28. Jahrgang | Nummer 15 | 8. September 2025

Lichtvisionen bei William Turner

von Klaus Hammer

Das Abbild einer großen Katastrophe: In der Nacht des 16. Oktober 1834 zerstörte ein Feuer den alten Westminster-Palast am Ufer der Themse. Dieses Bild malte ein genialer Maler, der als Englands größter Maler überhaupt gesehen wird: William Turner (1775-1851). Dieses Bild, das die Serie der Großen Nocturnes mit den Lichtphänomenen einer nächtlichen Szenerie in Öl und Aquarell einleitet, gehört zu seinen Meisterwerken. Ein Bild von Gewalt und Zerstörung, ein Bild von der Ohnmacht des Menschen angesichts der Elemente. Auch Untertöne sozialen Umbruchs sind einbezogen. Und alles zusammen brachte Turner in einem phantastisch gemalten Wirbel von Licht und Farbe, in dem diese beiden Elemente ineinander verschmelzen und eins zu werden scheinen. Sein ganzes Leben fühlte sich der Künstler von Feuer und Wasser – aber auch von Wind und Licht – magisch angezogen. Und hier nun konnte er sie in wahrlich spektakulärem Maße zusammen erleben.

Zu dieser Zeit hatte sich Turner schon von den traditionellen Themen aus Bibel und Mythologie abgewandt und zeitgenössische Motive wie Schiffe und Eisenbahnzüge zu malen begonnen. Er hatte England, Wales und Schottland, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland und die Schweiz bereist. Seit er dann aber in Italien dies ganz andere Licht erlebt hatte, wandte er sich immer mehr dem Experiment mit der Farbe, mit elementaren Farbereignissen zu, bei denen er sich auch von den Gegenständen löste. Den Künstler interessierte nicht mehr so sehr das Gegenständliche an sich, sondern dessen Veränderung durch Luft, Licht und Farbe. Die visuelle Erscheinungsform der Landschaft wird auf einen momentanen optischen Bereich reduziert. Die Kühnheit seiner Bilder setzt uns immer wieder neu in Erstaunen.

Zum 250. Geburtstag des Künstlers hat der Fotografie- und Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch, Verfasser von Biografien über Michelangelo, Caravaggio und Caspar David Friedrich, eine Turner-Biografie vorgelegt, die wissenschaftliche Akribie mit leidenschaftlichem Engagement vereint. Er richtet Fragen an den Maler und dessen Werk, argumentiert und analysiert, stellt seine Auffassungen zur Diskussion. Der Leser wird auf eine Entdeckungsreise mitgenommen, taucht ein in Turners Lebens-, Gedanken- und Bilderwelt. Zeitlebens habe Turner – davon geht der Verfasser aus – die akkurate Wiedergabe existierender Landschaft und Architektur gepflegt, auch wenn er sich von allen topografischen Vorbildern befreite und dem Unbestimmten zu seinem Recht verhalf.

Bereits 1789 hatte sich Turner zum Kunststudium bei der Royal Academy beworben und hier im Alter von 15 Jahren sein erstes Aquarell ausgestellt. Mit 26 Jahren wurde er 1802 als Vollmitglied in die Royal Academy aufgenommen und dann bald auch zum Professor für Perspektive gewählt. Gerade die Aquarelltechnik sollte ihm entsprechen, denn sie führte zu Transparenz, zu Effekten in Licht und Farbe, die dann auch die Gestaltung seiner Gemälde beeinflussen sollten.

Um Details zu erzeugen, tupfte und wischte Turner die Farbe, während sie noch nass war, und kratzte in trockenen Oberflächen. Auf nassem Papier konnten die Farben ineinanderfließen, auf trockenem standen sie konturiert nebeneinander. Während an der Academy das Kopieren nach Kopien klassischer Bildwerke Priorität hatte und die Historienmalerei als höchste Disziplin galt, ging es Turner, so von Brauchitsch, in der Aquarellmalerei darum, nicht etwa aus zufälligen, „sinnlosen“ Flecken assoziativ Gegenständliches entstehen zu lassen, sondern gerade auf Gegenständliches zu verweisen, um zu zeigen, wie es oft genug an einen Zustand des Unkenntlichen grenzt. “Atmosphäre ist mein Stil“, sagt Turner, und gerade das Malen von Atmosphäre bewirkt, dass sich die Farbe frei im Bild entwickeln kann.

Die Aquarellskizzen, die Turner auf seinen extensiv betriebenen Reisen durch das Königreich wie auf dem europäischen Kontinent anfertigte – vieles hat er zu Fuß durchwandert –, dienten dem Maler lediglich als Erinnerungsstützen. Aus unterschiedlichen Perspektiven und bei differierenden Lichtverhältnissen hielt er seine Eindrücke in Skizzenbüchern fest. Mit seinen Aquarellen war er den Ölgemälden in Bezug auf die freie Farbgestaltung weit voraus. Das Malen von Atmosphäre bewirkt, dass die Farbe sich frei im Bild entwickeln kann. Turners Verzicht auf geschlossene Formen ist als Entscheidung zu einer offenen Bildform gewertet worden. Erst in seinem Spätwerk gelang es ihm, in Öl eine ebenbürtige Dynamik und Leichtigkeit zu entwickeln.

