummes Zeug ueber Frankreich geschrieben zu haben, aber ich hätte viel Besseres liefern können, wenn da einer gewesen, pour me piloter.“
In diesem Licht tritt Tucholskys Bedeutung als Mittler zwischen beiden Ländern und Mentalitäten um so augenfälliger zutage – da steht ihm nur der von weiter rechts kommende Paul Distelbarth zur Seite. Und auch ohne Piloten, der ihn etwa durch die Rue Mouffetard hätte lotsen können oder in einen Schwurgerichtssaal, sind Tucholskys Urteile noch sechzig Jahre später nicht zu ignorieren. (Man lese etwa, wie er 1927 den 1947er C.G.T.-Spalter Jouhaux nennt: „zweischneidig“!)
Auch als Blochs „Letzter Kaiser“ 1928 auf der Berliner Piscatorbühne gespielt wird (Titelrolle: Ernst Deutsch), kommt kein Kontakt zustande. „Ihr Stueck“, in dem der erste Mann im Staate „Morawien“ Revolution von oben rnachen will, statt dessen von der Reaktion in einen Weltkrieg verwickelt wird, welcher in eine Revolution von unten mündet, „habe ich damals in Deutschland nicht sehen können“. Doch ruft ihn Karlheinz Martins allzu freie Inszenierung, von der ihm sein „confrère“ kündet, auf den Plan: „Schade, dass Sie mit Ihrem Stueck in Berlin nicht auf den Hund, aber auf den Regisseur gekommen sind. Das sind sehr feine Herren. Ich habe oft in unserm Blättchen darauf hingewiesen, dass sie die eigentlichen Dichter sind – wozu noch einen Autor? Es ist eine alberne Ueberschätzang des Kunst-Kommissionärs, des Vermittlers, der dienen sollte, aber nicht herrschen.“ Bloch demnach ein Anlaß für Tucholskys Zeilen über „Die Mittler“?
Auf erstes französisches Echo stößt Tucholsky im April 1925 eben in „Europe“. Die druckt seine Polemik „eines Mitarbeiters der Weltbuehne in Berlin, dieser Revue, die seit schon so langen Jahren wider das imperialistische Deutschland die Sache eines anderen Deutschland vertritt“. Allen „Europe-Kollegen“ versichert er, daß „wir unablässig Europa wollen, und mehr noch als Europa, über alle Banner hinweg, über dem Getümmel weit weg von den Büchern, jenseits der einen oder anderen Barriere“.
Rassendünkel wie Literatenhochmut bauen solche Schranken auf – dem Franzosen Suaès, der Goethe und Nietzsche soeben als Urheber des Weltkrieges bezeichnet hatte, hält Tucholsky entgegen: „Alle Soldaten, die 1914 mit dem ,Zarathustra‘ in der Tasche und dem ,Faust‘ im Tornister in den Krieg gezogen sind, waren entweder Literatursnobs oder Schulmeister, die mit aller Macht Geschichte erleben wollten und sich einbildeten, Darsteller einer wagnerschen Machtoper zu sein, um ihre Läuse besser aushalten zu können. Nach 1916 wurden Nietzsche und Goethe nur noch von Etappenskribenten zu Kriegszwecken herbeizitiert.“ Zum Blick auf die Realitäten ruft er auf: „Es hieße Literatur gewaltig überschätzen, wenn man sich darein versteigt, der am meisten unverstandene Schriftsteller unserer Zeit, Nietzsche, sei ein Kriegsverantwortlicher gewesen … Deutschland ist schlimmer, als es Monsieur Suarès gesehen hat, und es ist besser.“ Also gedruckt in „Europe“ No. 28 von 1925.
