28. Jahrgang | Sonderausgabe | 22. Dezember 2025

Ossietzkys Faschismusanalyse

von Kurt Pätzold

In Dutzenden seiner Weltbühnen-Aufsätze ist Carl von Ossietzky auf den Faschismus eingegangen, kam er auf dessen Ursprünge und Triebkräfte, Tarnung und Gefolgschaft, Kampfmethoden und Ziele zu sprechen. In keinem seiner Artikel leitete ihn der Ehrgeiz, eine Darstellung einer Theorie über den Faschismus zu geben. Nichtsdestoweniger: der Herausgeber des Blattes besaß ein in immer wiederholter Analyse sich bereicherndes theoretisches Bild jener neuartigen Erscheinung, die seit den frühen zwanziger Jahren das Spektrum der Ideen, der Parteien und früh schon auch der Staaten der bürgerlichen Gesellschaft um eine unheilkündende Färbung vermehrte.

Thesenhaft soll hier das Gesamturteil des streitbaren Demokraten zitiert werden, das dem der besten historisch-materialistischen Analysen seiner Zeitgenossen ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann und das manche dieser Analysen an Konsequenz der politischen Ableitung übertraf.

Erstens – Bei Ossietzky gibt es keinen Zweifel über den sozialen Urgrund, in dem der Faschismus wurzelte und seinen Nährboden fand. Allgemein gesprochen war das die bürgerliche Gesellschaft in einem chronischen Krisenzustand, den Ossietzky namentlich in seinen politischen und geistigen Äußerungen immer wieder beschrieb und nachwies. Daraus folgte für ihn, daß wirkungsvoller Kampf gegen den Faschismus von den gründlichsten Bestrebungen nicht zu trennen war, die bürgerlichen Zustände gleichsam in eine faschismusresistente Form umzuwandeln. „Es ist eine Illusion“, schrieb er Anfang 1932, „den Fascismus ‚abwehren‘ zu wollen. Man muß ihn auf seinem eigenen sozialen Terrain angreifen.“ Daran schloß sich in einem Aufsatz, der die von reformistischen Arbeiterorganisationen vorgenommene Gründung der sogenannten Eisernen Front kommentierte, die Feststellung: „Wenn die Parteien der Arbeiterklasse das endlich begriffen haben, erst dann werden wieder proletarische Kräfte in Deutschland entstehen, die Geschichte machen, anstatt sie zu bremsen.“

Zweitens – Ossietzky faßte den Faschismus nicht als das spontan entstandene Produkt der bürgerlichen Gesellschaft auf. Er fand ihn von seiner Entstehung an gefördert und aufgepäppelt von klar auszumachenden sozialen Kräften. Nicht einen Moment durch die antikapitalistische Tarnung der Faschisten irritiert, hat er in dieser Bewegung den „antikapitalistisch aufgeputzten Betriebsanwalt der Schwerindustrie“ und den „rotgestempelten Klopffechter der weißen Reaktion“ erkannt, in den „Hitler- und Seldte-Kohorten“ die Maskierung von „Agrar- und Industriefeudalismus“ erblickt und einen Tag nach der Machtübergabe an die Hitlerregierung das Geschehen als das Werk einer „Kamarilla“ um Hindenburg bezeichnet, als einen konterrevolutionären Vorgang, der die Interessen des in seinen wirtschaftlichen Wurzeln bedrohten Junkertums ebenso sichern solle wie diejenigen von Großindustriellen. (…)

Drittens – Ossietzky hat den deutschen Faschismus nicht mit jener Bewegung gleichgesetzt, die sich des Namens „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)“ bediente und damit den skrupellosesten und zugleich wirkungsvollsten Etikettenschwindel in der Geschichte des deutschen bürgerlichen Parteiwesens trieb. Der Faschismus galt ihm als eine breitere soziale, politische und geistige Erscheinung, die er in Institutionen und Personen, in Presseorganen, Verlagen und deren Erzeugnissen, in staatlichen Maßnahmen und auf verschiedenste weitere Weisen schon vorhanden und agieren sah. Seine Wahrnehmungen verleiteten ihn jedoch nicht zu einem inflationären Gebrauch des Begriffs „Faschismus“, verstellten ihm nicht eine unterscheidende Sicht auf die Tatsache, daß es Faschismus abgestufter, freilich durchweg gefahrdrohender Grade gab.

