Peter Weiss fährt nach Auschwitz, wir schreiben das Jahr 1964: „11. Dez., Berlin Schönefeld, zum Flug nach Warschau.“ Der Flug verzögert sich, dichter Nebel verhindert den Flugverkehr, erst am nächsten Tag geht die Reise los: „Müssen im Flughafen übernachten. Es ist wie am Ende der Welt. Wachhunde heulen die ganze Nacht aus der Grenzzone.“ Zu den wartenden Passagieren gehört auch die „Gruppe vom Frankfurter Auschwitz-Prozess“. Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen, hatte die Staatsanwälte Joachim Kugler, Georg Friederich Vogel und Gerhard Wiese für den Prozess berufen, die noch jüngeren Alters waren (Jahrgang 1926 beziehungsweise 1928). Kugler und Vogel fliegen mit nach Auschwitz, Weiss notiert gesondert einen der Angeklagten, den Lagerarzt Dr. Franz Lucas, der als Zeuge vernommen werden soll. Die Ehefrau begleitet den deutschen Dramatiker aus Stockholm, Gunilla Palmstierna-Weiss wird sich viele Jahre später ungenauer erinnern: „Auf dem Flughafen hatten wir eine seltsame Nachtgesellschaft. Das waren unter anderem die Angeklagten aus dem Frankfurter Gerichtsprozess mit ihren Bewachern“.
Wegen der Verspätung wird in Warschau kein Flugzeug mehr erreicht, es muss jetzt mit der Eisenbahn nach Kraków weitergehen: „12. Dez., im hölzernen Abteil eines klapprigen, zerschlissenen Zuges von Warschau nach Krakau. Ankunft spät abends“. Die Ehefrau wird es zurückschauend albern zuspitzen: „Unsere Flugtickets waren verfallen. Uns stand lediglich ein unbeheizter Güterzug zur Verfügung. Nachts um drei kamen wir in Krakau an. Stilgerecht, könnte man vielleicht sagen.“ Die Zugfahrt durch die polnische Provinz ist jedenfalls ebenso lang wie beschwerlich, die schnelle Trasse zwischen den beiden Weichselmetropolen wird erst in einigen Jahren gebaut werden.
Im Hotel in Kraków trinkt das Künstlerpaar „noch Tee mit Bernd Naumann“. Der ist Journalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, arbeitet bereits intensiver an seinem Buch „Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka und andere vor dem Schwurgericht Frankfurt“. Weiss denkt an die Zugfahrt zu nachtschlafender Zeit: „auf diesen Gleisen rollten die Transporte aus dem Warschauer Ghetto zur Umladestation nach Auschwitz“. Der Dichter irrt, die Deportation der Warschauer Juden hatte ab 22. Juli 1942 ein anderes Ziel, Treblinka, nicht Auschwitz. Dort im Osten Polens ist vor wenigen Monaten erst – am 10. Mai 1964 – die eindrucksvolle Gedenkstätte auf dem Gelände eingeweiht worden, wo einst das Vernichtungslager funktionierte.
Weiss ist jetzt vollständig mit Auschwitz befasst, mit den monströsen Ausmaßen dort – die Anlagen in Auschwitz als wahnwitzige Steigerung der aus Deutschland „gewohnten“ KZ-Struktur. Die schwindlig machende Frage nach dem Besonderen am Funktionsprinzip eines im okkupierten Polen errichteten Vernichtungslagers gegenüber dem herkömmlichen KZ im Reich, kann sich nicht ausbilden, sie verschwindet hinter der alles erschlagenden Vernichtungszahl von Auschwitz, hinter der wahnwitzigen Steigerung des Lagerprinzips. Polens Juden aber wurden millionenfach nicht hier ermordet, sie wurden zu Orten verschleppt, an denen nicht einmal ein Barackenlager im herkömmlichen Sinn auf sie wartete. Nach Auschwitz rollten die Züge aus Ungarn und der Slowakei, aus Theresienstadt, aus Deutschland und überhaupt aus dem Westen.
Zur Hand hat Weiss einen detaillierten Lageplan – auf der linken Seite den des Stammlagers, einem der üblichen großen Konzentrationslager gleichend, solchen wie Sachsenhausen, Dachau oder Buchenwald, auf der rechten Seite dann den von Auschwitz-Birkenau, diesem in seinen Ausmaßen gewaltigen Lagergelände, das vor den Toren der Stadt liegt. Zunächst wird das Stammlager nebst Kommandantur besichtigt. „13. Dez. – Auschwitz […] Die Beklommenheit, die schon in Ost-Berlin begann, jetzt zu einer Starre geworden. […] Das schmiedeeiserne Tor zum Lager, darüber der Bogen mit der Inschrift Arbeit Macht Frei. Die eigentümliche Orthographie. Der Appellhof vor dem großen Gebäude der Lagerküche.“ Für verschiedene Vergehen ist die Stehzelle verordnet, „Größe 50 mal 50 cm. Höhe 2 m. Luftloch 5:8 cm. Betonboden. Die schwere Eichentür hat unten eine Klappe zum Hineinkriechen. Eiserne Vorschläge an der Tür und Guckloch.“ Weiss verfolgt das Geschehen ringsum aufmerksam: „Einer der Staatsanwälte beauftragt den Gerichtsdiener, in die Stehzelle zu klettern. Von draußen will er hören, ob Rufe durch die Luke zu hören sind. Es geht um die Beweisaufnahme. Sagen Sie etwas, singen Sie, ruft er in den Spalt zwischen dem Betonblock und der Luke. Der Gerichtsdiener drinnen singt. Es ist zu hören: Sah ein Knab ein Röslein stehn –“.