Und hier hakt 1930 der Dialog mit Bloch ein. Tucholsky: „Was Sie über Deutschland schreiben und über die Dummheit der Welt … ja, sie ist beträchtlich, die Dummheit. Es ist sehr bezeichnend, dass der weitaus grössere Vertreter dieser Gattung von Satire – der grosse Courteline – auch nicht über eine Botanik dieser Dumm heit herausgekommen ist. Eine Synthese ist auch da nicht vorhan den; man darf ihn nicht fragen, wie man dann nun darüber hinauskommen solle.“ Bei Georges Courteline, volkstümlicher Satiriker von Armee und Beamtenschaft, funkt er mit Bloch auf einer Wellenlänge, hatte doch der nach einem Silvestertag in Kaisers Berlin geschrieben, 1906: „Allmählich fange ich an zu glauben, daß diese Menschen, die sich so sehr auf Maschinen und Zahlen verstehen, an ihrer Sturheit verzweifeln. Ein Courteline täte ihnen not – doch gleich kommt mir in den Sinn, daß der hier sein halbes Leben damit verbrächte, vom kategorischen Imperativ zu träumen.“ Wie schließt Tucholsky seinen Brief? „Geblieben ist ihm (und mir) sein Wappenspruch, den ich mir in einen Ring habe eingravieren lassen: ,ET APRÈS‘ / ,NA UND – ? / Das soll uns nicht abhalten, so gut weiterzumachen, wie es eben geht.“
Schon 1927 hatte Tucholsky seinen Schicksalssatz NA UND – ? erklärt: „Die Welt verachten – das ist sehr leicht und meist ein Zeichen schlechter Verdauung. Aber die Welt verstehen, sie lieben und dann, aber erst dann, freundlich lächeln, wenn alles vorbei ist –: das ist Humor.“ 1930 überwiegt noch der Kämpfer, und noch steht hinterm NA UND – ? ein WEITERMACHEN …
WEITERMACHEN … 1931 schreibt Bloch in einem Essay wie zur Antwort: „Frieden schaffen oder Revolution machen.“ Ersteres geht nur mit französisch-deutscher Annäherung, doch sind die „Liebknecht, Jaurès, Roland, Deubel bisher nur Ausnahmen …“ (Deubel war ein lothringischer „poète maudit“, dem in Pfemferts „Aktion“ öfters Erwähnung getan wird.) Und noch: „Wir haben mit all den Millionen dickköpfiger und bornierter Leute zu rechnen … Und die hören mit sehr viel mehr Bereitwilligkeit auf einen Hugenberg und einen Coty als auf einen Denker, Dichter oder Philosophen.“ (Coty, französischer Pressezar, den Tucholsky „den wohlriechenden Coty“ geheißen hatte.)
WEITERMACHEN .. 1930 haben beide in einer Umfrage ihre Haltung zur Sowjetunion klargemacht. Der deutsche Anti-Antibolschewist: „Für Rußland gegen jene Mächte, auch dann, wenn es sich um Deutschland handelt.“ Und der französische Weggefährte: „Ich erachte es als meine Pflicht, die materielle, politische, gesellschaftliche, moralische Unantastbarkeit der UdSSR zu verteidigen.“ (Umfrager Karl Radek verrät, wer seinerzeit schwieg: Hauptmann etwa oder Remarque.)
WEITERMACHEN … In Frankreich keimt Hoffnung, wird doch im nämlichen Jahr Thorez Generalsekretär der FKP, beginnt dort die Idee der Volksfront Raum zu greifen.
Soweit zu Hintergründen des Dialogs; anläßlich der Nobelpreisverleihung an Carl v. Ossietzky spricht Jean-Richard Bloch, der 1934 in der UdSSR gewesen ist und dann mit Malraux den Kongress organisiert hat – Volksfront in praxi, Humanismus wider Barbarei, neues Denken wider Dummheit –, am 14. Dezember 1936 in Paris: „Der Kampf gegen den Faschismus stellt uns vor die Wahl, entweder die Revolution in Angriff zu nehmen oder die Demokratie wiederherzustellen. Doch muß beides zunächst in uns getan sein, damit wir dann Mut genug finden, es im Staate nachzuvollziehen. Ossietzky ist das lebendige Beispiel für ein Opfer unseres Versagens. Ossietzky büßt seit Jahren im Gefängnis unseren Mangel an Glaube und Liebe.“ Hat der tragische Optimist Bloch (Gamarra) dabei auch an den mit der Resignation kämpfenden Moralisten Tucholsky (Links) gedacht, der knapp ein Jahr zuvor verzweifelt war überm gallebitter gewordenen NA UND – ?
Schlagwörter: Jochen Reinert, Kurt Tucholsky, Michael Hepp, Roland Links, Stefan Wirth