Viertens – Ossietzky sah, daß sich Faschismus – aus unserer Perspektive wäre zu sagen: längst vor dem 30. Januar 1933 – in die Republik, den Weimarer Staat und seine einzelnen Institutionen eingeschlichen hatte und sie allesamt bis hin zum Auswärtigen Amt, das er 1932 als „naziverseucht“ bezeichnete, auszuhöhlen begann. Seine Äußerungen über die Zwischenresultate dieses Prozesses waren häufig zugespitzt und mögen mitunter sogar überzogen erscheinen. Wesentlicher war, daß aus diesem Blick auf die schleichende Faschisierung der deutschen Gesellschaft die Forderung erwuchs, die Abwehrkräfte nicht auf einen Tag der Abwehr eines Generalangriffs auszurichten, sondern tagaus, tagein der immer mehr Terrain gewinnenden äußersten Reaktion entgegenzutreten.

Fünftens – Ossietzky hat in einem Anfang 1930 geschriebenen Artikel nahezu selbstverständlich darauf hingewiesen, daß die Existenz faschistischer Regime in Europa auf dem Kontinent eine neue internationale Situation schon geschaffen habe, durch welche die Konfrontation zwischen den kapitalistischen Staaten einerseits und der UdSSR andererseits überdeckt und zeitweilig in den Hintergrund gedrängt werden könnte. Die Entstehung eines „fascistischen Mächteblocks unter italienischer Führung“ – gemeint war ein sich abzeichnendes Bündnis Italiens mit Österreich und Horthy-Ungarn, an das sich Deutschland anschließen könnte, dessen Spitze Ossietzky „scharf gegen Frankreich gerichtet“ sah – würde zwangsläufig zu einer Gruppierung führen, „wo Rot und Weiß in eine Reihe treten müssen“. Die gleiche Erkenntnis lag nur ein knappes Jahr nach dem Sieg des Faschismus in Deutschland der sowjetischen Außenpolitik der kollektiven Sicherheit zugrunde, die 1938 mit dem Münchener Abkommen von „Weiß“ auf den toten Punkt gebracht wurde und nach dem 15. März 1939 trotz aller Anstrengungen von „Rot“ nicht revitalisiert werden konnte. Erst 1941 und als Folge von Entscheidungen, die an der Spitze des faschistischen Deutschlands gefallen waren, traten „Rot und Weiß“ gegen den Block der faschistischen Mächte gemeinsam an.

Sechstens – Ossietzky hat die Gefährlichkeit des Faschismus nicht allein aus dem perspektivischen Gesichtswinkel gesehen, der von der Frage ausgeht, ob die extreme Rechte tatsächlich an das Staatsruder zu gelangen vermochte. Die bloße Existenz faschistischer Kräfte verdarb ihm einen republikanischen Staatskörper und namentlich die Weimarer Demokratie, von der er, als sie nach seinen Worten ein „Schattendasein“ weiterführte, aufs bestimmteste schrieb, daß „wir auch in den Glanztagen des parlamentarischen Regimes niemals zu den Zufriedenen gezählt“ haben. Diese Glanztage aber waren vergangen, als Ossietzky im März 1932 darauf aufmerksam machte, daß ein Anpassungsprozeß in Gang gekommen sei, der keineswegs nur die dem Faschismus anverwandte Rechte erfaßt habe, denn Brüning suche sich doch dem Hitler anzugleichen, während sich die Sozialdemokraten wiederum an Brüning bilden würden. Und zu Anfang 1933 meinte er, selbst wenn die Hitlerpartei in Atome zerspringen würde, bliebe die „nicht leicht zu beseitigende Tatsache“, daß sich 15 Millionen Deutsche zeitweilig von der Brutalität, Großmäuligkeit und Hirnlosigkeit der Nazis nicht abgeschreckt, sondern angezogen fühlten.