1805-07 entstand „Die Schlacht von Trafalgar“: Der Betrachter glaubt selbst an Bord des Flaggschiffs Victory anwesend und am verworrenen Geschehen um den Tod des Admirals Nelson unmittelbar beteiligt zu sein. 1824 sollte Turner dieses Motiv wieder aufgreifen. Hier wird nun vor einem dramatischen Sonnenuntergang dieses ehemalige Kriegsschiff auf der Themse von einem modernen Dampfschiff zum Abwracken geschleppt. Turner hat das Geschehen weniger Minuten zu einem einzigen Kulminationsmoment verdichtet. Die atmosphärische Wirkung des Gegenlichts, der Detailreichtum ist für Turner bezeichnend.

1819 reiste Turner erstmals nach Italien – es wurde für ihn zur Offenbarung. Schon am Rhein hatte er in Bildern das geleistet, was bereits Lord Byron in seiner Lyrik in Worte gefasst hatte: die Etablierung der Rhein-Romantik. Italien lieferte ihm nun das atmosphärische Traumbild einer südlichen Sehnsuchtslandschaft. Venedig sollte ihm die entscheidenden Impulse geben – für die Auflösung und Reduzierung der Formen in der „milchigen“ Süße der Lagunenstadt, im Dunst wie in gleißender Helligkeit. Schemen und Konturen tauchen nur noch flüchtig auf, Luft und Raum dominieren. Es ist die „Annäherung an das Nichts“, schreibt von Brauchitsch.

Doch von „abgeklärter Altersmilde“ kann dann bei Turner keineswegs die Rede sein; auch sein Spätwerk wird von Unruhe, Turbulenz und Desaster bestimmt. „Undeutlichkeit ist meine Stärke“, soll er einem unzufriedenen amerikanischen Sammler gesagt haben. Der Unmittelbarkeit der Wahrnehmung und Erfahrung gegenüber dem abstrakten Denken den Vorrang zu geben, so von Brauchitsch, war des Künstlers Devise, denn was nicht zuvor von den Sinnen erfasst worden sei, könne auch nicht durch den Verstand erfasst werden.

Turner ging aber dazu über, nicht mehr das Bewegte darzustellen, sondern das Bild selbst als bewegt erscheinen zu lassen. Das Gemälde „Schneesturm. Dampfschiff in der Hafenmündung gibt Signale“ (1842) besteht aus einem wirbelnden, rotierenden Gebilde aus Wasser, Wind, Rauch, Wolken und Schnee; selbst das Dampfschiff im Zentrum des Orkans wirkt schemenhaft.

Dagegen feiert das Gemälde „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“ (1844) – der Bildtitel ist als prozessuale Abfolge zu verstehen – das Zeitalter der neuen Mobilität und Geschwindigkeit. Ein heranbrausender Zug mit geradezu rotglühender Lokomotive durchquert bei höchst diffusem Wetter – Regen, Rauch und Nebel scheinen sich hier zu vermischen – die Maidenhead-Brücke. Turners Zeitgenossen haben eine solche Malweise einmal mehr mit Spott honoriert, nur ausgesprochene Kenner vermochten zu erkennen, dass er der Moderne den Weg bahnte.

Es dauerte eine Generation, bis Turner auch in Deutschland im Licht des Impressionismus wertgeschätzt werden konnte. Dem Versuch, ihn als „Entdecker der Abstraktion“ zu etablieren, erteilt von Brauchitsch eine Abfuhr; auf den ersten Blick berechtigter erscheint ihm Turners Inanspruchnahme als Proto-Impressionist. Aber gerade Turners Verabschiedung von der gegenständlichen Lesbarkeit hatte die damalige zeitgenössische Kritik an seinen Werken herausgefordert. Wenn Gegenstände nur noch als Farben und Linien wahrgenommen werden, wenn einzigartige evokative Gestaltungen und leuchtende Formen aufsteigen, geht es doch auch um die Anregung der Phantasie des Betrachters.

Wo der Impressionismus das klare Motiv in Farbakzente auflöste, die sich im Auge des Betrachters wieder zusammensetzen, verwischte Turner die Farben. Wo der Impressionismus zur Statik neigte, herrschte bei Turner Dynamik. Ja, Turners besonderes Interesse – so von Brauchitsch – galt realen Situationen, in denen sich die optische Wahrnehmung verunklarte. Diese „Verunklarung“ wiederum suchte er „naturalistisch“ darzustellen, präzise wiederzugeben, was er wahrnahm. Auf eine sorgsame Naturbeobachtung, aufbewahrt in seinem phänomenalen visuellen Gedächtnis, hat Turner nie verzichtet. Seine Vorliebe für Bewegung lässt ihn mit ebenso großer Berechtigung als Ahnen des Futurismus wie des Impressionismus erscheinen. Sein Werk weist weit in die Zukunft.

Von Brauchitsch endet seine so aufschlussreiche Biografie: Was war Turner? „Der eigenen Zeit ein Anlass für Hohn oder ein Ärgernis, der Nachwelt ein Leuchtfeuer in historischer Ferne.“

Boris von Brauchitsch: William Turner. Biografie. Insel Verlag Anton Kippenberg, Berlin 2024, mit 105 Illustrationen, 255 Seiten, 26,00 Euro.