28. Jahrgang | Sonderausgabe | 22. Dezember 2025

Ossietzky und ein junger Linkssozialist

von Fritz Petrick

Nachdem das Nobelkomitee des norwegischen Parlaments beschlossen hatte, den Friedenspreis für 1935 vorerst nicht zu vergeben, erschien in der Zeitschrift des sozialdemokratischen Arbeiterjugendverbandes Norwegens „Arbeider-Ungdommen“ (Nr. 24 vom 18. Dezember 1935) folgender Artikel:

 

„Ossietzky war Kandidat für den Friedenspreis des Jahres. Der Mann ist einer der hervorragendsten Publizisten Deutschlands. Er führte die Feder für Frieden und Fortschritt. Man fand ihn an der Spitze des Kampfes gegen den neuen deutschen Militarismus und den ‚vierten August in Permanenz‘, wie er selbst den Nazismus nannte. Er war nicht in der Arbeiterbewegung organisiert. Aber der Kampf den er führte, stand im Einklang mit der großen Idee der Arbeiterbewegung. Er war außerdem einer von den radikalen Intellektuellen, die niemals versuchten, an klaren Standpunkten vorbeizukommen. Bei der Präsidentenwahl 1932 trat er offen für Ernst Thälmanns Kandidatur ein. Ossietzky ist ein Opfer des Kampfes geworden, den er geführt hat. Das haben viele mit ihm gemein. Dennoch ist etwas Besonderes an seinem Schicksal: während der Friedenskämpfer gepeinigt und krank hinter Stacheldraht und Maschinengewehren im Konzentrationslager Papenburg-Esterwegen sitzt, rüstet das Land um ihn her für ein neues fürchterliches Blutbad, und draußen in der Welt ist der Krieg bereits entfesselt worden.

Wenn der Friedenspreis eine Auszeichnung für den sein soll, der einen Einsatz für die Sache des Friedens geleistet hat, so müßte Ossietzky ihn bekommen haben. Aber das Nobelkomitee des norwegischen Storfings fand, daß es ihn in diesem Jahr nicht vergeben müßte. (Es wird gesagt, daß das Durchschnittsalter der Mitglieder des Nobelkomitees fünfundsechzigeinhalb Jahre ist).

Knut Hamsun hat sich verdient gemacht, die Aufmerksamkeit des Volkes auf Ossietzky zu lenken. Denn es war doch etwas Nützliches an dem schoflen Angriff. Aber seine eigentliche Absicht erreichte er nicht. Er wollte die deutschen Räuber im Kampf gegen Ossietzky unterstützen. Bedauernswertes Regime, das einen wehrlosen Gefangenen fürchtet! Die Deutschen bekamen nach Hamsuns Angriff jedenfalls zu wissen, daß die Norweger in ihrer großen Mehrzahl geschlossen zu Ossietzky stehen, weil er den Kampf gegen Krieg und Frieden symbolisiert.

Die norwegische Jugend wird nicht von Knut Hamsun repräsentiert. Und die, die es wagen sollten. Ossietzky ‚verschwinden‘ zu lassen, nachdem er den Friedenspreis nicht erhalten hat, werden auf eine Welt des Widerstands stoßen.“[1]

 

Der Artikel war mit „Felix Frank“ gezeichnet, und es ist leicht möglich, daß der Setzer versehentlich ein „e“ weggelassen hat. Der Verfasser, der sonst häufig als „Felix Franke“, „F. Franke“ oder auch nur mit „F. F.“ zeichnete, war der damals knapp 22jährige Herbert Ernst Karl Frahm alias Willy Brandt. Mit „W. B.“ hatte er noch vor der Entscheidung des Komitees einen Artikel über Carl von Ossietzky im Zentralorgan der sozialdemokratischen Norwegischen Arbeiterpartei „Arbeiderbladet“ (vom 12. November 1935) gezeichnet. Und im Juli 1935 hatte er anonym sowohl im Zentralorgan als auch in „Bergens Arbeiderbladet“ über den „Kandidaten für den Friedenspreis“ geschrieben.

Dies geht aus dem 1989 vom Neuen Malik Verlag Kiel herausgegebenen Buch von Einhart Lorenz hervor. Der Autor ist als führender Historiker der norwegischen Arbeiterbewegung auch bei uns bekannt geworden.[2] Als Mitarbeiter der von den Gewerkschaften getragenen Osloer Institution „Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung“ befaßt er sich zur Zeit mit dem antifaschistischen deutschsprachigen Exil in Norwegen. Und sein neuestes Buch ist ein profunder Beitrag zu diesem Thema – der erste monographische überhaupt. Es ist weiter ein Beitrag zur Geschichte der von der DDR-Historiographie recht stiefmütterlich behandelten Sozialistischen Arbeiterpartei, die Anfang Oktober 1931 von oppositionellen Sozialdemokraten unter Führung von Max Seydewitz und Karl Rosenfeld gegründet worden war, und last not least selbstverständlich ein hochinteressanter – weil mit Legenden aufräumender – Beitrag zur politischen Biographie Willy Brandts.