In Ossietzkys Denken und Schreiben verbanden sich Analyse der Zustände und die Erörterung darüber, wie ihre weitere und schließlich katastrophale Verschlechterung aufgehalten werden könnte, unlösbar. Keine Frage hat ihn im – wie es genannt worden ist – „Schicksalsjahr 1932“ mehr beschäftigt und umgetrieben wie die nach der Formierung von Kräften, die den Vormarsch der faschistischen Konterrevolution stoppen könnten. Er sah diese Kräfte schon in einer Analyse, die nach dem auch als „Erdrutsch“ bezeichneten Wahlsieg der NSDAP vom September 1930 geschrieben wurde, einzig in der politisch organisierten Arbeiterschaft. „Der Kampf gegen den Fascismus liegt heute allein bei der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei“, schrieb er am 7. Oktober, noch vor dem verhängnisvollen Tolerierungsentscheid rechter SPD-Führer zugunsten der Weiterexistenz des Brüning-Kabinetts. „Das Bürgertum mag dazu einige beachtliche intellektuelle Kräfte stellen, organisierte Potenzen hat es nicht mehr aufzuweisen.“

Aus dieser Diagnose folgte logisch die Frage, ob und wie die beiden großen Arbeiterparteien gegen den Faschismus in eine kämpfende Front gestellt werden könnten. Ossietzky hat dazu Vorschläge gemacht, die ihre Basis in einer äußerst nüchternen Bestimmung des jeweiligen historischen Standorts beider Parteien besaßen.

Der Weltbühnen-Herausgeber sah die revolutionäre Tradition der deutschen Arbeiterbewegung, wie sie sich im 19. Jahrhundert entwickelt hatte, längst in der Kommunistischen Partei verkörpert, lebe und kämpfe in ihr doch, mitten in der Weltwirtschaftskrise, „jene mitreißende Unzufriedenheit, die nicht an kleinen Errungenschaften klebt, sondern neuen Anfang verheißt“. Sie gewinne „die jungen Elemente immer mehr, … weil das, was sie zu bieten hat, nicht abgestanden, nicht satt, nicht pharisäisch wirkt“. Ossietzkys Sympathien galten dieser revolutionären Haltung, wenngleich er meinte, wie wir aus einer Erörterung wissen, die noch vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise niedergeschrieben wurde, daß die Parteien der Dritten Internationale außerhalb der UdSSR derzeit nicht die Kraft besäßen, die Kapitalsherrschaft ernsthaft zu bedrohen. Sie seien „weniger Mächte der Gegenwart als vielmehr Zellen der Gärung und Unzufriedenheit, dazu bestimmt, vielleicht in ferner Zukunft als festgewordene Form in die Entscheidung geführt zu werden.“

In der deutschen Sozialdemokratie sah Ossietzky hingegen eine unrevolutionäre Partei, die den „Verzicht auf den Kampf um sozialistische Ziele für diese Gegenwart ausgesprochen“ habe. Sarkastisch schrieb er unter dem Eindruck des einjährigen Wirkens der von Hermann Müller geleiteten Regierung der Großen Koalition: „Sozialismus bei der Sozialdemokratie suchen, nein, das hieße, von einem Brombeerstrauch Bananen verlangen.“ (…)

Das Wissen um die Entstehung und die Tiefe des weltanschaulichen und politischen Grabens, der die beiden Arbeiterparteien trennte und von ihnen noch immer befestigt wurde, hat Ossietzky nicht entmutigt, nach einer Brücke zu suchen, die über ihn hinweg die feindlichen Brüder zu vereinter Aktion gegen die äußerste Rechte führen könnte. „Wann“, so fragte Ossietzky 1927 mit Bezug auf eine Rede von Albert Grzesinski, „findet endlich ein sozialdemokratischer Minister für die Kommunisten einen neuen, freien, nicht von Erinnerung an jahrelangen Bruderzwist durchtränkten Ton?“ Dieser Zwist, konstatierte Ossietzky zwei Jahre später, noch bevor den Nazis beim Young-Plan-Volksbegehren der Durchbruch gelang, behindere nicht nur den Kampf gegen rechts, sondern nähre den Faschismus auch, der eines „traurigen Tages“ dann „das Prävenire spielen“ könne.