Anschließend geht es nach Birkenau. „Die Schienen, halb im vertrockneten Gras verborgen, führen zum Mitteltor des großen scheunenartigen Gebäudes. Die Rampe. Grober Schotter, scharfe spitze Steine. Aus den Güterwagen sprangen sie hinab. Die Reihen der Baracken, so weit das Auge reicht.“ Weiss überwältigt die bohrende Frage: „wie ist es möglich, dass die Angeklagten so lange in Freiheit leben konnten?“ Er notiert den Gedankengang der Verteidigung: „Es sind alles friedliche Bürger. Nur die Umstände haben sie zu den Handlungen getrieben, die ihnen hier vorgeworfen werden.“ Und hinzugefügt die Stimme eines Angeklagten: „Was sind diese 5 Millionen – Es sind 30 Millionen, die im Krieg draufgingen – Ich habe den Eid des Gehorsams geschworen – Ich war nicht befugt, solche Befehle zu erteilen – Verschickungsbefehle auszustellen […] Für die Vertreibung u Tötung der Unsern ist noch keiner bestraft worden.“
Weiss hält die Zahlen fest, von denen die Staatsanwaltschaft ausgeht: „Mindestens 2 – höchstens 4 Millionen Menschen kamen in Auschwitz um.“ Die Zahlen sind falsch, werden in späteren Jahren korrigiert. Schließlich wird die Forschungswelt von gesicherten 1,1 Millionen Todesopfern in Auschwitz sprechen. Ihren gewaltigen Anteil daran machten die fast 500.000 ungarischen Juden aus, die von März bis Juli 1944 aus Ungarn nach Auschwitz deportiert wurden, nachdem die Wehrmacht Ungarn besetzt und Reichsverweser Miklos Horthy mattgesetzt hatte, weil der sich der Auslieferung „seiner“ Juden widersetzte. Und erst relativ spät wird der grausame Stellenwert der vier deutschen Lager auf polnischem Gebiet fassbarer, die ausschließlichem Vernichtungszweck zu dienen hatten – Treblinka, Bełżec, Sobibór und Kulmhof. Zusammengerechnet wurden hier mehr als 1,8 Millionen Menschen umgebracht, so in Treblinka in 16 Monaten mindestens 850.000 und in Bełżec in zehn Monaten knapp 500.000. Unglaubliche Zahlen unfassbarer Vorgänge, die erst mühsam ins Gedächtnis der Menschheit eingepflanzt werden mussten. In der Bundesrepublik Deutschland finden zeitlich nahezu parallel zum Auschwitz-Prozess die Prozesse zu Treblinka (1964/65), zu Bełżec (1963 bis 1965) und zu Sobibór (1965/66) statt, fünfmal „lebenslänglich“ wird das Urteil lauten, aber die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist ungleich stärker auf den Auschwitz-Prozess gerichtet.
Weiss dringt bis Auschwitz vor, dahinter blickt er nicht. „Dahinter“? Ja, in den Abgrund im Abgrund der Vernichtung, in dem es keine Barackenlager für die deportierten Menschen gab, in der keine Rampe zur Selektion rief, in der rascher Tod der einzige Sinn von Anlage wie Deportation war. Hier brauchte es kein Krematorium, keinen Verbrennungsofen von Topf und Söhne aus Erfurt – die Leichenreste wurden auf Schienenrosten unter freiem Himmel verbrannt. Die Rampe für die Selektion und die Baracken bedeuteten in Auschwitz noch allerletzte Überlebenschance, man sieht es genauer, wenn in den erinnernden Blick das Erschrecken über Treblinka oder Bełżec eingebrannt ist.
Am 15. Dezember 1964 ist der Dramatiker wieder in Berlin, der Weg zurück erfolgt mit dem Zug, der Dramatiker steht noch ganz unter Schock: „Bei der Ankunft in Ost-Berlin, der Grenzsoldat: Geld vorzählen! Wir werden behandelt wie potentielle Devisenschmuggler. […] Geld vorzählen! Diese Stimmen, diese Befehle!“
In den Tagen und Wochen danach wird sich Weiss dem großen Theaterstück „Die Ermittlung“ widmen. Und er wird für den Verleger Klaus Wagenbach den Text „Meine Ortschaft“ schreiben, weil der ihn darum gebeten hatte, gleich anderen Mitautoren einen Ort zu beschreiben, der ihm im Leben am wichtigsten sei. Weiss wird Auschwitz wählen, „nur eine Ortschaft, in der ich nur einen Tag lang war, bleibt bestehen“. Er wird hinzusetzen: „Ich komme zwanzig Jahre zu spät hierher.“ Aufgewühlt wird der Text beendet: „Es ist noch nicht zu Ende.“
Die Notizen zur Reise nach Auschwitz in: Peter Weiss: Notizbücher 1960–1971. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, 1. Band, Seiten 321–329.
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