Der jugendliche SAP-Funktionär Brandt war Anfang April 1933 als politischer Flüchtling ins Land der Fjorde gekommen. Sieben Jahre später überfielen seine Verfolger Norwegen. Der Linkssozialist Brandt mußte erneut untertauchen und weiter fliehen. Anfang August 1940 kam er nach Schweden, wo er – nunmehr als norwegischer Staatsbürger – weitere Jahre des Exils verbrachte. Nach der Befreiung Norwegens von der faschistischen Okkupationsherrschaft war er zunächst als Korrespondent in Berlin tätig, bevor er die norwegische Staatsbürgerschaft ablegte und in der SPD seine politische Heimat fand.

Dieser Abschnitt der politischen Biographie Willy Brandts bleibt noch aufzuarbeiten. Das gilt auch im Hinblick auf die von Lorenz für die Zeit von 1933 bis 1940 sorgfältig recherchierte publizistische Tätigkeit Brandts. Am Vorabend des faschistischen Überfalls vom 9. April 1940 hat er noch das erste Exemplar seines ersten Buches – „Die Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa“ – erhalten. Acht weitere Bücher, das sei hier hinzugefügt, hat er in den folgenden Jahren bis 1946 publiziert: „Der Krieg in Norwegen“ (1941), „Norwegen setzt den Kampf fort“ (1941), „Guerillakrieg“ (1942), „Norwegens drittes Kriegsjahr“ (1943), „Nach dem Sieg“ (1944), „Norwegens Weg zur Freiheit“ (1945), „Verbrecher und andere Deutsche“ (1946) und „Nürnberg – Norwegen – Urteil“ (1946).

Doch zurück zu Brandts Beteiligung an der Kampagne für die Verleihung des Friedensnobelpreises an Ossietzky. Nach der eingangs erwähnten ersten Entscheidung des Komitees hatte Knut Hamsun am 22. November 1935 mit einem Artikel in den konservativen Zeitungen „Tidens Tegn“ und „Aftenposten“ in böswillig naiver Manier Stellung gegen den „eigentümlichen Friedensfreund“ genommen und damit ganz gegen seine Absicht die öffentliche Meinung in Norwegen für Ossietzky mobilisiert. Noch am selben Tag wies Nordahl Grieg im liberalen „Dagbladet“ Hansums Verunglimpfungen entschieden zurück.[3]

Als Brandt die frühere Mitarbeiterin der Weltbühne Hilde Walter, die von ihrem Pariser Exil aus die weltweiten Bemühungen zur Vorbereitung der Kandidatur Ossietzkys beförderte und die zu diesem Zweck auch mit ihm in Verbindung getreten war, am 25. November 1935 brieflich über die „betrübliche – und ausgesprochen feige – Entscheidung des Komitees“ und Hamsuns „schoflen Angriff auf Ossietzky“ sowie die „Antwort des jungen Dramatikers Nordahl Grieg“ unterrichtete, mahnte er nachdrücklich an, „daß O. so schnell wie möglich wieder von einigen vorschlageberechtigten Personen und Institutionen vorgeschlagen wird“.

Wahrscheinlich sind die meisten der 86 gültigen Vorschläge, die danach beim Nobelkomitee eingingen, ganz unabhängig von dieser Mahnung und ohne Zutun Brandts zustande gekommen. Doch dürfte es, wie Lorenz meint, seinen persönlichen Bemühungen „entscheidend zu verdanken sein“, daß auch die Führung und die Parlamentsfraktion der regierenden Norwegischen Arbeiterpartei einen derartigen und durchaus gewichtigen Vorschlag einbrachten. Am 23. November 1936 – Brandt befand sich zu dieser Zeit illegal in Berlin – gab das Nobelkomitee die nachträgliche Verleihung des Friedenspreises für 1935 an Carl von Ossietzky bekannt, der zu seinem 100. Geburtstag am 3. Oktober 1989 in der Weltbühne auf nachdenkliche Art gewürdigt wurde.[4]

 

Dr. sc. Fritz Petrick ist Historiker und lebt in Greifswald.

Weltbühne 40/1990

[1] – Rückübersetzung aus dem Norwegischen von mir – Fritz Petrick.

[2] – Einhart Lorenz: Willy Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989. Siehe dazu die Besprechungen in der Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ 6/1975, 1/1981 und 3/1986.

[3] – Siehe dazu auch: Nordahl Grieg verteidigte Carl v. Ossietzky, Wb 39/1960.

[4] – Siehe dazu u. a. Helmut Reinhardt: Ossietzky verpflichtet, Wb 46/1989.