Dann aber würde in Deutschland die Partei an die Macht gelangen, die nach Ossietzkys sicherem Urteil deutlicher als jede andere in Deutschland die imperialen Illusionen des 4. August 1914 [Bewilligung der Kriegskredite durch den deutschen Reichstag; auch die SPD-Fraktion stimmte geschlossen dafür – die Redaktion] verkörperte, jenes Tages, der dem Weltbühnen-Herausgeber als das „traurigste Datum“ der gesamten neueren deutschen Geschichte galt. Ein Ende des Kampfes innerhalb der Arbeiterbewegung schien Ossietzky, wie er mahnend, fordernd, dann wieder – durch Enttäuschung verbittert – auch anklagend schrieb, nur denkbar, wenn sich die Führer der KPD wie der SPD zu einer großen intellektuellen und moralischen Anstrengung aufrafften und sich den Weg zu wirklich neuem Denken frei machten. Initiative in diese Richtung vermochte der Publizist indessen über die längste Zeit nur an den Rändern der Parteien festzustellen, und er sah sie durch parteiinterne Situationen behindert, in denen das Statut über das Programm gestellt, Freiheit der Meinungsbildung behindert, Denken und Entscheiden erstarrt war. Diese Situation bewertete Ossietzky im übrigen als eine Verletzung jenes Prinzips, das ihm in der Politik als unverzichtbar galt. In jenem Artikel, in dem er seine Stimmabgabe für den Reichspräsidentschaftskandidaten Thälmann begründete und sich mit den sozialdemokratischen Argumenten zugunsten Hindenburgs auseinandersetzte, findet sich der denkwürdige Satz: „Wo man das Recht zu fragen als grobe Ungebühr ablehnt, da mag ein Reich beginnen, das schöner und edler ist als das der Politik, aber, … die Politik hat da aufgehört.“

Während einiger Jahre sah Ossietzky offenbar keine andere Möglichkeit der Annäherung der beiden großen Arbeiterparteien als das Wirken jener Minderheiten, die in jeder von ihnen in Opposition zu den Führungen und den Hauptkräften der Partei standen. (…) 1932 hatte Ossietzky sich von derartigen Vorstellungen wohl restlos getrennt und sah, daß die Initiative zu einer Annäherung von den jeweiligen Hauptkräften entwickelt und vor allem von deren Führungen ausgehen mußte, wobei er auch an die fördernde Mitwirkung einzelner Persönlichkeiten dachte, die außerhalb der Parteien standen. Dafür spricht die Erleichterung, mit der der Weltbühnen-Herausgeber den Aufruf der KPD und der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) begrüßte, der unter dem Eindruck der Wahlerfolge der Nazifaschisten bei Landtagswahlen vom April 1932 zur Antifaschistischen Aktion rief. „Niemals war die Gelegenheit günstiger, niemals auch sprach die Notwendigkeit diktatorischer“, schrieb er am 3. Mai in dem vielzitierten Artikel „Ein runder Tisch wartet“. Ossietzkys grundlegender Ratschlag für das ersehnte Treffen war klar: niemand dürfe „allzu weitgesteckte Ziele“ aufstellen, es handle sich „um ein operatives Zusammengehen zur Verteidigung der Arbeiterklasse“. „Republikanisches oder fascistischjes Deutschland“, so sah Ossietzky 1932 die Entscheidungsfrage. (…)

Im Augenblick, da der deutsche Faschismus an die Macht lanciert wurde, glaubte Ossietzky mit anderen, daß die Kräfte der Gegenwehr noch mehr Zeit besäßen, als ihnen die Konterrevolution in Wahrheit zugestand. Der Verfassungsbruch, so hatte er in einem am 31. Januar 1933 erscheinenden Artikel gemeint und gehofft, werde „mit außerparlamentarischen Abwehrmethoden von unten beantwortet werden“, Es werde die „deutsche Geduld“, die oft lange dahintrabe, doch ihr Ende haben und das „sanfte Reittier endlich bocken“. Am Tage der Machtübertragung konstatierte die Weltbühne: „Die Generalstreikparole geht um“. Acht Tage darauf klang Ossietzkys Urteil wenig optimistisch. Der Generalstreikvorschlag der KPD war von den SPD- und Gewerkschaftsführern verworfen worden, und die „Gegenrevolution“ hatte deshalb „kampflos die Höhen besetzen“ können. Ossietzkys Urteil schloß die bittere Wahrheit ein, daß die erste Schlacht gegen den Faschismus verloren war, ohne daß sie zustande kam.

 

(Auszug aus dem Vortrag unseres Autors auf der Konferenz des Kulturbundes und der Weltbühne zum Thema „Illusion, Utopie, Realismus, Carl von Ossietzky im Streit um Frieden und Menschlichkeit“, die am 23. Juni in Berlin stattfand. […])

 Weltbühne 31/1989